Gesamtwertung8/10 |
Killzone 2 ist nicht die Sorte Spiel, von der man einfach niemals genug bekommen kann. Ganz im Gegenteil: Man steht im Laufe der knapp zehnstündigen Kampagne einige Situationen durch, die einem alles abverlangen, die einen richtig auslaugen und zermürben, bis man eine Pause machen muss. Erst wenn das Pad dann für ein paar Minuten in der Ecke liegt, merkt man, wie angespannt man zuvor beim Spielen um jede Ecke lugte, wie schwitzig die Finger doch eigentlich sind und wie tief man gerade drin war, in diesem virtuellen Science-Fiction-Krieg.
Dass das so ist, ist alles andere als Zufall: Guerrilla hat aus dem verseuchten Schrottplatz von Helghan ganz bewusst einen erbarmungslosen und geradlinigen Shooter zusammengeschweißt, der technisch und künstlerisch jeden Konkurrenten überragt. Die taktische Komponente, das intensive Mittendrin-Gefühl und der große Online-Modus dürften nicht nur den Hardcore-Gamern sehr gelegen kommen, sondern unterstreichen auch, dass das Team aus den Fehlern des ersten Teils gelernt hat – auch wenn die physikalisch so korrekt bröckelnden Fassaden Helghans mit zunehmender Spieldauer einige ärgerliche Macken entblößen.
Zwei Jahre nachdem Jan Templar und sein Trupp die Helghast im mehr als ordentlichen Killzone: Liberation ( eurogamer.de)nach Hause geschickt haben, geht die Interplanetarische Strategische Allianz (ISA) zum Gegenangriff über. Eine Invasion Helghans, mit dem Ziel, den Diktator Scolar Visari zu entmachten, soll den Frieden bringen. Wie man aber schon am Ende des brillianten Intros (siehe folgendes Video im nächsten Absatz) ahnt, verwandelt sich diese Flucht nach vorn für die ISA aber schon recht bald zum ganz persönlichen Vietnam.
Nicht nur sind die Überbleibsel der Helghast-Armee bedeutend stärker als erwartet, der Planet selbst stemmt sich mit all seiner pervertierten Naturgewalt gegen die Eindringlinge. Helghan ist ein giftiger Felsbrocken im All, die Planet gewordene Feindseligkeit. Und Guerrilla hat wirklich ganze Arbeit geleistet, damit dieser Eindruck den Spieler auch möglichst ungebremst trifft.
Der Schlüssel hierzu ist natürlich die vieldiskutierte Grafikengine von Killzone 2. Wo man in anderen Spielen über technische Einzelheiten ins Schwärmen gerät, wie zum Beispiel eine bestimmte, besonders plastische Textur oder einen täuschend echten Wassereffekt, ist es in Killzone 2 das Gesamtbild, das überzeugt und Guerrillas dritten Helghast-Konflikt ohne wenn und aber zum derzeit bestaussehendsten Spiel macht.
Es ist das Zusammenspiel verschiedener Shader, Effekte und Post-Processing-Vorgänge. Die Tiefen- und Bewegungsunschärfen, die man noch nie in dieser Qualität zu sehen bekommen hat, die volumetrischen Rauch- oder Staubwolken, die sich sogar dem Wind entsprechend bewegen. Oder einfach die blendende Qualität der Animationen. All das sorgt dafür, dass die Rückkehr zu fast jedem aktuellen Konkurrenten – plattformübergreifend – eine fast schon schmerzvolle ist. Es besteht kaum ein Zweifel: Hieran wird in Zukunft gemessen.
Im Kern ist Killzone 2 ein futuristischer Shooter, mit taktisch-realistischem Einschlag. Wer den Helghast aus der Hüfte feuernd den Circle-Strafe-Cha-Cha-Cha tanzen will, von dem ist selbst auf dem normalen Schwierigkeitsgrad schon nach wenigen Augenblicken nur noch ein dreiviertel Paar verkrusteter Armeestiefel übrig. Per gehaltener L2-Taste lehnt sich die virtuelle Körper-Leihgabe von Sergeant Tomas Sevchenko an jegliche Deckung an.
Das funktioniert, anders als in Rainbow Six: Vegas, ohne dass das Spiel auf eine Schulterperspektive umschalten würde. Dennoch bleibt das Geschehen übersichtlich genug, damit diese Art der Fortbewegung von Deckung zu Deckung schnell zu Eurem Standard-Vorgehen wird. Schon nach den ersten Schritten kommt man nicht umhin, die schwerfälligen Bewegungen seines maskulinen Mustersoldaten zu schätzen zu lernen. Alles was ‘Sev‘ tut, jeder Sprung, jeder Sprint und jede innige Wandumarmung, geben dem Spielgeschehen ein angemessenes Gefühl von Gewicht.
Motion-Sickness-Patienten sollten für hektische Sprints und Nachlade- oder Nahkampforgien zwar besser zumindest ein Glas Wasser bereitstellen, der Rest von uns fühlt sich auch nicht zuletzt dank des kompromisslos-brutalen Sounds mittendrin im Albtraum-gewordenen Invasionsversuch.
Genau wie die Partikeleffekt-gespickten Explosionen und die ohrenbetäubende Kriegskulisse trägt auch die KI einen guten Anteil dazu bei, dass der Einmarsch auf Helghan in Sachen Gefechtsdynamik hält, was er seit vier Jahren verspricht. Zwar sind nicht ganz so viele Gebäudeteile zerstörbar, wie ich mir gewünscht hätte – meist bröckeln nur Putz und Teile des Mauerwerks ab oder eine Wellblechverkleidung löst sich aus der Verankerung – aber immerhin setzen die Helghast ihre Umgebung geschickt ein. Sie nutzen die Deckung ebenso klug wie der Spieler, geben gegenseitig Sperrfeuer und flankieren je nach Schwierigkeitsgrad unterschiedlich aggressiv.
Ein bisschen mehr Abwechslung bei den Feinden hätte sicherlich nicht geschadet, da jedoch auch die Standard-Infanteristen genügend Tricks auf dem Kasten haben, ist das problemlos zu verschmerzen. Der vermutlich größte und gleichzeitig auch offensichtlichste Schwachpunkt liegt aber erneut in der Steuerung. Während die etwas rudimentäre Einbindung der Sixaxis-Bewegungssensoren zum Drehen von Ventilen, Anbringen von Sprengsätzen und beim Stillhalten des Scharfschützengewehrs niemanden wirklich stören dürfte und die allgemeine Fortbewegung sich wirklich gut anfühlt, reiht sich das Aiming, also das Zielen, von Killzone 2 bestenfalls im Mittelfeld der aktuellen Shooter ein.
Zunächst einmal ist augenscheinlich keinerlei Zielunterstützung vorhanden. Das allein wäre ja noch zu verschmerzen, wäre da nicht noch ein weitere Eigenheit. Der Bereich in der Mitte des rechten Analogsticks, in dem trotz Eurer Eingabe keine Bewegung der Sicht registriert wird, ist viel zu groß. Bei jeder Zielbewegung muss der Stick erst eine gewisse Neigung erreicht haben, bevor das Fadenkreuz überhaupt erst einmal langsam in Wallung kommt. Dadurch wird wiederum der Beschleunigungsbereich des Sticks etwas kleiner.
Insgesamt hat man daher bei Killzones Zielsystem immer den Eindruck, die Sicht würde leicht nachziehen. Das ist sehr schade, denn in den meisten anderen Shootern hat es sich ja nicht ohne Grund mittlerweile durchgesetzt, dass jede Bewegung des rechten Sticks auch in einer Bewegung des Fadenkreuzes und des Sichtfeldes des Spielers resultiert. Man stelle sich einen PC-Ego-Shooter vor, in dem man die Maus erst einen Millimeter bewegen muss, bevor die Sicht zu scrollen beginnt. Unvorstellbar? Stimmt.
Und doch führt Killzone 2 diese „die tote Zone“ für die Konsolenshooter wieder ein. Das Resultat: Ihr steuert zwar schon, aber Sicht und Fadenkreuz folgen erst den Bruchteil einer Sekunde später. Bei schnelleren Zielkorrekturen über- oder untersteuert man und trifft dadurch erst links, dann rechts vom Gegner, bevor er von den Kugeln, die man dazwischen fliegen lasst, niedergefächert wird.
Wie paradox diese Art des Zielens doch ist, wird alleine dadurch deutlich, dass die unnachgiebig vorrückenden Helghast immer schwieriger zu treffen sind, je mehr sie sich dem Spieler nähern. Ist es in der Realität nicht anders herum? Spätestens hier, im Nahbereich, sorgt in den meisten Ego-Shootern eine Zielhilfe dafür, dass der Spieler nicht zum „virtuellen Idioten“ verkommt und unterstützt seinen Waffenarm bei der Suche nach seinem Angreifer, der zum Beispiel gerade rechts aus seinem Sichtfeld zu verschwinden droht.
Guerrilla hat sich bewusst dagegen entschieden. Das muss man respektieren. Wirklich gut finden muss man es aber nicht. Vor allem, weil die Kombination aus „schwammigem Zielen“ und „intelligenten, aggressiven Helghast“ nicht erst auf dem Schwierigkeitsgrad „Veteran“ für einige wirklich frustige Stellen sorgt. Einem so umwerfend aussehenden und klingenden Spiel wie Killzone 2 verzeiht man natürlich einiges und nach einer Weile gewöhnt man sich auch daran – aber wenn man will, gewöhnt man sich auch an Pommes mit Senf.
Trotz der eingebauten Ungenauigkeit unseres Super-Soldaten schlägt man sich anfangs mit weit aufgerissenen Augen und zusammengebissenen Zähnen an der Seite ungezählter NPCs, von denen einer immer als Euer direkter „Partner“ abgestellt wird, durch die ansonsten blendende Simulation der bitterbösen Science-Fiction-Gefechte. Die Helghast haben den Namen „Gegner“ noch verdient und setzen der ISA im Laufe der zehn Missionen eine mindestens ebenbürtige Streitmacht entgegen.
Die Beschränkung auf nur eine „Hauptwaffe“ plus eine relativ nutzlose Pistole, könnte einigen auf den ersten Blick sauer aufstoßen. Schließlich kann man seine Lieblingskanone nicht durchs ganze Spiel spazierentragen. In der Killzone 2-Gefechtspraxis erweist sich das aber durchaus als spannender Twist: Der Spieler muss sich entscheiden, ob er die Sicherheit seines Sturmgewehrs gegen ein Spezialisten-Werkzeug wie eine Sniper-Rifle oder eine Bazooka eintauscht, woraus einige interessante Situationen entstehen.
Leider versandet die Story nach der wunderbaren Exposition zunehmend, bis man sich nur noch wie ein kleines Rad in der gigantischen Kriegsmaschinerie vorkommt. Missionsdetails werden fahrlässiger Weise ins tiefste Gefecht hineingefunkt, bis man gar nicht mehr so genau weiß, wo man gerade ist und warum es so wichtig ist, die nächste Stellung einzunehmen.
Dem tollen Gefechtsfeeling schadet das natürlich kaum. Da stört es auch nicht allzu sehr, dass die erste Hälfte der Kampagne einem etwas zu selbstzufrieden den Stahlbeton-Blues spielt und von Euch sehr gleichförmige, „gelange von A nach B, sprenge C und öffne anschließend Tor D“-Aufträge aufhalst, wie man sie in jedem anderen Shooter der letzten Jahre schon zuhauf absolviert hat. Erst in der zweiten Hälfte beginnt Killzone 2, das Tempo etwas zu variieren und bietet Euch nach und nach etwas interessantere Schauplätze. Auch die bewegen sich, abgesehen von der tollen Gestaltung, zwar stets im Rahmen Genre-üblicher Standards, sind aber immerhin wirklich gut gemacht.
Alles in allem nimmt man Killzone 2 eher als eine Aneinanderreihung knallharter Shootouts wahr, als eine Serie aufregender und abwechslungsreicher Missionen. Und während das Action-Puristen durchaus gefallen wird, dürften abenteuerlustigere Naturen einen gewissen Überraschungsfaktor und spannungserzeugende Stimmungswechsel vermissen.
Der eine oder andere Bosskampf, zwei Fahrzeug- und mehrere Geschützturmsequenzen (von der eine bestimmte wirklich toll gelungen ist) unterbrechen gelegentlich das zähe Ringen um jeden Meter Schlachtfeld auf durchaus willkommene Weise, ohne aber die wirklich neue Impulse zu setzen. Der letzte Level ist darüberhinaus alles andere als gut ausbalanciert. Ein nicht enden wollender Sturmlauf gipfelt in einer ausgedehnten unfairen Bossbegegnung und nahm auf dem normalen Schwierigkeitsgrad sage und schreibe 57 meiner Versuche in Anspruch.
In Sachen Multiplayer gibt es eigentlich nur Gutes zu berichten, wenn man mal von der schmerzhaften Tatsache absieht, dass ein Coop-Modus für die Story-Kampagne auch weiterhin nicht in Sicht ist. Man muss sich schon fragen, warum es so schwer ist, einen der jederzeit anwesenden KI-Kameraden durch einen menschlichen Mitspieler zu ersetzen. Speziell ein Spiel, dessen Gegner so gut auf Deckung, Sperrfeuer und Spielerbewegungen reagieren, schreit doch geradezu danach, mindestens im Duett angegangen zu werden. Hier liegt Potential brach, das Guerrilla hoffentlich doch noch nachträglich zu nutzen gedenkt.
Ansonsten wird bis zu 32 Spielern fast alles geboten, was man sich nur wünschen kann. Sieben Klassen, die über ein ausgefuchstes Orden- und Rängesystem erst freigeschaltet und untereinander kombiniert werden können, sowie voller Clan- und Turniersupport versprechen eine ausgesprochen lange Lebensdauer der Online-Komponente von Killzone 2.
Nahezu jeder Aspekt lässt sich konfgurieren, einzelne Vierertrupps lassen sich „on the fly“ für Spezialeinsätze formen, bestimmte Waffengattungen ausschließen und die Grafik ist sogar genauso gut wie in der Einzelspieler-Kampagne. Warten wir ab, wie gut die Community den komplexen Modus mit den zyklisch wechselnden Missionszielen – von Deathmatch bis Bombenlegen und Eskorte/ Attentat wird jeder Standard geboten – annimmt.
Letzten Endes wird Killzone 2 wohl Niemandes Vorstellungen von einem guten Ego-Shooter verändern. Wohl aber die Erwartungen an Look und Feel eines Spieles. Wer wissen will, woran die in Zukunft gemessen werden, ist es sich schuldig, Killzone 2 zumindest einmal anzuschauen.
Hier und heute schrammt das niederländische Prestigeobjekt trotz aller Intensität und brillanter Technik aber an einer 9 vorbei. Eine Steuerung, die hinter Teilen der Konkurrenz deutlich zurücksteht, der fehlende Coop-Modus und die insgesamt doch recht austauschbare Kampagne samt dünnem Geschichtchen sorgen dafür, dass man die meiste Zeit über zwar beeindruckt, selten aber wirklich begeistert bei der Sache ist. Für PS3-only-Besitzer und Mehrspieler-Fans ist Killzone 2 aber trotzdem eine durchweg lohnende Investition. Während Xboxler auf vergleichbar hochwertigen Exclusive-Nachschub wohl noch lange warten müssen, hat das Spielejahr der PS3 schon jetzt mit einem ohrenbetäubenden Knall begonnen. So kann es weitergehen.
Mach Dir einen Namen im Dark Orbit. Allein oder mit Verbündeten wagst Du Dich in weit entfernte Sternen- systeme vor und kämpfst um 10.000 € zum Spiel...
Killzone 2 im Test.
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