PS3: Haze
Kennt Ihr das, wenn Ihr Euch einer Sache praktisch absolut sicher seid? Irgendwann kommen Euch dann aber doch Zweifel. Ernsthafte Zweifel. Man stellt seine eigenen Entscheidungen in Frage. Die der Kollegen. Von Freunden. Oder gar von Vorgesetzten.
Genau das erlebt Shane Carpenter in Free Radicals Shooter Haze. Shane ist eigentlich nur ein ganz gewöhnlicher junger Mann, der nach dem College von der Firma Mantel rekrutiert wurde, um gegen das Böse auf der Welt zu kämpfen. Was er jedoch erstmal nicht bemerkt: Der Schein trügt.
Nach und nach stellt Shane die Motive des Unternehmens in Frage. Zuvor gilt es jedoch, ein paar Rebellen aus dem Weg zu räumen. Die scheinbar fiesen Jungs haben wertvollen Nectar gestohlen. Das ist kein Honig, sondern eine Droge, mit der Mantel seine Soldaten gefügig macht. Durch eine Dosis Nectar sieht man beispielsweise feindliche Soldaten leichter, denn sie werden glühend hervorgehoben. Außerdem verbessern sich Schussgenauigkeit und Stärke des Konsumenten.
Aber Vorsicht vor einer Überdosis. Diese kann ordentlich Schaden anrichten. Sowohl bei Euch als auch bei Euren Kollegen. Das Sichtfeld verschwimmt. Man bekommt Krämpfe. Es schmerzt. Mitunter ballert man sogar munter um sich, ohne dabei Rücksicht auf Freund oder Feind zu nehmen.
Generell sieht man als Mantel-Soldat die Welt ein wenig harmloser. Alles wirkt steril und bunt. Leichen getöteter Gegner verschwinden nach wenigen Sekunden. Es fließt kein Blut. Hier merkt man förmlich, dass die Soldaten keine Ahnung von dem haben, was sie da wirklich tun und völlig von ihrer Handlungsweise überzeugt sind. Hurra-Patriotismus vom Feinsten.
Das hat jedoch schnell ein Ende; sobald Shane die Seiten wechselt. Immer öfter gibt es kurze Aussetzer bei der Nectarzufuhr, wodurch Ihr die mitnichten heile Wirklichkeit seht. Das gipfelt kurze Zeit später in einem totalen Nectarentzug. Mantel ist damit jedoch alles andere als glücklich und macht Jagd auf Shane, der wiederum bei einigen Rebellen Unterschlupf findet und von ihnen wieder aufgepeppelt wird.
Dadurch vollführt Haze eine volle Gradwanderung. Schluss mit dem scheinbar ehrenwerten Kampf für die gute Seite. Shane sieht, wie das Leben vor Ort wirklich ist. Schmutzig. Heruntergekommen. Brutal. Rau. Das äußert sich natürlich auch in den Kämpfen selbst. Getötete Feinde verschwinden nicht mehr einfach so von der Bildfläche, sondern bleiben in der Landschaft liegen. Zudem spritzt bei Treffern ein wenig Blut, während manch getroffener Gegner sich noch einige Sekunden lang am Boden windet, bevor er seinen letzten Atemzug aushaucht oder man ihm einen Gnadenschuss verpasst.
Das Leben als Rebell hat wiederum seine eigenen Vorteile. In kritischen Momenten stellt man sich einfach tot und bleibt ein paar Momente lang auf dem Boden liegen, während sich die Lebenspunkte regenerieren. Schon steht Ihr wieder auf den Beinen und gebt Mantels Truppen Saures.
Darüber hinaus haut Ihr den Kontrahenten eins auf die Rübe und klaut ihre Waffen oder baut Nectargranaten, die bei den unter Drogen stehenden Soldaten eine Überdosis auslösen. Schlecht für sie, denn sie drehen durch und machen sich mitunter gegenseitig kalt.
Die Story ist jedenfalls einer der größten Pluspunkte an Haze, obwohl sie zu Anfang etwas schwer in Fahrt kommt. Was das Gameplay angeht, wagt Entwickler Free Radical keine größeren Experimente. Insofern spielt sich Haze wie ein ganz gewöhnlicher Shooter mit ein paar zusätzlichen Fähigkeiten. In vielen Fällen kann man sich sogar einfach so durchballern, ohne spezielle Taktiken wie Nectargranaten oder das Nectar an sich anwenden zu müssen.
Das Spiel stellt Euch zwar so gut wie immer mindestens einen Teamkameraden zur Seite, jedoch sind die keine große Hilfe. Manchmal benötigen die KI-Kollegen fast schon eine Ewigkeit, um zu Eurer Position aufzuschließen. Und wenn sie dann endlich angekommen sind, laufen sie gerne mal in Eure Schussbahn. Das kann durchaus tödlich enden, wenn man sie versehentlich selbst über den Haufen ballert.
Eure Feinde haben derweil ein Standardrepertoire an Aktionen auf Lager. Sie gehen in Deckung, stürmen nach vorne oder ziehen sich ein wenig zurück. Mit wirklich geplanten Manövern wie zum Beispiel Flankenangriffen konfrontiert Euch keiner der Gegner, da der Platz dafür meistens sowieso kaum ausreichend wäre.
Womit wir dann beim nächsten Punkt wären. Die einzelnen Levels sind an sich jeweils sehr groß und geräumig ausgefallen, wie man es etwa aus Halo 3 kennt. Genauer ausgedrückt: Mal treibt Ihr Euch in einigen offeneren Gebieten herum, dann wieder in etwas engeren Passagen. Der Weg ist dabei stets vorgegeben, alternative Routen gibt es – wenn überhaupt – sehr selten.
Gelegentlich sitzt Ihr in Haze am Steuer einiger Fahrzeuge, die von den gewaltigen Levels profitieren und Euch daher eine Weile fröhlich durch die Landschaft brausen lassen. Zumindest mehr oder weniger, denn ihre Steuerung ist kein Vergleich zur einfachen Halo 3-Kontrolle. In Haze lenken sich die Vehikel viel zu direkt und sind somit recht schwer präzise zu lenken. Das artet in bestimmten Situationen fast schon zu einem Krampf aus. Im Gegensatz zu Bungies Shooter manövriert man die Wagen unabhängig von der Blickrichtung, was hin und wieder allerdings zu etwas ungünstigen Fahrmanövern führt, da Ihr die Kameraperspektive somit stets selbst justiert.
Überhaupt ist Haze nicht der optische Oberhammer, wie man es von einem angeblich PS3-exklusiven Spiel (Vergleiche: Uncharted oder Heavenly Sword) erwarten könnte. Im Prinzip lässt es sich am besten mit einer Achterbahnfahrt vergleichen. An manchen Stellen denkt man sich „Das sieht cool aus“, während andere Locations einem im Gegenzug ein eher „Oh mein Gott“ entlocken. Und das keineswegs, weil die Überwältigung aus einem spricht.
Ähnlich starke Schwankungen machen sich bei den Effekten bemerkbar, speziell was Feuer und Wasser betrifft. Am Strand der Küste oder in Sumpfregionen seht Ihr beispielsweise klare Spiegelungen oder die glänzende Sonne im kühlen Nass, während es im Landesinneren schlicht und ergreifend wie eine durchsichtige Suppe aussieht, wie man sie aus mehreren Jahre alten Spielen kennt. Mit der Optik würde Haze jedenfalls auch einwandfrei auf PC und Xbox 360 laufen.
Größtenteils gelungen sind indes die detaillierten Charaktere und ihre flüssigen Animationen. Generell hat man bei viele Figuren und Objekten den Eindruck, als wären sie mit einem leichten Plastik-Look gestaltet worden. Das sieht keineswegs schlecht aus, wirkt aber manchmal schon ein wenig deplatziert in der ansonsten stimmig anmutenden Welt. Ein großes Lob haben sich die Entwickler aber noch verdient: Haze läuft in der uns vorliegenden Version absolut ruckelfrei und frei von nervigen Slowdowns.
Die Geschichte von Haze ist eine Geschichte voller Missverständnisse: Exklusiv. Multi. Exklusiv. Multi. Exklusiv. Multi. Exklusiv. Erstmal kommen jedenfalls nur Besitzer einer PlayStation 3 in den Genuss von Free Radicals neuem Shooter.
Der macht es einem zu Beginn jedoch schwierig, denn der Einstieg ist doch ziemlich generisch und unspektakulär ausgefallen. Je mehr sich die Story aber im Anschluss daran entwickelt, desto interessanter wird sie. Was macht Mantel wirklich? Welchen Einfluss hat der Nectar auf die Soldaten? Das sind alles offene Fragen, die Euch recht schnell beantwortet werden. An hohem Tempo mangelt es Haze also nicht.
Trotzdem fühlt sich Haze zumindest technisch alles andere als perfekt an. Schwankende Grafikqualität, vermurkste Fahrzeugsteuerung und öfter mal dämlich agierende KI-Kollegen stören das Gesamtbild merklich. Ob Free Radical in diesen Punkten bis zum Release noch ausbesseren kann, wird sich im Mai zeigen.
Vor dem Start von Haze werden wieder einige Daten auf Eurer Festplatte installiert.
VIDEO



