S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky

Review
Plattform
PC
Vertrieb
KOCH Media
Entwickler
GSC Game World
Genre
Abenteuer
PC: S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky

PC: S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky

S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky macht mich wütend. Nach der gelungenen Vorschau (eurogamer.de)-Version habe ich tatsächlich gehofft, dass es diesmal anders läuft als beim fehlergeplagten Vorgänger. Gerade angesichts der Zeit bis zur Veröffentlichung schien ein sauberer Start des Shadow of Tschernobyl-Prologs in greifbarer Nähe zu liegen. Doch GSC Games World hat die Kurve nicht gekriegt.

Die ungepatchte Verkaufsversion von Clear Sky ist zum Teil ein Flickenteppich. Da mögen das zugrunde liegende Gameplay, die Grafik und Atmosphäre noch so unvergleichlich sein, zum Release war das Spiel mehr Arbeit als Vergnügen. Immer wieder stolpert man über unlösbare Quests, unnötige Abstürze und ein schwaches Balancing. Ständig hat man zu wenig Geld, kann sich kaum neue Ausrüstung leisten und muss Aufgaben umgehen, um das Spiel nicht unrettbar ins Daten-Nirvana zu befördern.

Doch es gibt Hoffnung: Nach einem ersten Patch wurde am Wochenende ein weiterer angekündigt, der sich um eine Menge Probleme kümmert und das Spiel auf Version 1.504 befördert. Wir haben ihn vorab erhalten und konnten uns selbst ein Bild von den Verbesserungen machen. Eines steht fest: Das Spiel wird dadurch deutlich stabiler. Er verpasst dem HUD eine Stamina-Anzeige, erleichtert die Bedienung und schafft jede Menge Fehler aus dem Weg. Da der Patch außerdem erst wenige Tage nach dem Release erscheinen wird, haben wir ihn mit in das Ergebnis einfließen lassen. Doch Vorsicht: Wie auch beim ersten Patch sind hinterher Eure Spielstände unbrauchbar. Überlegt Euch also gut, ob Ihr das Spiel in den nächsten Tagen aktualisiert.

Schon in der Version 1.503 war Clear Sky komplett durchspielbar, stürzte bis zum Ende aber ca. zehn Mal ab. Doch während die Crashs nur nerven und ein wenig Zeit kosten, schmerzten noch die vielen kleinen Quest-Bugs, die immer wieder die Neben-Aufträge torpedierten. Mal konnte man ein Health-Pack nicht abgeben, dann wieder kamen bei einer Kampfmission kein Gegner und als krönender Abschluss erschienen auf einer Karte so lange Monster, bis selbst der bestausgerüstete Stalker ins Gras beißt.

Viele dieser Probleme wurden nun aus der Welt geschafft, nur der harte Schwierigkeitsgrad blieb unangetastet, der ein ständiges Speichern zur Pflicht macht. Klingt fast wie der Vorgänger, doch ist Clear Sky nun besser oder schlechter als Shadow of Chernobyl? Begleitet uns auf eine Reise zwischen Lust und Frust, ein Abenteuer voller wundervoller Überraschungen und nerviger Fehler. Auf deutsch: Willkommen zurück im S.T.A.L.K.E.R.-Universum.

Zu Beginn ist die Welt auf jeden Fall noch in Ordnung: Unsere Hauptfigur, der Söldner „Narbe“, wacht nach einem Ausflug in die Zone bei der Organisation Clear Sky auf. Das verstrahlte Gebiet um den Tschernobyl-Reaktor hat scheinbar mehr zu bieten, als ein paar mutierte Hunde und Menschen. Eine so genannte Emission hat das gesamte Expeditions-Team getötet und nur unser Söldner hat den Ausbruch überlebt. Scheinbar kann ihm die seltsame Strahlung aus dem Epizentrum nicht so viel anhaben, wie dem Rest der Menschheit. Er stirbt nicht sofort, doch jeder Ausbruch zersetzt langsam aber sich sein Nervensystem. Die einzige Lösung: Die Ausbrüche stoppen. Und das geht nur über die Leiche des Stalker Strelok, der mit seinen Expeditionen zum Hirnschmelzer die Zone in Wallung gebracht hat.

Ihr müsst den Bösewicht also auf jeden Fall zur Strecke bringen und Euch deshalb auf den beschwerlichen Weg zum Reaktor machen. Wie im Vorgänger streift Ihr bei dieser Egoshooter-Rollenspiel-Mischung durch gigantische Karten, bestaunt grafische Wunder, liefert Euch harte Gefechte und übernehmt kleine Aufträge, um an Geld und Ausrüstung zu gelangen.

Deren Gestaltung fällt dank der umfangreichen Fraktionskämpfe diesmal etwas anders aus. Auf jeder Karte kämpfen zumindest zwei Parteien um die Vorherrschaft. Mit Euren Aufträgen verschiebt Ihr dabei das Kräfteverhältnis und bringt so Eure Favoriten nach vorne. Im späteren Verlauf greifen die Gefechte dann auch auf andere Karten über und es kommt zu einem ausgewachsenen Krieg.

Leider fallen die meisten Nebenaufgaben recht eintönig aus. Oft müsst Ihr nur eine bestimmte Region verteidigen oder sie dem Gegner abluchsen. Wirklich Abwechslung gibt es nur bei der Hauptkampagne, die aber durch das bekannte Szenario vorhersehbarer als beim Vorgänger daherkommt. Neben den sechs bekannten Abschnitten, die stark überarbeitet wurden, hat GSC Game World fünf neue integriert, die sich perfekt in das schaurige Szenario einfügen, aber wenig Überraschungen parat halten.

So wirkt die Zone nach anfänglicher Begeisterung etwas entmystifiziert. Das große Geheimnis hinter den Anomalien, Mutationen und Emissionen wurde schon im Vorgänger enthüllt. Clear Sky teilt das Leid aller Vorgeschichten: Sie können nur selten mit der Spannung ihrer Vorgänger mithalten.

Auch spielerisch kann Clear Sky nicht ganz die Erwartungen erfüllen. Stets überkommt einen das Gefühl, dass GSC Game World für jede neue Idee eine alte zu Grabe getragen hat. Da wäre zum Beispiel das diesmal vernünftig umgesetzte A-Life-System, dass das Verhalten der Mutanten in der Zone simuliert und so eine sich ständig ändernde Gegnerschar ermöglicht. Zum einen bringt dieses Feature Abwechslung, lockert die Quest-Tretmühle auf und präsentiert sich als glaubhafte Simulation. Zum anderen schwankt dadurch aber der Schwierigkeitsgrad enorm und Ihr müsst an manchen Stellen hart kämpfen, um die Gegner-Horde zu überstehen.

Auch die Fraktionskriege entpuppen sich als zweischneidiges Schwert. Das Geschehen wird zu nüchtern präsentiert. Immerhin sorgt auch hier die dynamische Missionsgenerierung für Abwechslung bei den Aufträgen, die mit dem neuesten Patch sogar einigermaßen funktioniert. Schade, dass der Sieg nur sehr geringe Auswirkungen auf den späteren Spielverlauf hat. Ihr erhaltet nur etwas mehr Munition und günstigere Einkaufspreise, nur selten etwas Besonderes, das die Arbeit rechtfertigen würde.

Das gleiche Bild bei der Artefakten: Wurden Euch die seltenen Schmuckstücke, die Eure Attribute verändern, im ersten Teil nur so um die Ohren geworfen, machen sie sich in Clear Sky rar. Ihr müsst sie erst einmal mühsam mit einem Detektor aufspüren und die passende Anomalie überleben. Haltet Ihr dann einen der Kristalle in Euren Händen, seid Ihr oft von seinen Fähigkeiten enttäuscht. Die meisten sind zu radioaktiv, um sie überhaupt einzusetzen. Das einzige sinnvolle Schmuckstück in 15 Stunden Spielzeit war Teil einer Haupt-Quest und nach 20 Minuten wieder verschwunden. So verkauft Ihr Eure Fundstücke im Zweifelsfall also doch wieder, um mit einer besseren Rüstung herumzulaufen.

Immerhin funktioniert das neue Upgrade-System mit dem aktuellen Patch deutlich unproblematischer. Erstmals könnt Ihr nämlich Euer sauer verdientes Geld für mehr Genauigkeit, stärkere Panzerung oder ein dickeres Magazin ausgeben. Der Rollenspiel-Aspekt wird dadurch stark erhöht und Ihr müsst nie Angst haben, wie beim Vorgänger auf zu viel Kohle sitzen zu bleiben. Mit dem neuen Patch werden Verbesserungen und Waffen erschwinglicher, so dass Ihr nicht mehr ganz so viel Geld für Reparatur und Aufrüstung ausgebt. Dieser Schritt war dringend notwendig, weil Ihr für verkaufte Ausrüstung nur ein Bruchteil ihres tatsächlichen Wertes erhaltet.

Die Schießprügel bekommt Ihr am Einfachsten von den Gegnern. Recht schnell erobert Ihr vom Militär Sturmgewehre, die sich mit Updates eine ganze Weile nutzen lassen. Eine der besten, neuen Waffen bekommt man sogar durch eine Quest: Im roten Wald sollt Ihr ein dickes Maschinengewehr besorgen und einem Stalker-Kollegen übergeben. Mein Tipp: Lasst es. Der Schießprügel ist gerade im Nahkampf so durchschlagkräftig, dass Ihr ihn bis zum Ende behalten solltet.

Besonders hart fallen die letzten Abschnitte aus – Vorsicht ab Limansk gibt es kein Zurück! Das Spiel überschüttet Euch auf dem Weg zum Reaktor schon auf dem leichtesten Schwierigkeitsgrad mit Gegnern, die auch zum Teil unsauber in das Spielgebiet teleportiert werden. Zum Glück werden mit dem neusten Patch einige unschöne Gameplay-Kniffe entfernt, die so gar nicht zum Open-World-Charakter passen wollten. Ganz wie bei Call of Duty und Co. konntet Ihr mit der Version 1.503 einige Maschinengewehrnester nicht durch das Erledigen des Schützen ausschalten. Nur ein Teammitglied samt Raketenwerfer konnte diese Aufgabe übernehmen. Dank des Beta-Patches genügt nun ein Treffer mit dem Scharfschützengewehr und Ihr habt zumindest für eine kurze Zeit Ruhe.

Erwähnenswert außerdem: Die NPC-Begleiter lassen sich endlich rudimentär steuern. Doch während Euch die Gegner über weite Strecken spannende Gefechte liefern und eine erschreckende Wurf-Genauigkeit mit Granaten besitzen, wirkt Eure eigene Mannschaft oft zu träge. Nur selten gehen sie aggressiv vor oder leisten einen wichtigen Beitrag zum Ausgang des Gefechts. Mit Version 1.503 verharkten sich die eigenen Superkämpfer derart ineinander, dass das passende Skript nicht ausgelöst wurde. Endergebnis: Neustart beim letzten Spielstand. Ein Vorgang, der bei Clear Sky nach einer Weile aber zur Routine wird. Insgesamt habe ich in 15 Stunden ca. 50 Spielstände generiert. Ein neuer Rekord, der selbst den Vorgänger auf die Plätze verweist.

Doch genug gemeckert. Viele der genannten Probleme verblassen angesichts der gelungenen Features, die S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky wie schon seinen Vorgänger zu einem einmaligen Titel machen. Da wäre zum einen die Grafik, die mit ihren modernen Effekten und hochaufgelösten Texturen für Begeisterung sorgt.

Das Design einiger Spielfiguren mag zwar nicht zur Genrespitze zu gehören, dafür ist die Landschaft so hervorragend gelungen, dass man immer wieder mit offenem Mund vor dem Bildschirm setzt. Auch der Hardware-Hunger ist angesichts der Grafikpracht erträglich. Wie schon in der Vorschau erwähnt, genügt ein einigermaßen aktueller PC, um die dicht bewachsenen Steppen und Hügel in voller Grafikqualität zu genießen. Nur das neue Beleuchtungsmodell verlangt nach einer modernen Grafikkarte.

Einige Features wie volumetrischer Rauch lassen sich nur unter Windows Vista aktivieren. Der Titel sieht aber so oder so fantastisch aus und muss sich nur in puncto Physik vor Blockbustern wie Crysis geschlagen geben. Vor allem in den heruntergekommenen Innenräumen glänzt Clear Sky mit herrlich detaillierten Abschnitten, die mit Dreck und Rost fast Ekel hervorrufen. Schade, dass es diesmal so wenig Untergrundabschnitte gibt.

Doch viel wichtiger als das ganze Optik-Bling-Bling ist das hervorragende Gunplay und die solide Grundstruktur. Wie schon bei anderen Sandbox-Games wie Grand Theft Auto ist die Spielwelt der eigentliche Star von S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky. Es ist ihr Detailreichtum und ihre Glaubwürdigkeit, die den Titel trotz aller Fehler über das Mittelmaß erhebt. Dabei ist es ein Wunder, dass trotz des Open-World-Charakters jedes Gefecht eine dichte Kampf-Atmosphäre liefert und das Adrenalin auf Rekord-Niveau befördert. Die Waffen haben genau die richtige Kraft, die Upgrades sind jederzeit spürbar und jeder Gegner geht mit einer anderen Taktik vor. So fungiert das Gunplay als die richtige Vorband, um das Publikum auf das fehlerhafte, aber charakterstarke Gesamterlebnis einzuschwören.

Es ist mir unerklärlich, wie die Ukrainer auf die Idee kommen, ihren Fans einen weiteren Holperstart zuzumuten. Schon beim Vorgänger konnte erst ein Fan-Patch (Oblivion Lost) das ganze Potential des Titel wachrufen und nun etwa das gleiche Spiel?

GSC Game World muss sich auf jeden Fall am Riemen reißen und weiter an Clear Sky arbeiten. Mit etwas Mühe und weiteren Patches könnte der Titel am Ende vielleicht seinen Erwartungen gerecht werden. Da wir aber keine Note für die besten Aussichten vergeben, ist Clear Sky im aktuellen Zustand leider keine 8.

Trotz seiner Fehler ist es aber auch noch lange keine Katastrophe. Die Substanz des Vorgängers bleibt bestehen und dank einiger geschickter Verbesserungen, spielt sich der Titel über weite Strecken fantastisch. Immer wieder bestaunt man atemberaubende Panoramen, kann sich an der gelungenen Grafik kaum satt sehen und ist ob der dichten Atmosphäre stundenlang gefesselt. Schade, dass GSC nicht mit der gleichen Hingabe an das Bugfixing gegangen ist. Hoffen wir, dass sie nun die Fehler nachträglich ausbessern, dann klappt es ja am Ende vielleicht sogar mit einer Aufwertung.

S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky ist am 5. September erschienen. Der zweite Patch wird in den nächsten Tagen erscheinen.

 

 

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