Brothers In Arms: Hell's Highway

Review
Plattform
PS3
Vertrieb
Ubisoft
Entwickler
Gearbox Software
Genre
Shooter
PS3: Brothers in Arms: Hell's Highway

Gesamtwertung

8/10

PS3: Brothers in Arms: Hell's Highway

In diesem Winter treten zwei Weltkriegs-Spiele gegeneinander an, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite Brothers in Arms: Hell's Highway von Gearbox Software, das ganz bewusst einen sehr realistischen, taktischen Ansatz wählt. Und auf der anderen Seite Call of Duty: World at War, das die geschichtlichen Details der aufwändigen Präsentation und der schnellen Action unterordnet. Mal ganz abgesehen von der moralischen Komponente, schließlich geht es hier um einen brutalen Weltkrieg, der Millionen Opfer gefordert hat, treffen damit zwei Gameplay-Philosophien aufeinander, die seit vielen Jahren um die Vorherrschaft kämpfen.

Während es bei Taktik-Shootern a la Brothers in Arms auf Teamarbeit, durchdachte Angriffszüge und eine hohe Zielgenauigkeit ankommt, steht bei Action-Shootern a la Call of Duty die enorme Geschwindigkeit, die einfache Handhabung und die bombastische Inszenierung im Vordergrund. Dabei hat Gearbox' neuestes Werk bei seinem Schritt in die nächste Generation viel von der Konkurrenz gelernt. Vor allem die Geschichte wird deutlich aufwändiger präsentiert und auch das taktisch durchdachte Baller-Schach wurde mit einigen modernen Spiel-Mechaniken aufgefrischt.

Ob neue Grafik-Engine, abwechslungsreichere Level, Cover-System, Zeitlupen-Kills – die in der deutschen Version rausgeschnitten wurden – oder Ingame-Zwischensequenzen, Gearbox hat sich einiges vorgenommen, um die Schlacht um den Weihnachtsbaum für sich zu entscheiden.

Das Ziel war die perfekte Symbiose aus prächtigem Kriegsepos und intelligentem Gameplay. Eine nahezu monumentale Aufgabe, die nach der überzeugenden Vorabversion in greifbarer Nähe lag. Doch ist es Gearbox gelungen, die Spannung der ersten vier Level zu halten und die letzten Probleme aus dem Weg zu räumen?

Zumindest erzählerisch ist Gearbox mit dem dritten Teil auf jeden Fall ein echtes Meisterwerk gelungen. Die Geschichte der 101st Luftlandeeinheit der Amerikaner ist zwar - genauso wie das Ende der diesmal abgehandelten Operation Market Garden - bekannt, doch was die Entwickler an persönlichem Drama in die Historie eingearbeitet haben, ist Weltklasse.

Gerade wenn es um das Zusammenspiel der Gruppe geht und ihre Sorgen für die Zivilbevölkerung, zeigt Hell's Highway wie viel mit einem Videospiel möglich ist. Bis auf die sehr eindimensionale Darstellung der Deutschen, kann der Titel locker mit einem anspruchsvollen (Anti-)Kriegsfilm mithalten und befördert damit das Genre auf ein neues Level. Wie schon bei den Vorgängern steht Sergeant Matt Baker im Mittelpunkt der Geschichte. Gemeinsam mit seinen Kameraden vom 101st hat er den Wahnsinn des D-Day überlebt und sich bis nach Holland vorgekämpft. Die harten Auseinandersetzungen haben der eingeschworenen Truppe alles abverlangt, Geist, Körper und Seele in den blutigen Schlachten Schaden genommen. Vor allem der Hauptdarsteller hat mit seinen Traumatas zu kämpfen.

Seine eigenen Fehler und die seiner Untergebenen verfolgen ihn auf Schritt und Tritt. Immer wieder zweifelt er an seinem eigenen Gesundheitszustand. Halluzinationen und Visionen machen ihn auch für die Gruppe zu einem Problem. Gejagt von den Schatten der jüngsten Vergangenheit, drohen ihn diese immer wieder einzuholen. Er trifft falsche Entscheidungen und riskiert das Leben seiner Männer, um seinen Frieden zu finden.

Erzählt in dramatischen Zwischensequenzen bekommt Ihr zum ersten Mal den Eindruck, Eure Kameraden kennen und lieben zu lernen. Schade, dass diese Inszenierung in den eigentlichen Missionen viel zu selten aufgegriffen wird. Befindet Ihr Euch erst einmal auf dem Schlachtfeld, werden die Menschen wieder zu Symbolen, die für die unterschiedlichen Feuer-Teams stehen. Nur in einer zweiteiligen Mission müsst Ihr ohne Unterstützung auskommen. Verfolgt von seinem eigenen Pflichtbewusstsein jagt Baker dem jungen Private Franky hinterher, der sich in eine Holländerin verliebt hat und sie aus der Flammenhölle Eindhovens retten will. Doch die Geliebte wird von den bösen Deutschen grausam ermordet und Baker muss versuchen, wenigstens seinen Kameraden zu retten.

Gleich zu Beginn nutzt Gearbox diese Mission als Tutorial. Erklärt Euch das neue Coversystem und führt Euch durch ein brennendes Krankenhaus. Optisch gehört dieser Abschnitt zu den Höhepunkten. In dem nur spärlich von den Flammen beleuchteten Gebäude trefft Ihr auf die ersten Wehrmachts-Soldaten, die Euch harte Gefechte liefern. Hier bekommt Ihr die Funktionsweise der zerstörbaren Deckung näher gebracht und könnt einige gefühlvolle Zwischensequenzen bestaunen. Noch ein gemeiner Cliffhanger am Ende und Hell's Highway hat Euch vom ersten Moment in seinen Bann geschlagen.

Was danach kommt, kennt Ihr bis auf wenige Ausnahmen von den Vorgängern. Hochkonzentriert dirigiert Ihr mit der recht simplen Steuerung bis zu drei Teams über die Schlachtfelder der Operation Market Garden, weist ihnen Ziele zu, verteilt Aufgaben und versucht die Gegner zu flankieren. Wie gehabt könnt Ihr die deutschen Soldaten mit Feuer auf ihre Stellungen in Deckung zwingen und so ihre Schussfrequenz stark reduzieren. Im Gegensatz zu den Vorgängern schießen sie aber weiter auf Euch und befördern Euch damit langsam, aber sicher in Richtung Game Over. Immerhin regeneriert sich Eure Figur wie bei der Shooter-Konkurrenz und Ihr könnt einfach in der Deckung abwarten, bis das Gröbste vorbei ist.

Die KI macht dabei über weite Strecken einen guten Job. Nur selten stehen Eure Kollegen auf der falschen Seite einer Deckung, reagieren nicht oder treffen miserabel. Lediglich das Maschinengewehrteam scheint ohne Brille in den Kampf zu ziehen. In zehn Stunden Kampagne nur eine handvoll tödliche Treffer mag angesichts der unendlichen Munitionsvorräte für das Balancing wichtig sein, wirkt aber oft einfach unpassend.

Besonders stark fällt dieser Umstand ins Auge, weil Ihr selbst durch das Cover-System zu einer echten Kampfmaschine mutiert. Gezielte Treffer sind diesmal auch über große Entfernungen möglich und nehmen dem Titel etwas die Härte. Auf den höheren Schwierigkeitsgraden sieht das natürlich anders aus. Da Ihr auf „Authentisch“ nur mit Kimme und Korn in den Kampf zieht, verwandelt sich der Titel in eine sehr schmerzvolle Simulation einer echten Kampf-Situation und wird Euch viele Neustarts abverlangen.

Die unterschiedlichen Charakteristiken Eurer Squads benötigt Ihr leider viel zu selten. Das Angriffs-Team schlägt sich nicht viel besser als das Feuer-Team bei der Erstürmung einer Stellung und die drei Jungs mit dem schweren Maschinengewehr benötigen vielleicht eine Sekunde weniger, um die Gegner zu unterdrücken. Hier hat Gearbox Potential verschenkt. Als willkommene Abwechslung steht Euch erstmals ein Bazooka-Squad zur Verfügung. Mit dem durchschlagkräftigen Raketenwerfer lassen sich hervorragend feindliche Stellungen und Fahrzeuge auseinandernehmen. Leider besitzt auch dieses übermächtige Werkzeug keine begrenzte Munition.

Statt die Ziele samt passendem Winkel vorher genau auswählen zu müssen, könnt Ihr so lange draufhalten, bis jeder Widerstand ausradiert wurde. Mit diesen Informationen im Hinterkopf macht es dann auch wieder Sinn, dass die restlichen Teams nur eine mittelmäßige Leistung abliefert. Mit echten Könnern würde der Spieler zu einem einfachen Zuschauer degradiert und das Spiel zu einem Spaziergang.

Aber keine Sorge, die Gegner geben sich redlich Mühe, Euren Vorstoß zu verlangsamen. Oft greifen sie geschickt gemeinsam an, geben sich gegenseitig Deckung und wechseln die Stellung, um Euch nicht schutzlos ausgeliefert zu sein. Doch wie Eure KI-Kameraden leiden sie manchmal an Skript-Aussetzern, reagieren falsch oder zu spät. Kein Drama, aber ein weiteres Manko, das den Titel im Kampf um das Weihnachtsgeschäft Punkte kostet. Ähnliche Probleme gibt es auch bei den Panzermissionen. Diese wurden zwar beeindruckend inszeniert und vermitteln ein gutes Gefühl für die Kraft der Stahlkolosse, sind aber deutlich zu einfach geraten.

Die recht eingeschränkte Missionsauswahl ist dagegen Geschmackssache. Durch seinen starken Taktik-Einschlag und den hohen Realismus ergeben sich automatisch Redundanzen. Hier merkt man dem Titel die recht kurze Zeitspanne an, die er diesmal abdecken muss. Während Call of Duty 5 von einer Front zu anderen wechselt, Euch ständig neue Aufträge, Waffen und Nationalitäten vorsetzt, ist die Auswahl bei Brothers in Arms: Hell's Highway überschaubar.

Ein paar neue Schießprügel hier und da, eine Scharfschützen-Mission und ein großer Panzerangriff. Der Rest vor allem Häuserschlachten und Gebäudeeroberungen. Viel mehr gibt es aus den wenigen Tagen nicht herauszuholen. Viele Situationen werden austauschbar, nur zusammengehalten von einer frischen Umgebung, den fordernden Feuergefechten und der starken Hintergrundgeschichte.

Auch technisch ist der Titel ein zweischneidiges Schwert. Während er auf dem PC mit fantastischen Details begeistert, leiden die Konsolen-Fassungen unter Slow-Downs, einem seltsamen Grafik-Filter, schwacher Vegetation und den noch immer nachladenden Texturen. Der letzte Punkt sorgt gerade bei den Zwischensequenzen für Verärgerung. Während die Kulisse im Gefecht nach einer Minute kaum mehr aus der Rolle fällt, muss man in den dramatischen Filmschnipseln oft mit blanken Flächen und hässlichen Details leben.

Der Punkt ist scheinbar endgültig erreicht, dass ein guter PC die bessere Vorstellung abliefert. Trotzdem ist Hell's Highway bei weitem kein hässliches Spiel. Durch die gelungenen Animationen und die stimmungsvolle Beleuchtung erreicht es selbst auf den Konsolen oberes Mittelmaß und wird niemanden zum Schreien bringen. Allein die einfallslose Darstellung der Deutschen, die wie eine graue Masse daherkommen, wirkt irgendwie deplatziert. Klon-Krieger gehören zu Star Wars und haben in einem realistischen Kriegsspiel einfach nichts verloren.

Nahezu tadellos präsentiert sich der Sound. Ob Musik-Stücke, Sound-Effekte oder Abmischung, Hell's Highway liefert eine würdige Kulisse für die chaotischen Zustände an der Front ab. Mit einem entsprechenden Sound-System holt man sich die Kämpfe direkt ins Wohnzimmer und kann damit ganz entspannt die Nachbarn aus dem Bett wummern. Die Lippensynchronität in den Zwischensequenzen lässt allerdings manchmal zu wünschen übrig. Angesichts der restlichen Qualitäten aber ein erträgliches Manko.

Deutlich liebloser wirkt dagegen der Multiplayer-Modus. Die taktische Hatz muss ohne Erfahrungspunkte-System oder aufregende Spiel-Modi auskommen. Es wird eine Art Conquest-Modus gespielt, bei dem die bis zu 20 Spieler Flaggen erobern müssen. Wurde eine bestimmte Zahl oder das Zeitlimit erreicht, ist die Partie zu Ende.

Nett ist die Einteilung in Squads, um die Zusammenarbeit zu verbessern. Der entsprechende Leader kann sogar Positions-Befehle erteilen und eine Taktik-Karte aufrufen. Trotzdem fehlt eine zündende Idee, wie zum Beispiel ein Taktik-Modus mit KI-Kameraden. Im Haifischbecken der Xbox Live-Konkurrenz wird sich Hell's Highway so vielleicht nur ein paar Monate halten können.

Die Wertung für Hell's Highway steht und fällt mit dem Schlüssel-Element der Reihe, den extrem taktischen Kämpfen. Sie bleiben trotz jeder Menge Neuerungen Geschmacksache. Wer sich bei den hart umkämpften, ständig wiederholenden Gefechten langweilt, wird auch mit dem dritten Teil der Serie nicht glücklich. Fans werden dagegen ihr trockenes Stellungs-Schach kaum wiedererkennen. Durch die vielen neuen Details, die spannend erzählte Geschichte und die vor allem auf dem PC extrem hübsche Grafik erstrahlt das Geschehen in einem ganz neuen Glanz und begeistert durch seine beeindruckende Atmosphäre.

Durch die vielen kleinen Fehler wird es der Titel trotzdem schwer haben, sich gegen Call of Duty: World at War zu behaupten. Während sich meine Wenigkeit für das Gameplay und die Geschichte begeistern kann, könnte es passieren, dass die große Masse lieber auf das bombastische Konkurrenzprodukt warten will. Bis die Entscheidung schlussendlich fällt, könnt Ihr ja trotzdem mal einen Blick auf Hell's Highway werfen. Mich hat der Titel trotz einiger Kinderkrankheiten bis zum Ende gefesselt - und allein schon für seine geniale Geschichte eine 8 verdient.

Brothers in Arms: Hell's Highway ist erhältlich für Xbox 360 und PS3. Die PC-Fassung erscheint erst am 16. Oktober.

 

 

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