Guitar Hero World Tour

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Activision
Entwickler
Neversoft
Genre
Action
X360: Guitar Hero World Tour

X360: Guitar Hero World Tour

Immer mehr Musikspiele stellen deutsche Haushalte vor eine Zerreißprobe: Lautes Geklöppel auf Plastikinstrumenten zu noch lauterer Musik strapazieren den „Wife acceptance factor“ (auch „WAF“ genannt) nicht nur hiesiger Lebensgemeinschaften doch sehr. Zudem sticht die stetig anwachsende Armada sperrigen Kunststoff-Musikalien doch sehr ins Auge, was Mann „irgendwie gut“ und Frau „schlecht für’s Feng Shui“ findet.

Bei mir stehen jedenfalls mittlerweile zwei vollwertige Instant-Bands zuhause (Rock Band und eben Guitar Hero World Tour) und damit (und um des Hausfriedens Willen) muss nun eine gehen. Mit Rock Band 2 samt verbesserter Instrumente am Horizont stellt sich Musikspiel-Begeisterten aber jetzt die Frage, ob sie noch warten sollen, oder ihr altes RB 1-Drumkit schon jetzt durch die kompatiblen Guitar Hero-Controller ersetzen sollten. Dieser Test bezieht sich daher auf das „Complete Band Paket“ von Guitar Hero World Tour und nicht etwa auf das Spiel allein. Vorweg: Alleine wegen seiner Instrumente ist GHWT jeden seiner knapp 180 Euro wert.

Das eigentliche Spiel ist jedoch einen Tick schwächer als Rock Band 2. Rock Band-erfahrene Spieler merken sofort, dass GHWT die Bandinteraktion nicht so gut in den Vordergrund stellt, die Bandkarriere zwar solide, aber recht einfallslos verläuft und die optische Gestaltung etwas Stil vermissen lässt. Doch der Reihe nach.

Thema Interaktion. Anstatt seine Versager-Kollegen wie in Rock Band mittels rechtzeitig gezündeter Star Power wieder in den Song zurückholen zu können, spielt hier jeder ein bisschen nebeneinander her und nutzt seine Mucker-Magie wie gehabt, einfach nur um den Score um das Doppelte zu boosten.

Verhaspelt sich zum Beispiel der Sänger oder Drummer so sehr, dass er sich aus einem Stück verabschiedet, dann war es das. Das wird allerdings ein wenig dadurch relativiert, dass sich die Band das Rock-Meter, das ihre Performance bewertet, teilt. Habt Ihr also einen Gitarren- oder Bassgott (oder beides) in der Band, kann dieser schwächere (aber keine Totalausfälle) Spieler durchziehen. Es ist kein schlechtes System, aber es ist auch nur das Zweitbeste. Natürlich vergibt aber auch GHWT Punkte für besonders synchrones Rocken und das simulierte Zusammenspiel stellt immer noch eine fantastische Spielerfahrung dar. Man wird nur leider das Gefühl nicht los, dass hier eine Prise mehr Interaktion gut getan hätte. Das ist zweifellos noch ein Rudiment aus den Solo-Tagen der Gitarrenhelden.

Ebenfalls an diese Zeit erinnert der Verlauf des Karrieremodus. Wobei man zunächst erwähnen sollte, dass man wirklich zu jeder Zeit alle freigeschalteten Events auf jedem Schwierigkeitsgrad angehen darf, anstatt wie damals nur beim „schnellen Spiel“. Das sorgt für verbesserten Spielfluss, verhindert Sackgassen und ist eine längst überfällige Neuerung der Serie.

Man könnte meinen, dass es egal ist, auf welche Weise man sich durch die über 80 Tracks lange Setlist von GHWT rockt und doch stellt Euch Activisions Banderlebnis wieder nur die zweitbeste Karriere hin: Ihr wählt eines der immer drei bis sechs Songs langen Konzerte und spielt es bis zum Ende, ohne speichern zu können oder dass sich das Programm merken würde, welche Lieder Ihr bereits geknackt habt.

Das ist besonders ärgerlich, wenn Ihr nach dem vierten erledigten von einem halben Dutzend Liedern unerwartet die Konsole abstellen müsst. Passiert selten, aber es passiert. Obendrein werden Euch bei der Konzertwahl immer sämtliche Songs angezeigt. Eigene oder „Mystery Setlists“, beziehungsweise Überraschungen bei den regelmäßig auftauchenden Zugaben gibt es keine.

Ein weiterer streitbarer Punkt ist die optische Aufmachung. Da ein Guitar Hero erstmals ohne Gibson-Lizenz auskommen muss, drückt einem das Spiel vornehmlich vollkommen überdrehte Notenschlüssel-, Totenkopf- oder Axt-Klampfen in die Hand, die an Hässlichkeit kaum zu überbieten sind. Zum Glück bastelt man sich dank der angenehmen Personalisierungsoptionen aus Griffbrettern, diversen Korpussen, Kopfplatten, Schlagbrettern, Knöpfen und Tonabnehmern samt unterschiedlicher Farbgebungsoptionen auch ohne Probleme einen Sechssaiter zusammen, der etwa einer Strat, Telecaster oder Explorer nahe kommt. Die unrealistischen Bauteile überwiegen aber trotzdem leider. Beim üblichen Zubehör gibt’s zum Glück Marshall-Boxen und Saiten von Ernie Ball, so dass wenigstens ein bisschen Authentizität gewahrt bleibt.

Wem die geerdete Gestaltung der Rock Band-Hotelzimmer-Verwüster gefallen hat, muss sich erst wieder an die unrealistischen und knalligen Bühnen und die doch ziemlich steifen Musiker eines Guitar Hero gewöhnen. Die Rock Band-Animationen mögen nicht die besten sein, die Guitar Hero-Performances überschreiten trotz des aufwendigen Motion Capturings diverser Stars (Haley Williams, Paramore / Zakk Wylde, Black Label Society / Travis Barker, Ex-Blink / Ozzy himself / Sting) hin und wieder die Grenze zur Hampelei.

Auch empfand ich die Mischung aus eher realistisch nachempfundenen Originalmusikern und den größtenteils – gelinde gesagt – „ästhetisch benachteiligten“ Guitar Hero-Bühnenkaspern als alles andere als homogen. Das ist natürlich alles einer ganz bewussten Stilentscheidung im Hause Neversoft geschuldet und damit durchaus Geschmackssache. Weniger diskutabel ist allerdings, dass RB mit seinen stilvollen Lichtshows, Filtern und Fangesängen viel stärkere Live-Atmosphäre erzeugt. Ich müsste aber lügen, wenn ich behauptete, dass diese Punkte beim eigentlichen Spielen wirklich wichtig wären.

Denn hier trumpft GHWT mit berühmt-berüchtigter Konstanz auf. Nach dem leichten Formtief in Legends of Rock, mit seinen teils unlogischen bis willkürlichen Noten-Anordnungen, spielen sich die neuen Stücke wieder wie zu den besten Zeiten. Gesang und Bass funktionieren wie gehabt und werden (ebenfalls wie gehabt) meistens ungebetenen oder unliebsamen Gästen überlassen. Der Mann / die Frau am Mikro gibt den Singstar, während der Bassist nun an Bass-losen Stellen lässig die leere E-Saite massieren darf. Die guten Notencharts ermöglichen es dabei, die exzellenten Instrumente noch besser zu genießen. Allen voran das phänomenale Schlagzeug.

Allerdings funktionierte auch unser Testexemplar ab Werk nicht korrekt. Die rote Trommel (Snare) musste man bis zur Besinnungslosigkeit prügeln und auch die beiden Becken hätten deutlich sensibler eingestellt sein dürfen. Das Problem wurde von Activisions vorbildlichem Kundenservice aber auf unsere Nachfrage hin ausgebügelt. Mit einem (natürlich kostenlosen) Midi-USB-Kabel ließ sich das Drumkit an den PC anschließen und mit einer sehr übersichtlichen und benutzerfreundlichen Software auf ein Optimum nachregeln.

Hat man diese kleine Klippe umschifft, merkt man erst, wie gut es tut, dass GHWT die Becken über Snare, Tom und Big Tom erhoben hat. Wer einmal auf dem gut verarbeiteten Drumset gespielt hat, wird nie wieder zum Rock Band-Klapperkasten zurückwollen – so nah ist das GHWT-Schlagzeug an echten Drums. Trommeln wie Becken unterscheiden in den Improvisations-Abschnitten der Songs verschieden harte Schläge und sind sogar unterschiedlich gefedert: So fühlt sich die Snare deutlich härter an als die Big Tom, während die mittlere, blaue Trommel irgendwo dazwischen liegt.

Insgesamt sorgt die dicke Gummierung der Pads dafür, dass Drumschläge insgesamt deutlich angenehmer und leiser klingen und vor allem sehr schön federn. Das erleichert besonders schnelle Schlagfolgen deutlich und sorgt allgemein für ein wesentlich besseres Spielgefühl. Hatte man zu Rock Band 1-Zeiten noch Angst, man könnte was kaputt machen, berserkt man in Guitar Hero unbesorgt und mit größter Wonne auf seinem Schlaginstrument. Dies wird durch die vereinzelten Akzent-Noten, die man für Extra-Punkte besonders stark schlagen muss, sogar noch gefödert.

Die Fußmaschine ist etwas solider und registriert, anders als das Rock Band-Gegenstück, nicht einen bestimmten Kippwinkel des Pedals, sondern das Auftreffen eines Klöppels auf eine Sensorplatte. Der Weg ist etwas kürzer, was ich etwas gewöhnungsbedürftig, aber keinesfalls schlecht fand. Das einzige, was bei mir zuhause etwas störte, ist das Fehlen einer Halterung für das Pedal. Auf meinem Dielenfußboden rutschte es deshalb immer etwas hin und her. Teppichböden oder Fließen sollten für die gummierten Füße aber kein Problem darstellen.

Die Drums sind so gut, dass sie das gesamte Spiel aufwerten. Und nicht nur das, ich habe mir fest vorgenommen, das erste Rock Band damit erneut durchzuspielen – wenn man so etwas von einer Peripherie sagen kann, dann hat der Hersteller wahrlich alles richtig gemacht. Ich sehe bei allen geplanten Verbesserungen am Rock Band 2-Drumkit nicht, wie man mit der logischen Anordnung der exzellenten, leisen GH-Trommeln mithalten will.

In Sachen Gitarre ist GHWT wenig überraschend ebenfalls ein Triumph. Zugegeben: Die Fender Stratocaster von Rock Band hat deutlich mehr Charakter, das GHWT-Pendant ist aber besser verarbeitet. Sie bietet die weniger klapprigen Buttons, eine knackigere, präzisere Strumbar und vermittelt durch einen exzellenten Schwerpunkt echtes Gitarrenfeeling. Außerdem hat man nicht das Gefühl, dass man ihr den Hals brechen würde, wenn man die Star Power auslöst. Neu ist eigentlich nur die Slider-Bar, eine Kolonne von fünf Touchpads, auf denen Ihr einige der Solo-Parts tappen oder sliden dürft. Das ist zwar keine Revolution, aber deutlich sinnvoller als der zweite Satz Tasten, der wie bestellt und nicht abgeholt über dem Halsansatz RB-Klampfe sitzt.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, weshalb mein Kommentar zur umfangreichen Setlist der Activision-School of Rock als „in Klammern“ zu verstehen ist. Wie das bei Musikspielen so ist, muss schließlich für jeden etwas dabei sein. Je nach Geschmack geben sich wie immer unbekannte oder sogar ärgerliche Nummern und echte Volltreffer die Klinke in die Hand, wobei die guten Sachen aber durchaus überwiegen.

Meiner Meinung nach dürfte das Spiel dennoch ruhig ein paar mehr moderne Klassiker der 2000er Jahre beinhalten. Dafür dürfen der Trendrock, Country-Kamellen oder Latin-Punk, den niemand kennt, auch gerne draußen bleiben. Auch ein paar Metalkracher mehr hätten vielleicht nicht geschadet, doch das wird sicherlich per Download behoben. Aber wie könnte ich groß meckern, über ein Spiel, das sowohl Bon Jovis „Living on a Prayer“, Tools Schism und Mars Voltas „L’Via L’Viaquez“ auf seinem Soundtrack vereint?

Im seinem Test zum ersten Rock Band war mein Kollege Martin Woger kurz davor, die Höchstwertung zu zücken. Lediglich die Möglichkeit „Eigenes zu schaffen“ hat ihm gefehlt. Und die hat nun Guitar Hero World Tour zu bieten. Im „Tonstudio“ spielt Ihr nach Belieben Schlagzeug, Bass, Gitarren oder Keyboards selbst ein und ladet Euren Schlager in Spe zu Activisions GHTunes-Dienst hoch, damit alle Welt daran teilhaben kann.

Musikkenntnisse sind zwar sehr von Vorteil und das Interface des virtuellen Aufnahmeraums ist randvoll mit Optionen, aber ich war schon überrascht, wie schnell man nach einigen Jamsessions zum Beat der optionalen Drum-Machine eine brauchbare Melodienfolge zusammenbekommt. Am Software-Mischpult dürft Ihr dann Loopen, Effekte hinzufügen, einzelne Noten oder Drumschläge millisekundengenau verschieben beziehungsweise ersetzen und die Abmischung der einzelnen Komponenten regeln. Die Resultate, die man bislang auf GHTunes herunterladen (bewerten und zuhause um Punkte nachspielen) darf, sind schon mehr als beeindruckend.

Auch wenn man den Gitarren natürlich überdeutlich anhört, dass sie nur aus dem Computer kommen, gibt es schon einige sehr virtuose Stücke, die vor allem True-Metal-Fans anerkennendes Mattenschleudern entlocken dürften. World Tours Tonstudio ist, nach der gebotenen Eingewöhnungszeit, wirklich der nächste Schritt der Musikspiele. Die Zeit wird zeigen, wie sehr sich die Community in diese Funktion hineinsteigert.

Es ist mittlerweile fast egal, welches der beiden Spiele man sich holt: Jeder der Hersteller hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und liefert routinierte Musikspielkost, die alleine wie zusammen in höchstem Maße unterhaltsam ist und Musikfreunde aller Alters- und Skillklassen vor der Röhre vereint. Hielte man nur die beiden Games nebeneinander, würde Rock Band 2 vermutlich etwas besser abschneiden. Aber das tue ich nicht, denn das mir vorliegende Complete Band-Paket von Guitar Hero World Tour ist ein wirklich exzellenter Deal, bei dem man sich schon fragt, wie man noch im Frühjahr knapp 240 Euro für ein Rock Band mit vergleichsweise lachhaften Drums ausgeben konnte.

Activisions Schlagzeuglösung ist die mit Abstand beste Art, Videospiel-Drums zu spielen. Jetzt und auch nächstes (und vielleicht sogar übernächstes) Jahr noch. Das tolle Tonstudio, das auf lobenswerte Weise die Kreativität der Spieler anschiebt und ganz nebenbei fast end- und kostenlosen Song-Nachschub verspricht, rundet das Musikspiel-Erlebnis ab und gibt ihm seine ganz eigene Existenzberechtigung.

Meine Empfehlung deshalb: Ab auf den Dachboden mit dem Rock Band 1-Altplastik, holt Euch GHWT samt Instrumenten – und wenn Ihr damit durch seid, besorgt Ihr Euch die Standalone-Fassung von Rock Band 2. Mit dieser Lösung bleiben auch Feng Shui und Beziehung intakt.

Guitar Hero World Tour ist im Handel für PS3, Wii, Xbox 360 und PS2 zu ergattern.

 

 

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