Gesamtwertung7/10 |
Ich gehörte nicht zu den Glücklichen Samba de Dreamcast Amigos. Aber wie alle anderen auch wusste ich ja gar nicht, was ich verpasste. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es Segas Offbeat-Affe überhaupt bis in unser Ländle schaffte, eine große Rolle spielte es 2001 auf dem Dreamcast jedenfalls nicht mehr. Die Massenmigration zu PS2 und Gamecube hatte längst begonnen. Und so erfuhren nur Eingeweihte vom sonnigsten Musikspiel überhaupt. Der Affe verschwand ungefeiert im Sonnenuntergang.
Aber alle Helden kehren zurück, wenn sie gebraucht werden. Und in den düsteren Tagen des Weltgeschehens kann es nie schaden, vom einem Primaten aufgeheitert zu werden, der nichts anderes im Kopf hat, als breit zu grinsen und die Maracas zu schütteln. Sonne im Herzen, die Rassel in der Pfote und eine potentielle Käuferschicht von mehr als 30 Millionen Wii-Eignern - alle begierig auf neues Material.
Und eine große Umgewöhnung braucht es diesmal gar nicht. Das Dreamcast-Samba wurde für relativ viel Geld mit Plastik-Maracas ausgeliefert, die Schüttelbewegungen und ihre Position erkennen konnten. Also ziemlich genau das, was auch die WiiMote macht. Kabellos gab es damals noch nicht und auch sonst machte das aufwendige Setup eine Menge Mühe. Jetzt nicht mehr. Es sollte für so ein Hightech-Gerät wie die WiiMote doch ein Leichtes sein, drei Höhenlagen und ein wenig Gewackel zu erkennen.
Oder eben auch nicht. Es funktioniert gut, aber alles andere als perfekt. Damit Ihr wisst, woran es scheitert, hier zunächst einmal der Spielaufbau. Ihr seht kreisförmig angeordnet sechs Trefferzonen auf dem Screen. Aus deren Mitte wandern Kugeln auf diese sechs Punkte zu und im richtigen Moment müsst Ihr die imaginäre Rassel richtig halten und dann shaken. Jeweils links und rechts gibt es die Positionen oben, unten und Mitte. Dazu kommen noch ein paar Armwedelmoves und Stellungen, die Ihr halten müsst. Oben mit beiden Rasseln im Takt winken oder mit beiden Armen nach links posen. Dinge in dieser Richtung. Im Großen und Ganzen ist dies der gesamte Ablauf durch die 40 sonnig-südlichen Songs und offenbart hinter dem Grinsen des Affen, was Samba de Amigo ist: Ein waschechtes, reinrassiges Musikspiel. Und zwar eines, das ein paar Probleme dabei hat, hundertprozentig zu wissen, was Ihr gerade macht. Bei der ersten Steuerungsvariante wird dies dramatisch deutlich und Ihr solltet sie auch nur in absoluten Notsituationen nutzen.
WiiMote und Nunchuck ergeben schon durch das Kabel ein unmögliches Rasselpaar. Besonders gleichzeitige Links-Rechts-Schüttler lassen Euch an der Leine zappeln. Habt Ihr mal „Flucht in Ketten“ gesehen? So ungefähr könnt Ihr Euch das vorstellen, nur mit weniger Bereitschaft zur Teamarbeit. Dazu kommt, dass die Erkennungsrate des Chucks noch weit unter der Mote liegt. Samba + Chuck + Mote? Lasst es einfach sein.
Mit zwei Motes, eine in jeder Hand, verfliegt dieser unschöne Ersteindruck und es schüttelt sich schon weit besser. Sogar richtig gut. Aber alles andere als perfekt. Die Wii erkennt gut, auf welcher Höhe Ihr die Motes haltet und wann Ihr wie oft rasselt. Was sie nicht gut hinbekommt, sind dagegen schnelle Änderungen der Positionen. Bei einem fliegenden Wechsel zwischen oben-unten-oben vergehen wertvolle Sekundenbruchteile bis der Cursor zeigt, dass jetzt die richtige Stellung erreicht wurde. Lief die Note vorher durch, habt Ihr halt Pech gehabt, selbst wenn Eure Hand schon längst und vor allem rechtzeitig an Ort und Stelle verharrte. Der Mensch ist halt doch oftmals schneller als die Konsole.
Auf den leichten Schwierigkeitsgraden ist dies kein Problem. Auf Einfach und Mittel schaffen selbst eher langsame Zeitgenossen recht bequem 90-95 Prozent der Noten zu erwischen und erfreuen sich an A und B – Rankings. Hier glänzt der Samba-Stern am hellsten, denn Ihr lasst einfach die Rassel-Sau raus und rüttelt und schüttelt, als gäbe es kein Morgen mehr. Selbst wenn nicht jeder Schüttler ein Treffer wird, was soll's, es reicht immer noch für hohe Ratings und mehr Sommer-sonnigen Spaß als so mancher Club-Urlaub in einer ganzen Saison bietet.
Auf Schwer und Richtig Schwer sieht es dann ganz anders aus. Lockeres, unpräzises Spiel wird schnell mit harten und frustrierenden E und D –Wertungen abgestraft. Statt ganz natürlich die Maracas zu schwingen, steht Ihr mit höchster Konzentration und bewegt die Arme mit der Präzision eines Flug-Bodenlotsen bei der Abschlussprüfung. Auch das macht Spaß, aber es ist eine andere Art von Spaß. Jedes Musikspiel sollte irgendwann den Punkt erreichen, an dem Ihr nicht mehr fröhlich drauflos posed, sondern ganz bei der Sache sein müsst. Das ist nicht das Problem. Dass Samba de Amigo Euch häufig genug und trotz präziser Bewegungen grundlos abstraft und eine Notenkette reißen lässt, weil der Cursor mal wieder nicht so schnell positioniert war wie Euer Arm, schon.
Damit nicht der Eindruck entsteht, dass ich möglicherweise einfach nicht in der Lage wäre, meine Wii richtig aufzubauen, möchte ich anmerken, dass wir das Spiel auf insgesamt drei Geräten mit unterschiedlichen TV-Sets, Sensorbalken und Höhenpositionierungen testeten. Die Erkennungsfehler unterschieden sich ein wenig in Häufigkeit und Art, letztendlich lief es im Ergebnis aber auf allen drei Installationen gleich hinaus. Nie perfekt.
Zum Glück bewegen sich diese Fehleranfälligkeiten noch in relativ engen Toleranzbereichen. Solche, die sich über jeden verlorenen Punkt wie tollwütige Berggorillas aufregen, sollten mit Vorsicht herangehen. Jeder halbwegs beherrschte Spieler wird dagegen angesichts der Riesenlaune, die sich praktisch sofort nach dem Einschalten verbreitet, schnell mit ein paar verlorenen Kombos abfinden können. Dies zieht sich auch zum Multiplayer durch. Zwei harte Opponenten, die verbissen bei jedem Spiel und um jeden Punkt kämpfen, sind hier eher fehl am Platz.
Im Idealfall vergnügen sich zwei Zielgruppen mit dem Samba-Spaß. Kinder, auch zusammen mit ihren Eltern, und gesellige Gruppen, die weder dem Macarena noch dem Cachaca abgeneigt sind. Gruppe Eins freut sich, dass das Gerassel unabhängig vom Alter wirklich jedem Freude machen kann und auch Fünfjährige sehr schnell Erfolge feiern können, ohne dass es dem mitspielendem Erwachsenen langweilig werden würde. Fast wie in der Wii-Werbung. Tanjas Sohnemann ist der beste Beweis dafür. Den Spaß von Gruppe Zwei muss man wohl nicht weiter ausführen. Passt nur auf, dass Eure Performance nicht sofort per i- oder sonstigem Phone auf youtube landet. Online-Competitions finden übrigens mal wieder nur auf Leaderboards und Freundeslisten statt. Wir kennen's ja kaum anders.
Was den Multispaß ein klein wenig schmälert, ist nicht nur die Tatsache, dass Ihr vier der nicht gerade preiswerten WiiMotes für zwei Spieler braucht, sondern auch, dass eine ganze Menge Zeugs, besonders Songs, wieder einmal erst im Solospiel freigeschaltet werden muss. Es artete dabei nicht annähernd so schlimm aus wie bei den Raving Rabbids, nur sollte ein Spiel, das sich dermaßen spontan für Partys und Kindergeburtsage eignet, vom Start weg fast alles für den Mehrspielerbetrieb offerieren. Und nicht alles, was es zu erspielen gibt, lohnt sich am Ende wirklich. Neue Rasselgeräusche? Ehrlich?
Zumindest bei den Minispielchen liegt das Meiste frei. Nicht das alles davon Eure Zeit wert wäre. Während ein absonderliches 2D-Beachvolleyball zwar nicht viel Sinn, aber wenigstens Spaß macht, gerieten Steine- oder Pinata-Zertrümmern zu manischen und hohlen 20-Sekundenschnipseln wilder Schüttelei. Für Kinder top, für Erwachsene eher...nun ja, hohl eben. Jenseits der Minigames wartet aber der Classic-Modus und hier findet Ihr in Form des Dreamcast-Originals ein schickes Stück Sega-eigener Nostalgie. Grundsätzlich ändert sich zum normalen Modus nicht die Welt, aber ein paar frische Optiken und Moves im Klassikgewand lockern den Samba auf, nachdem Ihr die ersten Tage hinter Euch habt.
Samba de Amigo gelingt es mit Frohheit und Lockersinn spielend zu unterhalten. Bunt und Krachig umfluten Euch, Maracaklappern überrauscht Eure Sinne, Ihr rasselt enthusiastisch und mit einer Begeisterung, die Ihr sonst bei Babys findet und zwar völlig unabhängig davon, welcher Altersgruppe Ihr wirklich angehört. Eine beständige, sonnige Instant-Beach-Carnival-Party, direkt aus der Packung. Aufreißen, einlegen, mit Freunden feiern.
Und niemals versuchen gegen die Steuerung anzutreten, um diese letzten Prozentpunkte zu ergattern. Es wird nicht funktionieren. Zu ungenau reagiert in einigen entscheidenden Momenten die Erkennung und unterbricht Eure Punkte-Kombo, obwohl Ihr genau den richtigen Fluglotsen-Move hinlegt. Eine Fortsetzung mit MotionPlus-Unterstützung mag daran etwas ändern. Bis dahin heißt es: Unterdrückt den Wettbewerbstrieb und habt einfach richtig viel Spaß zu mehreren! Arrrrriiiibaa!
Samba de Amigo ist ab sofort für die Wii erhältlich. Extra Zubehör braucht Ihr nicht unbedingt, aber die Plastikrasseln von Speed-Link (speed-link.com)sorgen definitiv für einen Spaß und Atmosphäre-Bonus. Aber wie gesagt, das ist optional.
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Samba de Amigo im Test.
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