Gesamtwertung9/10 |
Infinity Ward hat sich in der letzten Zeit keine Freunde gemacht. Erst der ganze Ärger um die dedizierten Server, dann einige seltsame Äußerungen des Community Managers und als krönender Abschluss ein geleaktes Video einer umstrittenen Terroristen-Mission, in der es um das Abschlachten von hilflosen Zivilisten geht. Man könnte fast meinen, die Amerikaner hätten es nicht nötig, auf Presse, die Fans und den guten Geschmack Rücksicht zu nehmen. Trotzdem ist der Hype ungebrochen und die Zielgruppe verschlingt seit mehreren Monaten jeden News-Schnippsel, jede Vorschau und jede aufgeschnappte Twitter-Meldung.
Doch ist das Spiel diese ganze Aufregung wirklich wert? Gelingt Infinity Ward nach dem wirklich sensationellen Modern Warfare mit dem zweiten Teil ein ähnlich großartiger Wurf? Kaum rotiert die DVD das erste Mal im Laufwerk, lässt sich zumindest bei mir eine freudige Erwartung feststellen. Der treibende Soundtrack – von Hollywood-Zauberer Hans Zimmer -, die ersten Zwischensequenzen und das obligatorische Trainingslager. Die Spannung steigt. Aber nach der Anfangs-Euphorie macht sich in den ersten Missionen Ernüchterung breit. Auch Infinity Ward kocht scheinbar nur mit Wasser.
Der Auftakt führt euch mal wieder in den Irak. Terroristen ausräuchern. Beige Lehmgebäude, gleißende Sonne und das Geknatter eures Sturmgewehrs. Danach werft ihr euch hinter eine, auf einem Jeep montierte Gatling-Kanone und mäht im Zehner-Pack Aufständige nieder. Eine deutlich schlechtere Einleitung als beim Vorgänger, der mit seiner Erschießungsszene und der Frachter-Mission schon zu Beginn Zeichen setzte.
Wie gehabt, erscheinen die recht intelligenten Gegner nach dem Überschreiten eines imaginären Schalters. Stark geskriptet und vor allem zu Beginn enorm in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt, liefert ihr euch harte, etwas uninspirierte Gefechte. Die Schlachtfelder fallen zwar gerade zum Ende hin deutlich größer aus und bieten zumindest scheinbar genug Platz für alternative Taktiken, doch oft gibt es nur einen, „richtigen“ Weg. Egal ob ihr einen Evakuierungs-Hubschrauber, eine Zielperson oder ein rettendes Waffen-System erreichen müsst: Haltet ihr euch nicht an die Vorgaben, werdet ihr von den ständig nachströmenden Feinden einfach überrannt.
Ja, im Eifer des Gefechts fallen solche Krücken selten auf und einige Stellen sind gerade auf den niedrigeren Schwierigkeitsgraden mit viel Können schaffbar, trotzdem zerstören sie manchmal die Illusion, wirklich aktiv am Geschehen teilzunehmen. Wie ein Schauspieler müsst ihr euch an das Drehbuch halten, damit der Film weitergeht. Zum Glück ist es ein spannender, aufwühlender Streifen, den ihr übrigens nicht gemeinsam mit Freunden bestreiten könnt – für den KoOp ist der Spec-Ops-Modus zuständig. Immerhin fühlen sich die Waffen wieder einmal fantastisch an. Mit satten Sound-Effekten unterlegt, zucken sie glaubwürdig in euren Händen und jagen einen Hagel Bleigeschosse auf eure Feinde, die bei jedem Treffer brachial nach hinten gerissen werden. Das ist Gun-Porno pur und noch immer das Maß aller Dinge.
Die Grafik hat nur einen kleinen Schritt nach vorne gemacht. Knackigere Texturen, mehr Details und ein paar neue Grafik-Effekte. Nichts aufsehenerregendes, aber immer noch wunderschön. Kein anderes Spiel bekommt solch brutale, schrecklich-schöne Schlachtengemälde hin. Der Plattform-Vergleich: Die PS3-Fassung sieht einen Tick schicker als die Xbox-Fassung aus, dafür leidet die Framerate in Action-reichen Szenen unter Schluckauf. Die PC-Fassung ist, mal wieder, mit einer deutlich höheren Auflösung, erstklassigen Texturen und der besten Steuerung das Maß aller Dinge. Wer voll aufdreht, sollte aber auch zumindest einen Mittelklasse-PC (Dual Core, 8800GT/4850) im Haus stehen haben. Mal ganz abgesehen von der Multiplayer-Problematik (siehe unten) die beste Version.
Nach dem inhaltlich etwas enttäuschenden Einstieg werden die einzelnen Protagonisten vorgestellt. Alte Bekannte, wie John „Soap“ McTavish, aber auch neue Helden, wie Gary „Roach“ Sanderson, sorgen für eine recht stimmige Geschichte. Anfangs wirken die losen Handlungsfäden noch etwas wirr. Es fällt schwer, der komplexen Geschichte zu folgen. Die meisten Informationen bekommt man in den schnell geschnittenen, hoch militärischen Zwischensequenzen. Ihr werdet um den Globus gejagt, um den Terroristen Makahrov auszuschalten, müsst viel patriotisches Gelaber ertragen und nehmt an der oben erwähnten Terror-Mission teil, die in der deutschen Version geschnitten wurde und für einige Magenschmerzen sorgt.
Leichen pflastern den Boden, ohne Gnade mäht sich die Terror-Zelle durch die Besucher des Moskauer Flughafens. Es ist zum Teil wirklich grausam mit anzusehen, wie sich Verletzte schreiend davonschleppen, während ihr und eure Kollegen gnadenlos draufhalten. Als CIA-Agent müsst ihr mitmachen, um eure Tarnung nicht auffliegen zu lassen. Es sind lange, qualvolle Minuten.
Erst in der zweiten Hälfte geht es gegen Polizisten und Spezialkräfte. Und erst hier traut man sich wieder durchzuatmen und das bisher erlebte weit hinten in der Erinnerung abzuspeichern. Ohne wirklich Reflexion innerhalb der Geschichte bleibt es euch überlassen, ob diese Szene Sinn ergibt. Grundsätzlich bin ich ja für die Weiterentwicklung des Mediums. Für umstrittene, aufwühlende Momente. In Modern Warfare 2 wirkt das Ganze aber eher wie Effekthascherei. Provozieren um des Provozierens-Willens.
Danach nimmt die Geschichte und damit auch das Spiel Fahrt auf. Infinity Ward zitiert dabei ständig den Vorgänger. Ihr müsst euch wie bei der Tschernobyl-Mission ungesehen durch starke Gegnerverbände schleichen, wie bei der Gunship-Mission eine gesichtslose Predator-Drohne steuern, abwechselnd gewaltige Verteidigungsschlachten und intime Spezialmissionen bestehen. Höhepunkte, wie etwa die Atombomben-Explosion im Vorgänger, fehlen. Nichtsdestotrotz werden gleich mehrere Hauptdarsteller der Geschichte geopfert. Mit jedem neuen Angriff, jeder verzweifelten Flucht und jeder noch so erschüttenderen Entwicklung zieht euch das Spiel langsam, aber sicher immer tiefer in eine Welt voller Terroristen, fehlgeleiteter Patrioten und wahnwitziger Gegner-Konstellationen.
Zwischendurch könnt ihr euch kaum vom Joypad losreißen. Fiebert mit, wenn ihr verzweifelt versucht, einen Anschlag zu stoppen. Schreckt überrascht zusammen, wenn ihr mitten im dichten Schneetreiben auf einmal einem Trupp Gegner in den Gewehrlauf blickt. Und müsst sprachlos zuschauen, wie eine lieb gewonnene Figur nach vielen, brutalen Missionen mit einem simplen Pistolenschuss ihr Leben aushaucht. Das ist auch ohne die definierenden Momente aus dem Vorgänger wieder einmal großartige Action-Unterhaltung, die mit ihren 18 Missionen diesmal sogar etwas länger ausfällt. Erst nach ca. sieben, acht Stunden ist auf dem normalen Schwierigkeitsgrad Schluss. Wer sich an Veteran heranwagt, dürfte aber deutlich länger beschäftigt sein.
Für viele Spieler ist das Ende der Kampagne aber sowieso der Auftakt zum eigentlichen Kern des Spiels. Doch während der Multiplayer von Modern Warfare mit seinem Rollenspiel-ähnlichen Erfahrungs-, Ausrüstungs- und Fähigkeiten-System die Welt der Online-Shooter im Sturm eroberte, liefert der zweite Teil eher Detailverbesserungen. Konsequent werden bestehende Stärken ausgebaut und Schwächen entsprechend ausgemerzt.
Zum Beispiel wurde die gesamte Killstreak-Mechanik komplett überarbeitet. Bisher bekamt ihr für drei oder mehr Kills ohne zu sterben immer die gleichen, äußerst hilfreichen Spezialattacken. Im Nachfolger dürft ihr jetzt selbst auswählen, wie ihr eure Gegner in Grund und Boden bombt. Neben einigen Comebacks, wie dem Luftangriff, dem Kampfhubschrauber oder der Drohne, gibt es jede Menge frisches Material.
Ihr könnt das Schlachtfeld mit einem Gunship zerlegen, Selbstschussanlagen aufbauen oder den Radar der anderen Fraktion stören. Ab Level zehn dürft ihr die verschiedenen Fähigkeiten selbst zusammenstellen. Außerdem gibt es erstmals sogenannte Deathstreaks. Werdet ihr mehrere Male hintereinander erledigt, ohne selbst einen Feind zu erwischen, wird zum Beispiel für eine bestimmte Zeit eure Lebenenergie erhöht oder aber ihr könnt von euren Peinigern die Waffenzuladung abkupfern. Und auch die neuen Perks, Waffen und Ausrüstungsgegenstände begeistern durch ihr Ausgewogenheit. Ihr könnt Leuchtfackeln an der Front platzieren, um euch lange Laufwege zu ersparen, werft selbstklebenden Plastiksprengstoff auf eure Opfer und dürft dank dem Perk Marathon unendlich rennen. Die taktischen Möglichkeiten sind gewaltig.
Zwei neue, auf den ersten Blick wenig aufregende Spielmodi ergänzen die 12 bisherigen Varianten. Doch wie schon in meiner ausführlichen Vorschau zum Multiplayer von Modern Warfare 2 (eurogamer.de)erwähnt, spielen sich sowohl das altbekannte Capture the Flage als auch die Search & Destroy-Variante Demolition dank einiger netter Kniffe erfrischend anders. Während bei ersterem der Flaggenklau einige Sekunden in Anspruch nimmt und so die Verteidigung erleichtert, könnt ihr beim Bombenlegen nach eurem Tod sofort wieder einsteigen. Minutenlange Wartezeiten fallen so flach, ohne den taktischen Anspruch außer Acht zu lassen.
Mit steigendem Level und durch das Erfüllen von Aufgaben schaltet ihr, wie gehabt, nach und nach Spielmodi, Killstreak-Belohnungen, Schießprügel und Ausrüstung frei. Die Jagd nach diesen Gimmicks motiviert. Nur noch ein Level, eine neue Fähigkeit oder eine neue Waffe. Noch dazu die tadellose Spielbarkeit, die phänomenalen Karten und die bewährte Steuerung, und erneut werdet ihr vom einmaligen Spielgefühl gepackt. Inifity Ward hat somit erneut einen sehr gelungenen Job abgeliefert. Aber: Es gibt keine großen, posiviten Überraschungen.
Eher negativ ist dagegen die Streichung der dedizitierten Server für PC-Nutzer und die Reduzierung auf 9vs9-Gefechte. Das Matchmaking-System über Steam funktioniert relativ gut. Wie beim Xbox Live-Vorbild könnt ihr Spieler zu einer Party einladen und dann gemeinsam in den Kampf ziehen. Clan-Spiele können theoretisch von einem Schiedsrichter eröffnet werden, um Ping-Vorteil auszumerzen. Ohne solche Tricks hätte der hostende Spieler klare Ping-Vorteile. Ein faires Gefecht ist so nahezu unmöglich. Außerdem fällt zudem der Mod-Support flach. Ein harter Schlag für die PC-Community. Trotzdem angesichts des Umfangs kein Grund abzuwerten.
Und auch der neue Spec-Ops-Modus kommt nicht ganz ohne Blessuren davon. Die KoOp-Missionen spielen sich zwar deutlich abwechslungsreicher als es bei der Gamescom den Anschein hatte, doch dafür können nur zwei Spieler gleichzeitig antreten. Unverständlich angesichts diverser Konkurrenz-Titel und dem direkten Vorgänger Call of Duty: World at War, der sogar in der Story eine Vier-Spieler-Variante lieferte.
Im Gegenzug erhaltet ihr zwanzig spannende, vollkommen unterschiedliche Aufträge, die den beiden Kampagnen (Modern Warfare 1 und 2) entnommen beziehungsweise extra für diesen Modus erschaffen wurden. Neben einfachen Kill-Aufträgen müsst ihr Stellungen gegen Gegnerhorden verteidigen, eurem Kollegen mit einem Gunship Feuerunterstützung liefern oder das Ende einer schwer verteidigten Brücke erreichen.
Auf ein Matchmaking wurde hier leider verzichtet. Da sich die Missionen aber auch hervorragend alleine spielen lassen, fällt die Enttäuschung deutlich geringer als zum Beispiel bei Halo ODST aus. Dank unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade, Ranglisten und dem bewährten Freischaltsystem seid ihr mit diesem Modus viele vergnügliche Stunden unterwegs. Meiner Meinung nach zwar kein echter Ersatz für einen Kampagnen-KoOp-Modus, aber packend genug, um dem Spiel eine neue Facette abzugewinnen.
Doch reicht das, um den brillianten Vorgänger zu überflügeln? Fest steht: Die hervorragende Qualität von Modern Warfare macht es dem Nachfolger schwer, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Die Fans wollen erneut eine spielerische, inhaltliche und grafische Revolution. Und nein, Infinity Ward kann diese nicht ganz erfüllen. Die Kampagne liefert zwar einige erstklassige Missionen, etwas mehr Länge und absolute Hochspannung, doch sie ist nicht so stilbildend inszeniert wie beim ersten Teil. Vielleicht stumpft man bei den ganzen Superlativen etwas ab. Vielleicht ist noch mehr Bombast und eine flexiblere Kampagne in der aktuellen Generation nicht möglich. Auf jeden Fall haben einige herausragende Missionen aus dem ersten Teil einen bleibenderen, prägenderen Eindruck hinterlassen.
Und auch beim Multiplayer regiert Stagnation auf hohem Niveau. Das bewährte System wurde sinnvoll ergänzt, im Detail verbessert und nahezu perfekt ausbalanciert. Das Endergebnis ist dadurch besser, als es im ersten Moment den Anschein hat. Schon nach kurzer Zeit stellt sich wieder die Sucht nach neuen Waffen, Ausrüstungsgegenständen und Fertigkeiten ein. Unfaire Stellen wurden ausgebügelt, die taktische Tiefe erhöht und die Identifikation der Spieler durch Embleme verstärkt. Nur auf individuelle Outfits, Clan-Unterstützung und Fahrzeug-Schlachten müsst ihr noch immer verzichten. Trotzdem ist der Mehrspielermodus von Modern Warfare 2 das Maß aller Dinge, auch wenn sich PC-Spieler mit Esport-Ambitionen den Kauf angesichts der fehlenden Mod- und Server-Unterstützung genau überlegen sollten.
Der ausschlagende Punkt, erneut eine 9 zu ziehen, ist aber der Spec-Ops-Modus. Nicht weil dieser außergewöhnlich gut geworden ist, sondern weil er die Kampagne und den VS.-Multiplayer hervorragend ergänzt. Die vielen spannenden Missionen mit einigen einmaligen KoOp-Momenten haben mich am Ende doch noch überzeugt. Der Vorgänger mag zwar bahnbrechender gewesen sein, doch Modern Warfare 2 liefert abseits der moralischen Debatte erneut ein einmaliges Paket aus einer brillant inszenierten Kampagne, einem unschlagbaren Multiplayer und einem erfrischenden Missions-Modus. Das reicht. Diesmal.
Call of Duty: Modern Warfare 2 erscheint am 10. November für PC, Xbox 360 und PS3.
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Call of Duty: Modern Warfare 2 im Test.
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