Gesamtwertung8/10 |
So um 1997 herum stand der Name WipEout für vieles: absolutes grafisches Muskelspiel, mehrere hundert Stundenkilometer schnelle Gleiter, harte Musik und vor allem: Waffen. Und was für welche! Wie in einem hirnlosen, aber lauten Science Fiction Film gab es zielsuchende Raketen, krachende Dreifach-Geschosse und nicht zuletzt mobile Erdbebengeneratoren, die die vor dem Spieler liegende Strecke aufschüttelten wie einen durchgeschlurften Kaufhausteppich. Erst aber, wenn man mehrere tausend Kilometer zu The Prodigys ‘Firestarter‘ über die Schleudertrauma-verursachenden Rundkurse geföhnt war, wusste man, dass man besser fuhr, wenn man die Waffen liegen ließ.
Heute, mit zwei, drei Haaren mehr auf der Brust, sehe ich WipEout vor allem als eines: das erste vom Bug bis zum Heck zu Ende gedachte Designstatement, das die Welt der Videogames hervorgebracht hat. Streckengestaltung, Gleiterkarosserien und sogar die Schriftfonts und Menüs verliehen WipEout seine ganz eigene, futuristisch-stimmige Ästhetik. An dieser Philosophie hat sich auch über zehn Jahre später nichts geändert. Sony Liverpool (ehemals Psygnosis) meißelt, schleift und poliert sein Vorzeigeprojekt wie ein besessener Bildhauer zur Perfektion. Die Ecken und Kanten aber, die dem Titel sein unverwechselbares Profil verleihen, bleiben dran und heben den stilvollen Future-Racer selbst über die kompetentesten Kopien weit hinaus. WipEout ist Synonym für harte Rennen in der Zukunft.
Das bedeutet natürlich auch, dass Pulse bisherige WipEout-Verächter – sofern es diese Gattung Videospieler überhaupt gibt – wohl kaum zu großen Fans umpolen wird. Denn WipEout Pulse ist unverkennbar der hauptsächlich technisch und in Sachen Connectivity aufgepeppte jüngere Bruder des mittlerweile zwei Jahre alten WipEout Pure.
Da es aber an der flüssigen und tadellos steuerbaren Hosentaschenvariante der Liverpooler Zukunfts-Formel 1 damals wie heute nichts auszusetzen gab, kann man diese Behauptung auch durchaus als Kompliment auffassen.
Der Reiz, seine Bahnen mit durchschnittlich 500 km/h über theoretisch gerade noch so denkbare Rundkurse zu ziehen und dabei beinahe Bondschen Superwaffensystemen auszuweichen, während links und rechts die Wettbewerber gnadenlos von den Banden geschreddert werden, ist bis heute ungebrochen. Aufregend, fordernd und beinahe hypnotisch wirkt auch Pulse, wenn man Meter um Meter, Runde um Runde die Streckenführung besser begreift und irgendwann richtiggehend überrascht ist, wie elegant man mittlerweile fast jeden der klug platzierten Beschleunigungspfeile erwischt.
Die zentrale Einzelspieler-Kampagne wurde hingegen einer Generalüberholung unterzogen. Im Laufe Eurer Karriere rast Ihr durch 16 Grids, die sich aus jeweils acht bis 16 Hexfeldern zusammensetzen. Jedes dieser Felder symbolisiert hierbei ein spezielles Event, das mindestens mit einer Bronze-Medaille bestanden werden muss, um die ringsum angrenzenden Rennveranstaltungen freizuschalten. Dabei ist es nicht zwingend erforderlich, aber ungemein motivierend, jedes einzelne Gitter in lückenlosem Gold erstrahlen zu lassen. Auch wenn die Reihenfolge der Rennen grob wählbar ist, erinnerte mich diese Karrierestruktur angenehm an Project Gotham Racing 2, das auf ähnliche Art und Weise ungeahnten Ehrgeiz in mir weckte.
Bei der Auswahl der Events wird man wenige Überraschungen feststellen. Es gibt einzelne Rennen mit oder ohne Waffen, gegen einzelne Gegner oder das volle achtköpfige Fahrerfeld, Turniere aus einer Reihe an aufeinanderfolgenden Einzelrennen sowie zwei verschiedene Rennen auf Zeit. Im klassischen Time Trial gilt es, eine feste Rundenzahl in einer gewissen Zeit zu schlagen, während „Speed Lap“ Euch für einige Runden auf einen Kurs loslässt, innerhalb derer Ihr eine gewisse Rundenbestzeit herausfahren müsst.
Neu ist der „Eliminator“-Modus – eine Art Deathmatch, in der der Spieler gewinnt, der in einer vorgegebenen Zeit die meisten Abschüsse vorweisen kann. Das endet nicht selten in zweistelligen Killcounts, da man in diesem Modus nicht, wie sonst üblich, aufgesammelte Waffensystem absorbieren darf, um seine Energieleiste wieder in den grünen Bereich zu retten.
Zu Beginn mag „Eliminator“ vielleicht etwas frustig sein, nach einigen Versuchen stellt es sich aber als einer der stärksten Modi in WipEout Pulse heraus. Hier beweist Sony Liverpool einmal mehr ein ausgesprochen gutes Gefühl dafür, wie man sein Spiel kommuniziert und wie eine vernünftige Lernkurve auszusehen hat.
Die Anordnung aller Events und regelmäßige Rennen über bekannte Kurse unter neuen Voraussetzungen lehren dem Spieler die nötige Streckenkenntnis, um auch in höheren Geschwindigkeiten zu bestehen. In letzter Konsequenz wird so auf geschickte und unterhaltsame Weise der bestmögliche Wipeout-Pilot aus dem Spieler heraus gekitzelt. WipEout Pulse ist spätestens ab Grid Nummer 5 alles andere als ein einfaches Spiel, nimmt aber die größten Mühen auf sich, damit der Spieler ihm gewachsen ist. Absolut vorbildlich!
Abseits der ohnehin schon tollen Rennen und der brachialen „Eliminator“-Kracherei findet man den vielleicht größten Spaß erneut in den „Zone“-Events. Hier wird ohne Waffen oder Gegner eine Tron-artig stilisierte Variante einer bekannten Strecke mit einem speziellen Gleiter gefahren. Dieser Prototyp beschleunigt unweigerlich und ohne Euer Zutun oder die Möglichkeit zu bremsen, von der niedrigsten bis zur höchsten Tempo-Klasse. Bis er schließlich den Kampf mit der Streckenbegrenzung verliert. Ziel ist, bis zu Eurem unvermeidbar explosiven Abgang eine gewisse Anzahl an Zonen zu durchfahren. Spieler mit chronisch schwitzigen Greifern wickeln für dieses Spektakel vorsorglich am besten ein ordentliches Stück Frottee um die Flanken ihrer PSP.
Das Design der zwölf Kurse lässt erneut nicht zu wünschen übrig. Ganz im Gegenteil: In Liverpool war man diesmal fest entschlossen, den feuchten Rennfahrerträumen aus dem 23. Jahrhundert noch eine Schippe Wahnsinn draufzulegen. Mithilfe der Mag-Strip Technologie – magnetisierten Streckenspuren – klebt Euer Schiff nun auch Kopfüber und in drastischen Seitwärts-Loopings auf der Strecke und trotzt an gewissen Stellen (aber nicht überall) selbst bei mächtigen Katzenbuckeln der Fliehkraft – doch keine Angst: Ihr habt immer noch mehr als genug Gelegenheiten, zu allerlei Freiflügen anzusetzen. Insgesamt bietet sich hier abermals eine tolle Mischung aus aufregendem Spektakel und exakt austarierter Streckenführung für passionierte Zeitfahrer.
Damit auch nach der (langen) Karriere der Adrenalinpegel nicht abflaut, gibt Euch Pulse im „Racebox“-Modus die Gelegenheit, mit wenigen Handgriffen eigene Grids und Events zu erstellen. Und auch zu acht online oder im lokalen Netzwerk sollte für jede Menge heiße Positionskämpfe gesorgt sein – unsere Version hat leider noch keine Server gefunden, doch das wird sich mit dem Launch sicher ändern. Dann soll es auch die Möglichkeit geben, eigene Schiffskins zu kreieren und ins Spiel zu importieren.
Auch in Anbetracht der blendenden Technik ist es wirklich schwer, WipEout Pulse irgendwelche Vorwürfe zu machen. Was auf diesen elf Zentimetern Diagonale passiert, ist schlicht konkurrenzlos. Wer den Launchtitel WipEout Pure immer noch zückt, wann immer es einen ahnungslosen Bekannten von der Power der PSP zu beeindrucken gilt, wird sein blaues Wunder erleben. Bildrate, Streckenbebauung, Explosionen und Transparenzen eines Pulse dürften selbst der PS2 noch gut zu Gesicht stehen.
Die drei, vier Gelegenheiten, zu denen man nach einem Abflug an einem Streckenteil ohne Begrenzung ungünstig wieder gespawnt wird, nur um gleich wieder mit der Nase zuerst in den Abgrund zu stürzen, sind kaum der Rede wert: Pulse ist das beste WipEout, das es derzeit zu kaufen gibt. Aufregend, giftig und doch vollkommen routiniert. Das mag zwar nicht besonders originell sein, aber was ist das schon dieser Tage?
WipEout Pulse ist ab dem 12. Dezember im Handel erhältlich.