Last Remnant

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Square Enix
Entwickler
Square Enix
Genre
RPG
X360: The Last Remnant

Gesamtwertung

6/10

X360: The Last Remnant

Weihnachten gehört nicht zu den Shintoistischen Festen, aber trotzdem hätte sich dieser Termin auch bei japanischen Softwareentwicklern bis jetzt herumsprechen müssen. The Last Remnant, das erste von Square Enix mit Fokus auf die ganze Welt entwickelte Spiel, scheint vom wichtigsten Verkaufsfest des Westens jedoch komplett überrumpelt worden zu sein. Schnell musste es auf den Markt. Egal wie. Entweder das oder man kam einfach mit der Unreal 3 Engine nicht so richtig klar.

Dabei steckt in The Last Remnant ein durchaus überwältigender Grad an Details in einem Design, an dem talentierte Künstler offenbar lange feilten. An den Basics hapert es aber gewaltig. Die Technik-Odyssee beginnt im gefürchteten Land der endlosen Ladezeiten. Die Wartezeiten von bis zu einer halben Minute wären dabei noch allein und für sich keine Katastrophe, in Verbindung mit der Häufigkeit, in der frisches Material in den Speicher geschaufelt werden muss, schon. Nicht einmal eine Zwischensequenz bewältigt das Spiel in einem Satz, ohne dass Ihr zwei oder drei der eher lieblosen Ladescreens über Euch ergehen lassen müsst. Und am Ende brachte es Euch gerade mal zehn nicht interaktive Minuten weiter.

Der Aufbau eines Areals dauert noch länger, für jeden einzelnen Kampf arbeitet das geräuschvolle Laufwerk auf Hochtouren und es gibt nur eine Rettung. Seit dem großen Upgrade des Dashboards lassen sich Spiele bekanntlich zur Geräuschmilderung und Temposteigerung installieren. Selbst 20 GB-Besitzer sollten die 6 GB investieren, um zumindest die aktuelle des zwei DVDs umfassenden Abenteuers flüssig(er) durchschreiten zu können.

Hand in Hand mit den Ladeproblemen geht das absurde, nachträgliche Liefern der Texturen. Sobald ein neuer Screen ansetzt oder das Szenario und Kameraposition in einer Szene wechseln, erscheint ein Anblick, der zeigt, wie Playstation 2 in HD aussehen würde. Erst nach ein paar Sekunden purzeln die zugegebenermaßen wirklich kunstvollen Texturen auf die Oberflächen, nur hat bis dahin der Eindruck der virtuellen Fantasywelt dummerweise schon deutlich gelitten.

Zwischen diesen Problemen leuchtet aber immer etwas durch, was Square Enix seit ihrem Meilenstein Final Fantasy VII in Perfektion beherrscht. Das bis ins letzte detailverliebte Design wartet mit allen positiven Merkmalen seiner Herkunft auf und wird das Herz jedes J-Rollenspielers erfreuen. Davon, dass Last Remnant nun aber besonders auf ein westliches Publikum getrimmt wurde, merkt Ihr, von den etwas weniger wilden Frisuren abgesehen, wenig. Klamotten, die kein normaler Mensch tragen würde, seltsame Fabelwesen leben in Eintracht in prachtvollen Highest Fantasy–Städten und das schon seit der letzten großen Katastrophe vor 1000 Jahren. Nein, niemand würde wohl The Last Remnant für etwas anderes als eine fernöstliche Produktion halten.

Und natürlich kriselt es in der Spielwelt gewaltig. Grund allen Zwistes und Basis aller Macht bilden die Remnants, Überbleibsel einer alten Hochkultur. Jedes dieser Artefakte hat spezielle Kräfte, sei es zerstörerische Kraft auf dem Schlachtfeld oder die Fähigkeit, in die Parallelwelt der heiligen Reiche zu gelangen. Um diese Macht zu nutzen, binden Menschen die Remnants an sich und nur ihnen allein steht dann die Kraft zur Verfügung. Und wehe, es käme zu einem Remnant-Krieg...

Ihr steigt wie gewohnt mit einem jungen, etwas nervig aufdringlichen Hitzkopf ein, der seine frisch gekidnappte Schwester aus den Klauen eines fragwürdigen Priesters retten will. Hinter diesem stehen natürlich noch finsterere Mächte, Euer Held findet Freunde, politische Intrigenspiele entfalten sich, Krieg bricht aus, der Welt droht schlimmstes Unheil. Das Übliche halt.

Und selbst wenn die Handlung auch nie wirklich aus den gewohnten Mustern auszubrechen vermag, zieht die Spannungskurve nach dem sehr herzlosen Start der ersten Stunden doch deutlich an. Nur dauert es viel zu lange, bis das endlich passiert und die lethargische Erzählweise hilft nicht dabei, echte Begeisterung für das Geschehen aufkommen zu lassen. Wie schlechte Schauspielschüler sprechen die Protagonisten ihre Sprüchlein auf und es braucht mitunter geschlagene fünf Sekunden, bevor die Gegenüber endlich die meist nach dieser Wartezeit eher enttäuschende Antwort geben.

Selbst kurze Geplänkel arten so zu einem Geduldspiel aus, das Euer Interesse am Fortgang schwer prüft. Und jede Art von Emotionalität wird auf diese Weise im Keim erstickt. Ob nun persönlicher Verlust oder großer Sieg, am Ende bleiben die Figuren in belanglosen Stereotypen stecken, aus denen sie nicht heraus können.

Und trotzdem solltet Ihr gut Acht geben, was gesagt wird, denn selbst mit allem so ausgiebig Erzähltem lebt Ihr mit einem ständigen Informationsdefizit. Eine Situation entfaltet sich vor Euch, neue Personen treten auf und jeder um Euch herum scheint zu wissen, was los ist. Nur Ihr steht ratlos daneben, kratzt ein paar Brocken zusammen, denkt Euch was dazu und kommt so auf ungefähr 60 Prozent der Wahrheit. Last Remnant reicht Euch den Rest meist irgendwann nach und am einfachsten lebt Ihr, wenn Ihr Euch schlicht mitnehmen lasst. Alles wird sich schon irgendwie ergeben.

Ihr habt vielleicht keine Macht über Euer Schicksal, dafür lässt man Euch beim Kampf ziemlich freie Hand. Last Remnants Kampfsystem gibt sich so erstaunlich frisch, dass einige Erklärungen dazu nötig sind. Das Herzstück bildet hier nicht der einzelne Charakter oder ein einsames Monster. Stattdessen werden Gruppen aus einer bis fünf Figuren gebildet, die Ihr mit einem einzigen Befehl in dem Rundenkampfsystem dirigiert. Die Zusammenstellung einer solchen Gruppe – Union genannt – bleibt Euch komplett überlassen und dank eines stattlichen Pools von Charakteren unterschiedlicher Ausrichtungen in Bezug auf kämpferische und magische Talente, sind die Möglichkeiten vielfältig.

Den für jede Union unumgänglichen Anführer rekrutiert Ihr aus den wichtigen Figuren oder bei der lokalen Heldengilde. Einfache Soldaten halten anschließend als Füllmaterial her. Zu Beginn einer Kampfrunde wählt Ihr für die Union eine Aktion aus, die mehr eine generelle Richtung angibt und weniger einen sehr spezifischen Befehl. Eine ganz detaillierte Verteilung der Befehle ist nicht vorgesehen und prinzipiell werden Euch in den allermeisten Fällen sowieso alle sinnvollen Kombinationen geboten.

Ob und gegen welche Feinde Ihr antretet, bestimmt Ihr selbst. Man verzichtete glücklicherweise auf Zufallsbegegnungen und alle Monster wandern gut sichtbar herum. Sollte Euch die Herausforderungen einer Gruppe nicht reichen, dürft Ihr die Zeit verlangsamen, Gegnergruppen markieren und dann im Pulk attackieren. So entstehen später schnell Kämpfe von 50 oder mehr Kontrahenten auf dem Feld, die Euch wesentlich mehr Upgrades einbringen.

Sobald der eigentliche Kampf beginnt, werden die Unions auf dem

Schlachtfeld verteilt und stehen zunächst für sich herum. Ihr wählt

aus, mit welcher Einheit Ihr gegen welche Gegnergruppe in den so

genannten „Deadlock" gehen wollt. Eure Truppe stürmt auf den gewählten

Feind und beide Gruppen kümmern sich exklusiv umeinander. Schickt Ihr

noch eine weitere Union zu den gleichen Monstern, wird diese einen

Flankenangriff ausführen und ohne Gegenwehr attackieren. Relativ

unwichtig ist dabei die absolute Positionierung der Einheiten, die Ihr

auf einer kleinen Karte seht. Angriffe in den Rücken scheinen sehr

selten und eher willkürlich aufzutauchen und bewusstes Positionieren

ist nicht möglich. Eigentlich dient das Ganze auch mehr dazu, den

Überblick über die Gesamtzahl der Einheiten zu behalten und wer gerade

mit wem im Deadlock feststeckt.

Das klingt jetzt alles vielleicht ein wenig taktischer, als es sich dann ausspielt. Nach ein paar Dutzend Kämpfen wird Euch klar, dass Ihr hier einen recht normalen Rundenschlagabtausch führt. Die eigentlichen Aktionen der Unions unterscheiden sich wenig von dem gewohnten Runden-RPG-Mustern. Von den Möglichkeiten der Zusammenstellung der Unions und den Nahkampfkonstellationen geht aber viel Reiz aus und selbst wenn das System noch nicht bis ins Letzte seine Möglichkeiten auszuschöpfen scheint, macht es doch Spaß, endlich mal einen neuen und gelungenen Ansatz in einem JRPG spielen zu dürfen. Leider muss man aber auch anmerken, dass der Kampf vor technischen Problemen nicht gefeit ist. Häufige Slow-Downs, Einblendungen von Monstern, die schon längst zu sehen sein sollten und Ruckler zeigen sich zu häufig, um den eigentlich guten Eindruck des Geschehens unbefleckt zu lassen.

Ein schwerer Schlag für Traditionalisten dürfte der Verzicht des direkten Einsatzes von Items im Kampf sein und dass Ihr nicht seht, was sich an Kräutern noch im Gepäck befindet, ist ein echter Makel. Die Benutzung wird Euch im Rahmen der Aktionen angeboten, eine eigene Verwaltung dafür gibt es nicht. Außerhalb der Schlachten sammelt Ihr allerdings jede Menge an Bausteinen für tolle Gegenstände und könnt Euch diese bei diversen Händlern zurecht schmieden lassen.

Das Speichersystem zeigt sich eigentlich großmütig, schließlich dürft

Ihr, zumindest außerhalb eines Kampfes, wirklich überall einen der 50

Spielstandslots nutzen. Aber wehe, Ihr vergesst das. Das System setzt

auf reine Handarbeit und verzichtet komplett auf Rücksetzpunkte oder

Auto Save-Features. Denkt also besonders in den oft langen und

langweiligen Dungeons daran. 90 Prozent der Monster sind hier keine

echte Gefahr und Ihr schnetzelt Euch achtlos durch. Bis zu dem Punkt,

an dem eine Attacke schief geht und Ihr in den letzten 45 Minuten Eures

Lebens nichts vollbrachtet, als älter zu werden. Das sorgt nicht

unbedingt für Spannung, ganz sicher aber für denkwürdige Frustmomente.

Das Kampfsystem in The Last Remnant bietet viele gute Ansätze und ich hoffe wirklich, dass Square Enix dies in weiteren Spielen nicht aus dem Blick verliert und noch verfeinert. Gute Ansätze reichen aber beim besten Willen nicht aus, um die teilweise gravierenden Schwächen auszugleichen und hier das Next Big Thing zu schaffen.

Die Handlung dümpelt nicht zuletzt dank stereotyper Charaktere belanglos nett vor sich hin und gewinnt erst viel zu spät an Fahrt. Die technischen Probleme reduzieren sich durch die Installation auf der Festplatte ein wenig, nur müsst Ihr selbst dann noch ein Auge mehr zudrücken als Ihr habt, um das Gesamtergebnis als gut bezeichnen zu können. Hübsches Design hin, epische Kulissen her. Am Ende bleibt eine angesichts der angestrebten Innovationen gut gemeinte, aber letztlich nur sehr leicht überdurchschnittlich gelungene Rollenspielerfahrung.

The Last Remnant ist ab sofort für Xbox 360 zu haben. Deutsche Sprache gibt es nur in Form von Untertiteln, dafür habt Ihr die Wahl zwischen einer ordentlichen englischen Vertonung und der japanischen Originalspur. PC und PS3 Versionen sollen in 2009 folgen.

 

 

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