Gesamtwertung8/10 |
Zwei Dinge zeichnen einen Geheimtipp aus. Erstens: Ein Geheimtipp muss ein gutes Spiel sein. Sonst wäre er ja kein Tipp. Zweitens: Ein Geheimtipp muss auch unbekannt, verkannt oder ignoriert sein beziehungsweise werden. Sonst wäre er ja nicht geheim. Beides scheint auf den neuen Wii-Titel Little King´s Story zuzutreffen. Daher machen wir uns mal flott ans Werk, um Little King´s Story schnell aus dem Geheimtipps-Ghetto ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu zerren. Denn Aufmerksamkeit verdient diese clevere Aufbau-Strategie-Mischung allemal.
Entstanden ist Little King´s Story in der Entwickler-Hexenküche von Cing, einem kleinen japanischen Team, das Adventure-Fans vor allem durch den eher öden PS2-Titel Glass Rose und die schon weit besseren DS-Abenteuer Another Code und Hotel Dusk bekannt ist. Und da Cing beim Zusammenbrauen von Little King´s Story doch ziemlich Genre-Neuland betritt, hat man sich einfach ein paar ausgesprochen hochwertiger Zutaten und Kniffe bedient.
Das Rezept hat sich wohl in etwa so gelesen: „Man nehme eine stattliche Portion Pikmin und gebe einen Hauch Aufbaustrategie Marke Die Siedler dazu. Das Ganze verrühre man sorgfältig mit einem halben Messbecher Harvest Moon und lässt es eine Nacht auskühlen. Vor dem Servieren garniere man sein Spiel noch mit einem kleinen, aber spürbaren Hauch Animal Crossing - und voilá, die Spieler werden begeistert sein!“. Und tatsächlich: Cings Spielspaß-Rezept geht wunderbar auf und erweist sich als ausgesprochen willkommene Ergänzung für jedes Spieleregal.
Als junger König eines mit drei Beratern, zwölf Bewohnern und ein paar Kühen anfangs ziemlich überschaubaren Landes, habt Ihr eine große Aufgabe vor Euch. Es ist nicht damit getan, für Frieden und Wohlstand Eures Volkes zu sorgen, oh nein! Kaum ist die erste kleinere Hürde, der dramatische Kampf gegen eine grause Dämonenkuh gemeistert, steckt Euch Berater Hauser endlich das wahre Ziel: Nicht mehr und nicht weniger als die Weltherrschaft steht in Little King´s Story zur Debatte!
Und ist dieses Ziel erst einmal etabliert, dann hält auch der richtig große Spielspaß Einzug. Alles, was vor dem Kampf gegen das teuflische Hornvieh passiert ist, erweist sich als behutsames Tutorial – wie kommt der kleine König an Geld für die Staatskasse, wie macht man aus faulem Volk fleißige Untertanen, wie wird man mit bissigen Monsterschnecken- und Pilzen fertig... All diese Talente und dieses Wissen werdet Ihr nun brauchen, steht doch der Kampf gegen den Teufelskönig bevor. Denn der grimmige Monarch hält einen Großteil der Welt, die ja eigentlich Euch zusteht, besetzt.
Doch bevor es zum Showdown gegen Euren Erzfeind kommt, gibt es viel zu tun. Als König habt Ihr noch ein paar mehr Aufgaben, als nur die glorreiche Armee von Sieg zu Sieg zu führen. Zunächst einmal braucht Ihr ein glückliches Volk. Das erreicht Ihr, indem Ihr Euch fröhlich unter die Untertanen mischt und mit ihnen einen Plausch haltet. Intelligentes haben sie selten zu erzählen, die Aufmerksamkeit wird aber honoriert.
Und dann gilt es, eine Truppe von Spezialisten heranzuzüchten. Errichtet entsprechende Gebäude, um darin das Volk für bestimmte Berufe auszubilden. Bauern sind beispielsweise besonders gut im Graben, Knappen können herumstreunende Monster verhauen. Handwerker bauen Rampen und Brücken, um neue Teile des Landes zu erreichen. Und Holzfäller, die, nun ja, zerhacken alles, was ihnen unter die Axt kommt und bringen damit Rohstoffe und auch Geld in die königlichen Lande.
Habt Ihr eine gute Truppe am Start, sammelt Ihr die benötigten Spezialisten um Euch und zieht in klassischer Pikmin-Manier durchs Land. Genau wie Knollennase Olimar treibt auch der kleine König seine Gefolgschaft durch einfaches Werfen auf das Zielobjekt zur Arbeit an. Anfangs führt Ihr dabei gerade einmal fünf Untertanen ins Feld, mit fortlaufender Spieldauer werden das aber mehr und mehr.
Die clevere Verzahnung der einzelnen Spielelemente ist es dann auch, die dem Spiel über gelegentliche Ereignis-Engpässe hinweg hilft. Immer, wenn Ihr glaubt, Ihr habt alles gesehen und ausprobiert, gibt Euch Little King´s Story ein neues Spiel-Element, eine neue Klasse, oder eine neue Aufgabe, die wieder das Interesse weckt und für einen frischen Schub Motivation sorgt. Hier ist noch Geld übrig, um ein oder zwei neue Wohnhäuser zu basteln, da könnte man wieder einmal mit einem Trupp Bauern auf Schatzsuche gehen und in der Vorschlagbox Euer Untertanen warten schon wieder zwei neue Quests. Viel zu tun für einen so kleinen König.
Bei der Präsentation ließ sich Cing nicht lumpen. Die Grafik ist ebenso detailliert wie liebevoll, die kunterbunten Szenarien, die witzigen Untertanen und das ausgesprochen stimmige und ziemlich niedliche Art-Design des Spiels holen einiges an Leistung aus Nintendos kleiner Konsole heraus. Aber neben der Technik überzeugt vor allem das Design. Missionen und Ziele werden an einer Kreidetafel erklärt, Zwischensequenzen kommen dank Kinderzeichnungs-Charme noch mal so witzig herüber.
Redet Ihr mit Eurem Volk, weckt das witzige Gebrabbel der Untertanen sofort Sympathie, besonders aber die Musik düdelt sich schnell ins Herz. Unter der Leitung von Yoko Shimomura, Komponistin des kommenden Final Fantasy XIII und der Kingdom Hearts-Serie, wurden so gut wie alle Gassenhauer der klassischen Musik neu eingespielt und arrangiert – anhaltende Ohrwürmer, die Ihr auch lange, nachdem Ihr die Konsole ausgeschaltet habt vor Euch herpfeift, sind bereits vorprogrammiert.
Eines muss ich Little King´s Story dann aber doch vorwerfen. Auch wenn die WiiMote-Nunchuk-Steuerung größtenteils griffig und einleuchtend ist, verstehe ich nicht, warum Cing sich gegen die offensichtlichste aller Steuerungs-Optionen entschieden hat: Ein Spiel wie Little King´s Story ist geradezu prädestiniert für eine Steuerung via Pointer-Funktion. Die hätte nicht nur in manchen Situationen für größere Genauigkeit gesorgt, auch ein entspannteres Spielgefühl wäre so ermöglicht worden. Es ist sehr schade, dass Cing sich nicht noch die Mühe gemacht hat, wenigstens eine optionale Kontrollvariante zu implementieren.
Aber das ist dann doch nur ein kleiner Schönheitsfehler im rundum überzeugenden Gesamtbild von Little King´s Story. All die Wii-Fans, die sich immer beklagen, es gäbe so wenig anspruchsvolle Software für ihre Lieblingskonsole, können jetzt guten Gewissens zugreifen. Denn auch wenn die niedliche Packung und der harmlose Titel zunächst nicht danach aussehen, ist Little King´s Story doch das große, komplexe Spielspaß-Gesamtpaket. Lang, clever, motivierend und liebevoll präsentiert. Cing liefert genau das Spiel, auf das anspruchsvolle Wii-Spieler gewartet haben.
Und jetzt liegt es an Euch, das Spiel und den Mut des Publishers, diesen Titel nicht nur überhaupt in Deutschland zu veröffentlichten, sondern ihn auch noch witzig und stimmig zu lokalisieren, entsprechend mit dem Geldbeutel zu würdigen. Jeder, der immer über billige Portierungen und uninspirierte Minispiel-Sammlungen gemeckert hat, der sollte sich Little King´s Story ganz oben auf die Einkaufsliste setzen – solche Spiele sind es, die es auf Wii immer noch viel zu selten gibt.
Litte King´s Story ist für Wii im Handel erhältlich.
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