Gesamtwertung5/10 |
»Kaum bringt Blizzard ein neues Spiel raus, gebt Ihr auch schon automatisch Höchstwertungen.« Diesen immer wieder gern verbreiteten Vorwurf kennt jeder Spieletester schon seit sehr vielen Jahren. Die Antwort darauf ist immer dieselbe: »Falsch, es muss eher heißen: Kaum bringt Blizzard ein neues Spiel raus, setzt es auch schon Maßstäbe. Und zwar vor allem in Sachen Spielbarkeit und Spielspaß.« Woran das liegt? Nun, Blizzard erfindet keine Spielegenres, sondern trimmt Bekanntes bis zum Anschlag auf Perfektion.
Wie, warum ich im Loki-Test die ganze Zeit von Blizzard schwafle? Nun, weil die Verkaufsversion von Cyanides Actionrollenspiel bei Blizzard kein Releasekandidat gewesen wäre, sondern als frühe Betaversion (oder späte Alpha) die nächsten zwei bis drei Jahre rund geschliffen würde. Und dann gäbe es wahrscheinlich auch wieder Höchstwertungen.
»Mist, Du hast vergessen die Grafikoptionen raufzudrehen«. Das habe ich zumindest gedacht, als ich Loki das erste Mal gestartet habe. Ich hatte mir den schlagkräftigen Barbaren als Helden ausgewählt und stand plötzlich mitten in einer eckigen Eiswelt, die mich auf frappierende Weise an die ersten Spiele mit 3dfx-Karte erinnerte. Warum? Nun, die Texturen waren ein wenig rieselig, die ersten auftauchenden Monster und das Eis auf den Bergen sahen aus, als ob sie mit Klarlack besprüht worden wären. Ein schneller Blick in die Optionen aber offenbarte die grausige Wahrheit: Sämtliche Grafikverschönerungen waren bis zum Anschlag rauf geregelt. Besser würde Loki wohl nicht aussehen.
Zugegeben: Mit dem Start in der eisigen Wüste des Nordens hat man gleich eines der hässlichsten Gebiete des ganzen Spiels gesehen. Später wird es schon noch schöner, vor allem wenn mal etwas dickere Monster auftauchen, man die Wüste durchquert oder den deutlich schmuckeren Urwald am Amazonas. Aber trotzdem kann sich Loki mit der aktuellen Konkurrenz nun wirklich nicht messen. Kaum verständlich, warum diese Mittelmaßoptik beim Betreten eines neuen Levels jedes Mal ein paar Sekunden kräftig ruckt – und das auch auf einem schnellen Rechner mit viel Speicher (mehr als zwei GByte).
Das ist besonders blöd, wenn gleichzeitig mehrere Feinde meinen Helden attackieren. Denen macht das Rucken nämlich nichts aus und ehe ich mich versehe, ist mein Recke auch schon tot. Immerhin geht es danach geschmeidiger weiter, zudem ist der Rücksetzpunkt für wiederbelebte Helden ja genau am Startpunkt einer Karte. Strafen gibt’s dafür auch keine, also wollen wir diesen Fehler mal gnädig verzeihen.
Worum geht es eigentlich in Loki? Der böse Gott Seth wandelt wieder auf Erden und muss deshalb bekämpft werden. Mehr muss man eigentlich nicht wissen, bevor man mit einem der vier Helden los zieht. Neben dem Barbaren sind das der ägyptische Zauberer, die griechische Fernkämpferin und die aztekische Schamanin, die als Solorecke zur Auswahl stehen. Alle unterscheiden sich spielerisch sehr stark. So kann die Schamanin Lebewesen beschwören, die sie im Kampf unterstützen oder sogar Totenschädel als Blitzwerfer einsetzen. Der Magier hat von Anfang an einen teuflisch effektiven Flammenzauber parat. Die Griechin findet gleich zu Beginn einen Wurfring – schöne Grüße von Xenas Chakra.
Aber, und das ist Lokis Stärke, man ist nicht auf diese Kampfarten festgelegt. Wer mag, rüstet die anfänglich schwache Schamanin zur Muskelfrau hoch, die dem Barbaren auf die Dauer in nichts nachsteht. Der ist ein genauso talentierter Magier, wenn er nur immer brav Intelligenz- und Manapunkte spendiert bekommt. Ebenfalls sehr gut: Jeder der Helden startet in einem optisch und spielerisch anderem Gebiet. Man muss also nicht stundenlang mit dem Barbaren durchs ewige Eis ziehen, bevor man einmal die Wüste sehen darf.
Unterwegs gibt’s genretypisch natürlich mehr Gegenstände, Waffen und Rüstungen zu finden, als es Einträge im Münchner Telefonbuch gibt, die auf den Namen Huber enden. Das meiste davon ist aber Ramsch, der das Aufsammeln nicht wert ist. Allein Gold, Heil- und Manatränke lohnen sich. Und immer wieder gibt’s gute Rüstungen und Waffen, die teilweise von sehr unscheinbaren Gegner zurück gelassen werden. Die obligatorischen Kisten finden sich natürlich auch in Loki. Nur explodiert jede gefühlte dritte davon oder sie enthalten nun wirklich nur Schmodder.
Die einzige Ausnahme bilden Truhen, in denen sich Quest-relevante Gegenstände befinden. Die sehen auch anders aus als die Durchschnittskästen. Apropos Quests: Die Aufträge beschränken sich allesamt auf das übliche »Geh los und bring mir den Ring der gnadenlosen Langeweile« oder »Töte Fuchtelfred den Schröcklichen«. Auf dem Weg dahin lauern Legionen von Feinden, die aber, einmal weggeputzt, nie wieder auftauchen. Das wünscht man sich auch gar nicht, denn die Kämpfe sind dermaßen langweilig, dass mir beim Durchklicken immer wieder mal die Äuglein zugefallen sind.
Es passiert eigentlich immer dasselbe. Held läuft in größere Monstergruppe hinein. Die stürzen sich wie die Lemminge völlig hirnlos auf den Heroen. Jetzt ein paar Meter zurücklaufen, bis sich das Gegnerfeld auseinander zieht. Die dümmsten Feinde bleiben an Ecken hängen, mit dem Rest macht man per Fernzauber (den jeder Held schnell beherrscht) kurzen Prozess. Schafft es tatsächlich ein Bösewicht in Schlagreichweite, genügt ein Schlag mit der besten bis dahin gefundenen Waffe und schwups ist er im Reich der seligen Pixel.
So läuft man Karte um Karte ab durch die stets sehr gleich aufgebaute Welt. Laut Entwicklerangaben wird jede Karte bei jedem Neustart per Zufall generiert. Wer wie ich dadurch auf Abwechslung gehofft hat, liegt weit daneben. Denn fast alle Gebiete sind sehr klein, binnen zwei Minuten durchlaufen und entweder quadratisch oder länglich-rechteckig aufgebaut. Ab und zu merkt man, wie eine »neue« Karte nur die gespiegelte Version eines Levels ist, den man gerade absolviert hat. Die Gegner befinden sich auch per Zufall verstreut darin. Immerhin werden alle Feinde auf einer Art Radar angezeigt. Wer diese Infos zusammen mit der oben erwähnten Kampfmethode nutzt, durchläuft die Loki-Welt wie im Spaziergang. Und geht man doch mal hops, was soll’s? Binnen maximal zwei Minuten ist man vom Auferstehungspunkt bis zum Ort des letzten Todes gelaufen und kann weiter machen.
Optisch wird wie eingangs erwähnt bestenfalls sehr, sehr durchschnittliche Kost geboten. Immer wieder mal stört fieses Clipping in den Zufallslevels. Richtig hässlich sind die Menüs, die größtenteils auf optische Elemente verzichten und stattdessen Klartext bieten. Das mag übersichtlich klingen, es sieht nur wirklich wäh aus. Und den, seit World of WarCraft eigentlich üblichen automatischen Vergleich von getragenem zu neuem Equipment, gibt es schlicht und ergreifend nicht.
Die Landschaftstexturen sind äußerst verwaschen, einzig die Helden sehen ordentlich aus, wenngleich deren Animationen ganz schön holprig sind. Apropos holprig: Die Steuerung ist alles andere als präzise. So reagiert mein Held nur sehr träge auf den Befehl zum Rückzug, und immer wieder mal schlägt er neben die Gegner. Zum Glück sind die Feinde reichlich dumm und keine Herausforderung. Wodurch das Steuerungsmanko schon fast wieder ausgeglichen wird.
Wer mag kann im Internet mit bis zu fünf Freunden die Kampagne gemeinsam spielen, allerdings muss dafür ein eigener Charakter angelegt werden. Der Held aus der Solokampagne darf nicht verwendet werden. Es gibt aber auch Arenakämpfe gegen andere Spieler und sogar eine Weltrangliste.
Loki ist das derzeit schwächste Action-Rollenspiel. Das liegt vor allem an der schwachen Grafik. Aber auch die mäßige Steuerung und die ewig gleichen Levels haben mir so überhaupt keinen Spaß gemacht. Im späteren Spielverlauf kommt durch neue Zauber und Fähigkeiten etwas mehr Abwechslung ins Spiel. Aber mit einem Titan Quest oder gar dem uralten Diablo 2 kann sich Loki trotzdem absolut nicht messen. Dazu ist die Gegner-KI zu schlecht, die Kämpfe zu öde.
Wie eingangs erwähnt: Ganz viel Feintuning à la Blizzard hätten Loki retten können. So aber bleibt es nur eins von vielen Action-Rollenspielen, das man im nächsten Monat bereits vergessen hat.
Loki ist bereits im Handel erhältlich.