Hour of Victory

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Midway
Entwickler
nFusion Interactive
Genre
Shooter

Gesamtwertung

4/10

X360: Hour of Victory

Meine sehr verehrten Leser- und Leserinnen,

willkommen zu unserer Therapiesitzung zum Thema „Vertrauen“. Heute wollen wir darüber sprechen, warum es falsch ist, bei den Spielern erst mit allerlei leeren Versprechen falsche Hoffnungen zu wecken und dann am Ende einen unfertigen Titel abzuliefern. Dabei ist es übrigens egal, ob die Schuld beim Entwickler oder beim Publisher liegt. Meistens tragen beide ihren Teil dazu bei, dass ein Spiel in einem solchen Zustand auf den Markt geworfen wird.

Als Beispiel für einen solchen Fall nehmen wir den Titel Hour of Victory, über den wir zuvor ausführlich berichtet

jede Menge Verbesserungen versprochen haben. Leider wurden diese in der Vollversion nur ansatzweise erfüllt und das Spiel wirkt nahezu über die gesamte Spielzeit wie eine Beta-Fassung. Doch bevor wir zu einem abschließenden Urteil über unserer Patienten kommen, fassen wir erst einmal die ganzen Aussagen zusammen und analysieren hinterher die harten Fakten.

Die Versprechungen: Shooter, Zweiter Weltkrieg, Unreal Engine 3

In der ersten Präsentation wurden vor allem die drei unterschiedlichen Spielfiguren samt ihrer individuellen Fähigkeiten hervorgehoben. Ein internationales Team von Spezialisten soll bei Hour of Victory den Bau der deutschen Atombombe verhindern und die Drahtzieher dingfest machen. Das erste Mitglied, der Brite Ranger Lt. Ross, verfügt über die beste Konstitution und genug Kraft, um schwere Gegenstände aus dem Weg zu räumen. Der amerikanische Commando Major Ambrose Taggert besitzt ein Kampfmesser, mit dem er ohne Geräusche Gegner tötet, sowie die Fähigkeit Türen zu knacken. Komplettiert wird das Trio durch Sgt. Calvin Blackbull, der als einziger Scharfschützengewehre benutzen und an bestimmten Stellen Gebäude herauf klettern kann.

In der Vorabversion gab es zudem spezielle Abschnitte, an denen man zwischen den drei Charakteren wechseln konnte, dadurch sollte man in jedem Level-Bereich anders vorgehen können.

Ein weiteres Key-Feature sollte laut den Entwicklern eine hoch entwickelte Künstliche Intelligenz sein, die durch Offiziere auf dem Schlachtfeld auch zu komplexen Squad-Taktiken fähig ist. Flankieren, Feuerschutz und massierte Angriffe sollten den unterschiedlichen Taktiken Substanz verleihen und den Spieler zum Einsatz unterschiedlicher Charaktere zwingen.

Auch bei der Grafik schien dank der Unreal Engine 3 und detaillierten Texturen alles nach Plan zu verlaufen. Umfangreiche Physik-Elemente, ein offenes Spielfeld und prächtige Effekte waren ein wichtiger Bestandteil der angestrebten Spielerfahrung. Selbst in den Fahrzeugabschnitten wollten die Entwickler weg von gescripteten Ereignissen und einer linearen Levelstruktur. Ohne Probleme konnte man aus dem Fahrzeug aussteigen und den Level zu Fuß abschließen. Abgerundet durch einen groß angelegten und abwechslungsreichen Multiplayer-Modus eigentlich ein perfekter Weltkriegsshooter.

Die Fakten: Fehlende Features, schwankende Grafikqualität, unfaire Rücksetzpunkte

Leider gelang es den Entwicklern von n-Fusion nicht, die Versprechen aus der Präsentation und dem Interview einzuhalten. Zum Teil wurden einige Schlüssel-Elemente des Gameplays auf den Haufen geworfen oder nur unvollständig integriert. Ein drastisches Beispiel: Die Charakter-Auswahl innerhalb der einzelnen Level wurde herausgeschnitten. Stattdessen darf man zu Beginn jedes Abschnitts, und nach dem eigenen Ableben, eine andere Figur auswählen.

Der erste Level wurde dazu einfach in kleine Teile zersäbelt, um so einen ständigen Wechsel zu ermöglichen. Im weiteren Verlauf ist man entweder bei Spezialmissionen auf einen Charakter festgelegt oder muss bis zum Level-Ende beim gewählten Charakter bleiben.

Da passt es wie Faust auf Auge, dass die Unterschiede zwischen den Charakteren minimal sind. Gerade Taggert ist in den meisten Abschnitten nutzlos, da seine Abkürzungen nur geringe Vorteile bringen und seine Stealth-Vorgehensweise bei schwer bewachten Zielen vorne und hinten nicht funktioniert. Abgesehen von den Spezialmissionen fährt man mit Lt. Ross am besten, weil dieser in den harten Gefechten am meisten aushält. Schön gelöst ist das Recover-System, dass dem Spieler nur dann wieder volle Lebensenergie zurück gibt, wenn er steht. Das erzeugt Spannung und sorgt immer wieder für nötige Verschnaufpausen.

Bei der großen Anzahl von Gegnern ist dies auch dringend notwendig. Leider entschied sich n-Fusion für das oft sichtbare Auftauchen von Gegnern mitten im Level. Da werden gegnerische Soldaten direkt vor die eigene Nase teleportiert oder in einen gerade frei geräumten Raum. Taktisches Vorgehen wird dadurch nahezu unmöglich, weil man ständig eine Salve in den Rücken bekommt.

Immerhin verhalten sich die Soldaten einigermaßen intelligent und sorgen durch ihr gutes Deckungsverhalten, ihre erstaunliche Treffsicherheit und den geschickten Einsatz von Handgranaten ständig für fordernde Feuergefechte. Nur manchmal hat die Künstliche Intelligenz einen Aussetzer und die schwach animierten Gegner reagieren erst bei direktem Beschuss. Die geplanten Squad-Taktiken sind aber dem Rotstift zum Opfer gefallen. Erschwerend kommt hinzu, dass es kaum Rücksetzpunkte gibt. So kommt es häufig vor, dass man auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad immer wieder den gleichen Levelabschnitt beackern muss, um voran zu kommen.

Auch die Grafik überrascht mit ihren zum Teil extrem hässlichen Texturen und ausdruckslosen Gesichtern. Es ist erstaunlich, wie es den Entwicklern gelungen ist, mit so einer mächtigen Grafikengine so viel Pixel-Krampf zu produzieren. Ständig werden Texturen zu spät in den Speicher geladen und Körper im Mauerwerk platziert. Besonders hässlich präsentiert sich das zerstörte Berlin. Gleichförmige Texturen und langweiliges Level-Design verwandeln die Next-Generation-Grafik in eine komplette Katastrophe. Nur in wenigen Abschnitten kann der Titel dank seiner Tiefenunschärfe und einigen erträglichen Bauten seinem Anspruch gerecht werden.

Leider enttäuscht Hour of Victory auch in den Fahrzeugsequenzen und im Mehrspielermodus. Das Aussteigen aus den Panzern ist gleichbedeutend mit dem eigenen Todesurteil. So quält man sich mit den Stahkolossen durch die Schlauchlevel und freut sich, wenn man endlich wieder zu Fuß unterwegs ist. Der Mehrspielermodus dagegen ist momentan nahezu unspielbar. Verbindungsabbrüche und leere Server machen die Partien zur Qual. Ohne Patch wird sich daran vermutlich auch in Zukunft nichts ändern. Ein Trauerspiel!

Hour of Victory ist Enttäuschung pur. Die Versprechen aus der Vorschau wurden nicht eingehalten und ein Großteil der Key-Features stark beschnitten. Das Spiel wirkt von vorne bis hinten unfertig und hätte noch monatelanges Feintuning benötigt, um als echter Hit-Kandidat ins Rennen zu gehen. Die vorhandenen Ressourcen wurden nicht ausgenutzt und am Ende sind die Käufer die Leidtragenden. Dies erfordert ein hartes Urteil, auch wenn einige Elemente immer wieder zum Weiterspielen antreiben.

Vor allem die Künstliche Intelligenz und die fordernden Feuergefechte sorgen in Kombination mit einer gesunden Portion Masochismus für eine skurrile Art von Motivation, sodass der Titel trotz dem gebrochenen Vertrauen zumindest eine Mindestpunktzahl verdient. Wirklich hart gesottene Spieler, die das Szenario lieben, sollten zumindest einen Blick darauf werfen. Falls sie dann am Ende sowohl die harten Gegner als auch die vielen Bugs bezwungen haben, kann sie in der Videospiel-Welt so schnell nichts mehr schocken.

Seitdem 29. Juni kann man dank Hour of Victory auf der Xbox 360 die eigene Leidensfähigkeit testen.

 

 

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