Gesamtwertung7/10 |
Stuntman Ignition hat etwas von einem Tag in der Schule: Man geht aufgrund früherer Erfahrungen leicht skeptisch hin, findet es aber nach der Ankunft eigentlich doch ganz angenehm. Dann wird alles Mögliche mühsam wiederholt und auswendig gelernt, bis man es hoffentlich perfekt beherrscht, und schließlich steht eine Klausur an, um seine Leistung zu bestätigen. Danach macht man sich mit einem guten Gefühl wieder auf den Weg nach Hause - es sei denn, der Lehrer war mit dem Gezeigten aus nicht nachvollziehbaren Gründen unzufrieden. Was zum Glück allerdings selten vorkommt, wenn anständig vorgearbeitet wurde.
Abgeschreckt? Nicht doch. Denn im Prinzip macht Stuntman Ignition eine ganze Menge Spaß.
Zu verdanken ist das nicht zuletzt der ungewöhnlichen wie unverbrauchten Ausgangssituation: Ihr verkörpert einen begabten Fahrer, der Stunts in Hollywood-Produktionen absolviert, die den echten Schauspielern zu gefährlich sind. Insgesamt sechs verschiedene Filme stehen im Spiel zur Auswahl, allesamt realen Blockbuster nachempfunden. Aftershock etwa dreht sich um einen Vulkanausbruch im Stile von Dante's Peak, Night Avenger orientiert sich stark an Batman, Never Kill Me Again bedient sich eindeutig bei dem letzten James-Bond-Streifen mit Pierce Brosnan, und so weiter.
Davon abgesehen hat das Spiel mit der Realität jedoch nicht viel gemein, setzt sich doch jede dieser Produktionen aus sechs Szenen zusammen, deren Länge im Schnitt bei zwei bis drei Minuten liegt. Würde man so nie drehen, aber macht natürlich mehr Spaß, als alle paar Sekunden unterbrochen zu werden.
Das wirklich Herausragende ist ohnehin, dass diese sechs Filme es den Entwicklern erlauben, Euch die unterschiedlichsten Szenarien aufzutischen, ohne drumherum eine blöde Story stricken zu müssen. Ihr seid halt einfach ein aufstrebender Fahrer und das ist Grund genug, Euch mal durch eine düstere, vor Lava überquellende Bergstadt zu hetzen, mal ins bunte San Francisco oder in die tiefste Wüste oder in eine kühlblaue Eislandschaft zu schicken. Zu Beginn gibt's jeweils eine kurze Einweisung vom Regisseur und Stunt-Koordinator, der die wichtigsten Elemente kurz erläutert, bevor Ihr hinter's Steuer dürft. Hierbei wird Abwechslung übrigens ebenso groß geschrieben, lenkt Ihr doch neben gewöhnlichen Autos sowie Motorrädern beispielsweise träge Geldtransporter, lahme Lastwagen und schwere Militärfahrzeuge.
Die Stunts, die es zu bewältigen gilt, sind im Wesentlichen dennoch stets die Gleichen: Knapp an Explosionen vorbeifahren, gerade so eben auf zwei Rädern durch eine sich schließende Lücke rasen, wild um enge Kurven driften, manchmal Kollisionen mit anderen Fahrzeugen in Kauf nehmen oder atemberaubende Sprünge über Abgründe wagen.
Was Ihr an welcher Stelle machen müsst, teilt Euch das Spiel auf zwei Arten mit: Zum einen durch selbsterklärende Symbole in der Umgebung, die Euch stets den Weg weisen, zum anderen durch kurze akustische Anweisungen: "Scharfe Rechtskurve!" oder "Triff die Rampe!" heißt es da. Beides ist bitter nötig, denn meistens müsst Ihr innerhalb von Sekundenbruchteilen erkennen, wie sich der nette Herr Regisseur den weiteren Verlauf der Szene vorstellt.
Seinen Anspruch bezieht Stuntman Ignition also nicht etwa daraus, dass die Fahrzeuge schwer zu kontrollieren wären und Euch die Stunts technisch viel abverlangen würden - im Gegenteil: Die Steuerung geht bestens von der Hand, ist simpel, und das Fahrverhalten dank einer glaubwürdigen Physik bestens einschätzbar. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, die mit der Zeit immer komplexer werdenden Choreographien zu meistern. Und das bedeutet in erster Linie: Auswendig zu lernen. Denn selbst wenn Ihr ein Genie am Gamepad seid und Euer Auto perfekt um jede Kurve schlittern lasst, ist es beim besten Willen nicht möglich, jede Szene beim ersten Anlauf auch nur zu beenden.
Das ist überraschenderweise jedoch absolut nicht als Kritikpunkt zu verstehen, weil es im Gegensatz zu anderen Titeln sogar motiviert, eine Szene immer und immer wieder anzugehen. Zum einen, weil immer so viel auf dem Bildschirm passiert, dass man beim ersten Mal bestenfalls die Hälfte mitbekommt. Zum anderen aber auch, weil das Spiel Euch für gute Leistungen belohnt und Ihr wirklich das Gefühl bekommt, etwas geschafft zu haben, wenn der Regisseur nach dem x-ten Take endlich zufrieden ist.
Ich gebe es gerne zu; das klingt seltsam. Für mich gibt es sonst kaum etwas Frustrierenderes bei einem Spiel, als einen bestimmten Abschnitt unzählige Male wiederholen zu müssen. Dass dieser Frust bei Stuntman Ignition im Gegensatz zum Vorgänger jedoch nicht auftritt, ist einem einfachen, aber genialen System zu verdanken: In jeder Szene dürft Ihr bis zu vier Stunts verhauen, bevor der Regisseur verzweifelt abbricht. Seid Ihr richtig schlecht, könnt Ihr die maximale Fehlerzahl sogar auf sechs erhöhen, so dass es erst beim siebten eins auf die Mütze gibt. Ihr müsst eine Szene also nicht auf Teufel komm raus perfekt vollenden - was sich allerdings auf Eure Bewertung niederschlägt.
Je mehr Fehler Ihr verursacht, desto weniger Punkte und desto weniger Sterne bekommt Ihr. Diese Sterne benötigt Ihr allerdings, um neue Filme freizuschalten, während sich eine neue Szene schon auftut, sobald Ihr die vorherige irgendwie durchfahren habt. So ermöglicht es Euch das Spiel, schwierigen Szenen zunächst gewissermaßen aus dem Weg zu gehen. Andererseits könnt Ihr Euch nicht durch das komplette Spiel mogeln, sondern müsst zumindest einen Teil der Einsätze perfekt abarbeiten. So soll es sein.
Bis hierhin alles ganz wunderbar also, und doch gibt es zwei, drei Haken, wegen derer man leider nicht von einem Spitzentitel sprechen kann. Das mit Abstand größte Ärgernis ist die an zu vielen Stellen unklare Bewertung von Stunts: Da überholt Ihr ein anderes Fahrzeug absolut sauber und bekommt trotzdem einen Fehler angekreidet. Da driftet Ihr wunderbar um die Kurve und doch meckert das Spiel. Da drückt Ihr wie bekloppt die Aktionstaste... und es tut sich einfach nichts. Absolut nervtötend ist das besonders dann, wenn sich die Fehler in Folge dessen summieren, da von einem Stunt häufig weitere abhängen, die dann ebenfalls schief gehen und eine Szene somit innerhalb von Sekunden in den Papierkorb befördern können.
Ein etwas kleineres Problem ist der Umfang: Die besagten sechs Filme (plus ein paar Bonuseinsätze in Stunt-Shows und Werbung) beschäftigen zwar eine Weile, aber letztendlich auch nur deshalb, weil man jede Szene eben so oft auf's Neue angeht.
Keine Frage, es steckt viel Aufwand in jeder Sequenz, dennoch wäre ein bisschen mehr nicht verkehrt gewesen - zumal man die Multiplayermodi kaum als brauchbar bezeichnen kann. Ebenfalls leicht enttäuschend: Die Trailer, die am Ende der Dreharbeiten zu einem Film über den Fernseher flimmern, sind komplett vorberechnet und enthalten somit keine echten Stunts von Euch. Verzeihlich, wäre aber ein nettes Geschenk gewesen.
Um zum Anfang des Artikels zurückzukommen: Stuntman Ignition hat etwas von einem Tag in der Schule und ob Euch das gefällt, müsst Ihr schon selbst entscheiden. Es erfordert viel Lernarbeit, ist dazu mehr eine actionreicher Reaktionstest denn ein Rennspiel und manchmal nicht ganz konsequent in der Benotung Eurer Leistung. Aber es motiviert, es sieht großartig aus, es ist abwechslungsreich und es wandelt perfekt auf dem schmalen Grad zwischen Herausforderung und Frustration.
Als Schulnote läge das wahrscheinlich im niedrigen Zweierbereich, aber wir rechnen bekanntlich ein bisschen anders und addieren noch fünf dazu. Macht dann: