Gesamtwertung6/10 |
Dieser erste "Test" wird nicht leicht. Denn Champions Online macht es einem nicht leicht, aber, und darüber ist ja in den letzten Monaten viel diskutiert worden, welches MMO tut das schon?
Dennoch, in den zehn Jahren, die ich mich jetzt mit MMOs auseinandersetze, hab ich nur selten ein so ambivalentes Spiel wie Champions auf der Festplatte gehabt. Für jedes tolle Feature hat es wiederrum eine unverzeihliche Schwäche. Es gibt Dinge, die sind genial. Und dann gibt es Sachen, die so offensichtlich Blödsinn sind, dass man ein bisschen innerlich stirbt, wenn man auf sie stößt. Und dann kann man wieder fliegend Monster mit Feuerbällen beschießen und alles ist vergessen.
Trotzdem: Die Ambivalenz bezieht sich diesmal nicht nur auf die konkreten Spielelemente. Ist ja alltäglich, dass ein Spiel gute und schlechte Ideen liefert. Die Kritik geht diesmal etwas tiefer. Champions Online ist nämlich schizophren. Warum und wieso, werde ich versuchen, auf den nächsten zwei Seiten zu erklären.
Aber zuerst die Einleitung. Champions Online ist das zweieinhalbste Superhelden-MMO von Entwickler Cryptic (nach City of Heroes und City of Villains) und fängt fantastisch an. Denn: man hat sich auf eine der großen Stärken der vorherigen Titel besonnen und ausgebaut. Und so ist der Detailgrad, mit dem der Character Creator ausgestattet ist, fast schon einen eigenen Test wert, alles andere würde bei dem Versuch seine ganze Tiefe in Worte zu fassen, kläglich scheitern.
Deshalb glaubt mir einfach, wenn ich sage, bei der Charaktererschaffung könnt ihr fast alles machen, was man sich in seinen wildesten Träumen nur vorstellen kann. Das gesamte Superhelden ABC. Von stylish bis absurd, von nachgemacht bis realistisch. Jeder, den man davor setzt, wird hier alleine unzählige Stunden verbringen, um wirklich das Letzte, das Beste und das Albernste für seinen zukünftige Helden herauszuholen.
Das wirkt natürlich im Spiel weiter. Immer wieder bleibt man stehen und wundert sich, schüttelt den Kopf und lacht laut, zuhause, alleine vor seinem PC. So treffe ich Agent 47 (aus Hitman) und Mr. Incredible aus dem Pixar Film The Incredibles. Ich teame mit übergewichtigen Batmans, mit Samuraischert-schwingenden Katzenfrauen, die mittels Feuerschuhen durch die Gegend fliegen. Totale persönliche Verwirklichung in einer ihrer genialsten Formen. Hier ist wirklich jeder Held eine wunderschöne, individuelle Schneeflocke.
Aber, so toll das ist (und es ist sehr toll), es hat zwei Probleme.
Das erste nenne ich mal philosophisch das Spore-Problem und damit meine ich nicht den Kopierschutz. Genau wie bei Will Wrights Evolutionsexperiment, kann auch bei Champions alles, was nach so einer zu tiefst kreativen Charaktererschaffung kommt, eigentlich nur enttäuschen. Denn egal wie hübsch oder häßlich, egal ob man nur einmal auf den Random-Knopf gedrückt hat oder sieben Stunden mühsam jedes Detail modelliert hat, auf das Spiel wirkt sich die Mühe nur bedingt aus.
Punkt zwei: Der Held, der am Ende rauskommt (egal ob cool oder lustig), ist fertig. Er sieht genauso aus wie er soll und hat genau die Power, die er hat. Er kann schon nach fünf Leveln fliegen (oder was auch immer ihr euch für eine der tollen Transportkräfte aussucht). Ihr könnt Feuerbälle schießen oder die Gegner mit zwei Pistolen über den Haufen knallen. Aber die klassische Heldenreise vom einfachen Bauern zum Superkämpfer findet weniger statt. Neues Equipment verstaut ihr einfach anonym in eurer Gegenstandsleiste und eure Werte verbessern sich. Vielleicht gibt es noch einen zusätzlichen visuellen Effekt im Kampf, aber das war's. Von außen seht ihr immer noch so aus wie in Level 1 bei genau 0 XP.
Die Gegenstandsleiste bringt uns wieder zu einer guten Idee. Jeder Held kann mit verschiedenen Builds ausgestattet werden. Einer zum Beispiel ausgelegt auf das Solo-Spiel, einer für Gruppenarbeit und so weiter. Diese Builds können mit einem einfachen Knopfdruck umgeschaltet werden, und zwar komplett. Um die Mechanik zu nutzen, bedarf es einer gewissen Planung, die aber zahlt sich aus. Ein Klick und man ist auf die meisten Kämpfe gut vorbereitet.
Und das bringt uns endlich zur Schizophrenität. Die Grundidee von Champions Online war von Anfang an klar: Actionspiel. Man verglich sich selber mit Konsolen-Prüglern wie Marvel Ultimate Alliance - mehr Casual, schnell zugänglich und so weiter. Auf den ersten Blick stimmt das beim Kampfsystem auch, es funktioniert über eine simple Mechanik. Ein Angriffs-Skill lädt einen Energiebalken auf, mit dieser Energie können dann andere, deutlich schlagkräftigere Fähigkeiten eingesetzt werden. Diese Fähigkeiten umfassen alles, was man dort erwartet. Schaden über Zeit, Betäubungen, nur eben im Comiclook, mittels Eisblöcken die Gegner einfrieren, Wirbelstürme, die sie festhalten.
Doch selbst wenn die Kämpfe einigermaßen schnell und kurzweilig sind, verhindert jede Menge anderer Ballast, dass man wirklich in das Spiel einsteigt. Beispiel Belohnungen. Man fliegt durch die Gegend, sieht ein paar Bösewichte und haut sie weg. Superhelden-Alltag. Doch schon in Level 10 bewegt sich der XP-Balken nicht mehr als zwei Pixel beim Besiegen eines gleichstufigen Gegners. Es lohnt sich also überhaupt nicht, einfach in die Menge zu fliegen und sich auszutoben.
Das führt wiederum dazu, dass man sich ausschließlich an Quests orientiert (hier sind die XP durchaus angemessen), und diese, wie mit einem Lineal gezeichnet, abarbeitet. Dadurch wirkt der Weg zum vermeintlichen Ziel des Maximal Levels aber extrem gerade. Das ist auch eigentlich kein Problem, denn die kleinen Episoden, in denen Geschichte erzählt werden, sind durchaus unterhaltsam mit schön übertriebenem Voice-Acting und abstrusen Plot-Ideen. Aber was ist, wenn man einen zweiten Helden heranzüchten will? Wozu ja die Genialität des Charaktergenerators voll einlädt. Vermutlich wird es ein einziges Superhelden-Deja Vu.
Doch vor allem wird man das Gefühl nicht los, dass sich das Champions Rollenspiel-System, das auf einem hier relativ unbekannten Pen-and-Paper-Regelwerk basiert, einfach nicht für das gewollte, schnelle Action-MMO eignet.
Angefangen bei verwirrenden Charakterwerten, die einem erst mal gar nichts sagen, bis hin zu dem Stufenaufstieg und dem Erhalt neuer Kräfte, der viel zu selten daher kommt. So sehr man das Äußere seines Charakters liebt, an seine innere Mechanik ist eher schwer ranzukommen. Das gilt auch für gefundene Gegenstände, also Loot. Mal abgesehen von der fast unverzeihlichen Abwesenheit einer einfachen optischen Hilfe, die einem angibt, wie viel der neue Gegenstand besser ist, wirken viele Sachen sehr ähnlich beziehungsweise deren Funktion ist einfach nicht klar. So erhält man zwar jede Menge neuer Tools, die Verwirrung, was sie denn jetzt eigentlich besser machen als vorher, wird man nie ganz los.
Dieses ganze hölzerne System gekoppelt mit der Tatsache, dass, egal wie sehr ich die Grafik herunter schraube, sie nie wirklich flüssig laufen will, negieren die Grundidee des Action-MMOs. Ein Super Character-Generator, ein gutes Kampfsystem mit bunten Effekten auf der einen Seite, ein unnötig umständliches Regelsystem, zu wenige deutliche Belohnungen und zu lineare Progression auf der anderen. So bleibt am Ende ein Action-MMO, das schwer zugänglich ist. Eben Schizophren.
Das ist natürlich nicht alles. Ich hab kein Wort über spezifische Builds verloren, über die verschiedenen Möglichkeiten der Spezialisierung. Was ist mit Pets? Was ist mit den Public Quests, den Achievements, dem PvP, dem Nemesis-System? Klar, jeder MMO-Test müsste eigentlich acht Seiten lang sein. Am Ende schreibt man das auf, was hängen bleibt, und die Essenz der ersten Tage ist hier irgendwo im Text versteckt.
Und auch wenn diese Essenz eher ernüchternd wirkt, reden wir hier immer noch über ein MMO. Das wird einem dann wieder bewusst, wenn man weiß, dass es schon am ersten Tag einen nicht ganz unerheblichen Patch gab. Die Reise für Cryptic geht ja gerade erst los, es gibt viel zu tun und der Patch zeigt, dass ihnen das bewusst ist. Aber die Wertung dort unten ist eben eine Bestandsaufnahme, ein Schnappschuss von dem, was man (ich) so denkt, wenn man sich hinsetzt und ein paar Abende Champions Online spielt. Und bis wir in zwei, drei Monaten den finalen Test online stellen, denke ich so darüber:
Champions Online ist ab sofort für den PC erhältlich. Das Datum für die Veröffentlichung der Xbox 360-Version lag gestern noch auf meinem Schreibtisch, ist aber heute von radioaktiven Mutanten geklaut worden. Achtung: In zwei, drei Monaten erscheint der finale Test.
Tauche ein in die Welt der Stars und bring Deine Fans auf der Bühne zum kochen. Neben Ruhm winkt einer der Megapreise im Gewinnspiel! zum Spiel...
Champions Online im Test.
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