The Beatles: Rock Band

Review
Plattform
Sony Playstation 2
PS2: The Beatles: Rock Band

Gesamtwertung

8/10

PS2: The Beatles: Rock Band

Wenn es um die Frage geht, ob Spiele eine Kunstform sind, bringen begeisterte Befürworter meist Titel wie Ico oder farbintensive Indie-Games ins Gespräch. Nie würde jemand auch nur einen Gedanken an die Musik-Sparte verschwenden. Bis jetzt zumindest. Denn bereits das Intro zu The Beatles: Rock Band ist das wohl wunderschönste, was meine Konsole in den letzten Jahren auf den Fernseher gezaubert hat.

Ihr beobachtet die stilvoll gezeichnete Band in einer kurzen Zusammenfassung wichtiger Auftritte, begleitet von ihrer eigenen Musik. Nach dem Konzert im Shea Stadium steigen die Jungs eine Rolltreppe nach oben. Die Tribünen im Hintergrund verblassen, der Refrain von „Here Comes The Sun“ wird eingeleitet und die matt gelben Anzüge der Beatles verwandeln sich in ihre typisch bunten Uniformen. Am leeren Ende der Treppe segeln die vier mit Regenschirmen gen Boden, während sich im Hintergrund das Farbspektakel des Jahrhunderts offenbart und zu einer Parade von Fabelwesen entwickelt. Wer hier nicht verzaubert vor dem Bildschirm sitzt, muss innerlich tot sein.

Und dies ist nur der Auftakt für ein wahrlich wunderbares Spiel, das der besten Band aller Zeiten voll und ganz gerecht wird, obwohl es im Grunde genommen nur ein etwas überarbeitetes Rock Band 2 darstellt. Noch immer spielt ihr auf den gleichen Plastikinstrumenten zu vorgegebenen Noten und versucht euer Können in den insgesamt 45 Liedern unter Beweis zu stellen. Der große Unterschied ist der Aufbau. Anstatt auf eine World Tour mit den Beatles zu gehen, verfolgt ihr in acht Kapiteln den historischen Verlauf der Band. Der Story-Modus startet also 1963 im Cavern Club, zeigt den berühmten Auftritt in der Ed Sullivan Show ein Jahr später und endet nach einer dreijährigen Studiophase schließlich auf dem Dach der Apple-Studios in 1969.

Die Prämisse ist simpel: Erledigt die vorgegebene Anzahl an Songs und ihr erreicht das nächste Stadium in der Beatles-Historie. Für gute Leistungen erhaltet ihr Videos, Fotos und Trivialwissen, das ihr nicht auf Wikipedia finden könnt. Die Stücke sind nicht wie sonst nach dem Schwierigkeitsgrad sortiert, sondern orientieren sich nach der jeweiligen Zeit. Im Cavern Club spielt ihr unter anderem „Twist and Shout“ sowie „ I Saw Her Standing“, die beide zu diesem Zeitpunkt auf dem ersten Album erschienen sind. In den Abbey Road Studios werdet ihr wiederum mit Liedern aus Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band konfrontiert, die dort aufgenommen wurden.

Diese Liebe zum Detail setzt sich konstant in allen Bereichen des Titels fort. Haben sich die beiden Guitar-Hero-Ableger nur auf das aktuelle Aussehen von Aerosmith beziehungsweise Metallica konzentriert, ging Harmonix einen Schritt weiter. Akribisch musste das Design-Team alte Fotos und Bildmaterial studieren, um die Fab Four mitsamt ihren Instrumenten für jede Phase originalgetreu zu gestalten. Zwar präsentiert sich die Band im typischen Rock-Band-Look, trotzdem sind alle Mitglieder in ihrem Aussehen sowie den Bewegungen authentisch verarbeitet. Dafür haben neben den beiden noch lebenden Beatles - Paul McCartney und Ringo Starr – auch Yoko Ono sowie George Harrisons Sohn Dhani Harrison gesorgt.

Die Schauplätze wurden allesamt perfekt im Spiel umgesetzt, was besonders die Bühne der Ed Sullivan Show zeigt. Da dieser Auftritt nur in Schwarz-Weiß gefilmt wurde, musste Harmonix erst ein seltenes Farbfoto aus den Archiven von Apple Corps auftreiben, damit sie den Gelbton des Hintergrundes richtig darstellen konnten.

Die visuellen Höhepunkte sind aber die Traumszenen, die während den Songs in den Abbey Road Studios gezeigt werden. Zu Beginn seht ihr die Beatles, wie sie ganz normal ihre Titel einspielen. Plötzlich verändert sich das eher langweilige Studio in einen knallbunten Hintergrund, der aus einem LSD-Trip stammen könnte. Natürlich immer passend zum jeweiligen Lied. So performt die Band zu „Octopus’s Garden“ auf einem Unterwasserriff.

Mein persönliches Highlight ist das Video zu „Sgt. Pepper / With a Little Help From My Friends“. Im ersten Teil seht ihr die Beatles in einem Pavillon spielen, umringt von einer üppigen Zahl an Fans, die fröhlich im Takt klatschen oder kreischend in die Luft springen. Während dem Umbruch zum zweiten Akt fährt die Kamera zurück und gibt den Blick auf einen riesigen Ballon frei, der den Pavillon mit sich in den Himmel zieht. Indes beginnt Ringo (der normalerweise den Mund geschlossen hält) zu singen und blickt als einziger in die virtuelle Kamera, als würde er den Spieler direkt ansprechen. In diesem Moment entwickelte sich eine starke Gänsehaut auf meinen Armen. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass ein Musik-Spiel mich so ergreifen könnte. Ich bin mir sicher, dass es anderen Beatles-Fans ähnlich ergehen wird.

Natürlich haben sich die Entwickler ebenso um das eigentliche Gameplay gekümmert. Wie oben bereits erwähnt, ist die Spielmechanik mit der von Rock Band 2 zu vergleichen. Jedoch gibt es ein paar Veränderungen. Unter anderem wurden die Drum-Fills komplett gestrichen. In den Vorgängern konntet ihr vor der Aktivierung des Overdrives immer eine Sektion frei von Noten spielen. Nun erscheint nur noch die letzte grüne Note, um den Modus einzuleiten. Einerseits ist es schade für alle Trommler, anderseits passt es wesentlich besser zu Ringos Stil.

Weitaus bedeutender ist hingegen die Einführung der Harmoniegesänge. Bis zu drei Leute können nun zum Mikrofon greifen und neben den restlichen Instrumenten ihre Stimmen zum Besten geben. Wer die wahre Beatles-Erfahrung ausleben möchte, besorgt sich Mikrofonständer dazu und spielt gleichzeitig Gitarre beziehungsweise Bass. Knapp die Hälfte der Lieder unterstützt das neue Feature. In mehreren Sektionen der Songs erscheinen drei Gesangspuren übereinander mit leichten Unterschieden in der Tonhöhe. Für einen reibungslosen Ablauf solltet ihr die Aufteilung besser vorher klären. Ansonsten erwartet euch ein akustisches Chaos im Wohnzimmer. Zum Glück muss nur einer von euch die Töne gut treffen, damit ihr nicht mitten im Song abschmiert. Dadurch können sich Multitasker mehr auf ihre jeweilige Instrumentenspur konzentrieren. Solltet ihr immer noch Probleme haben, hilft euch der neu eingeführte Vocal-Trainer, der euch genau wie im Drum-Trainer einzelne Stellen üben lässt und dazu kleinere Tipps gibt.

Generell ist The Beatles: Rock Band im Vergleich zu anderen Musik-Spielen wesentlich leichter. Die Stücke der Gruppe sind musikalisch gesehen zwar komplex aufgebaut, dafür aber allesamt recht simpel zu spielen. Selbst mittelprächtige Spieler werden auf den höheren Schwierigkeitsgraden keine Probleme haben. Einzige Ausnahme: „Yellow Submarine“. Hier werden bis auf den Gesang alle Instrumente zu stark unterfordert.

An diesem Beispiel kann man bereits ablesen, dass The Beatles: Rock Band nicht gerade viele Minuspunkte hat, wenn ich schon auf einem einzigen Song herumhacke. Ansonsten gibt es auch nicht viel zu bemängeln. Zwar sehen 45 Songs auf einem Spiel etwas mager aus, dafür muss es erst einmal eine weitere Band zu Stande bringen, einen solchen Katalog an hochwertigen Songs zu kreieren. Leider lassen sich keine davon auf eure Festplatte übertragen, um sie in Rock Band 2 zu spielen. Auch der umgekehrte Weg funktioniert nicht. Auf Grund des unterschiedlichen Designs beider Titel aber zu verstehen. Trotzdem, ein kleiner Beigeschmack bleibt weiterhin.

Zum Schluss noch eine kleine Nachricht an alle, die über den leichten Schwierigkeitsgrad der Songs meckern. Harmonix hat deswegen die Erfolge sehr herausfordernd gestaltet. Ihr müsst mehrere Lieder mit Goldsternen absolvieren, einige Solos perfektionieren und sogar alle Hammer-Ons / Pull-Offs in drei bestimmten Songs treffen, ohne dabei mehr als einmal anzuschlagen. Natürlich alles auf Expert. Somit sollte es für jeden persönliche Herausforderungen geben, für die ihr trainieren müsst.

Was immer ich auch für Erwartungen an The Beatles: Rock Band gestellt hatte, Harmonix hat sie mit Leichtigkeit übertroffen. Selbst als Fan habe ich bloß mit einem guten Ableger gerechnet, der vielleicht ein bisschen besser als Guitar Hero: Metallica ist. Aber nicht nur dieses Ziel haben die Beatles gemeistert, sie setzen zugleich einen ganz neuen Standard, wie wir Musik-Spiele in Zukunft bewerten. Allen voran solche, die sich auf eine Band fixieren.

Harmonix hat mit dieser Arbeit weit mehr abgeliefert als ein bloßes Spiel. Es ist eine liebevolle Hommage an die wohl einflussreichste Band aller Zeiten, die das Wort Detailverliebtheit neu definiert. Von den exakten Nachbildungen der Orte, den perfekten Animation aller Beatles sowie dem fantastischen Design und dem verfeinerten Gameplay. Dieses Spiel ist ein mit Liebe zur Band erbautes Kunstwerk, das dem großen Namen mehr als nur gerecht wird.

Natürlich reicht das nicht, um euch von einem Kauf zu überzeugen, wenn ihr die Musik nicht mögt. Das ist aber gar nicht die Aufgabe des Spiels. Wer nur ein wenig für die Klänge der Fab Four übrig hat und meint, dass Musik-Spiele im letzten Jahr zu einem kommerziellen Einheitsbrei verkommen sind, muss sich The Beatles: Rock Band zumindest anschauen.

The Beatles: Rock Band ist ab sofort im Handel. Weitere Songs folgen als DLC. Zudem könnt ihr neben dem Spiel zusätzliche Plastik-Instrumente erwerben, die den Originalen der Band nachempfunden sind.

 

 

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