Guitar Hero III: Legends of Rock

Review
Plattform
PS3
Vertrieb
Activision
Entwickler
Neversoft
Genre
Action
PS3: Guitar Hero III: Legends of Rock

PS3: Guitar Hero III: Legends of Rock

Normalerweise gehöre ich nicht zu den Leuten, die sich großartig dafür interessieren, ob jetzt Studio A oder B ein Spiel programmiert. Wenn es kommt, werden wir schon sehen, was passiert.

Diesen Sommer machte mir eine solche Nachricht das erste Mal Angst. Sie ließ mich nicht schlafen. Harmonix wird nicht Guitar Hero 3 entwickeln. Wie können sie nur! Guitar Hero 2 vergötterte ich dermaßen, dass ich mir sogar eine echte Gitarre anschaffte und meine Nachbarn noch mehr vergräzte. Und jetzt sollten plötzlich die Tony Hawk-Bastler von Neversoft ohne jegliche Erfahrung in Musikspielen und ohne Zugriff auf den Source-Code von Harmonix Teil 3 schreiben? Ich war mehr als nur ein wenig beunruhigt.

Jetzt ist aber alles gut. Neversoft sind meine neuen Helden. Veränderung tut halt manchmal doch Not. Harmonix selbst hatte offensichtlich keine Lust auf eine weitere Gitarrenstunde. Dies ließen sie Euch mit dem lieblos präsentierten Rock the 80s auch wissen. Es bleibt natürlich pure Spekulation, ob sie damit den Erwartungsdruck für das nächste Team senken wollten oder die Serie zugunsten ihres eigenen neuen Projekts Rock Band einfach links liegen ließen.

Legends of Rock gelingen spielend die beiden Pflichtaufgaben, bei denen das sterbenslangweilige Rock the 80s so gnadenlos scheiterte: Notenfolgen und Songauswahl. Während selbst Kenner der 80er sich angesichts der Titelauswahl dort das Kinn kratzten, wird jetzt für jeden etwas geboten und zwar (fast) nur Kracher aus ungefähr vier Jahrzehnten. Von 'Barrakuda', über 'Talk Dirty to Me' zu frischer Ware von den Killers oder Priestess dürfte hier jeder Rockfreund was für zum Headbangen, Pogen oder zumindest anerkennenden Kopfnicken finden.

Offensichtlich hat Neversoft auch die Bedeutung des Wortes Bonus nachgeschlagen. Guitar Hero 2 überraschte bei den Bonussongs mit einem skurrilen Allerlei, in dem es ungefähr so viele Perlen zu finden gab wie bei einem All You Can Eat – Austernessen. Ganz anders bei Legends of Rock. Hier ist dieser Name Programm. Kennt Ihr beispielsweise Heroes del Silencio? Na klar kennt Ihr die. Und die sind hier ein Bonussong. Nicht mal die A-Ware. Nicht der Encore. Nur ein Bonussong. Das spricht Bände über die Qualität des Sammelsuriums aus über 70 Titeln; zumal kaum einer diesen gehobenen Rahmen verlässt.

Dass Gitarrenmusik Euch nicht generell zum Wechseln des Radiosenders herausfordern sollte, versteht sich dabei von selbst. Aber selbst harte Slipnot-Hörer werden nach einigen Runden zugeben müssen, dass auch Mountains nicht mehr ganz so vertrautes 'Mississippi Queen' dank perfekt gewählter Riffs, Soli und Rythm-Parts immer eine Runde wert ist. Nach Rock the 80s war Euch sicher klar, welch eine Kunst in der richtigen Anordnung der Noten liegt. Spaß soll es machen, abwechslungsreich sein und natürlich von leicht bis Expert perfekt mit dem Song harmonieren.

Legends of Rock bewältigt diese Leistung in jedem einzelnen Song mit Bravour. Sei es 'Before I Forgets 'hartes, schnelles Anschlagen, das verspielte 'When We Were Young' oder 'Metallicas' Tour de Force 'One': Neversoft weiß, wie man es richtig macht und niemals Langeweile aufkommen lässt. Endlose Rythm-Passagen, die sich für gefühlte Stunden hinziehen und dann nur in einem Ausbruch einer einzelnen Note Abwechslung finden, sucht Ihr hier vergeblich. Jeder Abschnitt begeistert neu und wird Euch reizen, ihn zu perfektionieren.

Das Treffen dieser einzelnen Noten wurde ein ganz klein wenig einfacher gestaltet. Das nur Zehntelsekunden lange Zeitfenster vergrößerte sich ein wenig und auch wenn Ihr mal einen schnellen Hammer-On nicht auf den Punkt genau reist, zeigt sich das Spiel hier ein wenig gnädiger. Sollten die Gitarrengötter nun aufschreien und Verrat rufen, dürfen sie sich wieder setzen. Einfach wird Euch das Leben hier trotzdem nicht gemacht.

'Einfach' und 'Normal' eignen sich nach wie vor perfekt für Einsteiger und Gelegenheitszupfer, auf 'Schwer' und vor allem 'Expert' dreht sich das sehr schnell. Die letzten drei Sets werden Euch bis an die Grenzen der Möglichkeiten menschlicher Finger treiben und hetzen Euch durch einige der schwersten Passagen, die es bisher in der Serie überhaupt gab. Und sollte einer unter Euch Dragonforces 'Through the Fire and Flames' auf Expert überhaupt schaffen, kann ich ihm/ihr nur gratulieren. Die Betonung liegt noch mehr als zuvor auf den Hammer-Ons und Pull-Off-Griffen und solltet Ihr auf die einfach keine Lust haben, stehen Euch schwere Zeiten ins Haus.

Meistert Ihr das alles aber bis zur letzten Perfektion, dürftet Ihr es schwer haben, in den zahlreichen Multiplayermodi einen würdigen Gegner zu finden. Und dabei ist doch diesmal Kampf angesagt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bisher musstet Ihr Euren Mitspieler verstohlen in die Kniekehle treten, um ihn aus dem Takt zu bringen. Der neue Battle-Modus bietet dieses Vergnügen auf eine weniger schmerzhafte, aber genauso niederträchtige Art. Statt der bekannten Starpower, die in den anderen Modi Eure Punktezahlen in Rekordhöhen treibt, gibt es hier Battle-Moves.

Plötzlich müsst Ihr für ein paar Sekunden auf Expert spielen, eine Seite reißt und der entsprechende Knopf will hektisch bearbeitet werden oder ein kurzer Ausflug in die Welt der Linkshänder steht Euch bevor. Der Nachteil des Modus wird schnell klar: Beide Spieler müssen sich ebenbürtig sein, sonst wird es für den weniger geübten nur noch frustrierender. Seid Ihr aber spieltechnisch auf einem Nenner, macht es durchaus Laune.

Ganz im Gegensatz zu den Boss-Battles im Solomodus. Hier wird dreimal nach den gleichen Regeln gekämpft. Nur halt gegen den Computer. Und der Computer verliert, wenn er Lust dazu hat. Ihr werdet Morello, Slash und den Tod selbst besiegen. Aber es wird sich wie ein hohler, sinnloser Sieg anfühlen. Es ist ein Sieg, der einprogrammiert wurde und langweilt. Und auf Expert gehört schlicht Glück dazu, Können allein reicht kaum, um die gnadenlose CPU in die Knie zu zwingen. Zusammengefasst hätte sich Neversoft diese Innovation gleich sparen können.

Vergebung erfahren die Entwickler wieder beim Onlinespiel, das kaum Wünsche offenlassen dürfte. Ihr tretet entweder einem Spiel bei, das Ihr vorher durch Filtern des Umfangs und des Schwierigkeitsgrades herauspickt, oder macht gleich eine eigene Runde auf. Alle vier Mehrspielermodi - Co-Op, Battle, Face Off und Face Off Pro – stehen vom Start weg zur Verfügung, ohne dass Ihr stundenlang was freispielen müsstet. Hallo, Mario Olympics, so muss das aussehen! Obligatorisch sind die Leaderboards, die Ihr in den nächsten Monaten erklimmen werdet. Nachweisbare Lags ließen sich nicht feststellen und auch Verbindungen, die als eher mau kategorisiert waren, ließen ein zuverlässiges Spiel zu.

Derzeit stellt der Onlinemodus auf der PS3 leider auch die einzige Möglichkeit dar, mit anderen Spielern gemeinsam zu rocken. Zumindest solange Ihr nicht bereit seid, ein zweites Spiel zu kaufen. Die neue Gitarre gibt es einzeln erst kurz vor Weihnachten und die alten Kabelklampfen der PS2 funktionieren leider weder mit Gewalt noch gutem Worten. Gerüchteweise existieren irgendwo auf der Welt USB-Adapter ominösen Ursprungs, die das Zusammenspiel von Legends of Rock und der alten Gitarren ermöglichen. Nur eigentlich hätte dies von vornherein möglich sein sollen. Hoffen wir auf einen Patch.

Seid Ihr Besitzer der Xbox 360, eines PC oder der PS2 habt Ihr dieses Problem nicht. Ihr könnt einfach den Gästen die schnurgebundenen Controller reichen, den der 360 im Falle vom PC, und Euch selbst an der neuen Gibson Les Paul erfreuen. Die Verarbeitung wird dem legendären Vorbild zwar nicht ganz gerecht und persönlich hätte ich mir eine Flying V gewünscht, einen insgesamt soliden Eindruck macht das Ganze mit seinem steckbaren Hals aber schon. Vor allem der zuvor etwas wacklige Whammy-Bar liegt gut an der Hand und lässt sich von Euch sorgenfrei bedienen. Weniger schön ist die gänzlich fehlende Möglichkeit zur Kabelanbindung. Das Teil läuft mit zwei Mignon-Batterien, die zwar eine Weile halten, aber trotzdem wäre ein Akkupack bei dem stolzen Preis des Spiels sicher nicht Rahmen des Undenkbaren gewesen.

Nichts davon sollte Euch abschrecken: Guitar Hero 3 rockt! Wieder mal. Wenn man Legends of Rock etwas vorwerfen kann, dann dass die zarten Erweiterungen das Spiel zwar nicht schlechter, aber letztendlich auch kaum besser machen. Weder die „Endgegner“ noch der Battlemode revolutionieren etwas. Das ist am Ende zum Glück auch nicht nötig. Solange Rock Band noch auf sich warten lässt, nimmt Neversofts Gitarren-Erstling dank einer überwältigenden Songauswahl, gelungenem Gibson-Controller und tadelloser Spielbarkeit das Zepter in die Hand und rockt als der neue King Eure Welt!

Guitar Hero III rockt ab sofort auf Xbox 360, PS3, PC, PS2 und Wii. Auf 360 ist der Controller kompatibel mit Guitar Hero 2. Die GH2-Klampfe funktioniert ebenfalls mit GH3. Und auch auf der PS2 ist ebenfalls alles kompatibel. Wii und PS3-Eigner müssen noch ca. zwei Wochen auf die separaten Gitarren warten. Dafür können sie sich – ja, auch die Wii-Jünger – bis dahin online vergnügen.

 

 

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