Colin McRae: DIRT

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Codemasters
Entwickler
Codemasters
Genre
Andere

Gesamtwertung

9/10

X360: Colin McRae DiRT

Es ist mal wieder soweit: Gerade mal vor einer Woche haben wir Euch mit einer Vorschau

zu Colin McRae DiRT versorgt und müssen nun schon den Testartikel hinterher schicken. Die Version, die wir dazu genutzt haben, unterscheidet sich nur in wenigen Details von der Vollversion. Um Euch nicht mit einem weiteren Fließtext zu langweilen, haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht: Wir liefern keinen klassische Test ab, sondern zehn Fakten, die Euch bei Eurer Kaufentscheidung unterstützen sollen. Und keine Sorge, die negativen Aspekte sind ebenfalls integriert. Schließlich gibt es bei Colin McRaes neuestem Auftritt nicht nur eitel Sonnenschein.

Der Altmeister des Rallyesports wurde nämlich komplett umgekrempelt und präsentiert eine ungewöhnliche Mischung, die an ein deutlich breiteres Zielpublikum gerichtet ist. Viele Details werden Hardcore-Fans vielleicht verstören, im Gegenzug die Neueinsteiger aber sofort an den Eiern packen. Wie folgt also die guten sowie schlechten Seiten des Rennspiels, garniert mit abschließender Wertung.

1. Grafik

Den Anfang macht das eigentliche Highlight von Colin McRae DiRT: Die Grafik. Einige böse Stimmen beschweren sich zwar über den extremen Filter-Einsatz, der dem Spiel einen überrealistischen Look verpasst, doch unterm Strich sieht der Titel wirklich erstklassig aus. Neben dem wunderschönen High Dynamic Range Lighting, das nach jeder Tunnelausfahrt mit Blick in die Sonne zu einer eindrucksvollen Überblendung führt, sind es vor allem Fahrzeuge und Randbebauung, die der Begeisterung eine Steilkurve bescheren.

Sonnenstrahlen und Umgebung spiegeln sich auf den schicken Lackkleidern und jede Schmutzschicht verpasst dem Fahrzeug mehr Charakter. Man kann bei all der Detailflut förmlich den sandigen Wüstenwind spüren, wenn man in der toten Savanne um die Dünen zirkelt. Gerade bei einem flüchtigen Blick ist der Titel nicht weit von einer Live-Übertragung entfernt und wird jeden Zuschauer aus den Socken hauen. Als besonderes Highlight wurde außerdem der Innenraum der Fahrzeuge und die Fahrer bis ins kleinste Detail nachgebaut. Sowohl in der Cockpit-Perspektive als auch bei einem Crash wird so die Illusion eines realen Rennens nicht zerstört.

Auf der Negativ-Seite stehen bei der PC-Version hammerharte Hardwareanforderungen, die unter anderem eine Shader 3.0 Grafikkarte einschließen. Während die Xbox 360 den Titel über große Strecken mit 30 Frames beliefert, muss man ein Monster von PC bereitstellen, um ein ähnliches Ergebnis zu erzielen. Doch selbst auf der Konsole ist in manchen Abschnitten ein deutlicher Bildaufbau zu bemerken, bei dem Bäume und Felsen mit einem Schlag auftauchen und das gute Gesamtbild ein wenig trüben.

Zudem fallen die Rundkurse gegenüber den Rallye-Strecken zumindest optisch deutlich ab, was der Kritikliste einen weiteren Punkt spendiert. Ganz zu schweigen von diversen Unfällen mit anderen Fahrzeugen, hervorgerufen durch leichte Ruckel-Attacken. Das Tearing (Zeilenverschiebungen im Bildaufbau) und die nicht vorhandenen Wettereffekte trennen Colin McRae DiRT überdies von einer fehlerfreien Optik. Schade.

2. Fahrphysik

Da es sich bei DiRT nun mal um einen Rallye-Titel handelt, ist es natürlich enorm wichtig, wie die Fahrzeuge auf die jeweilige Piste reagieren. Schließlich müssen dutzende Fahrzeuge und ganz unterschiedliche Federungssysteme simuliert werden. Während Rallyeboliden mit ihrem klassischen Federungsaufbau nur mit kleinen Sprüngen zurecht kommen müssen, geht es mit den Buggys schon deutlich heißer her.

Gleich zwei Federn pro Rad sorgen dafür, dass es den Offroad-Monstern nicht bei jeder Buckelpiste die Achse zerschlägt. Besonders wenn man beim Replay die Zeitlupe reinhaut, sieht man, wie exakt sich die einzelnen Federbeine bewegen. Auch die Gewichtsverlagerung in den Kurven wird bei diesen Fahrzeugen hervorragend abgebildet und lässt das Fahrverhalten realistischer wirken.

Echte Rennsport-Fans finden aber auch bei der Fahrphysik etwas zu meckern. Lässt sich die nicht ausschaltbare Traktionskontrolle noch dem einsteigerfreundlichen Gameplay zuschreiben, könnten sich Hardcore-Fans am Kurvenverhalten stören. Während sich nämlich bei Forza 2 (siehe Test

) die Autos über die beiden Achsen in die Kurven drehen, geschieht dies bei Colin McRae DiRT, wie schon bei den Vorgängern, über den Fahrzeugmittelpunkt. Dadurch sind nicht nur unrealistische Manöver möglich, sondern es entsteht vielmehr der Eindruck, ein GoKart zu fahren. Das Spiel verliert zwar dadurch nicht seinen Reiz, aber ganz klar seinen Anspruch als ernst gemeinte Simulation.

3. Schadensmodell

Nach einem etwas zwiespältigen Ausflug in das Reich der Physik, nun zu einem Thema, bei dem es wirklich nichts zu Meckern gibt. Es geht dabei um das Schadensmodell, das durch die detaillierten Fahrzeuge und die komplette Inneneinrichtung jeden Crash zu einem Erlebnis macht. Da deformieren sich Karosserie-Teile, splittern Glasscheiben und knicken Leitplanken ein.

In den niedrigeren Schwierigkeitsgraden, wo der Schaden weniger Auswirkungen auf das Fahrverhalten hat, erreicht man das Ziel oft nur mit einem Auto-Wrack. Doch die Zerlegbarkeit besitzt nicht nur Schauwert. Jedes Bauteil wird von den Unfällen unterschiedlich in Mitleidenschaft gezogen und fällt manchmal auch ganz aus. Ab dem zweiten Schwierigkeitsgrad gibt es dann den 'Terminal Damage', der das unweigerliche Rennende bedeutet.

Da sich die Streckenbegrenzungen realistisch verhalten und man sich so auch mal in einer Leitplanke verhakt, kann man sein Auto jederzeit manuell auf die Fahrbahn befördern. Das kostet im Idealfall nur ein paar Zehntel und ist so recht fair gelöst. Auch kann man dadurch im Handumdrehen einen Ausflug in die Pampa korrigieren, der bei den kniffligen Rallye-Strecken einem sonst die gute Zeit versemmelt. Übrigens besitzt man bei DiRT einen deutlich größeren Auslauf als bei vergleichbaren Spielen. Ohne unsichtbare Wände wird man abseits der Straße nur von Steinen, Bäumen und Abgründen mit fatalem Ende gestoppt.

4. Spielmodi

Im Internet stößt man immer wieder auf notorische Nörgler, die sich über wirklich jedes Feature aufregen können. Da wagen die Entwickler mal eine Erweiterung der Marke und bauen neben klassischen Rallye-Inhalten auch neue Rennserien und Herausforderungen ein, um neue Zielgruppen zu erschließen, schon wird über mangelnden Fokus geschimpft. Dabei besteht ein Großteil der Strecken – genauer gesagt: 36 von 58 Rennstrecken - weiterhin aus klassischen Rallye-Abschnitten. Dazu kommen nochmal 12 Hillclimb-Herausforderungen, die sich ähnlich gut spielen.

Wer sich im höchsten Schwierigkeitsgrad bewegt – also am meisten Geld kassiert (siehe Vorschau

) –, kann bis kurz vor dem Ende ganz allein gegen die Zeit seine Runden drehen. Von mangelndem Fokus dürfte also absolut keine Rede sein.

Man muss aber eingestehen, dass die Rennen gegen KI-Fahrer nicht den hohen Standard der Zeitfahrten erreichen. Der Computer stellt sich zwar weder sonderlich intelligent noch sonderlich dumm an, doch das lieblose Design der Rundkurse und die oftmals trägen Fahrzeuge verbreiten gepflegte Langeweile.

5. Präsentation

Noch so ein zweischneidiges Schwert: Während Menüs und Animationen über jeden Zweifel erhaben sind, fällt der geschwätzige Kommentator recht schnell in Ungnade. Ständig wird man von dem nervigen Zeitgenossen direkt angesprochen und bekommt eine Floskel nach der anderen an den Kopf geworfen. Klar wollen wir ein Rennen gewinnen, doch ein „Wir treten an, um zu gewinnen.“ passt besser in ein Lehrvideo als in ein Videospiel.

Doch abgesehen von diesem nervigen Detail gibt sich der Titel wirklich alle Mühe, den Offroad-Sport bombastisch in Szene zu setzen. Besonders faszinierend ist die Kombination aus herausragender Grafik und schickem Replay-Modus. Neben den üblichen Kamera-Einstellungen sorgt vor allem die Zeitlupe für einige beeindruckende Momente. Speziell die Unfälle sehen in Slowmotion einfach noch eine ganze Ecke spannender aus. Leider kann man die Replays nicht speichern und zum Beispiel an Freunde verschicken.

6. Fahrgefühl

Während es bei der Fahrphysik nur um Zahlen und Fakten geht, setzt sich das Fahrgefühl aus unterschiedlichsten Faktoren zusammen. Abgesehen vom Kurvenverhalten und den Drift-Möglichkeiten, geht es auch um Fahrbahn-Feedback und Vibrations-Unterstützung. Gerade hier muss DiRT die meiste Kritik einstecken, denn das Force-Feedback ist in der Standard-Einstellung deutlich zu schwach ausgefallen.

Während man zum Beispiel bei Forza Motorsport 2 sogar den Zeitpunkt erkennt, an dem die Räder ihren Grip verlieren, hustet der Controller bei Colin McRae DiRT nur an den heftigsten Stellen auf. Ein wenig Abhilfe schafft eine Erhöhung der Stärke in den entsprechenden Optionen, die Qualität der Konkurrenz wird aber nicht erreicht.

Der Titel ist eben trotz der Simulationsverpackung nun mal ein richtiges Videospiel. Man braucht zwar viel Übung, um die höheren Schwierigkeitsgrade zu bestehen, mit einer exakten Simulation hat das Ganze aber herzlich wenig zu tun.

Wer also ein Richard Burns Rally erwartet, bei dem man nur mit jahrelangem Fahrtraining die erste S-Kurve übersteht, wird wohl eher enttäuscht sein. Wer dagegen einfaches Rennvergnügen ohne viel Firlefanz sucht, wird das unkomplizierte Fahrverhalten lieben und viele, viele Stunden Spaß haben.

7. Mehrspielermodus

Die gute Nachricht zuerst: Ja, es gibt einen Mehrspielermodus. Die schlechte Nachricht: Er ist meilenweit vom Idealzustand entfernt. Es ist ja schön, dass die Entwickler in einer Zeit von Xbox Live nicht auf Rennen gegen menschliche Spieler verzichten wollen, doch warum man dafür nur die Rally-Abschnitte ausgewählt hat, bleibt ein Rätsel. Wenn DiRT schon mit neuen Offroad-Disziplinen protzt, sollte man auch Online auf einem Rundkurs an den Start gehen können. Stattdessen steht man allein auf der Piste und kann die Konkurrenz nur auf einer Grafik verfolgen.

Da ist es fast spannender, im Einzelspielermodus neue Monsterzeiten heraus zu fahren und sich so in der Online-Rangliste nach vorne zu kämpfen. Doch diese Funktion ist eigentlich Standard und verdient kein Extralob. Bis zum zweiten Teil muss sich in diesem Bereich definitiv was ändern.

8. Strecken

Nach dem kurzen Multiplayer-Formtief läuft Colin McRae DiRT bei den Strecken wieder zur Hochform auf. Auch wenn einige Rundkurse etwas karg wirken, bieten sie genug Herausforderungen und knifflige Streckenabschnitte, um nicht so schnell langweilig zu werden. Nichtsdestotrotz hätten diese Kurse ruhig etwas dramatischer ausfallen können. Wie wäre es mal mit gigantischen Sprüngen und tiefen Gräben?

So sind nur die Rallye-Abschnitte richtig beeindruckend, die durch ihre Vielfalt und ihr gewitztes Streckendesign überzeugen. Da sich das Ganze in sechs unterschiedlichen Ländern abspielt, kommt auch die Abwechslung nicht zu kurz. Sowohl optisch als auch fahrtechnisch bieten diese Parcours alles, was das Rallye-Herz begehrt. Und spätestens wenn man durch das lauschige Dörfchen Ockfen in Rheinland Pfalz brettert, fühlt man sich endgültig zu Hause. Lediglich ein paar Eis- und Schneestrecken fehlen unverständlicherweise.

9. Fahrzeuge

In Punkto Optik haben wir uns ja schon an einer anderen Stelle ausgelassen, in diesem Abschnitt dreht es sich um die komplett unterschiedlichen Fahrzeugklassen. Abseits der klassischen Rallye-Schlitten gibt es Lastkraftwagen, Buggys und echte Off-Road-Maschinen, die mit komplexer Federung und eigenwilligem Motor mit so ziemlich jedem Untergrund zurecht kommen.

Jedes Fahrzeug überzeugt dabei mit einer korrekten Fahrphysik, die auch zu den Charakteristiken der jeweiligen Fahrzeugklasse passt. Die LKWs schieben zum Beispiel enorm über die Vorderräder, wenn sie in die Kurve eintauchen, während die Buggys wie Gummibälle über die Dünen hüpfen. Die hochstelzigen Geländewagen drohen hingegen bei solchen Momenten ständig, auf die Seite zu kippen.

Leider sind besonders die Trucks einfach einen Tick zu träge, um wirklich Spaß zu machen. Um das Letzte aus den Rennmaschinen herauszuholen, kann man natürlich auch ein wenig an den Einstellungen herum fummeln. Etwa die Federung verkürzen, die Gänge enger staffeln oder die Bremsen schärfen. Die Tiefe eines Forza Motorsport 2 wird dabei natürlich nicht erreicht, aber für ein paar extra Zehntel ist die Tuning-Option ganz sicher gut.

10. Sound

Musikalisch kann man es eigentlich keiner Fangemeinde so richtig recht machen. Klar hören Snowboarder mehr Hardcore und Basketballer wohl eher Rap, doch bei Rallye-Fahrern gibt es wohl kein klares Rollenvorbild. Auf jeden Fall muss der Sound treibend sein und den Adrenalin-Ausstoß unterstützen. Dies gelingt DiRT wirklich einwandfrei – mit einer kleinen Ausnahme: Dröhnen bei Burnout auch schon mal ein paar Gitarrenriffs aus den Lautsprechern, bekommt man bei Colin McRae DiRT die volle Bass-Riege verpasst.

Die Autos klingen alle recht überzeugend, wenn auch etwas penetrant. Man hört den Motoren ihren kleinen Hubraum und ihre hohen Drehzahlen an. Die Fehlzündungen durch unverbranntes Benzin wurden stilsicher übernommen und reihen sich zusammen mit den satten Crashes brav in die Effekt-Palette ein. Rennspiel-Fans werden ab und an wahrscheinlich trotzdem den vertrauten Sound eines echten Zwölfzylinders vermissen, aber man kann nun mal nicht alles haben.

Die zehn Fakten haben auch mir bei meiner Entscheidung geholfen. Als Arade-Racer-Fan bleibt mit nichts anderes übrig, als dem Titel eine glatte 9 zu verpassen. Das Fahrgefühl ist zwar nicht so überragend wie bei Forza 2, dafür überzeugt die schmucke Verpackung. Mir persönlich ist es vollkommen schnuppe, dass die Rallye-Fahrzeuge einen falschen Drehpunkt besitzen und zu wenig driften. Ich genieße den wilden Ritt über die schmalen Pisten und kniffligen Waldabschnitte, freue mich über jede Beinah-Unfall und jeden Totalschaden. Die Rennen gegen die KI-Fahrer sind für mich eine gelungene Abwechslung zum Rallye-Alltag und halten mich auch nach 10 Stunden bei der Stange.

Doch es gibt auch die andere Seite: Ohne richtigen Simulationsanspruch und nachvollziehbare Fahrphysik rümpfen Rallye-Puristen angewidert die Nase. Auch die schwache Force-Feedback-Unterstützung trägt hier zu einem schwachen Gesamtbild bei. Wer also den Titel als Training für die eigenen Renn-Ambitionen sieht, sollte einen großen Bogen darum machen. Colin McRae DiRT ist nun mal ein richtiges Spiel und keine trockene Fahrsimulation. Das kann man mögen, muss man aber nicht. Ich mag es jedenfalls.

Colin McRae: DiRT erscheint im 15. Juni 2007 für Xbox 360 und PC. Und im Herbst für die PS3.

 

 

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