Gesamtwertung7/10 |
Nicht schon wieder! Nicht schon wieder ein Ego-Shooter, der uns in die Wogen des Zweiten Weltkrieges wirft und nicht schon wieder Medal of Honor. Erstens kann ich das Thema nicht mehr sehen und zweitens ist die Serie wohl das beste Beispiel für ein ausgelutschtes Franchise, das seine Fans durch gepflegte Langeweile quält. Immer die gleichen Szenarien, immer das gleiche innovationsarme Geballer und immer das gleiche schlauchartige Leveldesign, das jedes Gefühl spielerischer Freiheit schon im Keim erstickt.
Mittlerweile hat die Serie acht Jahre auf dem Buckel, doch der Respekt vor dem Alter hat seine Grenzen – es kann sich schließlich nicht jeder auf seinen Lorbeeren ausruhen. Auf der PlayStation absolut famos, zuckte die ehemalige Vorzeige-Serie mit dem Frontline-Teil für die nächste Konsolengeneration ein letztes Mal auf, um mit den Nachfolgern anschließend dank erzkonservativem Gameplay in der spielerischen Belanglosigkeit zu versinken. Die Fließbandproduktion zeigte Spuren. Doch jetzt soll alles anders werden, verspricht man reumütig. Ja, sicher, das hört man des Öfteren und fast nie ist ein Wort Wahres dran. Doch manchmal, wenn auch äußerst selten, wird wirklich alles anders. Na ja, vielleicht nicht alles, aber einiges.
Schließlich ist der zweite Weltkrieg leider ein etwas unflexibles Szenario. Wohl auch der Grund, warum wir immer und immer wieder in der Normandie landen oder Pearl Habour verteidigen. Doch Medal of Honour Airborne setzt auf bisher eher unverbrauchte und doch berühmte Kriegsschauplätze in Frankreich, Italien, Holland und Germanien.
Die Schlacht um die hart umkämpfte Brücke von Nimwegen oder der Angriff auf eine Panzerfabrik in Essen wirken richtig erfrischend. Jedenfalls solange, bis die Schlacht dann doch wieder in der Normandie ausgetragen wird – diesmal allerdings aus Sicht der Artillerie. Soweit also nur bedingt Neuigkeiten von der Ego-Shooter-Front! Mangels Alternativen quasi!
Allerdings beginnt jeder der insgesamt sechs geschichtsträchtigen Einsätze nicht wie bei der Konkurrenz Marke Call of Duty oder Brothers in Arms auf dem Boden der Tatsachen, sondern in luftiger Höhe, an Board einer klapprigen C-47. Den Kameraden der 82. Airborne Division steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Der Wahnsinn blitzt in ihren geweiteten Pupillen, die Kameraden schreien sich Mut zu, bevor es heißt: „Klar machen zum Absprung“ und sich die Fallschirmjäger furchtlos in die Tiefe stürzen. Operation Husky hat begonnen - die Landung der Alliierten auf Sizilien und der Anfang des berühmten Italien-Feldzuges.
Die tagsüber strahlende Schönheit der Insel ist in ein tiefschwarzes Gewand getaucht. Im Schutze der Dunkelheit feuern die Flugabwehrraketen ihre Stakkato-artigen Salven in den Himmel, unterstützend von gleißend hellen Scheinwerfern, die nach feindlichen Bombern suchen. Eine Überdosis Adrenalin pumpt sich durch meine Adern, das Herz schlägt bis zum Hals. Nerven bewahren! Der Fallschirm öffnet sich. Jetzt ist die Chance da, die Lage aus der Luft sondieren. Krauts sind als unscheinbare kleine Punkte am Boden auszumachen und werden langsam größer. Immer bedrohlicher! Der Hall tödlicher Gewehrsalven schallt durch das mediterrane Dorf Adanti. Ich muss mich für einen Landeplatz entscheiden.
Grüner Rauch markiert sicheres Terrain. Oder doch besser die Landung auf einem der Hausdächer, Gefahr laufend, sich dadurch zur Zielscheibe zu machen. Oder schwebe ich lautlos hinter den feindlichen Linien hinab und falle den Deutschen in den Rücken? Die nervenaufreibende Inszenierung und der spannungsgeladene Auftakt jeder Mission ist doppeltes Mittel zum Zweck, zur Schaffung einer beklemmenden Atmosphäre und zum Aufbrechen des linearen Leveldesigns, das an den Vorgängern heftig kritisiert wurde.
Dank des Fallschirms ist eine Landung nahezu überall möglich. Später gibt es für das Auffinden und Landen in speziellen Absprungzonen sogar spezielle Flügelauszeichnen und erhöht die Langzeitmotivation. Je nach Landung, die man übrigens gern mal verpatzt, entwickelt sich die Schlacht am Boden recht unterschiedlich und erfordert eine differenzierte Taktik. Taktik? Ein absolutes Novum in der Medal of Honor-Serie. Dabei haben wir uns ein offenes Schlachtfeld und alternative Angriffsrouten schon immer gewünscht und Airborne lässt diesen Traum “fast“ wahr werden, je nach Szenario.
Während sich Adanti mit seinen vielen Gassen insgesamt recht weitläufig erstreckt, ist die Schlacht in Nimwegen wesentlich geradliniger gestrickt, freie Missionsauswahl gibt es immer. Je nachdem, wo man landet, macht es Sinn, zuerst die Batterie mit Krauts einzunehmen, dann die Radaranlagen zu zerstören und anschließend dem Panzer Typ Tiger aufzulauern. Oder die ganze Reihenfolge umzudrehen. Missionsziele werden auf einer typischen Kompasskarte eingeblendet und automatisch aktiviert, sobald man sich dem Ziel nähert. Übergeordnete Aufgaben, wie das Einnehmen der Brücke in Nimwegen zum Beispiel, werden automatisch getriggert. Diese neue Freiheit schafft eine hohe Dynamik im Spielgeschehen . Und wer beispielsweise ins Gras gebissen hat, probiert gerne einen alternativen Landeplatz aus und ändert somit seine Taktik.
Apropos Dynamik: Während Missionsstruktur und Design vorbildlich sind, fehlt es Medal of Honor: Airborne leider etwas am Spektakel, am gesamten Krach Bumm, das weit hinter Call of Duty zurückliegt. Während dort in jeder Sekunden ohrenbetäubende Explosionen oder kleine (wenn auch geskriptete) Ereignisse die atmosphärische Dichte auf ein neues Rekordhoch schrauben, beschränkt sich Airborne auf konsequentes Ausschalten der Krauts und kleine inszenatorische Highlights am Rande. Flugzeuge stürzen vom Himmel, die Allierten landen am Strand der Normandie oder feindliche Flieger donnern im Tiefflug über einen hinweg.
Und doch sind diese kleinen Akzente mehr Schein als Sein. Eine kleine Mogelpackung, die mehr Action und Dynamik suggeriert, als es in der ersten Sekunde auffallen mag. Die Flugzeuge hängen teilweise starr am Himmel, abstürzende Flieger verschwinden im Nichts und die herannahenden Soldaten in der Normandie sind lediglich ein sich stets wiederholendes Skript.
Wer sich unter Lebensgefahr eine Minute Zeit nimmt, um über grafische Pracht weiter zu sinnieren, wird trotz oberflächlich betrachtet detaillierter und schöner Kriegsschauplätze leicht enttäuscht sein. Einschusslöcher hinterlassen keine Spuren, hier und da poppen deutlich die Texturen auf, und so richtig flüssig wird der Zweite Weltkrieg ebenfalls nicht präsentiert. Aber irgendwo ist das auch egal, denn der Kampf gegen die Krauts hat es absolut in sich und man liefert sich minutenlange Schlachten – aber leider auch nicht viel mehr.
Natürlich sind die Missionen abwechslungsreich gehalten, mitunter fehlt es jedoch an der Inszenierung, an der Spannung. Es stellt sich eine gewisse Monotonie im Kampf gegen die Krauts ein. Die gesamte Palette authentischer Waffen von der typischen Garand, über verschiedenen Granaten bis hin zur Maschinenpistole liefern hier die tödliche Basis. Neu sind allerdings Auszeichnungen, drei an der Zahl pro Gewehr, die bei häufiger und geschickter Nutzung der Waffe verliehen werden und verschiedene Attribute steigern. Plötzlich trifft das Teil auch entsprechend, die Feuerkraft erhöht sich und schnelles Nachladen ist ebenso möglich. Sogar zusätzliche Aufsätze wie Granatwerfer oder Zielfernrohre, die das Sniper-Gewehr nahezu überflüssig machen, sind im Angebot.
Leider wird die Munition immer wieder knapp – und ich persönlich glaube, das liegt an der eindeutigen Überzahl deutscher Soldaten. Mitunter überfällt einen das seltsame Gefühl, die Krauts hätten ein Klonlabor aufgestellt. Die Braunhelme stürmen im Dutzend auf Euch zu, Welle für Welle, bis ein helles Klicken das Ende des Kugelvorrates signalisiert. Das kann durchaus frustrierend sein. Erschwerend kommt hinzu, dass das Feindesheer durchaus clever agiert, sich geschickt hinter Häuserecken verschanzt, um Brückenpfeiler herumläuft oder im Nahkampf einem wutentbrannt den Gewehrkolben ins Gesicht zwirbelt – Autsch. Genauso gnadenlos geht es auch in den Mehrspieler-Duellen zu, allerdings können die wenigen Spielmodi und lediglich sechs Karten nur bedingt überzeugen.
Schon wieder? Ja und Nein. Natürlich schon wieder ein Ego-Shooter, der sein Heil im Zweiten Weltkrieg sucht. Und schon wieder ist es Medal of Honor – aber nein, es langweilt nicht, sondern diesmal macht es nach langen Jahren endlich wieder Spaß. Der Absprung von der Mittelmäßigkeit scheint geglückt. Airborne ist kein Must-Have und kein bombastisch inszenierter Shooter, aber das non-lineare Gameplay, das Fallschirm-Springer-Feature und die coolen Waffen-Upgrades wirken richtig frisch. Und wenn mich jetzt jemand fragt, was ich denn da spiele, kann ich mit ruhigem Gewissen sagen: „Medal of Honor!“ „Schon wieder?“ „Schon wieder!“
Kraut-Vernichter greifen ab dem 13. September zu den Waffen!