Gesamtwertung8/10 |
Eigentlich sollte man annehmen, dass kein Krimineller ein Interesse daran hat, die Aufmerksamkeit von Mr. Sherlock Holmes auf sich zu ziehen. Schließlich kann der Meisterdetektiv doch von sich behaupten, noch so ziemlich jedes Verbrechen erfolgreich aufgeklärt, jeden Kriminellen dingfest gemacht zu haben. Und gerade wenn Sherlock es mit einem intelligenten Gegner zu tun hat - man denke nur an Professor Moriarty -, läuft er zur Höchstform auf.
Bis nach Frankreich hat sich diese Weisheit allerdings wohl nicht herum gesprochen, oder aber Arsène Lupin hat einfach Eier, wie man heutzutage sagt. Dessen Berufsbezeichnung lautet nämlich Meisterdieb, was ihn jedoch nicht davon abhält, geradezu um Mr. Holmes Aufmerksamkeit zu betteln, ihn zu einem Duell herauszufordern. Kein faires wohl bemerkt: Lupin kündigt ganz frech in einem Brief an, sechs Schätze Englands vor Sherlocks Nase zu stehlen - um damit seine eigene Überlegenheit und die seines Vaterlandes zu demonstrieren.
Holmes und sein treuer Begleiter Dr. Watson haben natürlich keine andere Wahl, als diese Herausforderung anzunehmen und dem Franzosen zuvor zu kommen. Und so beginnt ein wirklich spannendes Katz-und-Maus-Spiel. Sherlock Holmes jagt Arsène Lupin halt.
Denn in Frogwares neuestem Abenteuer geht es eben nicht darum, einen mysteriösen Fall zu lösen, einem Entführer oder gar Mörder auf die Spur zu kommen. Im Gegenteil: Hier ist der Täter in gewisser Weise Euch auf der Spur, verfolgt er doch jeden Eurer Schritte und führt Euch ständig an der Nase herum. Theoretisch könnte der Titel also auch Arsène Lupin jagt Sherlock Holmes heißen, wartet der Verbrecher doch nur auf einen Fehler seines selbst erwählten Widersachers.
Aber weil das Spiel im Grunde ein ganz klassisches Adventure ist, könnt Ihr zum Glück keine echten Fehler begehen. Oder leider, denn so übertragen sich die Bedrohung und die Aufregung, die Holmes zweifeslohne spürt, nie so recht auf Euch. Am Ende wird alles schon gut ausgehen, dieses Wissen schwebt immer im Hintergrund. Ja, fast jede Story hat ein Happy-End. Aber ist es überhaupt ein echtes Duell, wenn man nicht verlieren kann?
Doch Frogwares macht dieses Manko recht ordentlich wieder wett, indem sie Euch dazu bringen, Lupin im Laufe des Spiels regelrecht zu hassen. Denn der ist kein gewöhnlicher, austauschbarer Gegenspieler, sondern ein wirklich arroganter Sack, den man nur zu gerne hinter Gittern sehen, verlieren sehen möchte.
Nicht nur ob seiner unverschämten Art, sondern wegen dieser vielen kleinen fiesen Botschaften, die er in der Spielwelt für Euch versteckt hat. Das besagte Katz-und-Maus-Spiel, das weniger auf die genretypischen Kombinationsrätsel setzt, als viel mehr Beobachtungsgabe, Recherche, ein Prise Geduld und eine Menge Grips verlangt.
Der wichtigste Unterschied ist aber, dass es sich nicht so anfühlt, als würdet Ihr Puzzles lösen, die sich ein Spieledesigner aus den Fingern tagtäglich saugt - sondern Aufgaben, die eben jener französischer Meisterdieb für Mr. Holmes höchstpersönlich konzipiert hat. Ihr müsst Euch stellenweise wirklich in den Kopf Eures Kontrahenten hineindenken, vor allem aber seine Nachrichten genaustens lesen, in ihre Einzelteile zerlegen und im Geiste wieder zusammenfügen.
Verwirrend? Ist es anfangs auch, weil etliche Rätsel auf den ersten Blick mal gar keinen Sinn ergeben wollen. Aber wenn Ihr dann mit offenen Augen durch die Welt geht, den Gesprächen sowie Anmerkungen der Charaktere lauscht und Euch erst einmal an die blumige Sprache gewöhnt habt, solltet Ihr selten an einer Herausforderung verzweifeln.
Zumal Ihr hin und wieder auch ganz ohne großes Nachdenken nach Spuren suchen dürft; entweder, um mehr über Lupins Vorgehensweise zu erfahren, oder um seinen nächsten Schachzug vorauszusehen. Dabei kommen Sherlock'sche Ermittlerwerkzeuge wie Lupe oder Maßband zum Einsatz und sogar seine bekannte Akribie ist zum Ärgernis des Spielers wieder mit von der Partie:
Wie in den letzten beiden Teilen müsst Ihr jede, aber auch wirklich jede noch so kleine Spur entdecken und analysieren. Weil die Umgebungen nicht gerade klein sind, kann das durchaus zu der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen mutieren. Weder schön noch tragisch, weil diese Abschnitte eher selten sind und Euch das Spiel ansonsten einigen Freiheiten einräumt und viel Komfort bietet.
So dürft Ihr einige Rätsel in willkürlicher Reihenfolge lösen, Gegenstände meistens sofort aufnehmen, auch wenn Ihr sie erst später benötigt, und - ganz wichtig - zu einmal besuchten Locations jederzeit zurück springen. Ein Mausklick auf einer Karte genügt, was Euch verdammt viel überflüssige Laufarbeit erspart. Sofern Ihr denn wisst, wohin Ihr gerade gehen müsst.
Apropos "gehen": Gesteuert werden Sherlock, Dr. Watson und Inspektor Lestrade, den Ihr ebenfalls übernehmen dürft, wie im Vorgänger mit Hilfe der WASD-Tasten. Alternativ könnt Ihr zwar ebenso vorwärts marschieren, indem Ihr die linke Maustaste gedrückt haltet, aber das ist wenig präzise und daher noch weniger empfehlenswert. Ansonsten gleicht die Bedienung der jedes anderen Adventures aus der Ego-Perspektive.
Und genau diese Ego-Perspektive bleibt für mich weiterhin der größte Kritikpunkt an einem sonst sehr guten Spiel. Was bringt es mir, eine solch prominente und äußerlich äußerst markante Figur wie Sherlock Holmes zu spielen, wenn ich den guten Mann mit Ausnahme der Dialoge nie zu Gesicht bekomme? Welchen Vorteil birgt die First-Person-Sicht im Vergleich zu einer zumindest optionalen Schulterkamera? Warum soll ich mich angestrengt über die Tastatur beugen, wenn ich ebenso gut per Point & Click durch das virtuelle London spazieren könnte? Schlüssig beantwortet das Spiel ärgerlicherweise keine dieser Fragen.
Richtig hat der deutsche Publisher, Koch Media, dafür die Frage beantwortet, ob man die gute englische Sprachausgabe (die in der Preview-Version enthalten war), anständig ins Deutsche übertragen kann: Man kann. Die deutschen Stimmen wirken durchweg passend und an der Übersetzung im Allgemeinen gibt es nichts auszusetzen, obwohl die gerade angesichts der verschlüsselten Botschaften sicher nicht einfach war. Da wollten schließlich Sinn und Sprachstil erhalten bleiben.
Über die Grafik letztlich kann man sicher geteilter Meinung sein. 3D ist gerade in Adventures nicht jedermanns Sache, zumal deren Qualität selbstredend nicht in der Liga aktueller Ego-Shooter spielt. Auf der anderen Seite kann sich in erster Linie das Innere von Gebäuden sehen lassen, die Weitläufigkeit und die Vielzahl an Objekten sowieso. Besonders, da Sherlock zu fast allem etwas Sinnvolles zu sagen hat und das Wenigste reine Zierde ist. Entsprechend umfangreich gestaltet sich das Spiel; länger als die ohnehin nicht kurzen Vorgänger zweifellos.
Ich bleibe also dabei: Sherlock Holmes jagt Arsène Lupin ist das beste ernsthafte PC-Adventure des bisherigen Jahres. Das sind gleich drei Einschränkungen, was Frogwares Leistung aber nicht schmälern soll. Es ist ihnen gelungen, die Stärken des zweiten Teils aufzugreifen, die Schwächen des dritten überwiegend zu beseitigen und das Ganze in eine erfrischende Geschichte zu verpacken. Ich freue mich deshalb schon auf die Suche nach Jack the Ripper im nächsten Herbst. Dann aber bitte mit Third-Person-Perspektive.