Gesamtwertung8/10 |
Erfolgreiche Serien haben es schwer. Spätestens beim dritten Sequel wird die Forderung nach Innovationen laut. Erfüllt man diese begibt man sich aufs Glatteis, denn die Unmutsbekundungen sind zwar meist laut und schwer zu überlesen, die breite Masse an Spielern meldet sich jedoch kaum zu Wort. Und so werden Fortsetzungen oftmals gekauft, weil sie eben sind, was sie sind - und nicht etwas anderes. Weil man sich sofort heimisch fühlt. Weil die Spielmechanik eben nicht auf den Kopf gestellt wurde. Wir Spieler sind schon ein schwieriges Völkchen.
Hier eine neue Grafikengine, da ein neuer Spielmodus. Solange sich auch nur etwas bewegt, ist es für die einen die Verbesserung des Guten. Für die anderen ist hingegen ein weiterer, verwerflicher Schritt in die Tiefen der Upgrade-Hölle. Eine Diskussion, die seit mehr als einem halben Jahrzehnt vor allem bei Sportspielen geführt wird. Entwickler Epic übertrug diese, einem Face-Lifting nicht unähnliche Produkt-Strategie kurzzeitig auf ihr Aushängeschild Unreal Tournament und plante, seine treuen Fans jedes Jahr mit einem Update zu versorgen.
Doch die Rechnung ging nicht auf. Nach der grafischen Rundum-Erneuerung von Unreal Tournament 2003 gab es ein Jahr später ein spielerisch eher enttäuschendes Update, das bis auf ein paar Fahrzeuge samt frischem Spielmodus nur wenig Neues zu bieten hatte. Die alte Grafik-Engine, die gleichen Waffen und zig uninspirierte Karten, verwandelten die 2004er Version in einen Gameplay-Dinosaurier.
Moderne Errungenschaften, wie aufwändige Offline-Modi, Team-Kommunikation oder neue Spielmechaniken, wurden augenscheinlich bewusst übergangen. Für die Fans wurde das alte, abgestandene Spielprinzip kurz noch mal aufgekocht und dann als schmackhafte serviert.
Aufgrund leerer Server, mittelprächtiger Verkaufszahlen und der übermächtigen Taktik-Shooter-Konkurrenz verabschiedet sich Epic vom Upgrade-Prinzip. Stattdessen konzentrierte man sich ganz auf einen richtigen dritten beziehungsweise vierten Teil, der mit neuen Spielmodi, einer frischen Grafik-Engine und einer umfangreichen Single-Player-Kampagne der Serie zu neuem Glanz verhelfen soll.
Nach etlichen Verschiebungen steht das Ergebnis in Form von Unreal Tournament 3 nun in den Startlöchern, um Fans und Neueinsteiger gleichermaßen von dem altbewährten Adrenalin-Gameplay zu überzeugen, während die die Serverstatistiken inzwischen von Taktik-Shootern dominiert werden.
Selbst der alte Rivale von id Software hat inzwischen die Lager gewechselt und präsentiert mit Quake Wars ein hochkomplexes Teamspiel, das die Zusammenarbeit fördert und auf den meisten Karten sogar fordert. Hilft man seinen Kameraden, wird man belohnt. Zieht man alleine los, landet man schnell am Ende der Rangliste. Eine neue Gesetzmäßigkeit, an die sich alte Shooterfans erst einmal gewöhnen müssen.
Ganz anders sieht es da bei Unreal Tournament 3 aus - hier herrscht Anachronismus vom Feinsten. Selbst im „neuen“ Spielmodus Warfare, bei dem man ohne Teamarbeit kein Land sieht, steht der Spieler an der Spitze, der die meisten Frags landet. Umfangreiche Partien - wie die bei unserer Testsession - arten so schnell in chaotische Scharmützel aus, die nur wenig mit Taktik zu tun haben. Ohne ein eingespieltes Team herrscht auf den Servern Anarchie.
Dabei hat Epic sehr viel Wert darauf gelegt, dass sich die Action nur auf wenige Punkte konzentriert. Der Warfare-Modus - übrigens nur auf dem Papier neu - ist eine Mischung aus dem Assault-Modus von 2003 und dem Onslaught-Modus von 2004. Beide Teams müssen Energie-Knoten einnehmen, um den Schutzschirm der gegnerischen Zentrale zu schwächen. Um dies zu erreichen, müssen sie immer mit einem anderen Knoten verbunden sein, sonst wird der Schutzschirm undurchdringlich und die Offensive im Keim erstickt.
Durch die teils beträchtlichen Laufwege und die oft asymetrische Konstruktion kommt es allerdings zu einem wilden Hin und Her, das die Teamarbeit deutlich erschwert. Ohne vernünftige Kommunikationsmöglichkeiten verlaufen viele Angriffe im Sande, der Spielmodus kann bei der hohen Geschwindigkeit des Gameplays seine Stärken einfach nicht zur Geltung bringen.
Auch der groß angekündigte Singleplayer enttäuscht auf der ganzen Linie. Versteckt unter ein paar schicken Zwischensequenzen bekommt Ihr stinknormale KI-Gefechte geliefert, die sich kaum mit der Dynamik einer echten Kampagne messen können. Die einzelnen Schlachten werden zwar durch eine belanglose Hintergrundgeschichte rund um die menschlichen Axon und die außerirdischen Necris verbunden, das Gameplay entspricht jedoch bis auf den letzten Pixel einem Instant Action Match. Routiniert wird jeder Spielmodus abgefragt, eine Weltkugel mit Auswahlmöglichkeiten geliefert und sogar ein Endgegner präsentiert.
Unter der schönen Hülle sitzt folglich der alte Kern, der nach fast 10 Jahren etwas abgestanden schmeckt. Und unter einem vollständigen Single-Player-Modus dürften sich die Fans etwas anderes vorgestellt haben. Wenigstens kann man die Kampagne mit bis zu vier Freunden bestreiten, was deutlich spaßiger ist, als sich allein mit der KI die Köpfe einzuschlagen.
Erfreulicherweise hat sich Epic die Mühe gemacht, den dritten Teil mit kleinen Verbesserungen auf den neusten Stand zu bringen. Kleine Detailverbesserungen sorgen für einen deutlich flüssigeren Spielablauf, auch wenn das Waffenarsenal vor allem auf Altbewährtes setzt. Der einzige Neuzugang ist der Longbow-Werfer. Eine gelungene Fahrzeug-Abwehr-Waffe, die mit der Minensteuerung und einem Ziel-suchenden Geschoss den guten, alten Raketenwerfer ergänzt, ihn aber nicht ersetzen kann.
Als einzige richtige „Innovation“ muss das Hoverboard herhalten, das jeder Spieler per Tastendruck aus dem Rucksack zieht und so deutlich schneller große Entfernungen überbrückt. Gerade bei Capture the Flag-Gefechten ist dieses neue Element eine echte Bereicherung. Der Geschwindigkeitsboost wird nämlich mit Wehrlosigkeit und einer besonderen Verwundbarkeit bezahlt.
Erhält man einen Treffer, wird man vom Board geschleudert und ist für ein paar Sekunden bewegungsunfähig. Trotzdem beschleunigt es auf den großen Karten das Gameplay und macht zusammen mit den neuen Fahrzeugen diesen altgedienten Modus wieder zu einer echten Alternative.
Überhaupt scheint Epic seine ganze kreative Energie in die Fahrzeuge und Karten gesteckt zu haben. Gerade die Necris-Seite kann mit ein paar wirklich einmaligen Ideen glänzen, die man so vorher in noch keinem anderen Spiel gesehen hat.
Da gibt es eine Energiekugel, die Gegner überrollen kann, ein Spezialfahrzeug, das Minen und geleeartige Blockfelder legen kann, ein gewaltiges Artilleriegeschütze und einen monströsen Panzer, der gleich mit mehreren Geschütztürmen auftrumpft. Einige Fahrzeuge wie der Dark Walker wirken momentan zwar noch etwas zu stark, dafür machen sie einen Heidenspaß und sorgen für die dringend benötigte Abwechslung vom Deathmatch-Alltag.
Auch bei den Karten greift Epic aus den Vollen. Gleich zum Start werden 42 Karten mitgeliefert, die sich zum Teil komplett unterschiedlich spielen. Es ist zwar schön, dass es Epic so gut mit seinen Spielern meint, doch hier haben sie es doch etwas übertrieben. In der Flut verliert man zu Beginn schlicht den Überblick und kann sich nur schwer für eine Karte entscheiden. Es ist zu befürchten, dass sich schnell ein paar Favoriten herauskristallisieren, die dann in den nächsten Monaten rauf und runter gespielt werden, während der Rest in der Mottenkiste verschwindet.
Dabei sind die Schlachtfelder zumindest optisch eine echte Augenweide. Jede der Karten besitzt eine ganz besondere Atmosphäre, glänzt durch bombastische Bauwerke und prächtige Szenarien. Ob der morbide Charme von zerstörten Städten transportiert wird oder man auf einer Raumstation mitten in ein schwarzes Loch blickt, selten wird das Auge gelangweilt. Asiatische Gärten, zerklüftete Eislandschaften und verrostete Fabriken zeigen die ganze Pracht der mächtigen Unreal Engine 3.
Unterstützt durch nahezu perfekte Animationen und durch das wuchtige Grafik-Design der Epic-Studios, verströmt der Titel damit eine einmalige Wertigkeit, die durch den genügsamen Hardware-Hunger noch unterstrichen wird. Auch beim Sound leistet sich Epic keine Blöße. Wummernde Musikstücke und brachiale Effekte verwandeln jede Partie auch akustisch in einen Kriegsschauplatz.
Während Epic bei der Präsentation also alle Register gezogen hat, fehlt beim ganzen Drumherum eine zündende Idee. Natürlich gibt es auch beim dritten Teil umfangreiche Statistiken und Ranglisten, doch die sind so uminspiriert umgesetzt, dass man sich das System aus der 1999er Variante herbeiwünscht. Auch Freundeslisten, ein Nachrichten-Service und ein komfortables Demo Playback sind keine Offenbarung, sondern gehören inzwischen zum guten Ton. Vielmehr vermisst man ein pfiffiges Belohnungssystem a la Battlefield oder Call of Duty, um auch nach der hundertsten Partie zu motivieren.
Was hat Epic eigentlich die letzten vier Jahre gemacht? Das Gameplay wurde samt Waffen nahezu eins zu eins von den Vorgängern übernommen, die Grafikengine wurde ja schon vorher entwickelt und selbst die 42 Karten brauchen nicht eine solche Ewigkeit. Ok, sie haben nebenbei noch einen schicken Single-Player-Shooter für Microsoft entwickelt – der übrigens deutlich innovativer daherkommt als das aktuelle Unreal-Update. Doch was sorgte denn nun für die ständigen Verzögerungen?
Am Warfare-Modus kann es ganz sicher nicht gelegen haben, dazu sind Unterschiede gegenüber Onslaught zu winzig. Auch das hervorragende Balancing und die saubere Grafik rechtfertigt nicht solch eine stattliche Entwicklungszeit. Unreal Tournament 3 bleibt zwar auch ohne großen Innovationen ein sehr gutes Spiel, doch im Vergleich zur starken Konkurrenz zieht es eindeutig den Kürzeren.
Ob es die Inhouse-Konkurrenz ist, Quake Wars, Team Fortress 2, Halo 3 oder Call of Duty 4, die meisten Titel liefern zum erfrischenden Gameplay gleich noch eine spannende Einzelspielerkampagne mit. Uneingeschränkt kann man Unreal Tournament 3 also nur Fans von ausgedehnten Deathmatch-Partien und Adrenalin-schwangeren Fahrzeuggefechten empfehlen. Der Rest wird angesichts der vielen Alternativen an anderer Stelle deutlich besser bedient.
Unreal Tournament 3 ist seit heute für den PC erhältlich. Momentan sieht es danach aus, dass sich die PS3 Variante wie das Xbox 360 Pendant bis nach 2008 verschiebt.