Condemned 2: Bloodshot

Review
Plattform
PS3
Vertrieb
Sega Of Europe
Entwickler
Monolith Productions
Genre
Action
PS3: Condemned 2: Bloodshot

PS3: Condemned 2: Bloodshot

Macht nicht den Fehler und spielt Condemned 2 bei Tageslicht. Ihr handelt Euch damit nämlich gleich zwei Probleme ein: Erstens erkennt Ihr kaum was, weil die meisten Abschnitte so dunkel sind, dass sie einen extrem guten Kontrast benötigen.

Zweitens verschenkt Ihr eine gewaltige Portion Atmosphäre, denn richtig genial wird Condemned 2 erst, wenn Ihr Euch an jeder Ecke vor Angst in die Hosen macht. Der Titel lebt von seinen knallharten Schockeffekten, die einen in den Wahnsinn treiben. Und tagsüber sind sie eben nur halb so effektiv.

Condemned 2 ist so etwas wie die erwachsene Version von Resident Evil. Keine Horror-Hündchen, Tentakel-Monster oder schlurfende Zombies, sondern durchgeknallte Irre, kranke Visionen und obendrein ein Alkoholiker als Hauptdarsteller. Der Titel blickt in die Abgründe der menschlichen Seele, packt eine dicke Portion Wahnsinn dazu und verkauft das alles schließlich als Schauder-Spielchen.

Condemned 2 beschränkt sich nicht auf subtilen oder plumpen Horror. Nein. Es liefert ununterbrochen von allem die doppelte Dosis. In einem Moment bricht Hauptdarsteller Ethan Thomas seinem Gegenüber einfach mal so das Genick, ein paar Sekunden später sorgen harmlose Schaufensterpuppen für einen Schockmoment der Extraklasse. Gänsehaut par excellence, ohne sich aber in Metzel- oder Blutorgien zu suhlen. Gewalt kommt hier ohne abgetrennte Gliedmaße aus.

Da seid Ihr froh, wenn Ihr ein wenig Ruhe findet. Ein solcher Moment ist die knifflige Spurensuche. Ein Augenblick des Durchatmens, wo nicht hinter der nächsten Ecke ein noch schrecklicheres Monster wartet.

Ethan Thomas war einmal Spezialagent, der in die Ereignisse um den so genannten 'Serial Killer X' hineingezogen wurde. Eine wirklich erschütterndes Erlebnis, das ihm neben dem Alkoholimus auch dunkle Visionen und schreckliche Albträume verpasste.

Doch sein Leidensweg ist noch nicht zu Ende und er muss noch einmal aktiv werden. Erneut beginnen die Menschen durchzudrehen und die Stadt mit Gewalt zu übersäen. Brutale Morde verwandeln die Bezirke in ein Irrenhaus und allein unser wahnsinniger Freund kann diesem Chaos trotzen.

Gespielt wird aus der Ego-Perspektive. Und besonders viel Wert haben die Entwickler diesmal auf ein ausgeklügeltes Nahkampfsystem gelegt. Spezialangriffe, Kombos und über 50 unterschiedliche Nahkampfwaffen machen die Auseinandersetzungen zu einer makaberen Wissenschaft für sich. Als Besonderheit könnt Ihr Eure Gegner am Ende eines Kampfes noch unter zur Hilfenahme der Umgebung den Rest verpassen. Den Kopf mit aller Gewalt in einen Fernseher zu rammen, ist hier noch die harmloseste Methode. Und auch wenn das in jedem Action-Film zum Pflichtprogramm gehört - stellt man sich nicht nur einmal die Frage, ob dieser letzte Schritt nun tatsächlich für das Gesamtwerk notwendig war. Immerhin werdet Ihr von allzu übertriebenen Metzelorgien verschont - das Kino findet über weite Strecken im Kopf statt.

Ohne eine vernünftige Strategie und geschicktes Blocken, kann jeder einfache Faustkampf für Euch tödlich enden. Im späteren Verlauf müsst Ihr selbst auf eine etwaige Panzerung der Gegner achten, sonst zerbrecht Ihr nur Eure Nahkampfwaffe, anstatt mit ihr Eurem Gegenüber den Garaus zu machen.

Nach und nach schaltet Ihr mit dem erfolgreichen Absolvieren eines Levels Spezialwaffen und Updates frei, die Euch auf Eurem schweren Weg unter die Arme greifen. Elektroschocker, Schlagringe und Stahlkappen-Schuhe verwandeln Euch auch ohne Knarre in ein wandelndes Waffenarsenal. Trotzdem solltet Ihr jeden Bettpfosten, Baseballschläger oder selbst eine dreckige Klobrille an Euch reißen, bevor Ihr Euch nackt in einen Kampf wagt.

Mit steigendem Level werden die Gegner immer härter und liefern Euch brutale Gefechte. Wer hier nicht aufpasst, wird wie ich Dutzende Wiederholungen brauchen, um zum Beispiel den Museumslevel unbeschadet zu überstehen.

Abseits des Schläger-Handwerks müsst Ihr auch immer wieder Schusswaffen sprechen lassen. Die Abschnitte fallen zwar recht übersichtlich, aber mit dem Zwang zum ständigen Alkoholkonsum (um das Zittern beim Zielen weg zu bekommen) gleichzeitig auch äußerst spannend aus. Später gibt es sogar einen Holster, mit dem Ihr kleinere Waffen für besonders schwierige Kämpfe aufheben könnt.

Die taktischen Möglichkeiten sind - wie schon beim Nahkampf - umfangreich und erfordern mehr als einen flinken Finger am Abzug. Munitionsmangel ist Euer ständiger Begleiter, wilde Rambo-Manieren enden fast immer mit Eurem Bildschirmtod.

Zwischen den Schlachten müsst Ihr immer wieder kleine Rätsel lösen und Beweismittel untersuchen. Für den Spieler sind das Momente der Ruhe, in denen er per Multiple-Choice und gutem Augenmaß Beweise beschreiben und Hinweisen nachgehen muss. So verfolgt Ihr die Schleifspuren von Leichen per UV-Licht, fotografiert seltsame Artefakte oder gebt Proben an Eure Kollegin weiter.

Für das Weiterkommen ist es oft nicht entscheidend, wie gut Ihr bei der forensischen Arbeit seid. Ein gutes detektivisches Gespür schlägt sich aber in der Endabrechnung des Levels wieder und entscheidet auch über die Qualität der Updates. Auch kleine Quick-Time-Events halten Euch ständig auf Trab und machen die Geschichte noch einmal deutlich interaktiver.

Damit sich die doch sehr lineare Spielerfahrung nicht zu schnell wiederholt, haben die Entwickler beim Thema Locations ihrer Kreativität freien Lauf gelassen. Neben den ranzigen Hinterhöfen und den heruntergekommenen Abbruchhäusern verschlägt es Euch zum Beispiel in eine alte Spielwarenfabrik, in der eine durchgeknallte Clownsfigur mit einem Sägeblatt-Lolli und explosiven Puppen auf Euch warten. Selbst in kleinen, schneebedeckten Außenarealen treibt sich Ethan herum, auch wenn die Grafik-Engine dabei an ihre Grenzen stößt.

Fast wie in den Neunzigern ist der Weg durch den Wald so linear gestaltet, dass Ihr ständig an sichtbare und unsichtbare Grenzen stoßt. Da mag die Qualität der fragwürdig deformierten Spielfiguren und Innenräume noch so hochwertig sein, kaum werden die Areale etwas offener, schon können die Entwickler nicht mehr auf eine düstere Umgebung setzen, wodurch der Titel seinen Next Generation-Status verliert.

Dies ist aber nur recht selten der Fall und über weite Strecken besticht das erstklassige Design.

Die Story wird sowohl direkt im Spiel als auch in schick choreographierten Zwischensequenzen erzählt. Im Laufe der Geschichte verdichten sich die Hinweise, dass etwas mit unserem Hauptdarsteller nicht ganz in Ordnung ist.

Die ungewöhnlichen, nervenzerfetzenden Visionen sind nicht nur die Ausgeburt eines kranken Geistes, sondern scheinen ihm in die Wiege gelegt worden zu sein. Außerdem hat Ethan offenbar mehr mit 'Serial Killer X' gemeinsam als ihm lieb ist.

In jeder Minute der elf Missionen und ingesamt 13 Stunden Spielzeit wird das Gespinst um den Ex-Cop dichter und er gerät in eine bitterböse Verschwörung, die das Geschehen in einen emotionalen Horror-Trip verwandelt, der kein Ende zu finden scheint.

Natürlich hat aber auch dieses Abenteuer ein Ende und Ihr steht vor der Wahl, ob Ihr noch einen zweiten Durchgang im Shooter-Modus wagen wollt oder es mit dem nagelneuen Online-Part probiert. Im Condemned 2 Fight Club geht es mit bis zu sieben Mitspielern in knochenbrechende Nahkämpfe.

Neben den unausweichlichen Deathmatch-Varianten gibt es auch zwei eher ungewöhnliche Alternativen, die zwar nicht perfekt ausbalanciert sind, aber sich deutlich vom üblichen Mehrspieler-Mist unterscheiden.

Beim „Bum Rush“ besitzt ein Team Feuerwaffen und einen eingeschränkten Munitionsvorrat, während das zweite Team starke Nahkampfwaffen in den Händen hält. Anfangs noch recht unausgeglichen, gewinnen die Nahkämpfer mit den sich zu Ende neigenden Vorräten immer mehr die Oberhand und das Gefecht wird wieder spannend.

Ähnlich aufregend präsentiert sich der „Crime Scene“-Modus, in dem eine Gruppe mit CSI-Nachwuchs zwei Beweisstücke jagen muss, die wiederum von den „Beeinflussten“ versteckt wird. Eine wilde Hatz nach den Hinweisen beginnt und überrascht mit packenden Stellungsgefechten und taktischen Belagerungen.

Call of Duty und Co. werden keine Angst haben müssen, dass Ihnen Condemned 2 die Show stiehlt, aber gerade im Nahkampf bietet der Titel wirklich ein ungewöhnliches Gameplay und überrascht mit fast Beat'em Up-artigen Schlagsequenzen und Kämpfen bis auf den letzten Tropfen Blut.

Ob man es will oder nicht, mit den Jahren stumpft man mehr und mehr ab.

Brutale Spiele, Filme oder einfach nur die Nachrichten - inzwischen hat man alles schon mal gehört, gesehen oder erlebt.

Trotzdem gelingt es Monolith mit Condemned 2, dass ich immer wieder geschockt den Mund öffne und ich mich atemlos durch die Level schleife.

Hier eine brutale, viel zu realistische Prügelsequenz, dort eine verstörende Vision. Ständig warte ich auf das nächste, schreckliche Ereignis, das nur eine Ecke weiter auf meine Hauptfigur lauert. Jeder brutale Schlag ins Gesicht, jeder deformierte Unterkiefer und jeder Todesstoß erschüttert mich bis ins Mark.

Es mag dahingestellt sein, ob so viel Gewalt in einem Videospiel nötig ist, fest steht: Monolith erzeugt damit Gefühle, die ich so vorher noch nicht erlebt habe. Condemned 2 stößt beim Thema Wut, Angst und Trauer an die Grenzen des Bekannten.

Jeder Level wird zum Test. Ein Test, der nicht nur die Fähigkeiten auf den Prüfstand stellt, sondern besonders die eigene Perspektive, das Urteilsvermögen. Und die audiovisuelle Bilderflut setzt einen dabei in eine nicht enden wollende Achterbahn der Gefühle.

Ohne große Fehler und mit zum Teil wirklich unvergesslichen Aha-Momenten liefert Monolith eine bombastische Parabel zum Thema Gewalt ab. Sie wirft die Frage auf, wo man die Grenze ziehen sollte und ob Ihr die Untiefen Eurer eigenen Seele wirklich ergründen wollt.

Rein qualitativ ist der Titel über die Gewaltdiskussion erhaben. Allein moralisch muss am Ende jeder selbst entscheiden, ob Condemned 2 vielleicht nicht doch einen Schritt zu weit geht.

Condemned 2: Bloodshot erscheint am 29. März in Österreich. In Deutschland wird es keinen Release geben.

 

 

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