X360: The Saboteur
Saboteur? Was ist das überhaupt für ein Spiel, das Pandemic (Mercenaries 2 (eurogamer.de)) da entwickelt? Eine Umsetzung des 8-Bit-Oldies aus den 80ern? Durch das Internet geisterten zunächst nur ein paar frühe Screenshots, Vorschau-Anfragen lehnte Herausgeber Electronic Arts zu diesem Zeitpunkt kategorisch ab. Fast so, als hätte die Firma etwas zu verbergen. Nur was?
Erst im Fahrwasser der diesjährige Spielemesse E3 sickerte Genaueres durch: Man schleicht als Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg durch Paris. Nichts Weltbewegendes also. Doch jetzt endlich bricht der nächste Wall der Informationssperre. Ich durfte Saboteur live erleben. In Aktion. Und, oh Wunder, ich bin fasziniert!
Die Häuser sind grau, der Himmel ist grau, alles ist grau. Verursacht wird das nicht durch Depressionen, sondern durch eine künstlerische Entscheidung der Designer. „Die durch die Nazis besetzten Zonen stellen wir in Schwarz/Weiß dar“, erklärt Christopher Hunt, Künstlerischer Leiter des Spiels. „Die Besatzung der Nazis ist wie ein Geschwür, das sich über Paris und seine wunderschöne Architektur ausbreitet und die Stadt gefangen nimmt. Bunt ist es nur dort, wo der Widerstand einen Fuß in die Tür bekommt und es gelingt, die Besatzer zurückzudrängen.“
Das soll den Kontrast zwischen diesen Welten verstärken. Und das gelingt hundertprozentig! Das Nazi-Flair schwappt in Schwarz/Weiß mit den dezenten Farbklecksen einfach über. Da macht sich der Konsum von Fernsehdokumentationen doch noch bezahlt, die so ein Bild dieser Ära geprägt haben.
Der Spieler wandelt zwischen Bunt und Grau, sinnbildlich zwischen Gut und Böse. Wohin er geht, steht ihm frei. Denn The Saboteur ist ein sogenanntes „Sandbox“-Spiel, ein Spiel mit viel Bewegungsfreiheit. Genau wie GTA, Mafia oder Assassin's Creed, nur eben im Zweiten Weltkrieg. Und die Parallelen zu den genannten Werken fallen sofort auf. „Es gibt natürlich sehr ähnliche Elemente“, räumt Hunt deshalb auch anstandslos ein. „Es sind Spiele mit einer offenen Spielwelt, der Spieler hat seine Story-Missionen und auch jede Menge Nebenaufgaben zu erledigen. Trotzdem sind viele Sachen anders.“
Als Hauptfigur Sean Devlin wie ein Fassadenkletterer an einer Häuserfront auf ein Dach kraxelt, merkt man davon noch wenig. Würde Devlin keine Baskenmütze tragen und von dort oben den Eiffel-Turm erspähen, könnte man auch glauben, bei Assassin's Creed in Jerusalem einen neuen Aussichtspunkt entdeckt zu haben. Als er das Scharfschützengewehr zieht und auf einen Nazi-Wachposten anlegt, ist dieses Gefühl allerdings vorbei. „Ich arbeite auf Distanz“, sagt Hunt, während er das Ziel mit einem Zeigefingerklick eliminiert. „Den Rückstoß des Gewehrs kann ich verringern, indem ich Gegner töte. Je besser meine Fähigkeiten werden, desto mehr Arten von Scharfschützengewehren lassen sich zudem nutzen.“
Aha, ein paar Möglichkeiten um den Held seinen persönlichen Vorlieben anzupassen, gibt es also auch. Von „Prügeln“ über „Autofahren“ bis hin zu „Sabotage“ existieren dafür zwei Handvoll Kategorien mit je drei Ausbaustufen. Erfahrungspunkte verteilen braucht ihr aber nicht, der Spieler wird automatisch besser, wenn er bestimmte Voraussetzungen erfüllt. Etwa fünf Nazis auszuknipsen, um den Rückstoß für sein Scharfschützengewehr zu senken. Umso besser.
Eine Sirene und Rufe ertönen. Hunt fährt fort: „Ich habe den Alarm auf Level 1 ausgelöst. Die Wachen sind jetzt misstrauisch und suchen nach mir. Das ist eine besetzte Zone. Es ist schwierig, sich hier unbemerkt fortzubewegen. Deshalb gibt es Stellen, an denen man sich verstecken kann. Sie sind grün markiert.“ Was passiert, wenn man diese Signale ignoriert, zeigt sich später. Auf einer Straßenkreuzung liefert sich Held Devlin ein Feuergefecht mit ein paar Soldaten. Der Alarm-Level steigt: 2, 3. Immer mehr Gegner tummeln sich auf den Pflastersteinen. Ihr verschanzt euch hinter dem Kühler eines abgestellten Autos und ballert, was das Zeug hält.
Alarm Stufe 4. Die Nazi-Elite trifft ein. In einem schicken, gepanzerten Mannschaftswagen. Männer in dunklen Mänteln und Gasmasken vor den Gesichtern springen heraus. Mit Flammenwerfern im Anschlag rücken sie zielstrebig auf eure Position vor … ärgerlich, dass ihr nach eurem Bildschirmtod an einem Checkpunkt wieder einsteigen müsst und nicht speichern könnt, wann ihr es für richtig haltet.
Doch wer ist überhaupt dieser Aushilfs-James-Bond, der den Nazis die Stirn bietet und den ihr in The Saboteur steuert? „Eigentlich ist Sean Devlin ein Rennfahrer. Er ist davon besessen. Dazu kommt noch, dass er Ire ist“, löst Hunt das Rätsel. „Im Laufe der Zeit stellt Sean einfach fest, dass er ziemlich gut darin ist, Nazis zu ärgern, und er wird zum Teil des Widerstands.“ Sean ist also nur zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort. Als der Zweite Weltkrieg losbricht, will er nämlich bloß für seinen Rennstall Morini Rennen fahren. In die Rolle des Widerstandskämpfers rutscht er eher zufällig.
Pandemic hat sich zu diesem Schachzug durch die wahre Geschichte eines englischen Rennfahrers namens William Grover-Williams inspirieren lassen, der als Untergrundkämpfer in Frankreich starb. Etwas Gutes hat die Sache. Durch den Rennfahrer-Hintergrund eurer Spielfigur stehen auch Wettfahrten und Verfolgungsjagden auf dem Programm. Sogar in schicken 40er-Jahre Rennwagen, wie Hunt kurzerhand per Cheat vorführt, indem er der Spielfigur ein solches Geschoss mal eben vor die Füße zaubert. Wie in GTA kann Devlin Leute natürlich auch aus ihren Wagen zerren und sich selbst hinter das Steuer klemmen. Doch Rennwagen sind normalerweise nicht im Straßenverkehr zu finden. Sie müssen verdient werden. Oder gekauft. In Garagen. Dort lassen sich auch Extras wie Maschinengewehre an der Stoßstange installieren.
In der virtuellen, angeblich etwa neun mal sieben Kilometer großen Stadt gibt es Dutzende Garagen, Geschäfte und Waffenhändler, die ihr aufsuchen könnt. „Eine tolle Sache ist die Karte, auf der du erkennst, welche Ziele es gibt und wo die Nazis aktiv sind“, so Hunt. „Es gibt gut 1.300 Objekte, die hier eingezeichnet sind. Die Stadt ist in verschiedene Zonen aufgeteilt, ich kann auch ein wenig raus aufs Land und sogar nach Deutschland.“
Genauer gesagt nach Saarbrücken. Und in eine Fabrikanlage von Mercedes – Pardon einer an Autobauer Mercedes angelehnten Firma. Die Lizenzkosten für Wagen und Waffen der Ära wollte man sich sparen. Das 40er-Jahre-Flair vermitteln die laut Entwickler zu knapp 90 Prozent authentischen Gerätschaften trotzdem. Auch das sogenannte Doppelsieg-Rennteam der Deutschen gab es natürlich nicht wirklich. Ein Schelm, wer dabei an die legendären Silberpfeile denkt.
Doch Autofahren ist nur ein Teil des Spiels. Endziel ist, den Anführer der Besatzer, Kurt von Dierker, zu stoppen. Ein Nazi, wie er im Klischee-Handbuch für Wolfenstein (eurogamer.de)-Spiele steht. „Hinter der Besatzungsmacht steckt eine Menge mehr, als du auf den ersten Blick erkennen kannst“, orakelt Hunt. Und eine Liebesgeschichte haben die Entwickler natürlich auch noch eingebaut. Es wäre andernfalls aber auch zu schade um die Blondine Skylar und ihre üppigen Rundungen gewesen. Nur warum man auf dem Schwarzmarkt neben Dynamit oder Alkohol auch Kondome erwerben kann, wollte Hunt noch nicht verraten: „Kauft das Spiel und findet es heraus! Es gibt einen Grund für die Kondome, sie sind nicht bloß im Spiel, um sie zu besitzen.“ Wie gemein!
Die deutsche Version des Spiels erscheint gekürzt, aber aus Marketing-Gründen immerhin vier Tage vor der amerikanischen Fassung. Bei den Unmengen an Hakenkreuz-Fahnen und Armbinden sind Schnitte allerdings auch kein Wunder. Doch etwas Pixelblut musste offenbar ebenfalls weichen; Hunt bestätigt für die deutschen Version einiges an Zusatzarbeit geleistet zu haben. Immerhin kündigt er gegenüber Eurogamer neben komplett deutscher Sprachausgabe für Anhänger des Originaltons auch eine englische Tonspur auf dem gleichen Datenträger an. Das klingt nach einem fairen Kompromiss.
Auf so ein Spiel habe ich gewartet! Das wusste ich bis vor Kurzem zwar nicht, aber nach einem wirklich ausführlichen Blick verstehe ich kaum noch, wie ich bisher ohne ein Offene-Welt-Spiel im Zweiten Weltkrieg auskommen konnte. Saboteur wirkt an manchen Stellen fast unverschämt attraktiv, besonders die Idee die besetzten Zonen in schwarz/weiß zu hüllen, hat es dem heimlichen Künstler in mir angetan. Doch inwieweit die Steuerung hakelig und die Missionen abwechslungsreich ausfallen, lässt sich momentan noch nicht sagen. Ich hoffe das Beste....
The Saboteur erscheint voraussichtlich am 4. Dezember für PC, Xbox 360 und PlayStation 3.




