Time Gentlemen, Please!

Review
Plattform
PC
Vertrieb
Zombie Cow
Entwickler
Zombie Cow
Genre
Andere
PC: Time Gentlemen, Please!

Gesamtwertung

9/10

PC: Time Gentlemen, Please!

Und, hat es euch auch schon erwischt? Hat euch der Adventure-Virus wieder befallen? Immerhin konnte in den letzten Wochen nicht nur unser aller liebster Möchtegern-Pirat Guybrush Threepwood sein lange erwartetes Comeback in der ersten Episode von Tales of Monkey Island (eurogamer.de)feiern, auch das neue Indiana-Jones-Abenteuer für die Nintendo Wii (eurogamer.de)wurde durch den versteckten Klassiker Indiana Jones and the Fate of Atlantis kolossal aufgewertet.

Und als wäre das noch nicht genug, begann LucasArts vor kurzem, sein beeindruckendes Adventure-Oevre der 80er und 90er Jahre über Steam anzubieten. Widerstand ist also zwecklos, die Adventures bereiten sich offenbar auf ihr großes Comeback vor. Aber muss man immer in der Vergangenheit schwelgen? Muss man unbedingt die alten Helden reanimieren und die alten Titel der 90er auf die moderne Hardware konvertieren?

„Nein“, haben sich Dan Marshal und Ben Ward gedacht. Dan und Ben sind Indie-Programmierer. Trendige Burschen aus dem guten, alten England, die kein Interesse an den großen Publishern haben, bei denen Focusgruppentests und Marketing-Abteilung nicht permanent in den Inhalt der Spiele reinreden. Unter dem Label Zombie Cow Games (zombie-cow.com)ziehen Dan, Ben und ihre Mitstreiter ihr eigenes Ding durch.

Eines dieser eigenen Dinger hört auf den Namen Ben There, Dan That!. In diesem Point & Click-Adventure werden die Helden Dan und Ben beim Versuch, eine Fernsehantenne zu basteln, um endlich Magnum sehen zu können, von Außerirdischen entführt und versuchen nun, in ihre kleine, heruntergekommene Wohnung zurückzukommen. Dabei stolpern sich durch allerlei Dimensionen und lösen haarsträubende, aber logische Rätsel.

Ben There, Dan That! ist ein Achtungserfolg. Ein kleines, grafisch recht unspektakuläres Abenteuer mit ein paar cleveren Rätseln, das gut unterhält, aber sicherlich untergegangen wären, hätten Ben und Dan ihre mageren Ressourcen nicht in den einen Aspekt des Spiels investiert, in dem man mit wenig Aufwand am meisten erreichen kann. Denn während die meisten großen, kommerziellen Spiele Millionenbeträge für üppige Grafik, donnernde Spezialaffekte und teure Profi-Sprecher ausgeben, fühlen sich viele Titel auch heute noch so an, als hätte der überarbeitete Praktikant Plot und Dialoge in der Mittagspause auf einer benutzten Serviette verfasst. Dabei ist ein gutes Skript wie schon erwähnt, die mit Abstand günstigste und effizienteste Art, ein Spiel aufzuwerten.

Spielehelden müssen sich nicht gezwungenermaßen nur mit Grunzlauten und schalen One-Linern verständigen, und nicht ohne Grund haben zahlreiche große Klassiker wie Monkey Island, Half-Life, Baldur´s Gate, aber auch moderne Titel wie Bioshock eine große Gemeinsamkeit: Am Skript haben Leute gearbeitet, die wirklich schreiben können.

Und genau das war auch bei Ben There, Dan That! der Fall. Wie in den Adventures vergangener Tage liegt der Reiz des Spiels nicht nur im Lösen der Rätsel, sondern vor allem im Erforschen der Welt. Mit einem Wechselcursor Marke Sam & Max kann Hauptfigur Ben Gegenstände ansehen, benutzen oder aufheben, mit ihnen reden oder Kumpel Dan zur Interaktion auffordern. Der Clou: Das Spiel verzichtet auf generische Antworten.

Anstatt dem Spieler bei jeder nicht vorgesehenen Interaktion ein simples „Das funktioniert nicht“ entgegenzuwerfen, haben die beiden kreativen Briten massenweise witzige, schlagfertige, sarkastische und schlichtweg charmante Texte geschrieben, die den Spieler nicht nur zum Schmunzeln bringen, sondern oft genug auch sachte in Richtung der Lösung stoßen. Möglich wird das durch den Verzicht auf Sprachausgabe – ohne an die Kosten denken zu müssen, die eine Vertonung der Tausenden von Zeilen mit sich gebracht hätte, können Ben und Dan nach Herzenslust in ihren Dialogen schwelgen.

So verschiebt sich der Spielfokus schnell vom ökonomischen Rätseln und Grübeln hin zum ausführlichen Suchen und Ausprobieren. Auch wenn ihr die Lösung bereits habt, werdet ihr erst einmal andere abstruse Ideen ausprobieren, nur um zu sehen, wie die beiden Helden reagieren und mit welchen schlagfertigen Bemerkungen sie euch als nächstes unterhalten.

Und hier merkt man dem Spiel seine britische Herkunft an. Die geschliffenen Dialoge könnten auch aus einer cleveren, nicht ganz jugendfreien britischen Sitcom Marke Coupling stammen. Ben und Dan hauen sich gegenseitig in die Pfanne, reißen schmutzige, aber intelligente Witze, sprechen Dinge aus, die kommerzielle Adventure-Helden niemals in den Mund nehmen würden und durchbrechen mit Gags über die eigenen schlechten Animationen, frühere Adventures, das Ende der goldenen LucasArts-Zeit regelmäßig die vierte Wand. Dabei verkommt das Spiel aber nie zur selbstreferenziellen Nabelschau.

Gut, Ben There, Dan That! ist jetzt nicht wirklich der Weisheit letzter Schluss. Die Grafik ist oft arg simpel, das Spiel an sich ist recht linear, die Puzzles oft etwas zu offensichtlich und die Geschichte hinter all den Gags und Dialogen vergleichsweise dünn. Aber habe ich schon erwähnt, dass Ben There, Dan That kostenlos abgegeben wird (zombie-cow.com?page_id=17)?

Und ausgerechnet dieses kleine, alberne Adventure, das die beiden Entwickler eher zum Spaß zusammengezimmert haben, schlug im letzten Jahr so hohe Wellen, dass Zombie Cow vor kurzem das rundum verbesserte Sequel fertig gestellt hat. Und das erweist sich nun tatsächlich als eines der cleversten und witzigsten Point & Click-Adventures aller Zeiten.

Der Titel Time Gentlemen, Please! (zombie-cow.com?page_id=559), (ein wirklich nur für Briten verständliches Wortspiel: Will er schließen, ruft der Wirt des örtlichen Pubs diese Worte, um die Kundschaft zum Austrinken und Gehen zu animieren) deutet es bereits an: Dieses mal reisen Ben und Dan durch die Zeit. Das Sequel setzt im Vergleich zum Vorgänger wirklich in jeder Beziehung einen drauf. War Ben There, Dan That vor einem Jahr noch eine grafisch eher zweckmäßige Angelegenheit, pocht Time Gentlemen, Please! auf den vollen 2D-Charme. Parallax-Elemente im Vordergrund bringen ebenso Atmosphäre ins Spiel wie die hübscheren Figuren, die allerdings die bewusst dilettantischen Lauf-Animationen beibehalten. Das Interface ist eleganter, die Rätsel komplexer und der Humor noch eine Spur haarsträubender als im Vorgänger.

Im Gegenzug kostet das famose Sequel dann aber auch tatsächlich etwas mehr als der Erstling: War der noch umsonst, hätten die fleißigen Entwickler für Time Gentlemen, Please! einen stolzen Betrag von fünf amerikanischen Dollar, zum derzeitigen Kurs so grob über den Daumen gepeilt drei Euro, also etwa der Preis eines durchschnittlichen Getränks in eurer Lieblingskneipe.

Und das, liebe Adventurefans, ist Time Gentlemen, Please! definitiv wert. Mit 90% aller modernen kommerziellen Adventures fährt dieses kleine Indie-Projekt gnadenlos Schlitten. Rätsel, Dialoge, Spielfluss – all das ist durch und durch vorbildlich und ausgereifter als bei den meisten großen Abenteuern, die auf DVD daherkommen und mindestens das zehnfache kosten. Gerade die Freiheit eines Independant-Spiels ist es, die Time Gentlemen, Please! so zugute kommt.

Bei kommerziellen Produkten wäre so mancher Gag und so manches Rätsel den Anzugträgern in der Chefetage zu heikel. Von der Entscheidung zugunsten einfacher, aber sympathischer 2D-Grafiken wäre vom PR-Department, das auf covertaugliche Rendereien besteht, abgeraten worden und irgendein Manager hätte dann auch auf durchgehende Sprachausgabe gedrängt und wäre damit dem umfangreichen Skript in die Quere gekommen.

Zum Glück blieb das Ben There, Dan That! und Time Gentlemen, Please! alles erspart. Die beiden Adventures sind echte Autorenspiele, denen man das Talent und die Motivation ihrer kleinen Entwicklercrew von vorne bis hinten anmerkt. Und gleichzeitig sind sie der digitale Beweis, wie viel ein stimmiges, cleveres Skript in einem Spiel wirklich wert ist. Deswegen kann ich nur noch mal betonen – wenn ihr die entsprechenden Englischkenntnisse habt, dann holt euch Ben und Dans Abenteuer auf euren PC. Etwas Besseres könnt ihr eurem Rechenknecht kaum tun.

Ben there, Dan that!:

Time Gentlemen, Please!:

Ben there, Dan that! und Time Gentlemen, Please! sind für euren PC erhältlich. Das eine umsonst, das andere für umgerechnet schlappe 3 Euro.

 

 

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