Gesamtwertung8/10 |
„Ich würde dich ja ganz höflich um die Bass-Saiten bitten. Aber du wirkst nicht wirklich zugänglich“, sagt Eddie zu der elefantengroßen Spinne aus chromblitzendem Metall, die sich in der Höhle bedrohlich vor ihm aufbaut. „Also komme ich aus Respekt vor dir auf den Punkt …“, fährt der Rocker fort, „… WO ICH DIR IN DEN ARSCH TRETE!“
Aus genau diesem Körperteil flutschen übrigens üblicherweise die Bass-Saiten, von denen Eddie gefaselt hat. Er will die Dinger für Lemmy besorgen, den Kill Master. Damit dieser die lebensgefährlich verletzte und ziemlich scharfe Ophelia mit einem Gitarrensolo rettet. Deshalb hat sich Eddie ja überhaupt in die Behausung des fiesen Gliederfüßlers begeben, obwohl ihm prophezeit worden war, dass die Spinnenkreatur ihn garantiert zerfetzt und ihre Eier in seinen Augenhöhlen ablegt. Oh, ihr versteht nur Bahnhof? Das klingt alles irgendwie nach geschlossener Psychiatrie? Also total krank? Stimmt. Willkommen bei Brütal Legend!
„Blöde Pisswichser“ nennt Eddie, der Protagonist des Spiels, seine Feinde gemeinhin. Nein, er ist wahrlich nicht auf den Mund gefallen. Und sein geistiger Vater, Kult-Spielemacher Tim Schafer, macht es Rezensenten schwer, zu beschreiben, was einen nach Titeln wie The Secret of Monkey Island, Day of the Tentacle, Vollgas, Grim Fandango und Psychonauts diesmal erwartet. Hack'n'Slay-Action-Adventure-Echtzeitstrategie-Musik-Rennspiel klingt irgendwie dämlich.
Letztlich entpuppt sich Brütal Legend als interaktive Heavy-Metal-Zeichentrickkomödie. Komplett durchgeknallte, aber für ein Spiel ungewöhnlich liebevoll ausgearbeitete Heldencharaktere, Schurken und Nebenfiguren, grandiose Dialoge und eine irrwitzige, wendungsreiche Geschichte peitschen euch durch eine offene Phantasiewelt, die die Optik eines grellen Achtzigerjahre-Plattencovers an den Tag legt. Was es hingegen nicht ist: ein Titel, der den Mann oder die Frau am Gamepad durch eine abwechslungsreiche Spielmechanik vorantreibt.
Eddie Riggs, seines Zeichens Roadie – sprich Bühnenarbeiter –, verschlägt es in ein Fantasy-Paralleluniversum, in dem der Heavy Metal magischen Kräften gleichkommt. Wie es sich gehört, wird diese Welt vom Bösen bedroht. Der Recke, ein Ebenbild von US-Schauspieler Jack Black in muskulöser Form, will das verhindern. „Ich bin Roadie, ich schaffe den Müll von der Bühne!“, knurrt der Lederjackenträger und pflügt mit einer Axt und einer E-Gitarre, die unter anderem Blitze schleudert, durch Horden bizarrer Gegner. Dabei verzweifeln weder Motorik-Autisten noch Menschen, die Skill mit der Muttermilch aufgesogen haben. Es gibt feste Speicherpunkte und drei Schwierigkeitsgrade: „Sanft“, „Normal“ und „Brütal“.
Unter anderem wollen Kriegsnonnen, Sado-Maso-Fettsäcke und pinkfarben behütete Vertreter der Glam-Rock-Szene blutig und stilvoll gerichtet und verhackstückt werden. Zu „Verstümmelungen und gelegentlichen Enthauptungen“ kommt es selbstverständlich nur, wenn dies „aus erzählerischen Gründen notwendig ist, der Wahrung historischer Genauigkeit dient oder hammer aussieht“. Allerdings werden im Rahmen der teils morbiden, meist humor- aber auch zeitweise geheimnisvollen und am Ende sogar rührenden Geschichte um Bescheidenheit, Freiheitsstreben, Verrat, Tod und Liebe nicht nur im übertragenen Sinn Herzen herausgerissen. Einer weiteren Erklärung, warum das Spiel ab 18 ist, bedarf es wohl nicht.
An dieser Stelle eine weitere wichtige Warnung fürs allgemeine Seelenheil: Brütal Legend stellt eine Hommage an den „echten Heavy Metal“ und den Beruf des ehrenwerten Roadies dar. Nu-Metal-Fans, Emo-Kinder und andere Poser, die nicht über ein gerüttelt Maß an Selbstironie verfügen, kriegen von Tim Schafer symbolisch ziemlich aufs Maul. Sein virtueller Sohn Eddie hat für derartiges Gesindel maximal ein brummeliges „Aus dem Weg, Dauerwelle!“ übrig, wenn er die Typen vermöbelt. Ich will’s nur erwähnt haben.
Okay, Eddie schnitzelt sich also fröhlich durch die Gegend. Ab und an warten Levelbosse auf eine Sonderbehandlung. Ihr müsst nämlich immer erst deren Schwäche herausfinden. Ein Obermotz ist der vom Ende der Demo bekannte riesige Wurm mit dem mumuähnlichen, zahnbewehrten Rachen, aus dem rotzartiger Schleim spritzt. Mahlzeit!
Außerdem begegnet ihr einem gewissen General Lionwhyte, der für die Schergen des sogenannten Hairspray Metal steht. Ihr wisst schon, dazu gehören in der realen Welt Brüder wie die von Europe oder Mötley Crüe. Bands direkt aus der Schmusehölle eben. Lionwhytes pappige Haarspraymatte formt sich sogar zu Schwingen, die es ihm ermöglichen, zu fliegen. So viel zum Thema groteske Bösewichte, ich will schließlich nicht zu viel verraten.
Glücklicherweise sind auch Eddies Verbündete nicht ohne. Da wären die dusseligen, aber liebenswerten Headbanger, die ständig ihre Köpfe im Takt der Musik bewegen. Deren absurd stark ausgebildete Nacken bilden zwei dicke Muskelstränge, die an ein Hinterteil oder – wie meine Mone meint – wackelndes männliches Geschlechtsteil erinnern. Ich verbitte mir Rückschlüsse auf mich, vielen Dank.
Roadie Eddie jedenfalls erteilt den Headbangern wie später anderen Einheiten auch einfache Befehle á la „Folgt mir!“ oder „Greift an!“ und mutiert so zum Master of Puppets. Außerdem ist mit jedem Mitstreiter eine sogenannte Team-Aktion möglich. Die Headbanger etwa bilden auf Knopfdruck einen kreisförmigen, schützenden Moshpit, während der Meister in der Mitte die Finger einer Hand zum Teufelszeichen formt und in den düsteren Himmel reckt.
Wichtige Nebenrollen in Brütal Legend sind prominent besetzt: Der polygongewordene Lemmy, seines Zeichens Sänger und Bassist von Motörhead, mimt beispielsweise den erwähnten Kill Master, eine Art Heiler. Ozzy Osbourne tritt als Hüter des Metal auf. In dessen Motorenschmiede pimpt Eddie seinen Hot Rod, ein heißes Auto US-amerikanischer Bauart, verbessert Axt oder Gitarre oder lernt neue Kampfmanöver.
Mit der Klampfe aktiviert der Held zum Beispiel die „Gesichtsschmelze“, die mit Gegnern genau das tut, was die lustige Bezeichnung verspricht. Für derartige Aktionen spielt ihr möglichst fehlerfrei kurze Soli im Stil von Guitar Hero. Aufrüstpunkte regnet es für erledigte Primär- und Sekundärmissionen. Die Musiker in Brütal Legend haben bei der Originalfassung ihren Charakteren auch die passenden Stimmen verpasst. Ebenfalls mit von der Partie ist der Metal God himself, Rob Halford (für alle Dauerwellen: Sänger von Judas Priest). Wer will, genießt das Spiel entsprechend auf Englisch, was lobenswerterweise sogar mit deutschen Untertiteln möglich ist. Auch die lokalisierte Fassung klingt toll. Eddie labert mit der Stimme von Tobias Meister, der in Filmen nicht nur Jack Black Wortgewalt verleiht, sondern auch Brad Pitt.
Der ehemalige Viva-Moderator Phil Daub plaudert für Ozzy Osbourne und kriegt dessen ständig irgendwie nach verbotenen Betäubungsmitteln klingende Sprachmelodie gut hin. Schmunzeln ist angesagt, wenn er zum Beispiel seinem Besucher gegenüber beiläufig ein „Du hast da Dämonengedärm an der Stoßstange!“ fallen lässt. Selbst im Detail herrscht Professionalität: Kleine Rollen übernahmen Peter Nottmeier von Switch und Mirco Reseg (Sechserpack). Ohnehin nicht zu klagen braucht ihr angesichts der bekannten, brütal-brontalen 107 Heavy-Metal-Stücke (eurogamer.de)Spielerisch erinnert Brütal Legend an die GTA-Reihe, dummerweise ohne praktische Minimap, sodass man häufig zwischen Spiel und Weltkarte hin und herschaltet, um sich anständig orientieren zu können. Auch bei der Missionsvielfalt hapert es im Vergleich zu Grand Theft Auto. So müsst ihr für die Hintergrundgeschichte dreimal einen Abschnitt spielen, bei dem ihr in eurem Wagen dem Tourbus eurer Freunde hinterher rast und auftauchende Feindesbrut mit dem Bordgeschütz wegpumpt. Das Wort „Abwechslung“ war anders definiert, soweit ich mich entsinnen kann.
Zappenduster sieht‘s bei den Extraaufgaben aus, weil sich diese schneller wiederholen als Filme im Fernsehen. Oft geht’s profan darum, ein paar Feinde zu verkloppen. Das finde ich besonders vor dem Hintergrund indiskutabel, dass die Story-Kampagne nur 50 Prozent des Spiels ausmacht und die 22 Missionen binnen rund sechs Stunden zu bewältigen sind. Zwischensequenzen strecken das Abenteuer. Die Animationsfilmchen sind freilich exzellent, man kann es nicht oft genug betonen. Keinesfalls wegen der Dialoge allein, sondern auch, weil die Mimik der Charaktere zum Schreien ist.
Hin und wieder blitzt der Witz glücklicherweise auch spielerisch durch. Wenn Eddie etwa auf dem Motorrad des Kill Master mitfährt, um wie ein Schäfer wunderlich aussehende Schweine in die Arme der geheimnisvollen Ophelia zu treiben, die die Wildsäue schlachtet und zu Waffen verarbeitet. Große Freude kommt bei Tierschützern auf, sobald der Roadie mit seinem Flitzer 21 Igel überfährt, weil als Belohnung ein neues Gitarrensolo winkt. Damit ruft er künftig ein Rudel der stachelbewehrten Gesellen herbei, die dann für ihn kämpfen. Herrchen kann sich aber auch eines der Tierchen schnappen und dropkicken, also mit dem Fuß durch die Gegend schießen. Vorzugsweise auf Feinde. Oder einfach so, weil‘s zum Totlachen ist.
Was Freunde schnörkelloser Action wissen müssen: Um die speziell für den Mehrspielermodus (eurogamer.de)entwickelten Echtzeitstrategie-Elemente kommt ihr auch im Solisten-Teil nicht herum. Vier-, fünfmal gilt es, eine Basis in Form einer Rockbühne auszubauen, sogenannte Fan-Geysire für den Ressourcennachschub zu erobern, Truppen einzuberufen und in die Schlacht zu schicken. Ehrlich, mir ging das auf den Sack. Das mag an meiner generellen Abneigung gegenüber dem Genre liegen. Eventuell aber auch daran, dass Konsolenspiele nicht wirklich für Feldherrensimulationen gemacht scheinen, weil man sich wegen des Mikromanagements am Gamepad die Finger bricht.
Übersichtlich kann man das das Ganze auch nur bedingt nennen. Dafür fallen die Gefechte reichlich hektisch aus, weil man den mit Dämonenflügeln ausgestatteten Eddie ständig hin und her flattern lässt – Einheiten nehmen Order nämlich nur an, wenn sie sich in der Nähe befinden. Andererseits greift ihr gezwungenermaßen immer wieder selbst kämpfend ins Geschehen ein, weil eure Hilfsspackos es alleine nicht gebacken kriegen. Oder ihr wollt sie beispielsweise mit einem Solo auf der Gitarre stärken und müsst deshalb landen (falls gerade World-of-WarCraft-Spieler mitlesen, die bekanntlich nicht unsere Sprache sprechen: Stärken heißt in diesem Fall so viel wie buffen). Im Gewühl ist es manchmal extrem knifflig, Freund und Feind zu unterscheiden.
3.646 nicht druckreife Flüche später geht das Strategiegedöns dann doch einigermaßen kontrolliert von der Hand und selbst Denkbremsen wie meiner einer zwingen das feindliche Heer in die Knie. Was auch damit zu tun hat, dass die künstliche Intelligenz noch unterbelichteter ist als meine naturgegebene. Man schütze einfach immer nur den Fan-Geysir, der der gegnerischen Basis am nächsten ist, produziere massig Einheiten und presche zur richtigen Zeit zum Stützpunkt des Feindes vor. Rushen nennt sich das wohl in der Fachsprache.
Auf die Idee, euch auch mal durch einen Angriff auf eine andere Ressourcenquelle abzulenken oder ähnliches, kommt der Computerheini selten. Der Mehrspielermodus ist dann schon unterhaltsamer, weil ihr euch dabei natürlich mit anderen Menschen messt. Wobei er mit drei Fraktionen und sieben Karten für bis zu zweimal vier Teilnehmer trotz allem nur eine nette Beigabe darstellt. Gut: Es sind Übungspartien mit KI-Gegnern (fünf Schwierigkeitsgrade) möglich.
Ehe ihr nun ob der erwähnten Schwächen in Tränen ausbrecht und mich zur Strafe in ein Bon-Jovi-Konzert wünscht, weil es ja wohl nicht sein kann, dass ein Tim-Schafer-Werk alles andere als perfekt ist: Ruhig Blut, die locker-leichte Heiterkeit dieses Spiels macht eine Menge wett. Mein Humorzentrum trifft es jedenfalls, wenn Eddie darüber informiert werden möchte, aus welcher Richtung der Feind kommt, deshalb „Grob 11 Uhr?“ fragt und sein Kumpel Magnus „Nein, jetzt!“ antwortet. Nennt mich primitiv, macht mir gar nix!
Tim Schafer beweist sich in seinem neuen Spiel als begnadeter Geschichtenerzähler. Brütal Legend ist manchmal ja sogar lustig, wenn man stirbt. Als sich mein Auto wegen eines Fahrfehlers an einem Abgrund gen Boden der Tatsachen bewegte, erfreute ich mich sehr an Eddies losem Mundwerk, das seiner heißen Beifahrerin schnell noch einen Vorschlag unterbreitete: „Wollen wir rummachen, bis wir aufschlagen?“ Zugegeben, die blöde Ziege lehnte ab. Wenig später holte ich mir aber doch noch das launigste Achievement des Spiels: den French Kiss Instructor. Halleluja!
Brütal Legend erscheint am morgigen Donnerstag, 15. Oktober, für Xbox 360 und PlayStation 3.
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Brütal Legend im Test.
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