Der Herr der Ringe: Die Eroberung

Review
Plattform
PC
Vertrieb
Electronic Arts
Entwickler
Pandemic Studios
Genre
Andere
PC: Herr der Ringe: Die Eroberung

Gesamtwertung

5/10

PC: Herr der Ringe: Die Eroberung

‘Episch‘. Ein Wort, das in „schöner, schneller, weiter-Zeiten“ wie diesen immer dann inflationär gebraucht wird, wenn Marketingabteilungen einen neuen Titel mit angemessen majestätischen Attributen bestücken müssen. Doch hier ist es zur Abwechslung mal passend. Oder war es mal. Auf dem Papier zumindest, denn Pandemic versprach: Bewährtes, klassenbasiertes Battlefield-Gameplay auf den bekanntesten Schlachtfeldern Mittelerdes mit „bis zu 150 Einheiten gleichzeitig auf dem Bildschirm“. ‘Episch‘ eben. Das Problem ist nur, dass der maßgebliche Teil dieser Aussage für die eine, wichtigere Hälfte des Spieles schlicht unwahr ist und für die andere von nicht allzu großer Bedeutung.

Es ist das alte gute Nachricht/schlechte Nachricht-Spiel. „Die gute Nachricht: Dieses klassenbasierte Multiplayer-Actionspiel, das Sie da gerade gekauft haben, ist in der Lage, zwölf Dutzend Einheiten auf einmal ins Gefecht zu rendern. Die Schlechte: Im zentralen Mehrspieler-Modus wird das einfach nicht gemacht!“

Es ist nicht das einzige Problem von Herr der Ringe: Die Eroberung. Aber es ist das, das aus der Masse an vielen kleinen bis mittleren Unzulänglichkeiten heraussticht, weil das Spiel dadurch ein anderes ist, als die Trailer angekündigt haben: Während die beiden sehr kurzen Einzelspieler-Kampagnen (die auch zu viert im Co-op angegangen werden können) mit massenhaft gut gemischten, aber dummen KI-Kämpfern und reichlich Belagerungsgerät zeigen, wie der Rest des Online-Modus hätte aussehen können, beschränkt die namensgebende „Eroberung“ – bekannt und geliebt aus Battlefield /-Front und Co. – die Spielerzahl auf mickrige 16 (insgesamt!) und schmeisst aus heiterem Himmel auch noch die Bots aus dem Spiel. Lediglich leere Spielerslots werden von der KI aufgefüllt.

Wer Schlachtenfeeling will, hat also nur die Option, sich mit der lethargischen und planlosen KI rumzuschlagen. Ansonsten bleiben nur noch die, für diese Marke, unpassend intimen acht-gegen-acht-Angelegenheiten. Der eigentliche Ringkrieg findet dann nur noch als Gewusel im Hintergrund statt, wenn man seinem Gegner-Squad auf den Zinnen von Minas Tirith eins auf die Mappe gibt. Oh Epik, wo bist du nur hin?

Die Antwort: Sie ist in Battlefront II geblieben. Der Rest des Spielprinzips wurde aber für fast jeden Modus beinahe unverändert von diesem indirekten Vorgänger übernommen. Wie so oft dreht sich hüben wie drüben meist alles um das Erobern und Halten von Kontrollpunkten, bis 1000 Punkte erreicht sind oder - wahlweise - alle Stellungen für eine bestimmte Zeit gehalten wurden. In der Kampagne muss darüber hinaus ab und an ein Helden-Charakter (Sauron, Saruman, Aragorn und Co.) niedergestreckt werden, um einen Level abzuschließen. Bei jedem Spawn entscheidet Ihr Euch für eine von vier Klassen: Magier, Späher, Krieger und Bogenschütze stehen zur Wahl und sollen dem Spiel ein Quäntchen Tiefgang verleihen.

Magier sind schwache Nahkämpfer, errichten aber Schutzschilde vor Pfeilen und anderen Projektilen, heilen Verbündete, lösen sich per Schockwelle aus Umzingelungen, verschießen Imperator-Gedenkblitze, die von einem Gegner zum nächsten züngeln, und errichten Wände aus Feuer vor heranstürmenden Feinden. Diese Art von flashiger Angeber-Magie gab es zwar weder im Buch noch im Film zu bestaunen, macht aber aus den HdR:C-Zauberlehrlingen immerhin eine ideale Unterstützer-Einheit für die Kollegen.

Ähnliches gilt für die Bogenschützen, die zwar relativ schnell normale, vergiftete oder sogar dreifach Pfeile abfeuern können, aber alleine in einem blutrünstigen Feindes-Mob schneller zu Boden gehen als Haldir aus Lothlorien im zweiten Ringfilm. Späher und Krieger sind dagegen artverwandte Klassen mit den naheliegenden Differenzen in Sachen Einstecker- und Austeilerqualitäten. Was dem Krieger seine Wurfaxt, ist dem Späher seine Granate. Und während der gemeine Frontsoldat mit dem lodernden Flammenschwert („Eine uralte Waffe!!“ hörst Du, Tolkien?) seine Kombos modifizieren kann, darf sich der Späher unsichtbar machen und unachtsamen Gegner per Stealth-Kill über den Anduin in den nächsten Wutausbruch schicken.

Zu den Standard-Klassen gesellen sich auf beiden Seiten noch Helden in Form eines jeden HdR-Charakters, den man sich nur wünschen kann. Diese sind stets bessere Varianten der vier Grundklassen und werden meist (außer im Helden-Deathmatch) vom Führenden eines Teams übernommen. Außerdem warten noch Pferde, Warge, Trolle und Ents (inklusive seltener Gastspiele von Olifanten) darauf, von Euch in den Kampf geführt zu werden.

Während erstere hauptsächlich der Fortbewegung dienen, verursachen die Baumwesen und die Riesenoger die größte Verwüstung in den feindlichen Reihen, solange sie niemand von hinten zu packen bekommt. Dann genügt eine kurze QTE-Sequenz, um sie zu erklimmen und ihnen den Gnadenstoß zu verpassen.

Ist man alleine in den Kampagnen unterwegs, hat man natürlich nicht allzu viel von den Wechselwirkungen der Klassen, was den Sinn dieses Modus doch ziemlich in Frage stellt. Wenn man als einziger Mensch unter lauter KI-Fußvolk an eine Stelle kommt, für die die eigene Klasse nicht besonders gut geeignet ist (etwa, wenn man sich als Krieger einer Stellung von Fernkämpfern nähert), muss man schon Glück haben, dass die Klon-Kollegen alles richtig machen. Oder zurück zum letzten Kontrollpunkt, um die Klasse zu wechseln. Vorsicht ist auf jeden Fall geboten, denn wer im allgemeinen Chaos das letzte seiner Leben verliert, muss die ganze Schlacht von vorne schlagen, was extrem frustrierend ist.

Zusammen mit vier Freunden hat man während der beiden Feldzüge (erst die gute Seite, dann die böse) kurzzeitig spürbar mehr Spaß in Minas Tirith, Minas Morgul oder auf den Pellenor Feldern, auch wenn die Beschränkung auf ein Quartett die Teilnehmer in ihren taktischen Möglichkeiten stark einschränkt. Brot und Butter von HdR:Die Eroberung ist also eindeutig das Spiel mit dem Maximum an menschlichen Gegnern.

Doch auch bei voller Mannschaftsstärke sind Eroberung, Deathmatch oder Capture the Ring nicht über jeden Zweifel erhaben. Zum einen sind 16 Spieler im Vergleich zu den 32 des letzten, mittlerweile drei Jahre alten Battlefront das absolute Minimum, ab dem ein solcher Klassenkampf überhaupt Sinn macht. Zum anderen merkt man Pandemic an, dass sie sich das erste Mal mit Nahkampf beschäftigt haben. Eine Aufschaltfunktion für Nahkämpfer gibt es nicht und die wenigen Kombos aus leichter, mittlerer und schwerer Attacke lassen sich nur nach oben chainen und sind wenig zielgerichtet. Es ist einfach kein griffiges, fließendes Kampsystem, sondern eines, das wüstes Buttongequetsche begünstigt und Chaos und Hektik nur noch anheizt.

Die überaus mittelmäßige Grafik, die seit Battlefront 2 nicht einen Fuß vor den anderen gesetzt zu haben scheint, ärgert mit verschwommenen Texturen, Effekten von vorgestern und drastischen Clippingproblemen all jene, die bei dieser Marke, diesem Entwickler und vor allem mit diesem Hersteller im Rücken mit Recht sehr viel mehr erwarten durften. Immerhin stimmt der Sound, wenn man mit dem nervigen Sprecher leben kann, der sich beim Kommentieren des Gefechtsverlaufes immer und immer wiederholt.

Herr der Ringe: Die Eroberung ist kein kaputtes oder übermäßig fehlerhaftes Spiel. Es ist nur nicht das, was man anhand der Ankündigungen erwartet hatte. Pandemic hat gar nicht erst versucht, seinem letzten Star Wars-Spiel noch etwas hinzuzufügen. Stattdessen hat man hastig - anders kann man die ersatzlose Streichung der Füller-Bots nicht erklären - das drei Jahre alte Battlefront-Gerippe als Vorlage genommen, Viggo Mortensen-, Ian McKellen- und Agent Smith-Skins darüber geworfen und daraus schnell eine durchaus funktionierende, aber schaurig blutleere Lizenz-Klamotte gemacht. Wäre man beim Level- und Charakterdesign nicht so nah an den realen Vorbilden, könnte dies fast genauso gut ein Fan-Mod sein.

Wer um jeden Preis einmal als Balrog Hobbits im Auenland zertreten will, der wird in Herr der Ringe: Die Eroberung sicherlich für eine Handvoll Stunden Zerstreuung finden. Alle anderen schauen sich indessen in Battlefield: Bad Company an, wie man ein Multiplayer-Spiel baut, das on- wie offline wesentlich mehr zu bieten hat.

Herr der Ringe: Die Eroberung ist ab dem 16. Januar für PlayStation 3, Xbox 360 und PC erhältlich.

 

 

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