Japanische Rollenspiele waren eigentlich schon immer sehr linear. Wenn Ihr ehrlich seid, dann könnt Ihr weder bei Lost Odyssey, bei Final Fantasy X, noch bei den zahlreichen Tales-Spielen großartig vom Pfad abweichen. Einige lassen Euch ein bisschen mehr oder weniger sinnlos in der Landschaft herum streunern oder schicken Euch auf eine kleinen, nicht weniger festgelegte Nebenqueste, aber wirkliche Freiheit kann man das nicht nennen. Geht zur Stadt, sprecht mit X, dann in den Dungeon, tötet Y, kehrt hierher zurück. Geht nicht über Los, zieht nicht 400 Goldstücke ein.
Insoweit ist es vielleicht nur konsequent, wenn jetzt ein Rollenspiel daherkommt, das auch noch den letzten Rest imaginärer Freiheit aus dem Weg schafft. Dragon Quest Swords: Die maskierte Königin und der Spiegelturm – sicher Platz 1 dieses Jahr für den sperrigsten und ungelenksten Spieletitel – ist das erste Rail-Rollenspiel. Rail wie in Rail-Shooter oder den Schienen, von denen Ihr nicht runter könnt.
Theoretisch schickt Euch die Reise durch die Dragon Quest-Welt über einen Kontinent und in acht fiesliche Dungeons. Praktisch drückt Ihr in acht Leveln die Taste „oben“ auf dem Steuerkreuz – der Nunchuk bleibt dort, wo immer Ihr ihn lagert -, vielleicht noch „B“ dazu, wenn Ihr es eilig habt. Ihr seht den Weg vor Euch, Ihr geht ihn entlang, Ihr dürft Euch nicht umschauen oder gar einen eigenständigen Schritt tun.
An fest definierten Stellen tauchen dann die Monster auf, die Ihr aus den Dragon Quest–Spielen schätzen und/oder hassen gelernt habt. Diese gewissen Schleimklopse sind zurück, der Golem begrüßt Euch freundlich, die Zombies werfen einen Blick ins Bild. Gott, was würde ich für mehr als ein neues Monster pro Dragon Quest-Titel geben! Jetzt geht es in Echtzeit zur Sache, denn schließlich verspricht die Packung so verheißungsvoll „Du bist der Held, die Wiimote ist Dein Schwert.“
Bisher machten alle Versuche, der Wii eine glaubwürdige oder wenigstens vernünftige Schwertsteuerung zu ermöglichen, eine eher klägliche Figur. Und haltet Euch fest: Dragon Quest gesellt sich in die illustre Runde der Schwertspiele mit banalem Gewedel, dafür ohne Feeling dazu. Der Stich dürfte die einzige Variante sein, die sich halbwegs nach dem anfühlt, was es sein soll: Ein Zustechen mit dem Mote/Schwert.
Die wesentlich effektiveren Schwinger über den Screen führt Ihr aus, indem Ihr die gerade zu haltende Mote waagerecht, senkrecht oder diagonal bewegt. Auf der Höhe des Cursors werden dann die vor Euch befindlichen Bösewichte zerteilt. Um einen bestimmten Punkt oder Feind anzuvisieren, könnt mittels Knopfdruck den Cursor dort fixieren und dann das veranstalten, was bei so vielen Wii-Kampf-Games am besten funktioniert: Wildes Fuchteln.
Ihr könnt natürlich auch probieren, ganz gezielt zu kämpfen und jeden Schlag zählen zu lassen. Aber wozu, wenn es denn auf die Billige so viel einfacher geht. Monster anpeilen, Handgelenk ordentlich lockern, Monster tot. Und selbst wenn Ihr kämpft, wie es eigentlich gedacht ist: Es fühlt sich nach einem mechanischen Ablauf, einer Variation von „Drücke A für Schlag“ an und nicht nach einem Schwertkampf.
Für einen Hauch von Authentizität, auch wenn es eine Nettigkeit meinerseits ist, ein so hohes Wort an dieser Stelle zu gebrauchen, sorgen die Spezialangriffe. Ein Balken lädt sich auf, ist er voll, dürft Ihr auf Knopfdruck einen besonders harten, sich aus mehren Stufen zusammensetzenden Angriff nutzen, dessen einzelne Bewegungen innerhalb eines Zeitlimits auszuführen sind.
Schwert hochreißen, in einem Bogen nach unten führen, Dinge in der Richtung. Leider erkennt die Wii nicht immer exakt, was Ihr gerade mit der Mote anstellt und so versandet schon mal die eine oder andere Attacke auf unbefriedigende und ärgerliche Weise.
Gut also, dass Square Enix an eine zweite Kampfreihe dachte, die im wahrsten Sinne des Wortes ein wenig Tiefe in das Gefuchtel mit einbringt. Manche Monster bewerfen Euch aus dem Hintergrund mit Säuren oder nehmen Euch mit Speeren oder Pfeilen ins Visier.
Zeit Euren treuen Schild auszupacken – B drücken – und auf den vorher angezeigten Punkt zu lenken. Spätestens sobald zwei Zombies vor Euch stehen, die Pfeile der Bodenschützen weiter hinten mit einem Schwertstreich reflektiert werden müssen und ein nicht näher definierter Blob Säure auf Euch spritzt, kommt zum ersten Mal richtig Hektik auf. Dies sind die Momente, in denen dieses Dragon Quest glänzt und Euch ein wenig fordert.
Nicht zu sehr natürlich. Der Weg durch die ersten sieben Areale fordert Euch praktisch nichts ab. Vor dem Betreten des vierten ging mein Held das erste Mal ein paar Heiltränke einkaufen, einmal starb er sogar im fünften Abschnitt. Ein Ereignis, das sich verhindert lässt, denn Ihr dürft jederzeit und mit nur einer geringen Strafe zurück in die rettende Stadt.
Erst der allerletzte Abschnitt schickt Euch auf eine Horrortour durch eine nicht enden wollende Flut des Bösen. Bis dahin ward Ihr der Held, gelassen spaziertet Ihr durch die dunkelste Nacht und jetzt so was. Also wieder Hochleveln. Und nehmt mein Wort dafür, es macht wenig Laune, immer wieder den natürlich lohnendsten vorletzten Abschnitt zu durchwandern.
Ihr könnt Euch diesen Frust ersparen, indem Ihr jeden Level von vornherein zwei oder dreimal hintereinander auf der Weltkarte anwählt und Euch so auf das Finale vorbereitet. Das gibt Euch auch die Gelegenheit, die ein oder zwei Wegkreuzungen eines Abschnitts, an denen Ihr die unqualifizierte Entscheidung von „links oder rechts“ treffen dürft, auszutesten. Ihr wisst jetzt, wie Ihr spielen solltet, einem unbedarften Käufer gibt Dragon Quest diesen Rat allerdings nicht mit auf den Weg und lässt Ihn gnadenlos kurz vor Schluss verhungern. Das ist unhöflich und schlechter Stil.
Offensichtlich ging man auch davon aus, dass jeder Wii-Spieler die Lesegeschwindigkeit eines Fünfjährigen mit an den TV bringt. Gemütlich scrollt der Text der größtenteils ungeschickt und dramaturgisch holprig erzählten Geschichte dahin. Jedes andere Game seit Final Fantasy Adventures erlaubt jede Zwischenstufe von ein Buchstabe pro Minute bis Durchklicken im Sekundentakt; nicht so hier.
Als der Prinz sich zum achten Mal textlich ausgiebige Sorgen um seine Mutter macht, nahm ich mir ein Buch und drückte mich blind durch fünf der drögesten Minuten Handlung. Und das war ziemlich am Anfang. Und der Prinz macht sich noch viel länger Sorgen…
Das klingt jetzt sicher alles ein wenig monoton und negativ – so ist es auch gemeint – , nur heißt das nicht, dass es nicht zumindest für ein Weilchen Spaß machen würde. Dragon Quest dürfte zu den ältesten noch aktiven Serien zählen und ein klein wenig glimmt etwas davon auch auf der Wii auf. Die Stadt kommt hübsch und detailliert, farbenfroh und freundlich daher, ein Ort, an den Ihr nach einem Auftrag gerne zurückkehrt. Viele Items in den Shops gibt es, Ihr sammelt die Zahl der Leute, die schon von Euch und Euren Taten hörten, baut Ruhm und Titel aus, levelt fröhlich hoch, neue Superattacken und Waffen wollen gekauft, mit neuen Leuten zeitraubend geplaudert werden.
All dies bringt Würze und Motivation in das Leben, vorausgesetzt Ihr bringt eine gewisse Faszination für Werte, Level und Statistiken mit. Dann werden Euch stets die nächste Stufe und der nächste Waffenausbau reizen. Schade bleibt dabei, dass Eure Mitläufer zwar wohl als Teil einer Party verstanden werden wollen, eigentlich aber nur sporadisch in Erscheinung treten. Sie begleiten Euch wie stumme Bots, die ihre Aufgabe erfüllen. Normalerweise baue ich in den Kämpfen einen persönlichen Bezug zu den Charakteren auf, hier müssen die Zwischensequenzen genügen.
Und da die Story recht bequem und inklusive aller Wendungen – so nur in Ermangelung eines bessern Wortes zu nennen – sich bequem auf einem Bierdeckel notieren lässt, ist dies einfach zu dünn. Die Welt ist zu klein geraten für große Epik und das einzige, was hier eine solche zumindest ansatzweise transportiert, ist der gelungene Soundtrack. Na immerhin.
Dragon Quest Swords: Die maskierte Königin und der Spiegelturm hinterlässt den Eindruck eines Spiels, das sein könnte, aber leider nicht ganz wurde. Die Rail-Rollenspielidee ist dabei gar nicht mal so übel, wie sie zuerst scheinen mag. Das Motegefuchtel hat zwar nicht viel mit Schwertkampf zu tun, bringt aber für ein Weilchen einfachen Arcade-Fun. Die Welt ist nett, wenn auch sehr mickrig. Die Spieltiefe guckt zaghaft hinter der Tür vor, traut sich aber nicht sie zu durchschreiten. Und so bleibt alles an der Oberfläche und Ihr bekommt ein weiteres Casual-Game für die Wii. Diesmal halt das Rollenspiel für Jedermann.
Dragon Quest Swords: Die maskierte Königin und der Spiegelturm gibt es ab sofort überall dort zu kaufen, wo man geduldig genug ist, Euch beim Aussprechen des umständlichen Namens lange genug zuzuhören. Oder halt dort, wo Wii-Spiele griffbereit im Regal liegen.
Dragon Quest Swords: The Masked Queen and the Tower of Mirrors im Test.
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