Gesamtwertung8/10 |
Gibt es irgendetwas, das einen gestandenen Redakteur noch aus dem Häuschen bringen kann? Ihn so richtig zu erstaunen vermag, so dass der mitteljunge Mann sogar vor Verblüffung eine ganze Minute lang seinen eigenen Namen vergisst? Bis vor einer Woche hätte ich auf diese Frage noch mit einem obercoolen »Das ist völlig unmöglich. Ich habe alles schon mal gesehen.« geantwortet Dabei hätte ich mir durch den nicht vorhandenen Cowboybart gestrichen und mit steinerner Clint-Eastwood-Miene (oder dem, was ich dafür halte) mein Gegenüber fixiert.
Tatsache aber ist, genau das ist mir passiert. Und zwar beim Test von Anno 1701 DS. Denn ich musste den allerersten Absturz eines Spiels auf dem Nintendo DS erleben, der Verkaufsversion des Spiels wohlgemerkt. Bislang hatte ich immer gedacht, so was gäbe es nicht und Bugproduzenten wären ausschließlich auf dem PC zu Hause.
Gerüchten zufolge kann man in Japan dafür ja mit Zuchthaus, Prügel vom Tenno oder ewigem Sake-Entzug bestraft werden. Da die fleißigen Bienchen hinter Anno 1701 DS, die Keen Studios, aber in Deutschland ansässig sind, müssen sie mit derart drakonischen Strafen nicht rechnen. Und weil dieser Absturz nie wieder passiert ist, will auch ich mal beide Hühneraugen zudrücken. Schließlich macht Anno 1701 DS auf Nintendos Handheld einen Heidenspaß.
Nachdem ich mich von dem ersten Schock erholt hatte, beruhigte ich mich schnell, als ich den aus der Vorschauversion gewohnten Anno-Bildschirm vor mir sah. Nach wie vor hatte ich die Wahl zwischen der Kampagne, die 15 Missionen umfasst, oder dem Endlosspiel. Aber ganz egal, wofür Ihr Euch auch entscheidet, der Bau einer jeden Anno-Siedlung beginnt mit der Errichtung einer Holzfällerhütte. (Ich frage mich schon geraume Zeit, warum solche elementar wichtigen Fragen nicht mal bei Günther Jauch auftauchen.) Der Axtschwinger fällt sogleich Bäume und… Mooooment, wie beim »großen« Anno 1701 auf dem PC muss jedes Gebäude über Wege mit dem Hauptkontor verbunden sein. Also den Stift, neudeutsch Stylus, geschnappt, Menüpunkt Wegbau angewählt und schon erscheinen zwei Kästchen auf dem Bildschirm, die den Anfang- und Endpunkt der Straße markieren.
Diese Vierecke verschiebt Ihr so lange, bis der Weg perfekt ist. Dann noch das Bestätigungshäkchen antippen und schwups, schon steht die Straße. Okay, am Anfang muss man sich ein wenig an den Vorgang gewöhnen, aber spätestens nach dem zweiten Mal klappt das ganz gut. Noch viel besser funktioniert der Hausbau. Die Gebäude lassen sich per Stift frei positionieren, wer mag, kann auch den zweistufigen Zoom zur besseren Übersicht nutzen.
Neben Holz brauchen die angesiedelten Bewohner aber auch Nahrungsmittel, eine Kirche und Stoffe, um sich richtig wohl zu fühlen. Zu Beginn reicht eine simple Schaffarm, später wollen die Einwohner aber richtige Kleidung haben, für die eine Baumwollplantage samt Schneider notwendig werden. Denn wer fleißig immer alle Bedürfnisse seiner Schäfchen… pardon, Untertanen brav erfüllt, kann zusehen, wie sie immer höhere Entwicklungsstufen erklimmen. Dadurch sehen nicht nur die Gebäude schicker aus und beherbergen mehr Leute. Die Bürger zahlen zudem auch noch höhere Steuern. Die Kehrseite der Medaille: Die Ansprüche der Einwohner steigen extrem an.
Kann man das meiste Gut zu Beginn noch selbst produzieren, so muss man spätestens weitere Inseln besiedeln. Denn nicht auf jedem Eiland wächst alles. Also errichtet man flugs eine Werft samt Entdeckerschiff und erkundet die Meere. Auch hierbei haben die Entwickler ein geschicktes Händchen bewiesen und die theoretisch komplizierte Steuerung DS-tauglich gemacht. Auf einem Kartenbildschirm tippt man mit dem Stift auf das Gebiet, das erkundet werden soll, und flugs macht sich das eigene Boot dahin auf. Entdeckt das Schiff Neuland, reicht ein weiterer Stylus-Klick und das neue Kontor dort ist eröffnet.
Sehr praktisch: Anders als beim PC-Anno muss man Rohstoffe und Waren nicht umständlich per Schiff zum Heimathafen transportieren. Es reicht völlig, sie in irgendeinem Kontor zu deponieren. Dadurch sind sie Produkte überall verfügbar.
Aber auch wer noch so fleißig baut, wird irgendwann die Forderungen des eigenen Volks nicht mehr erfüllen können. Bei mir waren es die Pralinen, die mich beinahe an den Rand des Ruins getrieben hätten. Die kleinen Kerle wollten unbedingt ihren Süßkram haben. Zuerst übernahm ich die bewährte Erziehungsmethode meiner Mutter: »Lass’ sie quengeln, die beruhigen sich auch schon wieder.« Was bei mir seinerzeit gut klappte, funktionierte in Anno DS aber so gar nicht.
Stattdessen zogen die Leute in Scharen weg, das Loch in der Staatskasse wurde immer größer. Kakao ließ sich zudem nirgendwo anbauen, also kaufte ich die notwendigen Bohnen beim virtuellen Händler zu Apothekenpreisen ein. Erfreulicherweise kann man in der DS-Version jederzeit handeln und muss nicht warten, bis ein Kaufmann vorbei kommt. Genauso lassen sich auch eigene Waren verschachern. Ich besaß zum Glück eine florierende Eisenmine samt Schmelze und konnte so die Leckereien meiner Untertanen gegenfinanzieren.
Seit dem allerersten Anno von anno 1998 frage ich mich, was eigentlich das Militär in diesem Spiel verloren hat. In jeder Fassung wirkt dieser Teil völlig aufgesetzt und passt so gar nicht zum Rest. Das ist auch in Anno 1701 DS nicht anders, eigentlich sind die Soldaten sogar noch überflüssiger, als in den PC-Versionen.
Das liegt zum großen Teil daran, dass man keinerlei Armeen bewegen kann. Stattdessen baut man eine überteuerte Kaserne, lässt dort den einzigen Truppentyp rekrutieren und wartet auf den Feind. Sobald der sich nähert, schickt man ihm die Soldaten entgegen. Kommt es zur Schlacht, regieren fortan Zahlen statt Sprites.
Zwei Ziffern zeigen die eigene und die gegnerische Stärke an und tickern gegen Null. Wer zuerst keine Truppen mehr hat, verliert. Das sieht nicht nur hässlich aus, sondern macht auch überhaupt keinen Spaß. Zum friedlichen Aufbauen und Handeln, samt der niedlichen Animationen, passt der kriegerische Part also überhaupt nicht. Mein Tipp fürs nächste Mal: Weglassen.
Zum Glück kommen die Kämpfe im Endlosspiel praktisch gar nicht vor. Lediglich in der Kampagne spielen sie ab und an eine geringe Rolle. Viel häufiger muss man aber irgendwelchen Verbündeten Waren oder Rohstoffe liefern. Oder Feinde durch solche Lieferung zu Verbündeten machen. Das ist am Anfang ganz spannend, wenn man die ersten paar Lieferungen Tee oder Zucker an einen Kameraden schickt, dessen Siedlung in Not geraten ist. Oder Eingeborenenstämme auf diese Art zu Freunden macht. Allerdings entstehen dadurch im Laufe des Spiels immer wieder mal Leerlaufphasen. Dann wartet man minutenlang darauf, dass die Lieferung endlich ankommt und die nächste Aufgabe gestellt wird.
Anno 1701 DS sieht genauso aus, wie man es sich vorgestellt hat. Zwar erreicht die Handheld-Portierung bei weitem nicht die Qualität der wunderschönen PC-Version. Dafür wirkt alles schön, idyllisch und man kann trotzdem noch Details, wie Fischernetze oder Segel, erkennen. Ich bin froh, dass die Entwickler der Versuchung widerstanden haben, die deutlich gröbere 3D-Grafik des DS zu nutzen. Dann wäre der Bildschirm zwar frei drehbar gewesen, aber es hätte deutlich hässlicher ausgesehen.
Ein donnernder Applaus gebührt den Keen Studios für die eingängige und umkomplizierte Steuerung. Die Eigenheiten des DS werden nahezu perfekt genutzt. Der obere Bildschirm bietet immer schön ordentlich alle wesentlichen Infos zu dem, was man auf dem unteren Screen gerade sieht. Die Karten- und Bausteuerung per Stift ist präzise. Sogar an Linkshänder wurde gedacht.
Nicht so schön: Für den Mehrspielermodus mit drei Gegnern braucht jeder Teilnehmer ein eigenes Modul.
Nach dem allerersten Schock mit dem Absturz (der Sound dudelte weiter, doch die Menüs ließen sich nicht mehr aufrufen) hatte ich plötzlich ein ungutes Gefühl. Doch der Rest der Testphase verlief vollkommen fehlerfrei. Und das eigentliche Spiel hat mir ja schon in der Vorschauversion reichlich Spaß gemacht. Ich hätte echt nicht gedacht, dass man dieses komplexe Spielkonzept derart perfekt auf Nintendos Winzkonsole umsetzen kann. Fürs nächste Mal wünsche ich mir aber ein paar etwas spannendere Kampagnenmissionen… und lasst das Militär einfach weg. Das ist generell ein guter Tipp fürs Leben.
Seit dem 8. Juni 2007 dürft Ihr auf dem DS lossiedeln.