Gesamtwertung9/10 |
„Von den Leuten, die Monkey Island gut finden.“ So steht es auf der Verpackung von Edna Bricht Aus geschrieben. Ist ja schon mal ein gutes Vorzeichen, wenn die Entwickler den Klassiker von LucasArts mögen. Und nicht nur das. Hinter diesen Worten stecken Taten. Sie haben nämlich ein Spiel entwickelt, das dem offensichtlichen Vorbild sehr, sehr nahe kommt.
Wenn man Edna Bricht Aus mit einem Wort umschreiben müsste, dann wäre das wohl „verrückt“. Das trifft gleich auf mehrere Bereiche des Point & Click-Adventures zu. Etwa die Geschichte. Das Innere einer Nervenheilanstalt dient als Schauplatz für das Spiel. Hauptfigur Edna wacht darin in einer Gummizelle auf. Ohne irgendwelche Erinnerungen. Und was macht man in einem solchen Fall zuerst? Natürlich ausbrechen! Denkt sich auch Edna und begibt sich auf eine skurrile Reise in die Freiheit und auf die Suche nach ihrer Vergangenheit.
Der Trip führt Euch dabei in bester Adventure-Manier an zahlreiche verschiedene Locations – zumeist innerhalb des Gebäudes. Und wie sollte es anders sein: Jede Menge Rätsel kreuzen Euren Weg nach draußen. Nicht immer ganz konventionelle Puzzles, wie man alsbald feststellt. Eine Aufgabe besteht beispielsweise darin, einen Wächter in einen Raum zu locken. Während Ihr durch das Fenster flieht, traut er sich aufgrund seiner Höhenangst nicht auf das Dach. Also schnell durch einen nahen Lüftungsschacht geklettert, wieder zurück in den Flur und die Tür versperrt. So einfach und simpel kann es sein.
Es geht aber auch anders. Ein weiterer Aufpasser sitzt im Überwachungsraum und starrt auf seine Monitore. Er müsste zwar dringend mal zur Toilette, kann aber seinen Posten nicht verlassen. Zumindest so lange, bis Edna ihn dazu zwingt. Ein paar Gespräche über verschiedene Themen rund um Wasser zeigen allerdings keine Wirkung. Da muss schon eine andere Idee her. Und zwar folgende: Man betrachtet sich die Monitore etwas genauer und besucht anschließend mehrere Räume im Haus, um dort das Licht anzuschalten. Die dadurch erleuchteten Bildschirme stellen nun in dem dunklen Raum aufgrund ihrer Anordnung die Buchstaben „WC“ dar. Was wiederum den Wächter schwach werden lässt.
Es ist gewissermaßen eine Mischung aus offensichtlichen und eher abgedrehten Aufgaben. Wobei man teilweise schon wirklich verrückte Dinge anstellt. Eben ganz so wie damals in Monkey Island. Dabei geizt man übrigens auch nicht mit Anspielungen auf andere Filme, Serien oder Spiele. Ganz in einem sich selbst nicht wirklich ernst nehmenden Stile des Klassikers kann Edna zum Beispiel den Barkeeper nach einer Komplettlösung fragen. Oder einen Grog bestellen. Ein anderes Gespräch dreht sich derweil um einen durchgeknallten Typen, der Pirat werden wollte. Wer damit wohl gemeint ist...
Generell lohnt es sich, ausführlich mit den diversen Insassen der Anstalt zu reden. Nicht nur, weil es oftmals nötig ist, um weiterzukommen und wichtige Hinweise zur Lösung von Rätseln zu erhalten. Stattdessen werden Euch die lustigen, fiesen, schrägen und mitunter gar etwas ekligen Dialoge bestens unterhalten. Edna Bricht Aus kratzt nicht nur in diesem Aspekt ganz lautstark am hohen Niveau der alten LucasArts-Titel.
Dank des gewählten Schauplatzes konnte man die Charaktere nämlich so verrückt gestalten, wie es nur irgendwie möglich war. Ednas imaginärer und sprechender Stoffhase Harvey (warum muss ich da nur immer ein wenig an Richard Kellys Donnie Darko denken?) ist da nur die Spitze des großen Absurditäten-Eisbergs. Oder, um es mit den auf dem Cover abgedruckten Worten zu sagen: „Alle Charaktere in diesem Spiel haben eine Schraube locker. Manche sogar zwei.“
Neben Ednas langohrigem Begleiter trifft man zum Beispiel noch auf Droggelbecher. Er bewacht die Residenz von König Adrian im Aufenthaltsraum und gibt stets nur das Wort „Droggelbecher“ von sich. Egal, was man ihm nun erzählt. Ganz anders ist da schon Juppi drauf. Der Börsenspekulant wurde offensichtlich in einem entscheidenden Moment abgelenkt und verlor dadurch sein gesamtes Vermögen – und seinen Verstand noch obendrein. Nun steht er im Flur der Anstalt und handelt über einen vom Kabel abgetrennten Kopfhörer mit Aktien. Zumindest glaubt er das.
Wieder ein komplett anderes Verhalten weist der Alumann auf. Er war früher im Gebäude als Hausmeister tätig, fing sich jedoch während der Montage des Stuhls für die Elektroschocktherapie einen gewaltigen Schlag ein. Just in diesem Augenblick befahlen ihm höhere Wesen, seine Arbeit aufzugeben und die Irrenanstalt zu unterwandern.
Das Aufgebot an verrückten Charakteren wird indes von einer perfekt passenden Optik untermalt. Keine Rendergrafik. Keine Partikeleffekte. Keine intelligenten Rätselhilfen. Sieht man mal von der Hotspot-Funktion ab. Sämtliche Objekte, Charaktere und Hintergründe von Edna Bricht Aus wurden per Hand gezeichnet, was man ihnen auch zweifelsfrei ansieht.
Das soll aber keineswegs ein Kritikpunkt sein. Zusammen mit dem „altmodischen“ Interface inklusive „Ansehen“, „Nehmen“, „Reden“ und „Benutzen“ versprüht das Spiel den Charme früherer Adventures. Lediglich die Animationen wirken hier und da nicht ganz ansprechend. Oftmals sind sie gar überhaupt nicht vorhanden. Aber selbst das könnte man als Hommage an die Vorbilder verstehen. Wirklich störend ist es jedenfalls keineswegs.
Angesichts dieser doch recht einfachen Optik mag sich der eine oder andere von Euch vielleicht fragen, warum Edna Bricht Aus ganze 7 GB Festplattenspeicher benötigt? Ganz einfach: Ein 60.000 Zeilen starkes Skript und mehr als zehn Stunden Sprachausgabe sprechen in dem Fall für sich. Über den Großteil der Vertonung kann man sich dabei absolut nicht beschweren – wobei auch hier die eine oder andere Ausnahme beziehungsweise eher unpassende Stimme vorhanden ist.
Löblich: Standardantworten auf irgendwelche Aktionen hat man aus Ednas Wortschatz gestrichen. Für jedes Vorgehen geben sie oder ihr Stoffhase Harvey einen individuellen Kommentar ab. Ihr werdet also im Verlaufe des Abenteuers nicht gefühlte eine Million Mal einen Satz á la „Das klappt so nicht!“ hören. Warum kommt eigentlich sonst niemand auf so eine Idee?
Kleiner Dämpfer: Eine automatische Speicherfunktion sucht Ihr leider vergebens. Bei aller Liebe für die Klassiker, aber das hätte man dann doch gerne mit einbauen können.
Anfang Mai durfte ich mir Edna Bricht Aus ja schon ein wenig anschauen, aber nicht selbst ausprobieren. Zum Glück, denn ansonsten hätte ich sofort weiterspielen wollen. Daedalics Titel überzeugt wirklich auf ganzer Linie.
Edna Bricht Aus ist das erste Adventure seit langem, das mich ernsthaft an die gute alte Monkey Island-Zeit erinnert hat. Dafür sorgen alleine die hervorragend witzigen und teilweise herrlich blöden Dialoge. Aber auch die restlichen Inhalte dieses abgedrehten Pakets stimmen einfach von vorne bis hinten.
„Potential ist also ohne Zweifel vorhanden. Edna Bricht Aus könnte sich so zum echten Geheimtipp mausern.“ So lautete der letzte Satz in meiner Vorschau. Aber ich hatte Unrecht. Es ist kein Geheimtipp. Es ist viel mehr ein großartiges Spiel, das sich überhaupt nicht vor der aktuellen Konkurrenz verstecken muss. Eher im Gegenteil.
Und das Beste daran: Edna Bricht Aus kostet gerade mal höchstens 30 Euro. Wer da als Adventure-Fan nicht zuschlägt, sollte sich lieber selbst schnell in eine Anstalt einliefern lassen.
Ihr dürft Edna bereits zum Ausbruch verhelfen. Aber Vorsicht: „Nach dem zweiten Durchspielen wachsen Euch große, pelzige Hasenohren!“ Für all jene, die an einer oder zwei Stellen nicht weiterkommen, bietet sich unsere Komplettlösung von Edna bricht aus (eurogamer.de)an.
Edna bricht aus im Test.
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