The Secret of Monkey Island: Special Edition

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Lucasarts
Entwickler
Lucasarts
Genre
Andere
X360: The Secret of Monkey Island: Special Edition

Gesamtwertung

9/10

X360: The Secret of Monkey Island: Special Edition

Liebe auf den ersten Blick geht anders: Irgendetwas stimmte nicht, an den ersten Bildern der Monkey Island: Special Edition und ich war mir ziemlich sicher, dass es Guybrush selbst war. Der vielleicht beliebteste Hauptcharakter eines gesamten Genres sah in der Neuauflage des vielleicht wichtigsten Mitgliedes der Spiele-Familie der Adventures irgendwie nicht „richtig“ aus (was er in meinen Augen übrigens auch in Telltales Monkey Island nicht tut). Mittlerweile hab ich MI SE durch. Und ich kann nicht sagen, dass ich im weiteren Verlauf des Spiels noch allzu viel darüber nachgedacht hätte.

Während andere Protagonisten mit ähnlich schwerem anfänglichem Stand sich im Laufe mehrerer Spielstunden in einem Zerrspiel um meine Akzeptanz aufreiben, ließ mich in Monkey Island: Special Edition schon der zweite Bildschirm jede Skepsis vergessen. „Tief in der Karibik. Die Insel Melee“ liegen die Lettern im 4:3-Format über dem pixeligen 256-farbigen Panorama des nächtlichen karibischen Eilands, auf dem man fast 50 Prozent der Spielzeit verbringt. Dann die Transformation. Fast wie von Zauberhand weitet sich das Bild, schärft sich die Auflösung und explodieren Farben und Musik ins neue Jahrtausend, während der Titel des Spiels über der Insel erscheint.

Die Veränderung ist so nahtlos, unmerklich und doch durch und durch beachtlich. Das vorher noch blauschwarz gepunktete Wasser umspielt nun sanft die Insel wie lebendige Pinselstriche. Seine Herkunft aus der Effekte-Kiste verrät es nur durch sein körperloses Fließen, ohne unangenehm aus der handgezeichneten Kulisse herauszustechen. Und dann die Details. In einem vormals leeren Hafen treiben nun Schiffe vor sich hin, die Wolken schlagen Lucas-Arts-typische Kringel und die Flecken der Insel, die damals die Fantasie ausmalen musste, nehmen nun wie von selbst Form an. Anders als bei Verfilmungen von Büchern schaden diese Eingriffe in die Vorstellungskraft des Spielers nicht, sie bereichern die Geschichte.

Fängt man dann einmal zu spielen an, wundert man sich, wie sehr die handgemalten Orte, NPCs und Items des bis zu 1080i auflösenden Abenteuers den beinahe 20 Jahre alten Bildern ähneln, die sich so im Kopf jener eingebrannt haben, die alt genug sind, dabei gewesen zu sein - beziehungsweise die noch nicht die Demenz ereilt hat. Fast alles sieht noch so aus, wie man es in Erinnerung hat, auf eine treue, fast ergebene Art. Ich weiß es, weil ich in jedem der Bildschirme, die bei horizontalen Bewegungen nun endlich nicht mehr ruckeln wie ein Roboter mit einem epileptischen Anfall, die Back-Taste gedrückt habe.

Mit der morpht man das Bild nämlich genauso stufenlos wie im Eingangsbildschirm zwischen Heute und Gestern hin und her, wodurch die Liebe der Zeichner zur Vorlage nur noch deutlicher wird. Jeden Ort erkennt man auf Anhieb wieder, alles ist in Sachen Farbgebung und Raumaufteilung absolut identisch und fast jeder Stein an seinem Platz. Besser noch: Die Änderungen, die das Team dann doch vorgenommen hat, sind in sich so schlüssig, dass man sich beim Wechsel von der neuen zur alten Illustration wundert, dass einige Details im Original noch gar nicht da waren.

Etwa der traurige Baum vor der Scumm-Bar, von dem vereinzelte Blätter ihrem kompostierenden Ende entgegen segeln. Die Schiffe dahinter, in deren Kajüten noch Licht brennt. Oder die Wolken, die die Dächer des Dorfes streicheln. Diese Dinge rütteln nicht an der Welt, die man kennt, füllen sie aber mit einer Portion Leben, die dem Spiel nur gut tut.

Gleiches gilt für den Sound. Während im Original selbst bei der CD-Rom-Version nur entweder Soundeffekte oder Musik möglich waren, klingt die Special Edition lebendiger, transparenter und rundum wie sie sein sollte: Kreischen der Möwen, Meeresrauschen, Grillenzirpen und Feuerknistern sind Dinge, die dafür sorgen, dass es nicht nur aussieht wie ein neues Spiel, sondern sich auch so anhört. Die exzellenten Sprecher - allen voran Dominic Armato, als Guybrush… ähm… Driftweed und Alexandra Boyd als Elaine Marley, die ihre Rollen zum vierten bzw. dritten Mal geben - wissen, was sie tun und überzeugen daher bis zu den kleinsten Nebencharakteren. Vor allem Stan nervt wie nur ein halsabschneiderischer Verkäufer es kann. Schade nur, dass man die Sprachausgabe nicht auch über die Originalversion schalten darf.

Nicht ganz so gut gelungen ist die neue Steuerung der Special Edition. In dem Versuch, dem Joypad-bewehrten 360-Spieler lange Mauszeiger-Wege zu ersparen und um die detaillierten Hintergründe in voller Höhe vor dem Spieler ausrollen zu können, hat man das neunteilige Befehlsmenü von „Schau an“ bis „Benutze“ und das Inventar in zwei separate Pop-Up-Menüs verpackt. Die ruft man mit dem linken und rechten Trigger auf.

Nur wenige Aufgaben in MI sind zum Glück zeitkritisch, aber die, die es sind, sind durch die aufpoppenden und verschwindenden Menüs nur in der Theorie komfortabler zu bedienen. Eine bessere Idee war da schon, die neun Kommandos auf das D-Pad zu legen. Die wackeligen Diagonalen des Microsoft-Joypads machen allerdings einige Befehle etwas fummelig, aber das kann man unmöglich Lucas Arts ankreiden. Spieler, die in anderen Adventures regelmäßig stecken bleiben und deshalb von einem Kauf absehen, sei noch gesagt, dass das neue und exzellente, dreistufige Hilfesystem stets nur einen Knopfdruck entfernt ist.

Da sicher nicht jeder von euch mit dem Fluch der frühen Geburt zu kämpfen hat, nun ein paar Worte zu Monkey Island selbst. Das Original erschien 1990 und zementierte mit links LucasArts Ruf als Adventure-Schmiede ersten Grades. Zwar waren schon Zak McKracken, Maniac Mansion und Indiana Jones and the Last Crusade zu Recht überaus erfolgreiche Spiele, Gilberts, Grossmans und Schafers Monkey Island darf man aber als das wohl bis dato - vielleicht sogar bis heute - beste Point-and-Click-Adventure bezeichnen.

Möchtegern-Pirat Guybrush Threepwood versucht sein Glück auf der Karibikinsel Melee-Island, verliebt sich in die lokale Gouverneurin Elaine Marley und bekommt es mit dem ebenso gefürchteten wie liebeskranken Geisterpiraten LeChuck zu tun, der es seinerseits auch auf den taffen Rotschopf Elaine abgesehen hat. 1990 legte Monkey Island die Latte für kruden, aber pointierten Humor und perfekt getimten Slapstick in den höchsten Mastkorb - unerreichbar für jedwede Konkurrenz (und mindestens die Hälfte seiner Nachfolger) -, ohne auch nur eine Sekunde Rätsellogik und Geschichte aus den Augen zu verlieren.

Gags, Handlung und Spiel gehen hier mehr Hand in Hand als bei 90 Prozent der Konkurrenz. Das Wenigste passiert nur mal eben so, um ein Zitat einzuwerfen oder allein in dem Versuch komisch zu sein. Die Lacher ergeben sich scheinbar wie von selbst und meistens aus der Handlung oder aus der Lösung eines Rätsels heraus. Und das ist wohl die größte Errungenschaft von Monkey Island.

Unvergessen der Moment, in dem man siegessicher mit allen Sprüchen und Kontern in das Beleidigungs-Fecht-Duell gegen den Schwertmeister zog, nur um eine brenzlige Überraschung zu erleben. Oder der erste Kontakt des verzauberten Grogs mit einem der Geisterpiraten und und und. Das Spiel ist eine wahre Schatzkiste an abwechslungsreichen, erinnerungswürdigen Situationen und harten, aber nie zu schweren Rätseln. Genau deshalb wird es bis heute von Nachahmungstiteln so zu Tode zitiert, dass man oft den Eindruck gewinnt, aktuellere Adventures würden ohne das große Vorbild gar nicht existieren.

Die Fans holen es sich so oder so. Egal ob Guybrush nun zu wenig Kinn hat oder nicht. Allein schon, weil sie die Serie nur zu gern wieder in aller Munde sähen. Doch auch als Expedition in die Vergangenheit leistet ihnen diese liebevolle Neubarbeitung des Klassikers bessere Dienste, als ich zunächst zu glauben gewagt hätte.

Es müsste aber schon mit LeChuck zugehen, wenn dieses Lieblingsspiel einer Generation nicht auch eine ganze Menge neuer Freibeuter unter seinem Banner vereinen könnte. Niemand, der gerne lacht, kommt um Monkey Island SE herum. Damals wie heute ist es ein großes Abenteuer mit klar umrissenen Charakteren, abwechslungsreichen Situationen und blitzblank polierten Gags und Dialogen. Und wenn man fertig ist, spricht man ewig mit Freunden darüber und erinnert sich lang und gern daran. Wie die Zeit gezeigt hat, mindestens 19 Jahre lang. Diese Piraten kommen eben einfach nie aus der Mode.

The Secret of Monkey Island: Special Edition ist für Xbox Live Arcade und PC erhältlich und kostet auf dem Marktplatz 800 MS-Punkte respektive 10 Euro über Steam.

 

 

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