Operation Flashpoint: Dragon Rising

Review
Plattform
PC
Vertrieb
Codemasters
Entwickler
Codemasters
Genre
Shooter
PC: Operation Flashpoint: Dragon Rising

Gesamtwertung

7/10

PC: Operation Flashpoint: Dragon Rising

Das erste Operation Flashpoint scheint ein absoluter Glücksfall gewesen zu sein. Mit vergleichsweise wenig Bugs, einer spannenden Kampagne und gewaltigen Umfang setzte es 2001 eine Messlatte, die noch bis heute gültig ist. Selbst den Schöpfern von Bohemia Interactive ist es mit zwei weiteren Anläufen nicht mehr gelungen, so eine stimmige und vor allem spielbare Militärsimulation auf den Markt zu werfen. Was soll man also von Codemasters' frisch gegründetem Shooter-Team erwarten, das sich ohne viel Erfahrung, nur mit den Namensrechten und einer starken Konsolen-Engine ausgerüstet daran macht, dem Klassiker einen würdigen Nachfolger zu verpassen?

So viel vorweg: Auch wenn Operation Flashpoint: Dragon Rising den acht Jahre alten Genre-König noch immer nicht das Wasser reichen kann, ist es zum Release doch deutlich besser spielbar als die Verkaufsversion von ArmA 2. In den sechs bis zehn Stunden dauernden, selbst auf „Normal“ fordernden elf Kampagnenmissionen trifft man immer wieder auf kleine Skript-Bugs, eingefrorene Gegnermodelle und sich in Luft auflösende Fahrzeuge, trotzdem kämpft man über weite Strecken gegen die chinesischen Feinde und nicht gegen das eigentliche Spielsystem. Es gibt also keine echten Show-Stopper. Im Gegenzug präsentiert sich die beiliegende Kampagne als reichlich unspektakulär und ist mit einigen Logikfehlern behaftet. Doch dazu später mehr.

Storytechnisch reiht sich der Titel in den Kanon der übrigen Militär-Shooter ein. Das von der Weltwirtschaftskrise gebeutelte China und die ehemalige Großmacht Russland kämpfen um die kleine, fiktive Insel Skira, auf der überraschend Öl gefunden wurde. Da die ehemalige Sowjetunion sich für einen Krieg auf dem Festland rüstet, kümmert sich eine amerikanische Friedenstruppe um die chinesischen Truppen auf dem 200 Quadratkilometer großen Eiland. Nicht unbedingt ein glaubhaftes Szenario, aber auch nicht schlimmer als Tom Clancys Private-Military-Weltmachts-Hokus-Pokus.

Nach dem schicken Einspielfilm, der mit seinen poppigen Einblendungen und Schriftzügen ein wenig an Colin McRae: DiRT erinnert, taucht das Spiel direkt in die erste Erkundungmission ein. Euer gesichtsloses Special-Ops-Team, bestehend aus einem Sanitäter, einem MG-Schützen und einem Pionier, kämpft sich durch die ersten chinesischen Vorposten und versucht, den amerikanischen Truppen den Weg zu ebnen. Codemasters setzt dabei auf Distanz zum Geschehen. Keine dramatischen Geschichten, keine persönlichen Schicksale, keine notleidenden Zivilisten. Genau wie die strikte Linearität der Kampagnen eindeutig suboptimal.

Gerade in diesem Punkt bietet ArmAt 2 mit seiner dynamischen Kampagne und seinen Nachrichten-Einspielfilmchen deutlich mehr Realismus. Trotz eines beinharten Hardcore-Modus, bei dem alle Hilfen ausgeschaltet werden, merkt man Operation Flashpoint: Dragon Rising die Multi-Plattform-Entwicklung an. Der Titel bietet zwar deutlich mehr als ein klassischer Taktik-Shooter, doch eindeutig weniger als die Militär-Simulator-Konkurrenz. Es ist keine „richtige“ Simulation. Gegner ballern fröhlich weiter, nachdem sie getroffen wurden, das Zielen fällt durch lange Sprints kaum schwerer und Panzer gehen nach einem Treffer sofort in die Luft. Für mich als Action-Fan kein Beinbruch, für die Fans des Genres eine kleine Katastrophe.

Auch beim Missionsdesign übermannt euch ständig das Gefühl eines Deja-Vus: Insel erobern, Invasion aufhalten, Vorposten ausräuchern, Stützpunkt sichern, Konvoi beschützen, Radar ausschalten, Luftabwehr zerstören. Codemasters spielt auf der Klaviatur der klassischen Militär-Missionen. Und nicht einmal gelingt es, einen wirklich aufregenden, einmaligen Moment zu generieren. Dank der starken Grafik-Engine und einem geschickten Einsatz von Licht und Schatten stößt der Titel atmosphärisch ins Spitzenfeld vor, wenige Stunden nach dem Finale fällt es jedoch schwer, sich an einen kompletten Auftrag zu erinnern. Allein die Stürmung eines Flughafens samt anschließender Verteidigung bleibt angesichts spannender Kämpfe und eines rundherum gelungenen Missionsdesigns positiv im Gedächtnis.

Negativ hat sich angesichts gewaltiger Laufwege, dem katastrophalen Speichersystem und dem ebenso miesen Pacing dagegen die vorletzte Mission in das Hirn meines leidgeplagten Shooter-Hirns gebrannt. Eigentlich sollte ich lautlos einen gegnerischen General ausschalten. Doch nachdem mein Team entdeckt wurde, brach auf einmal die Hölle los. Dutzende Feinde stürzten sich auf den Trupp. Erst im vierten Anlauf gelang es, die feindliche Übermacht zu besiegen.

Nun fragt ihr euch bestimmt: Warum hat er nicht einfach einen alten Spielstand geladen? Nun ja, zumindest auf den Konsolen gibt es nur einen Speicherplatz. Und das System war so nett und hat nach dem geplatzten Angriff einen Rücksetzpunkt angelegt. Ich stand also vor der Wahl: Entweder durchbeißen oder aber die wirklich lange Mission wieder von vorne anfangen.

Ok, also Übermacht besiegt, General ausgeschaltet. Was nun? Leider haben die sadistischen Missions-Designer vor das Ende des Auftrags noch die Zerstörung einer Funkanlage platziert. Satte 1,2 Kilometer muss man bis zu der strategisch wichtigen Einrichtung zurücklegen. Der erste Versuch mit einem Jeep endete in einer dicken Explosion, weil ein Soldat mit Panzerfaust unseren fahrbaren Untersatz in Altmetall verwandelte. Und nun ratet mal, wo der letzte Kontrollpunkt lag? Genau, VOR dem Angriff der aufgescheuchten Truppen.

An dieser Stelle muss man dem Spiel zugutehalten, dass die eigentliche Shooter-Mechanik befriedigend genug ist, um solche Momente nicht in Tierquälerei zu verwandeln. Außerdem gibt es in diesem Beispiel wirklich mehrere Lösungsansätze. Ein Element, das ja Open-World-Spiele so faszinierend macht. Am Ende habe ich mich wirklich durchgebissen und dabei sogar einen Moment der Befriedigung erlebt. Um dieses Ziel zu erreichen, musste ich ein wenig das System austricksen, mich allein bis zur Anlage vorschleichen und so am nächsten Speicherpunkt auf magische Weise meine Kollegen wiedererscheinen zu lassen, wobei mein Stolz mich vorantrieb. So einfach lasse ich mich nicht von einem verkorksten Missionsdesign besiegen.

Auch im weiteren Verlauf gab es immer wieder solche Momente, in denen ich mit viel Kreativität die Unzulänglichkeit des Systems ausbügelte. In der letzten Mission galt es zum Beispiel, nach der Zerstörung eines Panzers eine Luftabwehrstellung zu knacken. Leider war mein Raketenwerfer leer und es gelang mir nicht, schnell genug einen gerade erledigten Gegner zu erreichen, bevor er sich, wie alle Feinde auf den Konsolen, nach 30 Sekunden samt Ausrüstung in Luft auflöste. Eigentlich kein Problem, schließlich besitzt mein Pionier C4-Ladungen, um die Luftabwehrpanzer aus dem Weg zu räumen.

Doch trotz des leicht zugänglichen, wenn auch etwas komplizierten Radial-Befehlssystems gelang es mir nicht, ihn zum Einsatz der Sprengkörper zu überreden. Meine unkonventionelle Lösung: Ich schicke den Kerl allein in Richtung Feind und lass ihn vom Gegner in ein Sieb verwandeln. Danach klaue ich ihm die Fernzünder-Bomben und jage in letzter Sekunde die Ziele in die Luft. Spannung pur, auch wenn der Ablauf von den Entwicklern wohl anders geplant war. Die restlichen Missionen liefen übrigens deutlich unproblematischer ab. Dessen ungeachtet ist es interessant, wie schwer es sowohl Bohemia Interactive als auch Codemasters fällt, das Open-World-Szenario vernünftig in den Griff zu bekommen.

Nach so viel Schelte noch ein paar erfreuliche Fakten: Die Gegner-KI funktioniert über weite Strecken hervorragend. Sie geht zwar nicht immer vernünftig in Deckung, doch dafür werdet ihr lehrbuchmäßig eingekreist und von mehreren Seiten auseinandergenommen. Die Steuerung der Fahrzeuge geht in Ordnung, nur die eigene KI bleibt bei der Fahrt zum nächsten Zielpunkt immer mal wieder an einem Stein oder einem unzerstörbaren Baum hängen. Im Gegenzug lassen sich Häuser zerstören und schicke Artillerieschläge in Auftrag geben.

Außerdem begeistert speziell die Grafik der PC-Version. Nicht ganz so anspruchsvoll wie ArmA 2, zaubert die Ego-Engine, die auch DiRT und GRID an die Genrespitze beförderte, eindrucksvolle Landschaften, Soldaten und Fahrzeuge auf den Bildschirm. Insbesondere in Kombination mit unterschiedlichen Tageszeiten und schicken Next-Gen-Raucheffekten wirkt der Titel eine ganze Ecke stimmiger als die direkte Konkurrenz. Schade, dass nach einer Weile das Gras ausgeblendet wird und die Gegner so trotz Deckung im Freien stehen.

Die Konsolenfassung sieht zwar etwas schlechter aus und sorgt beim Zielen über weite Strecken immer wieder für pixelige Fragezeichen, aber dennoch läuft das Spielgeschehen recht hübsch und flüssig über den Fernseher. Allein auf den eingebauten Editor der PC-Fassung müsst ihr verzichten. Statt in Zukunft also kostenlose Community-Kampagnen zu zocken, müsst ihr euch auf Nachschub von Codemasters verlassen. Wann dieser kommt und wieviel er kostet, steht noch in den Sternen. Angesichts des äußerst mittelmäßigen Umfangs wäre aber zumindest eine kostenfreie Kampagne wünschenswert.

Über jeden Zweifel erhaben ist dagegen der Vier-Spieler-Koop-Modus. Gemeinsam mit menschlichen Mitspielern müsst ihr euch nämlich nicht mehr über die mittelprächtige KI der eigenen Mitstreiter ärgern, weshalb die Kampagne gemeinsam mit Freunden gleich doppelt so viel Spaß macht. Außerdem könnt ihr mit drei Freunden auch die Zusatzmissionen bestreiten, die es seltsamerweise nur in Form von Bonus-Codes gibt. Zum Glück hat ein aufmerksamer Leser die Codes als Operation-Flashpoint-Leser-Tipp (eurogamer.de)abgeliefert. Da es für jede Karte Highscores und ein Rangsystem gibt, lässt dieses Element viele Unzulänglichkeiten der Einzelspieler-Erfahrung vergessen und beschert dem Titel einen ordentlichen Wertungsschub.

Äußerst dürftig ist dagegen der Umfang des Versus-Multiplayers. Zwei Spielmodi mit gerade mal zwei Karten sind für ein solches Spiel einfach indiskutabel. Ohne Dedicated Server kommt es immer wieder zu Lags und Verbindungsproblemen. Die erste Variante, Vernichtung, ist nur eine aufgemotzte Deathmatch-Abwandlung mit KI-Mitstreitern. Absolut unspektakulär und unterm Strich keine echte Bereicherung.

Deutlich spaßiger ist dagegen Infiltration. Hier muss ein Team eine Stellung verteidigen und ein anderes zum Beispiel einen Flughafen-Tower einnehmen. Dank des Open-World-Charakters entstehen spannende, taktische Gefechte, die dank KI-Unterstützung echte Schlachtfeld-Atmosphäre versprühen. Doch unterm Strich bietet Operation Flashpoint: Dragon Rising auch hier einfach zu wenig Umfang. Die Karten werden mit der Zeit einfach langweilig und man sehnt sich nach etwas mehr Variation. Codemasters muss hier ganz dringend Nachschub liefern.

Da es für Konsolenbesitzer keine echte Alternative gibt, bleibt Operation Flashpoint: Dragon Rising auf Xbox 360 und PS3 trotz seiner Macken ein annehmbarer Einstieg in die komplexe Materie der Militärsimulationen. Es ist zwar an vielen Stellen nicht realistisch genug, um dem Genre gerecht zu werden, und man ärgert sich über hirnlose Designfehler, trotzdem hat man speziell im Koop-Modus jede Menge Spaß damit, über die gewaltigen Schlachtfelder zu ziehen und die Freiheiten des Gameplays zu genießen. Ambitionierte Taktik-Fans werden sich über die abwechslungsreiche Vorgehensweise und die enorme taktische Tiefe freuen. Vielleicht kein echtes Operation Flashpoint 2, aber ein gelungener Einstieg des unerfahrenen Entwicklerteams.

Ganz anders sieht es dagegen auf dem PC aus. Das Spiel sieht mit der richtigen Hardware auf dem Heimcomputer deutlich besser aus, bietet einen Editor und mit der Maus die präzisere Steuerung, doch es gibt hier auch einen inzwischen nicht mehr ganz so verbuggten, deutlich umfangreicheren und realistischeren Konkurrenten. Aber: ArmA 2 macht mir persönlich selbst in der aktuellen Version weniger Spaß, aber ich stehe sowieso mehr auf Battlefield als auf die schraubengenaue Simulation eines echten Schlachtfeldes. Wer also eine „echte“ Militärsimulation möchte, muss auf das „Original“ von Bohemia Interactive zurückgreifen.

Unterm Strich reicht es für beide Version nur zu einer 7. Der geringe Umfang, die über weite Strecken mittelmäßigen Missionen und die zum Teil nervigen Design- und Skriptfehler torpedieren eine höhere Wertung. Nichtsdestotrotz kann ich den Titel Koop- und Taktik-Fans empfehlen. Auf eine seltsame Art und Weise hat es Spaß gemacht, die beinharten Missionen zu knacken. Meine Vorgehensweise mag nicht immer im Sinne der Entwickler gewesen sein, das Endergebnis war aber auf seltsame Art und Weise befriedigend.

Operation Flashpoint: Dragon Rising ist für Xbox 360, PS3 und PC erhältlich.

 

 

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