Gesamtwertung6/10 |
Tony Hawk macht 'nen 360.
Nicht gerade schwierig, sagt Ihr? Zugegeben. Allerdings meine ich nicht unser aller Lieblingsskater selbst, sondern Neversofts niemals enden wollende Serie. Das ist nämlich mein äußerst cleverer Weg, zu sagen: Die Tony Hawk-Reihe dreht sich im Kreis. Denn die rollt nach dem sehr guten Project 8 im Vorjahr jetzt mit Proving Grounds wieder eine Skateboard-Länge zurück.
Wie für jede Ausgabe haben sich die Entwickler auch dieses Mal die Mühe gemacht, ein großes neues Features zu entwerfen, das gewissermaßen den Kaufanreiz für alle Besitzer des letzten Teils darstellen soll. Das hört in der aktuellen Version auf den Namen "Riggen". Dahinter verbirgt sich eine Art Level-Editor, mit dem Ihr die Umgebung zwar nicht komplett umgestalten, aber immerhim um zahlreiche Objekte erweitern könnt.
So setzt Ihr beispielsweise neue Rampen in die Landschaft oder schafft Euch mit Hilfe am Boden angebrachter Stangen zusätzliche Flächen zum Grinden. Warum Ihr das macht? Nun, zum einen ist es natürlich besonders aufregend, wenn Ihr über einen individuellen Parcour brettert. Zum anderen ist es häufig Euer Ziel, bestimmte Gegenstände einzusammeln oder tolle Fotos an vorgegebenen Spots zu schießen - die Ihr jeweils nur erreichen könnt, wenn Ihr neue Skate-Elemente an der richtigen Stelle platziert.
Das ist erfreulich wenig umständlich. Per Tastendruck haltet Ihr die Zeit an und dürft in einem Menü aus einer Liste allerlei Gebilde auswählen. Mit den Schultertasten dreht Ihr das Objekt, dann rückt Ihr es an die rechte Stelle und probiert umgehend aus, ob es Euch bei der Erfüllung des Missionsziels weiterbringt. In einer Halle könnt Ihr später zudem frei mit diesen Teilen herumspielen und Euch so einen kleinen Skatepark basteln.
Aufwändiger wird das Ganze, sobald Ihr mehrere Elemente in der Spielwelt unterbringen müsst, um eine Mission zu bestehen - und langweiliger, weil Ihr mehr Zeit mit dem Aufbau als mit dem Skaten an sich verbringt. Hinzu kommt, dass Euch die Steuerung teilweise vor größere Probleme stellt als die Aufgabe selbst.
Besonders das Aufnehmen von Fotos ist unnötig kompliziert, müsst Ihr doch nicht nur die Kamera oft selbst justieren, sondern sie auch noch zum richtigen Zeitpunkt auslösen. Das Spiel wechselt in diesem Moment zwar die Perspektive und verlangsamt das Geschehen auf Zeitlupe, doch mitten in einer Kombo plötzlich quasi unterbrechen zu müssen, ist nicht gerade optimal.
Außerdem wirkt das Aufsammeln von Gegenständen hin und wieder fehlerhaft. Schwer nachzuvollziehen, ob daran dann die falsche Platzierung eines Level-Objekts oder eine unsaubere Kollisionsabfrage Schuld hat. Schade, da das Riggen grundsätzlich eine interessante Idee ist - nur fühlt es sich seltsam unfertig an.
Aber zum Glück ist die Rigger-Karriere ohnehin nur eine von drei "Lifestyle"-Richtungen, die Ihr in Tony Hawk's Proving Ground einschlagen dürft. Rein theoretisch könnt Ihr zu weiten Teilen darauf verzichten, dafür voll einen auf kommerziell machen und in erster Linie Videos drehen, um damit Geld in die leeren Taschen zu spülen. Oder aber Ihr seid eher hardcore drauf und konzentriert Euch auf Dinge, die das Leben eines Skaters eigentlich ausmachen sollten.
Missionen für jede der drei Ausrichtungen bekommt Ihr von verschiedenen prominenten Charakteren, die in der Spielwelt auf Euch warten. Irgendeine sicher sehr spannende Geschichte wird in etlichen kurzen Sequenzen ebenfalls erzählt, falls das jemanden von Euch tatsächlich interessiert.
Sehr ärgerlich ist allerdings, dass Ihr letztendlich doch alle Lifestyles verfolgen müsst und das sogar möglichst schnell - vorausgesetzt, Ihr wollt sämtliche Features des Spiels sehen. Denn selbst erlernen dürft Ihr die unverständlicherweise nicht. Stattdessen müsst Ihr Euch brav die Erklärungen der Skater-Ikonen anhören und könnt Euch erst danach selbst an einen Versuch wagen.
Deutlich besser gelungen ist der neue Video-Editor, mit dem Ihr besonders coole Skate-Sequenzen aufnehmt, bearbeitet und als Andenken speichert sowie Euren Freunden zeigt. Schade lediglich, dass die Video-Aufnahme jedes Mal per Hand gestartet werden muss und nicht einfach gewöhnliche Replays editiert werden dürfen.
Weitere Unterschiede gegenüber den Vorgängern liegen im Detail. Das gelungene "Nail the Trick" etwa wurde um zwei neue Features erweitert: "Nail the Grab" und "Nail the Manual". Im Grunde selbsterklärend, denn diese beiden Bezeichnugen bedeutet schlichtweg, dass Ihr zusätzlich zu Kicks eben auch Grabs und Manuals per Hand ausführen könnt. Möglicherweise zu einem gewissen Grad eine Reaktion auf EAs skate., ganz sicher jedoch eine sehr sinnvolle Verbesserung. Lediglich die Kamera brockt Euch bei den Manuals so manche Schwierigkeit ein, da Ihr bestenfalls erahnt, wohin Ihr denn gerade fahrt.
Eine noch etwas kleinere, aber dennoch lang erwartete Veränderung ist die Möglichkeit, mehr Geschwindigkeit als zuvor aufzunehmen, indem Ihr Euch mit einem Bein besonders hart vom Boden abstoßt. Hierbei spielt der richtige Rhythmus eine Rolle, müsst Ihr doch immer dann wieder beschleunigen, wenn Euer Charakter sein Bein gerade nach vorne streckt. Am Anfang nicht ganz einfach, aber mit ein wenig Übung seid Ihr auf diese Weise wesentlich schneller in der Umgebung unterwegs.
Diese Umgebung besteht im Grunde aus drei sehr frei nachgebauten US-Städten (Philadelphia, Baltimore, Washington, D.C.), in mehrere kleine Abschnitte unterteilt, die erst im Laufe der Spiels parallel zu Euren Erfolgen freigeschaltet werden. Schön groß ist sie auf alle Fälle, was die Entfernungen aber auch schön weit macht - von einer Mission zur nächsten zu skaten, kann schon mal etwas dauern. Leider kommt noch dazu kein Stadtteil an die spielerische Qualität so mancher früherer Umgebung heran; vor allem, weil es überwiegend viel zu einfach ist, beinahe unendlich lange, perfekte Kombos zu stehen.
Mehr verlangen Euch dafür die frei in der Spielwelt verteilten Herausforderungen ab, bei denen Ihr zum Beispiel eine markierte Strecke entlang grinden müsst. Die sind darüber hinaus in drei Schwierigkeitsgrade unterteilt - abhängig davon, wie weit Ihr kommt oder wieviele Punkte Ihr erzielt, desto größer die Belohnung.
Eine Belohnung hat Tony Hawk's Proving Ground selbst jedoch kaum verdient. Nicht, weil die Entwickler so wenig an der zu Grunde liegenden Formel feilen würden - das ist nach neun recht erfolgreichen Teilen irgendwo verständlich. Auch nicht, weil die wenigen Neuerungen absolut sinnlos wären. Im Gegenteil! Nur sollten sie doch zumindest fehlerfrei funktionieren und das Spiel voran bringen, aber das tun sie eben nicht wirklich. Spaß macht Proving Ground natürlich trotzdem, weil man die äußerst solide Spielmechanik kaum zerstören kann. Aber dass es nach dem starken Project 8 im Vorjahr einen Rückschritt darstellt, lässt sich leider nicht leugnen.