PC: Company of Heroes: Tales of Valor
Das klassische Echtzeitstrategie-Genre zeigt erste Auflösungserscheinungen. Die tausendfach durchgekaute Mischung aus Basen-Aufbau und Stein-Schere-Papier-Gefechten verschwindet langsam von Gameplay-Grabbeltisch und macht einer wilden Mischung aus Online-, Rollenspiel-, Taktik- und Rundenstrategie-Elementen Platz. Eine treibende Kraft hinter dieser Entwicklung sind die Strategie-Experten von Relic. Schon mit Dawn of War II haben sie sich den Zorn der Hardcore-Fans zugezogen. Kein Basen-Bau, Ausrüstungsgegenstände a la Diablo und eine offene Kampagnen-Struktur sorgten für viel Verwirrung.
Und auch ihre zweite Franchise, Company of Heros, bleibt nicht von den reaktionären Ideen der Entwickler verschont. Sorgte das Zweite Weltkriegs Echtzeitstrategiespiel schon zum Release mit seinem komplexen Deckungssystem, einer zerstörbaren Umgebung und einem praktischen Rückzugsbefehl für viel frischen Wind im Genre, lieferte Relic mit Opposing Fronts ein fast klassisches Addon ab. Doch nach ein paar neuen Karten, einer neuen Fraktion und unverbrauchten Einheiten schlägt die umtriebige Truppe nun mit der zweiten Erweiterung schon wieder einen komplett anderen Weg ein.
In drei Mini-Kampagnen auf gerade mal drei Karten erlebt Ihr die Geschichte dreier kleiner Truppenteile, die sich 1944 in den Nachwehen der Invasion durch die Felder der Normandie kämpfen. Die Grafik bewegt dabei sich zu weiten Teilen auf dem Niveau des Hauptprogramms. Hier und da wurden ein paar Texturen aufgefrischt, schicke Raucheffekte und neue Animationen integriert. Das Endergebnis erreicht trotzdem nicht ganz die Qualität der Inhouse-Konkurrenz, sieht aber immer noch besser und vor allem lebendiger aus als der Rest vom Schützenfest.
Wirklich neu ist dagegen der Direkt-Feuer-Modus für Panzer und Fußsoldaten sowie das Erfahrungspunktesystem für einzelne Figuren und Squads, das die Spielerfahrung gehörig auf den Kopf stellt. Mit einem „normalen“ Echzeitstrategiespiel hat das fast nichts mehr zu tun, sondern erinnert viel mehr an Dawn of War II. Doch reicht der neue Ansatz, um wie bei der Warhammer 40.000-Umsetzung das Genre auch qualitativ in den Grundfesten zu erschüttern? Oder geht ihre Rechnung diesmal nicht auf und die Hardcore-Fangemeinde rennt schreiend davon? Wir durften ein fast fertige Version Probe spielen und liefern Antworten.
Hauptdarsteller in der ersten Kampagne namens Tiger Ace ist die vierköpfige Besatzung eines Tiger Panzers. Einsam und alleine stellt sich der illustre Haufen unter dem Kommando von Maximillian Voss den alliierten Angreifern und schlägt in der Einstiegs-Mission die berühmten, britischen Wüstenratten in die Flucht. Statt auf Fraktions-Kräfte zu sparen, bekommt Ihr nun für vernichtete Gegner Erfahrungspunkte, die Ihr nach einem Level-Aufstieg in eine der vier Besatzungsmitglieder stecken dürft.
Lade-Schütze Lizke versorgt Euch zum Beispiel mit hochexplosiven Granaten und einer höheren Feuergeschwindigkeit. Funker Berndt bedient nach einem Update die Bord-MG oder sorgt für Artillerie Unterstützung. Fahrer Schroif macht dem alten Diesel-Motor Feuer unterm Hintern und Schütze Shultz sorgt für Treffer an Schwachstellen. Auf Verzweigungen oder Alternativen wie bei der Konkurrenz müsst Ihr leider verzichten.
Tales of Valor liefert immer genug Erfahrungspunkte, um alle Fähigkeiten auszubauen. Ihr müsst Euch zum Ende hin nicht für eine Spezialisierung entscheiden und auf einige Talente verzichten. Wie schon bei Dawn of War II schlagt Ihr Euch in der ersten Kampagne auf dem normalen Schwierigkeitsgrad nahezu ohne Gegenwehr durch die feindlichen Panzerhorden. Erst wenn Ihr Euch an "Hart" wagt, kommen die neuen Spieleelemente zum Tragen.
Vor allem der Direktfeuer-Modus entpuppt sich trotz einiger Macken als echte Bereicherung. Ab und an geht der Schuss zwar ungewollt daneben, doch das Gefühl, selbst am Drücker zu sitzen, ist unschlagbar. Außerdem erhöht dieses Feature auch den taktischen Tiefgang. Ganz gezielt könnt Ihr in einem Squad einzelne Soldaten ausschalten, die Bewaffnung ins Visier nehmen oder Deckung vernichten. Die Auswahl von anderen Einheiten wird dadurch zwar etwas schwer, doch das neue Spielgefühl entschädigt für den mangelnden Bedienungskomfort.
Die Rückkehr auf die gleiche Karte macht im Rahmen der Hintergrundgeschichte Sinn, trotzdem fühlt sich das neue Karten-Material etwas dünn an. Dafür wird die Geschichte in eindrucksvollen Zeichnungen und schicken Ingame-Zwischensequenzen weiter erzählt und schlägt dabei die höchstens mittelmäßige Präsentation von Dawn of War II.
Nach den harten Panzer-Gefechten und einer ungewöhnlichen Infantry-Mission in Tiger Ace übernehmt Ihr dann in der zweiten Kampagne die Führung des Able und Baker Squads der 82sten Luftlandedivision der Amerikaner. Am D-Day, dem 6. Juni 1944, müssen sie das kleine Örtchen Cauquigny erobern, das als wichtige Nachschubbasis für die angreifenden Alliierten fungieren soll. Dumm nur, dass die Deutschen dort die Invasion aufhalten wollen. Ein harter Kampf entbrennt.
Beide Squads verfügen über ganz unterschiedliche Fähigkeiten. Nur die Able Truppe mit ihren Thomson Maschinen Pistole könnt Ihr per Direktfeuer steuern. Baker samt Bazooka wird klassisch durch die Gegend gescheucht. Fallengelassene Waffen des Gegners lassen sich aufheben. Nach dem erfolgreichen Angriff auf einen Bauernhof müsst Ihr im zweiten Teil der ersten Mission Euren Fortschritt verteidigen. Welle um Welle schlägt Euch entgegen, bis ein großes Feindkontingent Eure Stellung einfach überrollt. Im weiteren Verlauf gilt es, unterschiedliche Aufgaben zu meistern. Ständig wechseln sich Eure Ziele und aus einer knallharten Verteidigungsmission wird zum Beispiel ein fordernder Sturmangriff.
Die letzte Kampagne dreht sich um die deutschen Panzer Elite Truppen und kommt wieder etwas klassischer daher. Mehr dürfen wir aber nicht verraten. Immerhin stehen im Multiplayer ein paar zusätzliche Einheiten zur Verfügung, die Ihr Euch aber erst durch die Vollendung der Einzelspieler-Missionen erarbeiten müsst. So ersetzt der M18 Hellcat Panzer zum Beispiel den M10 Wolverine oder Ihr bekommt eine neue Tiger Variante, die etwas schneller unterwegs ist. Jede der vier Kriegsparteien bekommt zwei beziehungsweise drei neue Fahrzeuge geliefert, die an das Erreichen von Medaillen, Missionszielen oder den Abschluss der Aufträge gebunden sind. Die Auswirkungen auf den Multiplayer konnten wir noch nicht ausprobieren, kleinere Balancing-Probleme könnten aber an der Tagesordnung liegen.
Hoffen wir mal, dass sich Relic mit Tales of Valor nicht zu weit aus dem Fenster lehnt. Momentan fehlt dem Addon noch etwas die Substanz, um an den Erfolg seines Vorgängers oder dem ähnlich gebauten Dawn of War II heranzureichen. Gerade mal drei Missionen pro Kampagne sind zu wenig, um Profis lange genug bei der Stange zu halten. Und auch der Rollenspiel-Part wirkt momentan noch etwas unausgegoren. Erst auf den höheren Schwierigkeitsgraden ist es wichtig, welche Fähigkeit Ihr wann frei schaltet. Da Ihr am Ende aber sowieso alle besitzt, gibt es kaum Anreize für einen zweiten Durchgang.
Zum Glück wurden die Missionen packend inszeniert und liefern mit den freischaltbaren Multiplayer-Einheiten und dem Direktfeuer einen interessanten Dreh. Für eine klare Empfehlung sollte Relic aber noch ein paar Steuerungsmängel beseitigen, den Schwierigkeitsgrad hochschrauben und vorsichtig mit der Multiplayer-Balance umspringen. Die Fan-Gemeinde ist extrem empfindlich, da kann ein falscher Schritt schnell zum Ende der guten Beziehungen führen.
Company of Heroes: Tales of Valor erscheint am 9. April exklusiv für den PC.




