ArmA 2

Review
Plattform
PC
Vertrieb
Peter Games
Entwickler
Bohemia Interactive
Genre
Shooter
PC: ArmA 2

Gesamtwertung

6/10

PC: ArmA 2

Armed Assault 2 oder eher gesagt ArmA 2 ist ein Monster von Spiel. Satte 225 Quadratkilometer Fläche, 50 Städte und Dörfer, über 40 Waffen und 120 Fahrzeuge warten auf ambitionierte Taktik-Shooter-Fans. Eine dynamische Kampagne mit sieben umfangreichen Einsätzen, sieben knackige Szenarios, die Waffenkammer zum Ausprobieren des Fuhrparks und der komplexe Editor samt Multiplayer machen es schwer, den Titel in eine Schublade zu stecken beziehungsweise auf seine Einzelteile zu reduzieren. Wie schon sein Vorgänger respektive Vor-Vorgänger Operation Flashpoint liefert dieser Taktik-Shooter zumindest theoretisch Monate-langen Spielspaß und ein wirklich einmaliges Spielgefühl.

Leider sieht die Praxis anders aus. Entwickler Bohemia Interactive hat sich auch diesmal an dem gewaltigen Brocken verschluckt. Die Verkaufsversion war so verbuggt, dass man noch nicht einmal die Kampagne im fiktiven Staat Chernarus durchspielen konnte. Vor allem die Missions-Skripte der komplexen Aufträge machten dem Titel schwer zu schaffen. Immer wieder kam man an einen Punkt, an dem es nicht weiter ging. Endstation Bug-Friedhof.

Immerhin wurde zum Release ein Beta-Patch 1.01 veröffentlicht. Der Not-Flicken kümmerte sich zwar nur um die dringendsten Probleme, doch die recht spannende Story ließ sich damit beenden und eine Menge seltsamer Grafik-Fehler tauchten wieder in der Versenkung unter. Trotzdem war das Spiel noch lange nicht fehlerfrei. Selbst mit dem finalen Patch 1.01 macht die Künstliche Intelligenz immer wieder Kapriolen und sorgt auf beiden Seiten für Kopfschütteln. Während einige Gegner schwerfällig reagieren und recht unbeteiligt in der Gegend rumstehen, erledigen euch andere Feinde trotz Deckung aus hunderten Metern Entfernung. Das gleiche Spiel bei euren Kameraden, aber dazu später mehr.

Trotz der fast fotorealistischen Grafik und der glaubwürdigen Schlachtfeldatmosphäre bewegt sich Armed Assault 2 zumindest in der Kampagne auf dem schmalen Grad zwischen packender Kriegssimulation und Totalausfall. In den deutlich kleineren Szenarien sorgt die geringere Komplexität für Erleichterung. Ohne dynamisch generierte Nebenaufträge werden die Ausfälle seltener. Stattdessen kommt genau die Spannung auf, die schon Bohemias Operation Flashpoint zum Meisterwerk krönten. Und auch der größtenteils funktionierende Multiplayer, der kooperative Online-Modus für bis zu vier Spieler und der mächtige Editor wird Hardcore-Fans glücklich machen.

Aber: Bei echten Liebhabern kreist das Spiel sowieso schon 24 Stunden pro Tag im Laufwerk. Sie schlagen mit ihrem Clan Schlachten um die fiktive Republik Chernarus, erstellen mit dem durchdachten Editor aufwändige Missionen und stürzen sich gemeinsam mit Freunden in die Kampagne, ohne groß über die zig Programmfehler zu jammern. Für diese spitze Zielgruppe ist dieser Test nicht gemacht. Vielmehr wollen wir klären, ob trotz der Bugs auch Neu- und Umsteiger glücklich werden. Jetzt zugreifen? Oder doch auf die nächsten Updates warten, die schon bei Armed Assault 1 aus einem unspielbaren Stück Beta-Software eine packende Militärsimulation machten?

Die Geschichte von Armed Assault 2 erinnert ein wenig an die Situation vor dem Kaukasus-Krieg. In einer fiktiven, post-sowjetischen Republik namens Chernarus ist ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Nachbar Russland beäugt misstrauisch die Vorgänge, während eine amerikanische Marine-Einheit auf Friedens-Mission versucht, durch ihre Präsenz das Land zu stabilisieren.

Der Feind ist zumindest zu Beginn klar definiert. Die Marines müssen die Aufständischen davon abhalten, Macht und Hauptstadt zu übernehmen. In der Kampagne schlüpft ihr in die Rolle von Sgt. Matt Cooper, der als Teil von Team Razer, einer Force-Recon-Einheit, die Landung der amerikanischen Truppen vorbereitet, anschließend den Vormarsch sichert, nur um am Ende mitten im Kreuzfeuer der Kriegsparteien zu landen.

Die Kampagne führt Euch dabei durch weite Felder, dichte Wälder und verschlafene Dörfer der ehemaligen Sowjetrepublik. Jeder Auftrag setzt sich aus einer Hauptmission und verschiedenen Nebenaufgaben zusammen, die euch je nach eigener Position und dem Fortschritt der Kämpfe dynamisch zugeteilt werden. Lauft ihr zum Beispiel mit einem Scharfschützengewehr durch die Gegend, kann es sein, dass ihr auf einmal einen feindlichen Offizier ausschalten müsst. Seid ihr nicht schnell genug, erledigt den Job vielleicht ein anderer. Kein Zuckerschlecken für Anfänger, aber die harte Realität des Krieges.

Neben den Spezialaufträgen muss sich Team Razer auch als Teil einer Offensive beweisen, wichtige Schlüsselpositionen erobern oder eigene Stellungen verteidigen. Begleitet von schwerem Material, kämpfen sich die Spezialisten durch zum Teil übermächtige Feinde, stoßen tief hinter die feindlichen Linien vor und treffen wichtige Entscheidungen, die den Kriegsverlauf beeinflussen.

Befehle werden wie beim Vorgänger über die Leertaste erteilt und das Aktionsmenü versteckt sich noch immer hinter der mittleren Maustaste. Damit könnt ihr zum Beispiel Verstärkung herbeirufen, in Fahrzeugen die Plätze tauschen oder eure Kameraden verarzten. Wirklich intuitiv ist die Steuerung nicht. Neueinsteiger brauchen Stunden, um die komplexen Zusammenhänge aus dem Effeff zu beherrschen.

Dafür überzeugen schon die ersten Missionen mit einer dichten Atmosphäre. Wenn man mit Nachtsichtgerät durch das Unterholz sprintet, der Hauptcharakter nur noch stoßweise atmet und seine Kollegen die ersten Feinde melden, hält man selbst als Zuschauer den Atem an. Egal ob ihr auf euch allein gestellt in einer Kommando-Mission Offiziere ausschaltet oder in einer großangelegten Offensive samt Panzer und Hubschrauber-Unterstützung eine Stadt erobert, in diesem Sektor gibt es wenig vergleichbares.

Doch auch hier wird Potential verschenkt: Das Meldesystem wurde umgestellt. Während bei Armed Assault 1 eure Kollegen die Richtung noch per virtueller Uhrzeit angaben, heißt es diesmal zum Beispiel relativ kryptisch „Weit hinten links“. Ohne vernünftige Bezugspunkte ist es so nahezu unmöglich, die Position zu bestimmen. Stattdessen wird der Feind auf den unteren Schwierigkeitsgrad durch ein rotes Kreuz markiert. Leider auch durch Gebäude hindurch und hinter Bäumen.

Eure Mannen besitzen wie einige Feinde einen Röntgenblick. Im Wirrwarr der Sichtungen und Symbole geht Stimmung, Übersicht und Orientierung verloren. Ja, erfahrene Spieler werden sich nach einer Weile zurechtfinden, trotzdem wirkt das neue System wie ein Rückschritt. Gut gelöst wurde dagegen der Schwierigkeitsgrad. Je nach eigenem Talent könnt ihr Missions-Informationen anzeigen lassen, die automatischen Meldungen ein- und ausschalten, das Fadenkreuz aktivieren oder die KI anpassen. So könnt ihr selbst bestimmen, wie realistisch die ganze Sache werden soll.

Leider bereitet gerade dieses System immer wieder Probleme. Setzt ihr die KI der Gegner und eures eigenen Teams zu weit nach unten, reagieren sie falsch oder gar nicht. Jeder Missions-Marker wird so zu einer Herausforderung, weil euer Team gern mal in der Pampa herumsteht und nur auf direkte Befehle reagiert. Besonders hart trifft es aber Fahrzeugbesatzungen. Kaum hat die Künstliche Dummheit aus Versehen oder durch einen Bug seine Position verlassen, ist sie nur äußerst schwer wieder einzufangen. Von den fahrerischen Qualitäten der KI-Kollegen will ich gar nicht erst anfangen.

Immerhin gelingt es Bohemia Interactive, im Laufe der Geschichte den Zusammenhalt der eigenen Truppe und das Kriegsszenario trotz der recht trockenen Inszenierung auf den Punkt zu bringen. Es gibt kein einfaches Gut oder Böse. Wie im echten Leben ist die Situation in Chernarus hochkompliziert. Viel Blut und Gewalt machen es schwer, einen klaren Feind zu definieren. Ihr kämpft für unschuldige Zivilisten, doch welche Seite ist die richtige? Tretet ihr der Widerstandbewegung bei oder den Milizen? Opfer werden so schnell zu Tätern. Beeinflusst durch eure Entscheidungen, erlebt ihr nach 15-20 Stunden eines von sieben unterschiedlichen Enden. Leider nur in Textform.

Rein inhaltlich ist die Kampagne also recht gelungen, wenn einem die vielen kleinen Fehler nicht immer wieder die Stimmung vermiesen würden. Zum Glück funktionieren, wie eingangs erwähnt, die Szenarien deutlich besser. Hier bekommt ihr die Gelegenheit, auch mal die Gegenseite zu spielen. Zusammen mit einem russischen Panzerverband gilt es zum Beispiel, in einem T90-Panzer die tschernarussischen Linien zu durchbrechen. Ein spannender, asymetrischer Kampf gegen Fußsoldaten und panzerbrechende Raketen.

Ihr dürft sogar in die Rolle der Aufständischen schlüpfen und euch in Guerilla-Kriegsführung bewähren. Spannend bis zur letzten Minute. Natürlich habt ihr auch hier mit KI-Problemen zu kämpfen, verzweifelt an den Meldungen eurer Kameraden oder der viel zu komplizierten Steuerung. Trotzdem gelingt es Bohemia Interactive zumindest an dieser Stelle, die Erwartungen zu erfüllen.

Als nettes Spielzeug versteht sich dagegen die Waffenkammer. Da ihr weder in der Kampagne noch in den Szenarien ein Fluggerät steuern könnt, liefert dieser frei begehbare Sandkasten die Möglichkeit, ein wenig zu üben. Einfach in eine Maschine einsteigen und etwas durch die Gegend fliegen. Nach und nach werden dann kleine Missionen freigeschaltet, um die Spielzeug-Palette zu vergrößern. Mal müsst ihr Kriegsmaterial stehlen, dann mit einem Maschinengewehr Tontaubenschießen oder an einem Rennen teilnehmen. Wurde die Aufgabe erfüllt, stehen neue Fahrzeuge und Waffen zur Verfügung. Kein Spielspaßwunder, aber ein netter Zeitvertreib.

Besonders viel Wert legt die Community auf den Multiplayer-Modus. Gerade in der Verbindung mit dem Editor liegt hier die Stärke von Armed Assault 2. Neben der simplen Option, die Kampagne mit bis zu 3 Mitspielern im Kooperativmodus zu spielen, warten Dutzende Missionstypen, diverse Modifikationen und einstellbare Parameter auf euch. Die Erstellung eigener Aufgaben erfordert zwar etwas Einarbeitungszeit, doch mit ein wenig Übung gelingen beeindruckende Mini-Kampagnen, die sich sowohl gegen die KI als auch gegen menschliche Kontrahenten spielen lassen.

Mit Battlefield und Co. lassen sich die enorm taktischen, aber auch recht zähen Auseinandersetzungen nur schwer vergleichen. Durch die extremen Entfernungen seid ihr schon mal 10 Minuten bis zur Front unterwegs. Werdet ihr dort gleich erschossen, geht es wieder zum Anfang zurück. Wer sich nicht mit seinem Team abspricht, wird die Flinte schnell ins Korn werfen.

Ihr müsst euch also, wie beim restlichen Spiel, auf eine lange Einarbeitungszeit einstellen. Trotzdem sind die Möglichkeiten phänomenal und dank der aktiven Community wird es in den nächsten Wochen und Monaten viele neue Inhalte geben. Schon jetzt gibt es erste Modifikationen mit neuen Waffen und Spielmodi.

Zu guter letzt noch ein paar Worte zu Grafik und Performance. Mit der richtigen Hardware sieht Armed Assault 2 erstklassig aus. Eine malerische Landschaft, detaillierte Fahrzeuge und wunderschöne Spezialeffekte sorgen für ein stimmiges Gesamtbild. Allein die Gesichter der Charaktere könnten etwas mehr Leben vertragen, doch im Eifer des Gefechts habt ihr selten die Gelegenheit, euren Feinden in die Augen zu schauen. Leider dauert das Texturen-Nachladen auf schwächeren Systemen zu lang. Durch die enorme Sichtweite erblickt ihr durch das Zielfernrohr statt der hochaufgelösten Variante viel zu oft nackte Polygon-Klumpen.

Und auch die Physik-Engine ist nicht ganz auf dem neusten Stand. Viele Gebäude lassen sich mit der richtigen Waffe zwar einebnen, aber inbesondere die Fahr-Physik der Panzer wirkt nicht immer konsistent. Mal könnt ihr Zäune, kleine Bäume und Stacheldraht einfach umfahren, ein anderes Mal bleibt ihr hängen. Außerdem müsst ihr selbst mit einem Mittelklasse-System Einschränkungen in Kauf nehmen. Ein Rechner, der Crysis flüssig darstellt, ist mit den hohen Einstellungen von Armed Assault 2 schlicht überfordert. Ohne Dual-Core-CPU und moderne Grafik-Karte braucht ihr also gar nicht erst antreten.

Was für ein gigantischer Flickenteppich. Erneut hat Bohemia Interactive die Chance verpasst, mit einer sauberen Release-Version ihrem unverkennbaren Talent ein Denkmal zu setzen. Wie schon beim Vorgänger wird es Monate dauern, bis das schlummernde Potential des Titels dank dringend benötigter Patches voll ausgeschöpft wird. Angesichts einiger gelungener Elemente eine echte Schande. Spieler als Beta-Tester zu missbrauchen, sollte so langsam der Vergangenheit angehören. Damit vergrault man sich nur die eigene Zielgruppe.

Fest steht: Im aktuellen Zustand ist die Kampagne mehr Arbeit als Vergnügen. Man braucht Glück, um den Titel in einem Rutsch durchzuspielen. Und ärgert sich selbst dann über die seltsame KI und die viel zu komplizierte Steuerung. Außerdem sorgen einige Verschlimmbesserungen, wie das neue Meldesystem, für Kopfschütteln. Ohne Szenarios, Multiplayer und Editor würde der Titel, trotz guter Grafik und beeindruckender Atmosphäre, höchstens bei einer 5 landen.

Für Hardcore-Fans sind solche Probleme aber nur Lappalien. Da der Umfang wirklich gigantisch ist, der Multiplayer funktioniert und der Editor für kontinuierlichen Nachschub sorgt, bekommen sie ein einmaliges, wenn auch unfertiges Stück Software geliefert, das sie für die nächten Monate beschäftigt. Zumindest Online erfüllt Armed Assault 2 also seine Versprechen und hat sich demzufolge aus meiner Sicht seine 6 Punkte verdient. Für Neueinsteiger und klassische Shooter-Fans bleibt die Serie auch mit dem zweiten Teil ein Buch mit sieben Siegeln. Wer nicht viel Zeit investiert und Bug-resistent ist, wird höchstwahrscheinlich enttäuscht.

Armed Assault 2 ist bereits für den PC erhältlich. Eine Xbox 360 Fassung soll folgen.

 

 

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