Gesamtwertung6/10 |
Liebe Leser, heute sind wir mal total ehrlich zueinander. Ich wette, ab und zu macht es Euch genauso viel Spaß wie mir, anderen Leuten bei der Arbeit zuzusehen. Ob dem Handwerker bei Reparaturen (wenn er denn mal kommt), dem Kfz-Mechaniker beim Ölwechsel oder der Freundin, wenn sie Essen zubereitet. Das heißt, in dem Fall solltet Ihr Euch besser aus dem Staub machen, bei so etwas besteht immer die begründete Gefahr, dass man mithelfen muss.
Vielleicht haben mir BlueBytes Siedler deswegen schon immer so gefallen. Hier konnte ich mich einfach auch mal entspannt zurücklehnen und den Siedlern vollkommen gefahrlos und ohne schlechtes Gewissen beim Arbeiten und Wuseln zugucken.
Nach der tollen Umsetzung von Anno 1701 war meine Vorfreude noch größer. Die gelungene Umsetzung machte mir jedenfalls Mut, das komplexe Spielkonzept eines Siedler-Teils könnte doch ganz gut auf den DS rübergebracht werden. Zudem ist das Vorbild für die Handheld-Version, Die Siedler II, der für mich beste Teil der Serie. Scheinbar also ideale Voraussetzungen für ein mobiles Abenteuer.
Vielleicht bringe ich Euch das Spielgefühl, das ich in den ersten Stunden hatte, am besten nahe, wenn ich kurz beschreibe, wie das bei mir abgelaufen ist. Das einleitende Video, das leider stark ruckelt, erzeugt eine einzigartige Aufbruchsstimmung, trotz der insgesamt eher mäßigen Bildqualität. Wer beispielsweise das Eingangsvideo von Final Fantasy III gesehen hat, weiß, dass es viel besser geht. Nun ja, das ist ja nicht entscheidend für ein gutes Spiel. Flugs geht es also direkt in die erste Kampagne.
Ich bin der Meinung, für einen Vertreter des Genres Aufbaustrategie sollte es ein ausführliches Tutorial geben, das dem Spieler langsam die Zusammenhänge der einzelnen Funktionen, Gebäude und Mechanismen untereinander näher bringt. Wer Original oder Remake von Siedler II auf dem PC gespielt hat, weiß, wie komplex einzelne Elemente zusammenwirken und wie sinnvoll es wäre, den Spieler hier ein klein wenig an die Hand zu nehmen. So eine Art Einführung gibt es zwar, diese bleibt aber so oberflächlich, dass ich sofort zur Spielanleitung gegriffen habe.
Leider warf diese zum Teil mehr Fragen auf, als sie mir Antworten brachte. Ich kann mich noch erinnern, dem PC-Original war in der Packung eine große Übersichtskarte beigelegt, die die Zusammenhänge zwischen den Gebäuden in einem Schaubild deutlich gemacht hat. So etwas hätte mir schon genügt, um mir den Einstieg deutlich zu erleichtern, aber Fehlanzeige. So war ich auf mich allein gestellt.
„Einfach Ausprobieren“ war auch das Motto in Bezug auf die Steuerung. War ich von Anno 1701 noch das überaus bequeme und hervorragend funktionierende Interface gewohnt, das in erster Linie mit dem Touchscreen umgesetzt wurde, geht das Siedeln hier nicht so leicht von der Hand, denn bei Die Siedler DS ist auch der Einsatz an den Knöpfchen gefragt.
Das Steuerkreuz zum Scrollen und die L-Taste sind hier die besten Freunde Eures Stylus. Da sind bei langen Sessions die Fingerkrämpfe vorprogrammiert. Weil die beiden Bildschirme konsequent genutzt werden, nur der untere aber ein Touchscreen ist, wird über die linke Schultertaste der Inhalt der beiden Monitore ausgewechselt. Ihr merkt also schon, dass man als Führer des jungen Volkes einen anstrengenden Job auf sich nimmt. Schließlich sollen die kleinen Männer (ja, Frauen gibt's immer noch keine) auch ordentlich versorgt werden und viel Platz haben.
Das Prinzip des zweiten PC-Siedler gilt im Großen und Ganzen auch für die DS-Fassung. Ausgehend von einem Hauptgebäude darf ich Straßen errichten, die wiederum zu anderen Bauplätzen führen, an denen die notwendigen Gebäude entstehen. Blaue Fähnchen markieren entsprechende Wegpunkte, zwischen denen ein Siedler hin- und herpendelt, um Waren von A nach B zu bringen. Dadurch entsteht ein großes Logistik-Netz, mit dem auch große Strecken zügig überbrückt werden. So gelangen auch die benötigten Baumaterialien aus den Lagerhäusern an entsprechende Bauplätze, an denen sich meist schon ein Arbeiter eingefunden hat.
Wie es bei Handwerkern normalerweise ist, hat auch die Ein-Mann-Firma Hammer und Nägel dabei und kann loslegen. Wenn Ihr Euch nun vorstellt, was in dem großen Netz aus Wegen, Gebäuden und Baustellen los ist, bekommt Ihr in etwa ein Gefühl, wie hoch der so genannte Wuselfaktor selbst auf dem DS sein kann. Sehr niedlich im Übrigen: Wenn ein Siedler mal nichts zu tun hat, steht er in der Mitte seiner beiden Fahnen, liest Zeitung, tut was für seine Fitness und springt Seil oder versucht sich einfach nur im Kaugummi blasen.
Doch zurück zu den Gebäuden. Leider ist es gerade für Genre-Neulinge ein großes Problem bei der Vielzahl an verschiedenen Häusern festzustellen, wie sich diese untereinander bedingen. Erfahrene Spieler werden hier zwar etwas besser reinfinden, doch selbst diese dürften anfangs ihre liebe Mühe haben, eine florierende Zivilisation aufzubauen, die alles bietet, was solch ein Völkchen braucht. Total überlastet seid Ihr spätestens bei dem sehr ausführlichen Statistik-Teil, in dem Ihr mehr oder weniger übersichtlich viele Informationen zu Eurem Volk und den Waren, die es produziert, abrufen könnt. Genau hier merkt man dem Spiel am deutlichsten seine PC-Wurzeln an.
Was am „großen“ Computer durchaus hilfreich für Eure Arbeit sein kann, überfordert auf dem DS im hohen Maße, zumal Ihr für die Statistiken regelmäßig den Bildschirm tauschen müsst. Vielleicht wäre weniger hier etwas mehr gewesen.
Wenn Eure neue Zivilisation langsam wächst und Ihr immer wieder auf neue wichtige Kleinigkeiten achten müsst, entfaltet das sowieso schon nicht sehr einsteigerfreundliche Spiel seine volle Komplexität. Die Erweiterung der Landesgrenzen erfordern Militärgebäude, die Versorgung der Truppen gewährleistet Ihr durch Nahrungsmittel und Güter, die Ihr nach dem Abbau in anderen Produktionsstätten verarbeitet.
Später solltet Ihr gerade auf diesen Punkt besonderes Augenmerk legen, denn haben sich weitere Völker auf Eurer Insel niedergelassen, kommt es früher oder später zum unweigerlichen Konflikt, in dem entweder Ihr Eure Grenzen schützen oder den Feind zurückdrängen müsst. Hektik en masse.
Natürlich dürft Ihr bei der DS-Umsetzung nicht die gleiche grafische Pracht erwarten wie auf einem Heimcomputer, doch selbst für den Nintendo DS kam mir die Grafik ein wenig grobpixelig vor. Zudem patzten die Entwickler bei der Soundkulisse. Die Lautstärke der stimmungsvollen Musik ist hoffnungslos übersteuert und daher kratzt es permanent aus Eurem DS-Lautsprecher. Was folglich nicht sonderlich verlockend ist.
Neben einigen unschönen Bugs – das Spiel friert plötzlich ein, der Zoom-Button verschwindet ab der dritten Mission auf unerklärliche Weise, Siedler weigern sich ihren Arbeiten nachzugehen - stört zudem vor allem die Tatsache, dass das Abspeichern auch mal gerne über eine Minute in Anspruch nimmt, was gerade auf einem Handheld nicht sein darf.
Je länger Ihr Euch mit den Siedlern beschäftigt, desto spannender wird es, Ihr begreift die Zusammenhänge und versteht, mit den Statistiken umzugehen. Dann wird Euch das Spiel absolut fesseln.
Leider sind bis dahin etliche Stunden ins Land gezogen, und einige dürften die Motivation verloren haben, sich bis zu diesem Punkt durchzubeißen. Zudem zieht der Schwierigkeitsgrad dann so stark an, dass Ihr kaum mehr Gelegenheit haben werdet, den Siedlern einfach mal so bei deren Arbeit zuzusehen. Das ist eigentlich schade.
Seit dem 13. Juli 2007 darf auch auf dem Nintendo DS losgesiedelt werden.