Gesamtwertung2/10 |
Aus dem Tagebuch eines verzweifelten Redakteurs:
02.März 2007
Liebes Tagebuch,
heute bin ich bei den üblichen Recherchen rund um das Thema Spiele auf etwas ganz Besonderes gestoßen: Eine von Fans entwickelte Horror-Novelle namens „Robert D. Anderson & Das Erbe Cthulhus“ soll sich über Publisher JoWood ihren Weg in die hiesigen Händlerregale bahnen. Ehrlich gesagt habe ich vorher noch nie etwas von diesem Spiel gehört, aber die Features klingen interessant.
Eine düstere, H.P. Lovecraft-typische Geschichte, die von Kennern und Literaturfreunden in Heimarbeit entwickelt wird. Dazu in Sepia getränkte Filmsequenzen unter der Leitung eines Nachwuchsregisseurs sowie bizarre Zeichnungen aus der Feder des Fantasy-Zeichners Peter Siedl. Hey, das streiche ich mir doch gleich im Kalender an!
27. Juni 2007
Heute ist es endlich in Stein gemeißelt: Nach den drei quälend langen Monaten, in denen ich nichts von Robert D. Anderson & Das Erbe Cthulhus gehört habe, kommt die gute Nachricht stärker als gedacht. Das Spiel ist fertig und auf dem Weg ins Presswerk, die Meldung von Publisher JoWood machte mich dabei noch heißer, als ich es sowieso schon war:
„Am Anfang wurde es kopfschüttelnd belächelt - mittlerweile hat sich das ehrgeizige Fanprojekt "Robert D. Anderson & Das Erbe Cthulhus" zu einem der meisterwarteten Horror Titel des Jahres entwickelt und bereits erste begeisterte Previews und Pre-Reviews eingefahren. Der Release steht kurz bevor - denn nun haben sowohl englische als auch deutsche Version Goldstatus und befinden sich in Produktion!“
29. Juni 2007
Abgesehen von einem wirklich überzeugenden Trailer, der Spiel- und Filmszenen miteinander verband, gab es heute nichts neues zum Spiel. Na gut, die Optik ist wirklich kein Fall für Grafikpuristen, aber das ist auch nicht das Wichtigste für mich. Ich will eine fesselnde und bitterböse Geschichte, so wie man es eben von Werken des von mir sehr geschätzten H.P. Lovecraft gewohnt ist. Viel Zeit dürfte bis zum Release jedenfalls nicht mehr vergehen, ich bin gespannt!
10. Juli 2007
Mein über alle Maßen geliebtes Tagebuch,
ich könnte Luftsprünge machen! Als ich mich nach dem gemütlichen Frühstück, das aus drei Tassen Kaffee, einem knusprigen Brötchen sowie einem hart gekochten Ei bestand, vor den Rechner setzte, um News und Emails zu checken, traf es mich wie einen Schlag! Robert D. Anderson & Das Erbe Cthulhus hat sich seinen Weg als Testversion in die Redaktion gebahnt und ich habe für den Testartikel den Zuschlag erhalten. O.K., der Verkaufspreis des Spiels ist wirklich nicht hoch – 20 Euro kann man noch verkraften für ein ambitioniertes Fan-Projekt –, aber so ist es ja noch besser. Schließlich muss ich nicht bis zum 26. Juli warten, denn erst dann erscheint das Spiel offiziell.
11. Juli 2007
Ich liebe die Post, die ist ja so pünktlich! Und nein, das war jetzt keine Ironie. Robert D. Anderson & Das Erbe Cthulhus ist heute bei mir eingetroffen. Die DVD-Hülle kann mit einem schmucken Cover aufwarten und macht echt Lust auf mehr. Leider hatte ich heute keine Zeit mehr mich an den PC zu setzen. Naja, morgen ist ja auch noch ein Tag!
12. Juli 2007
Kopfschütteln, meine Hände vor den Augen und ein mieser Gesichtsausdruck manifestieren, in welcher Stimmung ich an diesem Tag bin. Ich fragte mich, ob sich ein Redakteur wirklich so irren kann, dass aus einem Most Wanted-Titel ein Spiel wird, dem der Stempel „Geht gar nicht!“ förmlich auf die DVD eingebrannt ist. Irgendwas ist hier mächtig schief gelaufen.
Unglaublich, aber wahr: Trotz aller positiv klingenden Previews und sogar einem „Geheimtipp des Monats“-Award an anderer Stelle enttäuscht Robert D. Anderson & Das Erbe Cthulhus auf ganzer Linie - auch als Fan-Projekt. Natürlich darf man von Anfang an nicht allzu viel erwarten, schließlich wurde das Spiel quasi in Eigenregie aus dem Boden gestampft. Technisches Schnickschnack wie HDR, Tiefenschärfe und Motion Blur sind hier völlig fehl am Platze. Das sollte aber diejenigen nicht stören, die sich brennend für den an Lovecraft-Werke angelehnten Stoff interessieren. Aber dann irgendwie doch.
Robert D. Anderson & Das Erbe Cthulhus ist hässlich und strotzt nur so vor Designmängeln. Sieht man einmal von einigen gelungenen Schattenwürfen ab, tangiert das Spiel optisch auf dem Niveau von vor über zehn Jahren. Quasi nicht vorhandene Animationen und Spezialeffekte sowie ärmlich aussehende Charaktere, bei denen neben Proportionen auch nicht selten die Körpergröße im Verhältnis zur Spielerfigur überhaupt nicht passt, zeugen von einer schlampigen Entwicklung.
Viel gravierender sind aber die Bugs und die stümperhaften Designmängel, die nicht zu übersehenden Einzug ins Machwerk gefunden haben. Das Leveldesign ist chaotisch und schreit geradezu nach „Dead Ends“. Versucht man mit der Figur an einigen Stellen zu experimentieren, um eventuell noch nicht entdeckte Wege zu finden, passiert es oft, dass man aus dem selbst bescherten „Käfig“ nicht mehr heraus kommt und nur noch der Weg über den Laden-Button bleibt. Und der ist beschwerlicher als es sich anhört beziehungsweise. in anderen Titeln der Fall ist.
Die Ladezeiten sind unzumutbar: Je nach System kann eine Ladezeit von einer bis zwei Minuten eingeplant werden. Zwar zeigen auch die Entwickler Einsicht – in der .pdf-Datei des Handbuches wird eben dieses Problem erwähnt –, aber was bringt es, wenn man selbst mit pfeilschnellen Dual-Core CPU's ewig lange warten muss, bis es weitergeht?
Womit wir auch schon bei einer anderen, absolut unverständlichen Sache wären, nämlich den Systemanforderungen. Was um alles in der Welt ist an Robert D. Anderson & Das Erbe Cthulhus optisch so besonders, dass man – um es flüssig spielen zu können – einen Core 2 Duo bzw. AMD X2 haben muss? Es kommt noch schlimmer: Selbst mit dieser Hardware kommt es des Öfteren zu unerklärlichen Rucklern. Sogar ein 500 Mhz-Prozessor sollte theoretisch in der Lage sein, das Dargestellte ruckelfrei über den Bildschirm laufen zu lassen.
Selbst das wäre immer noch einigermaßen verträglich, wenn das Gameplay an sich stimmen würde. Anstatt auf ein Horror-Adventure sollten sich die Spieler jedoch auf einen plumpen Ego-Shooter ohne nennenswerte „Rätsel“ gefasst machen.
In den insgesamt 15 Kapiteln verschlägt es Euch als Privatdetektiv Robert D. Anderson – angestachelt durch Hinweise in einem Mordfall - nach Nazi-Deutschland, genauer gesagt Burg Landers. Die besondere Bindung des Protagonisten zum Anwesen rührt durch dessen Vergangenheit. Euer Schnüffler heißt nämlich in Wirklichkeit Robert Freiherr von Landers, er ist also Nachfahre und rechtmäßiger Besitzer in einer Person. Dumm nur, dass die Nazis die Burg als riesiges Experimentierlabor für Versuche aller Art missbrauchen.
Viel habt Ihr Euren Feinden jedoch nicht entgegenzusetzen – Pistole, Revolver, Gewehr, Axt und später auch Magie bleiben als Verteidigungsmittel gegen SS-Schergen, Wissenschaftler und natürlich auch die bösen Versuchskarnickel. Unlogisch: Anderson lehnt es aus moralischen Gründen ab, Maschinenpistolen zu benutzen. Ist ja auch verständlich, denn die bereits genannten Waffen sind natürlich überhaupt nicht gefährlich.
Und dabei hat das Spiel doch im Ansatz durchaus gute Ideen: Das Kapitelkonzept erinnert zum Beispiel an eine Art Buch. Zudem wird man während der langen Ladezeiten – illustriert durch überzeugende Zeichnungen - aus dem Off von Robert über die gegenwärtige Situation aufgeklärt. Fragwürdig ist allerdings, warum die Macher dem Spieler von vornherein alle Kapitel zugänglich machen. So könnte man von Beginn an also locker das letzte Kapitel anwählen. Dadurch geht die Motivation verloren, sich an schwierigen Stellen durchzukämpfen. Stattdessen wird wohl ein Großteil der Spieler eher das nächste Kapitel anwählen – gemäß dem Fall, sie haben nicht schon viel früher das Handtuch geworfen.
Denn eines steht fest: Robert D. Anderson & Das Erbe Cthulhus ist geradezu frustrierend schwer. Man möchte angesichts des ungenauen Schadensmodells manchmal förmlich schreien: „Nimm doch die Maschinenpistole, du Nase!“
Genauso erschreckend ist auch die Kollisionsabfrage: Alle paar Sekunden verheddert sich die Spielfigur an irgendwelchen unsichtbaren Kanten. Der Gipfel: Am Anfang eines Kapitels musste Robert geduckt fortbewegt werden, da er im Stehen – trotz ausreichendem Abstand zur Decke – immer wieder hängen blieb.
Man könnte ein ganzes Buch über die einzelnen Mängel des Spiels schreiben. Da wir über die absolut indiskutable Optik bereits viel zu viele Worte verloren haben, noch ein Wort zum Sound: Ganz ehrlich, die Sprachausgabe mit bayerisch/österreichischem Dialekt ist eine der witzigsten der letzten Zeit. Was hier an unfreiwilliger Komik zusammenkommt, das gilt auch für die akzeptablen Filmsequenzen, lässt andere Spiele vor Ehrfurcht erstarren. Über die Effekte hingegen könnte man eher weinen als lachen: MP & Co. hören sich absolut leise und wirklich schlecht an, immerhin ist die Musikuntermalung ab und zu noch ganz unterhaltsam.
Wer nach dem gnadenlos schlechten Einzelspielermodus immer noch nicht genug hat, darf sich auf den vier mitgelieferten Mehrspielerkarten austoben. Maximal acht Spieler sind per LAN/Online-Verbindung erlaubt. Statt auf einen Ingame-Browser muss man sich für Matches über das Internet jedoch auf das Tool LogMeIn Hamachi verlassen.
Ich wurde durch und durch von Robert D. Anderson & Das Erbe Cthulhus enttäuscht. Rein äußerlich will das Spiel eine ernstzunehmende Adaption einer Lovecraft-typischen Story sein, im Kern versagt es jedoch an dieser Hürde kläglich. Sämtliche Geschichten des Großmeisters sind viel interessanter als die müde Geschichte dieses Spiels. Wäre ja nicht so schlimm, wenn wenigstens das Gameplay stimmen würde. Wohin das allerdings verschwunden ist, wird sich der Spieler bereits nach einer halben Stunde fragen. Hinzu kommt eine ganze Armada an Logiklöchern, Bugs und Designmängeln. Von der uralten Optik und dem grottigen Leveldesign wollen wir lieber gar nicht erst reden. Nicht einmal beinharte Mystery-Fans sollten hier zuschlagen – selbst wenn das Spiel nur knapp 20 Euro kostet.
Wer sich wahren Horror unbedingt antun möchte, sollte sich ab dem 26. Juli 2007 im Handel umsehen.