X360: Sonic Unleashed
Es hätte so einfach werden können. Vielleicht wäre es kein ganz leichter Sieg geworden, aber Sega, Ihr wart auf dem sicheren Weg zur Wiedergutmachung in dieser Next Generation. Ihr habt wieder verstanden, worum es bei Sonic geht. Keine Experimente, kein BS, nur Tempo und nochmals Tempo mit dem blauen Igel. Und das kombiniert mit der guten Spielbarkeit, die wir bei Sonic zuletzt so schmerzhaft vermissten. Für zwei Level war ich ein glücklicher Sonic-Fan. Und dann wurde es Nacht und sie stellte alles in Frage.
Ich fange am besten von vorne an. Die Vorstellung des neuesten „großen“ Sonic-Spiels begann viel versprechend mit den Worten, dass sich das Team Sonic durchaus bewusst sei, dass beim letzten Mal nicht unbedingt alles ganz optimal verlief. Aber hey, es sind auch nur Menschen, Fehler sind dafür da, um verziehen zu werden. Und diesmal sollte alles besser werden. Schon die Ladezeiten sprachen eine deutliche Sprache. Ich bin mir leider nicht sicher, ob das Game nicht von Platte lief, aber innerhalb weniger Sekunden ging es vom Startscreen in den fertig geladenen Level. Was für ein Unterschied zu den Ladeorgien zuvor.
Sonic steht am Start und diesmal dreht es sich nur um ihn. Ihr werdet vor seltsamen Szenen mit Menschen verschont, kein neuer Trupp aus Disney-Rejects beleidigt Euch durch seine Anwesenheit. Dass selbst alte Bekannte wie Tails keinen Auftritt haben sollen, dürften einige von Euch vielleicht schade finden, aber besser so, als wieder zu viele Experimente bei einem Charakterdesign, das sich schon längst mal eine Pause hätte gönnen sollen.
Sonic also und er steht am Eingang einer hinreißenden, vom Sonnenlicht durchfluteten Stadt mediterranen Anstrichs. Erinnerungen an Adventure werden wach, aber Ihr verdrängt sie noch. Nur nicht zu früh in Vorfreude ausbrechen. Start!
Ca. 180 Sekunden später endet dieser erste Demolevel und er ist ein ganz klares, deutliches und einfaches Statement: Wir, Team Sonic, haben uns endlich erinnert, was Sonic groß machte und hier bekommt Ihr es. Unglaubliches Tempo mit Wechseln zwischen 3D im Stile von Adventure und in eine leicht herausgezoomte Seitenansicht. Der Begriff 2D würde der optischen Gewalt unrecht tun.
Ihr bekommt feinste Hüpfeinlagen, ein paar Feinde zum Umrollen, sich in Sekundenbruchteilen verzweigende Wege, Rampen, die Euch präzise katapultieren und natürlich Loopings. Dazu Segas eigene Marke von Dr. Feel Good in Akustik und Optik mit treibendem Rhythmus und der sonnigsten Kulisse seit Adventure.
Wäre ich kein harter, zynischer und vom Leben verbitterter Spieletester, hätte ich im dunklen Präsentationsraum eine Freudenträne vergossen. Kleine Ruckler und Hopser des Alpha-Builds mal außen vor, ist dies das schönste Sonic, das Ihr irgendwo zu Gesicht bekommen werdet. Und eines, das mit der völlig verkommenen Spielbarkeit des ersten 360/PS3-Igeltrips nichts zu tun hat.
Gezielte Sprünge, präzise Landungen, Angriffe und Boosts befördern Euch sicher durch den Level. Keine permanenten Ausflüge ins Ungewisse, weil die Kamera mal wieder wegguckte. Sie ist dynamisch genug, hält stets alles dank sinnvoller Zooms im Blick. Nirgendwo fand sich eine Grindingbrücke, die schwerer zu überqueren war als der letzte Level des ersten Spiels. Sonicfanherz, jauchze und freue Dich.
Der zweite gezeigte Level verlegte die Action irgendwo nach China und wird im fertigen Spiel ziemlich zum Ende hin Eure Fingerfertigkeit testen. Der Schwierigkeitsgrad lag deutlich höher, einige gemeine Stellen schicken Sonic in einen sumpfigen Tod oder ließen die Rampe ein wenig zu weit vorn stehen. Dank der kurzen Ladezeiten und fairer Rücksetzpunkte wurden hier aber auch keine bösen Erinnerungen wach. Im Gegenteil, es ist herausfordernd, Ihr wollt es schaffen und auch wenn es schwer ist, unfair schien es nicht zu sein.
Bis hier hin hatte ich keine Zweifel, dass ich das beste Sonic seit sehr langer Zeit vor mir hatte. Genug Level davon und Ihr hättet Euch ohne Vorbehalte die Sega-Fan-Shirts aus dem Schrank holen können. Aber dann wurde es Nacht...
Stellt es Euch vor, jemand hätte kurz hinter dem Looping plötzlich die Bremse des wilden Achterbahnritts gezogen und fordert Euch zu einer Runde Hau den Lukas auf. Das ist nicht schlecht, nur erwischt es Euch irgendwie gerade auf dem falschen Fuß. Hier heißt das übersetzt, dass Ihr den Level noch einmal mit dem Igel besucht, nur hat sich einiges geändert. Und dass nicht mehr die Sonne die Straßen durchflutet, sondern der Mond hoch am Himmel steht, ist noch die kleinste Änderung.
Sonic scheint irgendwie nachts sauer zu sein. Irgendwie „evil“ und mit „attitude“ ausgestattet und ein paar anderen PR-Buzzwords ohne tieferen Sinn noch dazu. Er ist WerSonic. Groß, böse und mit klauenbewehrten Pranken. Habt Ihr diesen Schock überstanden und startet durch, stellt sich die zweit Erkenntnis zu den Nacht-Stages ein:
Sie sind langsam. Ihr bewegt Euch in einem normal gebremsten Jump´Run – Tempo, für Sonic Verhältnisse also im Kriechgang. Statt Highspeed-Jagden gibt es Massenprügeleien mit irgendwelchen Gestalten.
Ihr lest richtig: Massenprügeleien. In einem Sonic-Titel. Buttonsmashing, Kombos und alles, was dazu gehört. Dazu gesellen sich Erkundungstrips, bei denen kleine Türrätsel gelöst werden wollen und Hangeltrips entlang einer Küste überstanden werden müssen. Das alles macht wirklich keinen schlechten Eindruck, nur bin ich mir in keiner Weise sicher, was das hier verloren hat. Nennt mich altmodisch, veränderungsresistent oder was auch immer, aber das sieht irgendwie nach einer etwas halbgaren Idee für ein Sonic-Game aus.
Die Frage nach dem Warum, wurde natürlich nach einigen Minuten Staunens im Raum platziert und blieb auch nicht unbeantwortet. Man will dem Spieler ja nicht zumuten, dass er konstant dem brachialem Tempo ausgesetzt ist. Nun, das hat Sega vorher nie von was abgehalten. Also? Sonic soll auch eine jüngere Zielgruppe ansprechen und die will halt ein wenig erkunden und braucht einen nicht ganz so netten Sonic. Sind Kids heute wirklich so drauf? Ich kam doch auch mit dem blauen Blitz damals klar...
Nur um es deutlich zu machen: Auch die Nachtlevel machten einen sehr souveränen Eindruck. Schöne Szenarien und ein Gameplay, das einen ebenso bombenfesten wie deplatzierten Eindruck hinterließ. Tag und Nacht sollen nicht direkt aufeinander folgen und wer weiß, vielleicht liege ich komplett daneben und am Ende fügt sich alles harmonisch zusammen.
Wenn dies der Fall wäre, hätten wir hier endlich das Next-Generation Sonic, auf das wir seit dem zweiten Dreamcast-Adventure warten. Optischer Bombast mit dem ganz eindeutigen Look des Franchises im allerbesten Sinne. Speed, Speed und noch mehr Speed in augenscheinlich geschickt designten Leveln. Eine sichere Nummer, bis die Nacht kommt. Hier stehe ich etwas ratlos in der Dunkelheit. Das ist nicht Sonic - oder zumindest bietet es etwas, was wir noch nicht kannten. Ich kann es nicht einschätzen. Sonic Unleashed bietet unglaublich viel Potential, endlich der Hit zu werden, den der Igel verdient. Wir müssen warten, ob die Nacht den Tag besiegt oder am Ende doch alles gut ausgeht und die Einheit der beiden Elemente ein phantastisches Ganzes ergibt.
Sonic Unleashed erscheint für Xbox 360, PS3, PS2 und Wii im November 2008.




