Gesamtwertung7/10 |
Nicht jeder Titel wird vor dem Release in die Vorschau-Mühle geworfen und anschließend komplett durchgekaut wieder ausgeworfen. Gerade zweimal durfte ich auf den Third-Person-Shooter WET vorab einen Blick werfen. Beide Male die gleichen vier Level mit chinesischen Klongegnern, Steuerungsproblemen und der unfertigen Grafik. Kein Wunder, dass WET trotz seiner netten Ideen einen zwiespältigen Eindruck hinterließ. Einerseits begeisterte die toughe Hauptdarstellerin Rubi durch ihre Kaltschnäuzigkeit, ihr Bewegungsrepertoire und ihren schnoddrigen Humor, andererseits fehlte eindeutig der letzte Schliff, um aus dem Titel einen Hit zu machen.
Es blieben viele Fragen offen: Liefert das Action-orientierte Gameplay genug Abwechslung, um acht bis zehn Stunden zu unterhalten? Wird die Story dem abgedrehten Szenario gerecht? Wie steuern sich die komplexen Bewegungsabläufe und nerven die Quick-Time-Events, die sich durch das gesamte Spiel ziehen? Erst die Vollversion konnte die passenden Antworten, einige negative und positive Überraschungen liefern.
Gleich vorweg ein dickes Lob an Artificial Mind & Movement: WET auf Grind House zu trimmen, war eine erstklassige Idee. Insbesondere die etwas in die Jahre gekommene Technik profitiert von den Grissel-Filtern, Filmriss-Effekten und überdrehten Werbevideos. Die Polygon-Armut einiger Akteure und Objekte fällt so kaum ins Gewicht und sorgt von der ersten Minute an für jede Menge Trash-Atmosphäre. Ein Quantensprung gegenüber der ersten Präsentation.
Anfangs sah alles nach optischem Totalausfall aus, doch dank moderner Effekte, Havok-Physikengine und einem glaubwürdigen Beleuchtungssystem haben die Entwickler das Ruder herum gerissen. Dazu noch ein gelungenes Art Design, schicke Level, skurrile Gestalten, treibende Musik und die richtige Portion Humor, fertig ist ein unkompliziertes Action-Spektakel, das abseits der Optik aber noch immer mit ein paar Problemen zu kämpfen hat.
Der wichtigste Kritikpunkt zuerst: Ganze Level basieren auf dem guten, alten Trial & Error-Prinzip. Während Hauptdarstellerin Rubi durch die zum Teil hervorragend designten Level springt, schwingt und gleitet, bedeutet ein Absturz fast immer den sofortigen Tod samt überlanger Nachladesequenz. Den Fensterrahmen verpasst - Nachladen. Zu kurz gesprungen - Nachladen. An der falschen Stelle den Knierutscher eingesetzt - Nachladen. Allein in den Wasser-Leveln wird man von der ca. 14 Sekunden langen Auszeit verschont. Nur hier schwimmt Rubi brav zum Eingang zurück und ihr könnt die komplexen Bewegungsabläufe von neuem beginnen.
Deutlich stimmiger präsentiert sich die Story um die Cleanerin Rubi, die im Auftrag von zwielichtigen Gesellen dreckige Aufträge übernimmt. Sie stiehlt, beschützt und manipuliert. Schlägt dort zu, wo sich sonst keiner hintraut. Kein Wunder also, dass sich die Leder-gekleidete Schönheit mit ihrem Samurai-Schwert und ihren beiden durchschlagkräftigen 45ern bei ihrem oft blutigen Handwerk jede Menge Feinde macht, die ihr im Laufe der Geschichte an den Kragen wollen.
In ihrer Welt wird gelogen, betrogen und hintergangen. Freunde werden zu Feinden und die Wahrheit bis zur Unkenntlichkeit verdreht. Erfrischend anders ist dabei vor allem die Hauptdarstellerin selbst. Sie flucht, mordet und säuft mit einer Selbstverständlichkeit, die sich gewaschen hat. Angetrieben von Gier, Rache und blanker Wut, ist sie der perfekte Gegenentwurf zur aalglatten Lara Croft. Zum Verlieben.
Um die beinharten Aufgaben zu überstehen, besitzt die gewitzte Killerin einige ungewöhnliche Talente. Wieselflink jagt sie durch die Level, springt katzengleich von Vorsprung zu Vorsprung, über Gegner hinweg und immer weiter nach oben. Sie rutscht unter Hindernissen hindurch, läuft Wände entlang und stößt sich direkt von den Angreifern ab, nur um ihnen dabei ihr Schwert in den Nacken zu jagen.
Immer wenn Rubi während dieser akrobatischen Kunststücke durch die Gegend ballert, setzt eine Zeitlupenfähigkeit ein, die die Geschwindigkeit des Spiels drastisch drosselt. Ganz wie bei Stranglehold oder Max Payne könnt ihr so mit mehreren Gegnern gleichzeitig fertig werden. Der Clou bei WET: Eine der beiden Waffen zielt automatisch auf die Kontrahenten, während ihr die andere per Fadenkreuz steuert. So lassen sich leicht spektakuläre Doppel-Kills erzielen.
Leider könnt ihr diese verschiedenen Aktionen nur schwer miteinander kombinieren. Speziell die Übergänge zwischen Sprüngen, Rutschpartien, Nah- und Fernkampf wurde nicht ideal gelöst. Statt aufwändige Kombos mit dauerhafter Zeitlupe anzubieten, reiht ihr sie unspektakulär aneinander. Das sonst so elegante Bewegungsrepertoire wirkt hier etwas eingeschränkt. Das komplette System nicht vollkommen ausgereift. Immerhin füllen gewagte Aktionen einen Kombo-Meter, der euch beim zweiten Durchgang nicht nur mehr Punkte einbringt, sondern auch Rubi mitten im Kampf heilt. Im späteren Verkauf äußerst nützlich.
Im Gegenzug müsst ihr euch um die Munition ihrer Standard-Waffen, zwei dicken Revolvern, keinerlei Sorge machen. Die beiden mit Affen verzierten Prachtstücke besitzen nicht nur unendlich viel Munition, sondern müssen auch nicht nachgeladen werden. Schade. Denn damit hätte man dem Gunplay noch etwas mehr Taktik verpasst. Nur der Nachschub für eure freischaltbaren Zusatzwaffen, zwei Schrotflinten, zwei Maschinenpistolen und zwei Mini-Armbürste mit Explosionspfeilen, ist begrenzt. In Kisten versteckt sich zwar Extramunition, trotzdem müsst ihr genau haushalten, um nicht im falschen Moment ohne dicke Wummen dazustehen.
Aus dem grundlegenden Gameplay ergeben sich verschiedene Elemente, die dem Spiel mehr Abwechslung verleihen sollen. Zum einen gibt es die sogenannten Arena-Kämpfe. Hier müsst ihr euch durch einen großen Raum kämpfen, der mit mehreren Eingängen ausgestattet ist. Um weiter zu kommen, müsst ihr nicht nur alle Gegner vernichten, sondern auch die Zugänge verschließen. Dies geschieht durch flinke Schläge mit dem Schwert. Doch da die entsprechenden Schalter oft auf mehrere Etagen verteilt wurden, gilt es diese erst einmal unbeschadet zu erreichen.
Neben den normalen Schergen, die entweder mit Pistole, Schlagstock oder Sturmgewehr ausgerüstet sind, warten hier auch dicke Anführer mit Gatling-Kanonen auf euch. Diese müsst ihr wie gewohnt mit jeder Menge Blei füttern und sie obendrein auch mit Quick-Time-Schlägen ins Jenseits befördern – meist mit einem satten Schmatzen in die Kronjuwelen. Um die Kämpfe noch etwas taktischer zu gestalten, kommen später noch Schwertkämpfer, die eure Schüsse einfach abwehren, und Kamikazeangreifer mit Handgranaten hinzu.
Abseits dieser Arenakämpfe heißt es, sich durch bereits oben erwähnten Akrobatikabschnitte zu schlagen. An heruntergekommenen Häuserwänden entlang, durch malerische, felsige Canyons und düstere Minenschächte hindurch, führt eure Suche nach dem richtigen Weg. Aufgelockert durch kurze Feuergefechte, kommt es hier vor allem aufs Timing an. Per Rubi-Vision könnt ihr euch alle begehbaren Vorsprünge, Fensterbretter und Stangen anzeigen lassen.
Zusätzlich warten in Rubis Eigenheim, einem Flugzeug-Friedhof, sogenannte Gun-Challenges auf euch. Hier müsst ihr innerhalb eines bestimmten Zeitlimits einen Parcours bestreiten und durch das Abballern von bestimmten Zielen wertvolle Sekunden sparen. Wer es etwas brutaler mag, darf sich auf ein paar klassische Geschützsequenzen freuen, in denen ihr mit einer dicken Mini-Gun Umgebung und Gegner zerlegt. Spielerisch keine große Herausforderung, aber dank Havok-Physik zumindest eine befriedigende Erfahrung.
Deutlich spektakulärer wird es dagegen bei den Verfolgungsjagden über Autodächer hinweg. Wer die Demo gespielt hat weiß, was ihn erwartet. Ein wenig ballern, jede Menge Quick-Time-Aktionen und spektakuläre Bilder. Im späteren Verlauf der ca. zehn Stunden dauernden Story erwarten euch noch dramatischere Action-Sequenzen. Um nicht zu spoilern: Nur fliegen ist schöner!
Optischer Höhepunkt des Spiels sind aber die Rage-Abschnitte. In diesen Leveln wird die gesamte Grafik im Stil eines Sin City manipuliert und beim Gameplay der Turbo eingelegt. Ihr macht deutlich mehr Schaden, schießt schneller und sorgt mit jedem Schwertschlag für Leichen. Anfangs noch in recht linearen Leveln gehalten, wagt ihr euch im weiteren Verlauf auch in Rage-Arena-Kämpfe und Rage-Autoverfolgungsjagden. Leider spielt sich der Titel damit nicht sonderlich anders, was die Frage aufwirft, warum sie diese schicke Optik-Alternative nicht in das normale Gameplay eingebaut haben. Aber mich fragt ja mal wieder keiner.
Neben den erwähnten Gatling-Gun-Anführern gibt es keine wirklichen Endgegnerkämpfe. Stattdessen tretet ihr den stimmig designten Gestalten in Form von Quicktime-Events gegenüber. Schick inszeniert und auf den Punkt gebracht, zumindest optisch eine Bereicherung. Wem sich bei dem Knöpfchengedrücke aber die Zehennägel hochstellen, wird bei WET wohl kaum glücklich werden.
Zwei weitere Faktoren werden dagegen den deutschen Käufern die Laune verderben. Erstens: Die deutsche Synchro ist allerhöchstens zweitklassig. Während im Original Sprecher wie Eliza Dushku und Andie McDowell für knackige Sprüche und jede Menge Spracherotik sorgen, wirken ihre deutschen Ableger eher demotiviert. Der zweite und für Splatterfans noch viel entscheidendere Punkt: Für eine USK-Einstufung mussten nicht nur einige Ragdoll-Effekte entfernt und die Blutmenge reduziert, sondern auch ein paar Sprüche entfernt werden. Meiner Meinung nach ein Novum.
Ich kann WET seine ganzen Macken einfach nicht übel nehmen. Dazu bin ich zu verliebt in Rubi und den augenzwinkernden Humor der Macher. Das abgedrehte Szenario, die liebevoll designten Szenarien und die schön schrulligen Charaktere trösten über eine ganze Menge Gameplay- und Technik-Mängel hinweg. Natürlich nervt das ständige Neuladen, weil man mal wieder zwei Zentimeter daneben gegriffen hat. Natürlich wirkt das Kernelement, das Zeitlupen-Geballer, nicht ganz zu Ende gedacht und spielt sich ein wenig hakelig. Und natürlich kann die Grafikengine nicht mit aktuellen Top-Produktionen mithalten.
Trotzdem hat mir der wilde Ritt mit meiner brünetten Schönheit Spaß gebracht. Style, Umfang, Abwechslung und Musik stimmen, die Story ist spannend und am Ende darf man sich im Challenge-Modus austoben. Grind House-Fan, was willst du mehr? Und ganz ehrlich: Es gibt einfach zu wenig Max-Payne-Kopien. Das Zeitlupengeballer machte schon Stranglehold zu einem angenehmen Zeitvertreib und auch WET profitiert von diesem Adrenalin-peitschenden Spielelement. Mehr davon!
WET erscheint am 18. September für Xbox 360 und PS3 in Europa. Die deutsche Fassung folgt Anfang Oktober.
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Wet im Test.
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