Gesamtwertung8/10 |
Ich verabscheue Nazis, für mich ist der Holocaust ein unverzeihliches Verbrechen und Hitler ein Schwein. Trotzdem ist es ermüdend, wie viele amerikanische Entwickler den Zweiten Weltkrieg darstellen. Während Filmemacher schon lang erkannt haben, dass die meisten Soldaten einfach nur überleben wollten, werden in vielen Shootern die Deutschen in eine Horde mordender Nazis verwandelt. Bis zu einem gewissen Punkt ist diese Denkweise verständlich, schließlich waren die Achsenmächte die Aggressoren und gerade an der Heimatfront wurden unglaubliche Gräueltaten begangen.
Trotzdem geht Treyarch bei Call of Duty: World at War meiner Meinung nach einen Schritt zu weit. In einem äußerst geschmacklosen Einspielfilm, der den Vormarsch auf Berlin aus der Sicht der Russen illustriert, werden die Alten, Jungen und Schwachen (Der Volkssturm) als Nazi-Ratten bezeichnet, die es mit aller Brutalität auszuräuchern gilt und nicht als verzweifelte Opfer, die oft von der SS zum Kampf gezwungen wurden.
Ja, Krieg ist brutal. Ja, die Emotionalität ist bis zu einem bestimmten Punkt gewollt. Ja, Call of Duty ist „nur“ ein Spiel. Doch der Hass, der hier mit einfältigsten Mitteln und Hurra-Patriotismus geschürt wird, ist einfach nur billig und vollkommen unnötig. Sowohl der Brothers in Arms-Reihe von Gearbox als auch den Call of Duty-Titeln von Infinity Ward gelingt es ohne reißerische Feindbilder, ein deutlich differenzierteres Bild dieses brutalen Krieges zu zeichnen, der nicht umsonst eine der größten Tragödien der Menschheitsgeschichte darstellt.
Abgesehen von diesen ärgerlichen Details liefert Treyarch ein routiniertes, zum Teil sogar mitreißendes Sequel ab. Call of Duty: World at War folgt den Spuren zweier einfacher Soldaten durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs. Auf der amerikanischen Seite verfolgt Ihr den Leidensweg des Private Millers, der nach der Folter durch japanische Truppen versucht, im brutalen Pazifikkrieg seinen Mann zu stehen und die Guerilla-Taktiken der Japaner zu überleben. Auf der anderen Seite der Erde schlägt sich der russische Soldat Petrenko durch die Ostfront, hilft dabei, den Deutschen Stalingrad abzunehmen und am Ende Berlin zu erobern. Die Szenarien kommen einem trotz der grafischen Brillanz und der eher ungewöhnlichen Auswahl bekannt vor. In der einen oder anderen Form gab es sie schon bei einem der vielen Vorgänger oder einem Konkurrenten zu sehen, nur bei der Brutalität und der Inszenierung hat Treyarch Zeichen gesetzt.
Auf neue Spielelemente wurde fast vollkommen verzichtet. Bis auf den Flammenwerfer erwartet Euch das übliche Zweite-Weltkriegs-Arsenal, dass Ihr so ziemlich bei jedem Genre-Shooter der letzten zehn Jahre bewundern durftet. Immerhin sorgt der Feuerspucker für einige intensive Grabenkämpfe, weil er durch die geringe Reichweite nur auf kurzen Distanzen wirksam ist. Ohne ihn seid Ihr im Pazifik oft aufgeschmissen, da die Japaner auf versteckte Scharfschützen und vergrabene Nahkämpfer setzen.
Also fackelt Ihr fleißig das Unterholz ab, setzt Bäume in Brand und dürft (in der englischen Version) brennende Asiaten bestaunen, die schreiend Ihr Leben aushauchen. In der getesteten deutschen Variante stürzen sie „nur“ getroffen zu Boden und auch auf einige Sterbeanimationen, wie zerfetzte Leichen bei einem Granatenangriff, müsst Ihr wohl oder übel bzw. Gott sei dank verzichten.
Die Gefechte selbst laufen stark geskriptet ab. Ihr bereitet Euch auf die Landung auf Okinawa vor, stürmt mit der russischen Armee Berlin, schlagt Euch mit einem T-34-Panzer durch die Seelower Höhen, kämpft Euch durch brennende Gebäude und schießt in ein paar unnötigen Abschnitten fliehenden Soldaten in den Rücken. Wie gehabt müsst Ihr Euch ständig nach vorne kämpfen, um die ewig neu erscheinenden Gegner zu stoppen. Doch während dieses Element bei den deutlich intimeren Gefechten des Vorgängers eher störte, wirkt es in einem Weltkrieg deutlich stimmiger.
Eine taktische Vorgehensweise wird so zwar selten belohnt, dafür unterstricht dieses Feature das atemlose Chaos einer solch gewaltigen Auseinandersetzung und bringt Euer Blut regelmäßig zum Kochen. Immerhin setzt Treyarch im Gegensatz zu ihrem letztem Streich auch immer wieder auf Verschnaufpausen, die Momente der Spannung aufkommen lassen.
So schleicht Ihr atemlos durch einen pazifischen Dschungel, bis Leuchtkörper Eure Position verraten und japanische Soldaten schreiend im Schlaglicht auf Euch zustürmen. Oder Ihr kämpft Euch aus einem Berg Leichen hervor, um zusammen mit einem verbitterten Sergeant und einem Scharfschützengewehr Jagd auf einen deutschen General zu machen. Auch wenn die ganz großen Einfälle und atemberaubenden Szenen eines Call of Duty 4 diesmal fehlen, glänzt der Titel in den ca. sieben Stunden Kampagne mit einer wirklich dichten Atmosphäre und unvergesslichen Momenten.
Angetrieben wird dieses zum Teil erschreckende Schlachtengemälde durch eine hervorragende Grafik-Engine, die zwar im Detail nicht ganz so virtuos eingesetzt wurde, wie beim direkten Vorgänger, aber gerade auf den Konsolen zur absoluten Genre-Spitze gehören. Texturen, Beleuchtung und Animationen sind über weite Strecken Weltklasse. Ein paar ruckhafte Bewegungen und die oft eintönigen Gegnermodelle stören zwar das Gesamtbild, gehen in der pompösen Gameplay-Inszenierung aber schnell wieder unter. Auf dem PC enttäuschen dagegen die aus der Nähe unscharfen Texturen. Solange Ihr aber nicht ständig auf den Boden schaut oder die Wand anstarrt, werden Euch diese Details aber kaum stören.
Noch beeindruckender zeigt sich die Sound-Kulisse, die mit einem guten 5.1-System Euer Wohnzimmer in das Zentrum der Hölle verwandelt. Kreischende Raketenangriffe, erschütternde Artillerie-Schläge und das satte Wummern der Panzer beschleunigen Euren Herzschlag auf ein fast ungesundes Niveau. Allein bei der Sprachausgabe müsst Ihr Abstriche machen. Während im englischen Original echte Profis wie Gary Oldman den Charakteren leben einhauchen, wirken die deutschen Synchron-Stimmen nur mäßig engagiert.
Eine Klasse für sich ist der Coop-Modus. Mit bis zu drei Freunden gemeinsam in den Krieg zu ziehen und dabei auch noch Erfahrungspunkte für den Multiplayer zu sammeln, ist in dieser Form einmalig. Damit sich Eure Kollegen während der Einzelkämpfer-Abschnitte nicht langweilen, wurden diese aus der Coop-Kampagne entfernt. Statt also mit vier Scharfschützen durch Stalingrad zu robben oder in einem Navy-Flugzeug dünnhäutige Patrouillen-Boote zu versenken, springt Ihr direkt in die Infanterie- und Panzer-Gefechte. Ein Einstieg in eine laufende Solo-Kampagne wird dadurch unmöglich, dafür passt sich der Schwierigkeitsgrad an und sorgt auch mit vier echten Cracks für eine angemessene Herausforderung.
Leider hat es der Coop-Zombie-Modus nicht in die deutsche Version geschafft. Die interessante Mischung aus Gears of War 2-Horde-Modus und Left 4 Dead, bei dem Ihr Euch gegen Wellen untoter Soldaten verteidigen müsst, scheint der USK sauer aufgestoßen zu sein und fiel damit wie die Arcade-Variante des vierten Teils der Zensur zum Opfer.
Habt Ihr den Titel dann auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad bezwungen, könnt Ihr Euch an spezielle Herausforderungen wagen, die es in Form von Karten in der Kampagne zu entdecken gilt. Ähnlich wie bei Halo 3-Schädeln müsst Ihr zum Beispiel nur mit Messer und Granaten bewaffnet durch die Levels stolpern oder bekommt bei erfolgreichen Treffern Lebensenergie zurück. Habt Ihr auch davon genug, geht es in den einmaligen Multiplayer-Modus, der sich fast auf Augenhöhe mit dem vierten Teil bewegt. Mit dem bewährten Erfahrungspunkte- und Perk-System könnt Ihr nicht nur die Kämpfer an Eure Spielweise anpassen, sondern werdet durch die ständigen Fortschritte und Belohnungen bei der Stange gehalten.
Die Gefechte spielen sich dabei eine Spur flotter, als bei Modern Warfare. Durch die recht durchschlagkräftigen Gewehre und die meist ungepanzerten Figuren genügt manchmal schon eine Kugel, um Eure Gegenüber in den virtuellen Orkus zu befördern.
Allein die Schrotflinten wirken in diesem Zusammenhang etwas zahnlos und können nur auf sehr engen Karten punkten. Große Unterschiede werdet Ihr aber trotz des anderen Waffenarsenal, einer Giftgas-Granate und Molotow-Cocktails aber kaum entdecken. World at War versetzt das Gameplay des Vorgängers schlicht in den Zweiten Weltkrieg. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Angepasst wurden auch die Spezialangriffe, die Ihr Euch durch eine Kill-Serie erarbeitet. Während nach drei Angriffen wie gehabt ein Aufklärungs-Flugzeug die Position Eurer Feinde verrät und der Artillerie-Angriff ein ähnlich vernichtendes Ergebnis wie der Luftschlag generiert, wartet nach sieben Kills in Folge kein mächtiger Kampfhubschrauber, sondern ein Rudel beißwütiger Hunde auf Eure Feinde. Die massiven Schäferhunde stürzen sich auf die Gegner und können sie mit einem Biss in die Kehle zu Boden schicken.
Zum Glück lassen sich die Angreifer durch Beschuss und durch das schnelle Drücken der Nahkampftaste aufhalten. Trotzdem ist man während des Angriffs extrem verwundbar und kann nur selten dem Tod von der Schippe springen.
Bei den Spielmodi erwartet Euch das gesamte Programm aus dem Vorgänger, samt Krieg aus dem dritten Teil und dem Klassiker Capture the Flag. Wer noch nicht das Vergnügen hatte, eine Runde Krieg zu bestreiten, darf sich auf sehr konzentrierte Gefechte um einzelne Missionsziele freuen. Erst müssen neutrale Punkte eingenommen, dann verteidigt bzw. zerstört werden. Kommen dann noch auf manchen Karten Fahrzeuge ins Spiel, entsteht eine wilde Zerstörungsorgie, die Euch immer wieder in die berühmt berüchtigte Kill-Cam befördert. Zusammen mit den Dutzenden Einstellmöglichkeiten und der Möglichkeit, eigene Server zu eröffnen, liefert Call of Duty: World at War alles was das Multiplayer-Herz begeht, ohne aber selbst Zeichen zu setzen. Nur Fans des Szenarios werden dem Meister Modern Warfare den Rücken kehren.
Mal ganz abgesehen von den unangenehmen Zwischensequenzen, die mit fast kindlicher Naivität, gestörten Feindbildern und viel Pathos ein verfremdetes Bild des Zweiten Weltkriegs zeichnen, hat Treyarch bewiesen, dass sie zumindest diesmal ihre Hausaufgaben gemacht haben.
World at War baut auf den Qualitäten des Vorgängers auf und fügt ein paar interessante Elemente, wie den Coop-Modus, hinzu. Was die Inszenierung angeht, präsentiert sich der neueste Call of Duty-Ableger deutlich besser, als der etwas missratene dritte Teil. Ihr bekommt eine brachiale Schlachtfeld-Erfahrung geliefert, die sich nur wenige Durchhänger erlaubt und als klassischer Ego-Shooter hervorragend funktioniert.
Nichtsdestotrotz hatte man sich eigentlich schon bei dritten Teil am Szenario satt gesehen. Da der historische Hintergrund storytechnisch wenig Überraschungen (wir wissen wohl alle, wer gewonnen hat) parat hält, ergötzt sich auch World at War zu sehr an seinen brachialen Gefechten. Die Entwickler sollten sich in Zukunft mehr auf fiktionale Eigenkreationen verlassen. Es muss ja nicht gleich eine Innovations-Bombe a la Far Cry 2 sein, doch einige Elemente, wie die ständig neu auftauchenden Gegner, haben 2008 nichts mehr in einem modernen Shooter zu suchen. Ohne wirklich neue Spielideen reicht es also nicht ganz, um Modern Warfare zu überflügeln. Falls Ihr aber bei der durchgekauten Thematik keinen Brechreiz bekommt, könnt Ihr wenig falsch machen.
Call of Duty: World at War erscheint am 14. November für PC, Xbox 360 und Playstation 3.
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Call of Duty: World at War im Test.
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