Gesamtwertung8/10 |
Krieg kann so grausam sein. Überall Blut, Elend, verwüstete Landstriche, zerstörte Träume und verbrannte Hoffnungen. Aber alles ist weniger grausam, wenn man einen kleinen Hausdrachen dabei hat, der zwar für einen guten Teil der genannten Verwüstung verantwortlich ist, aber dem man einfach nichts übel nehmen kann. Weil er sooooooooooooo süüüüüüüüüß ist! Und bunt.
New World Computings Might-&-Magic-Serie war ja schon immer der tiefste Fall in den Farbtopf im Fantasy-Genre und in den frühen 90ern erdachte die Truppe den geistigen Vorvater der knuffigen Heroes-of-Might-&-Magic-Serie. King's Bounty nannte sich der Erstling und verschwand schnell für Jahre in der Versenkung. Irgendwann teilte New World Computing dieses Schicksal und die Hoffnung auf eine Forstsetzung wurde begraben. Viele Trauergäste waren bei der Beerdigung nicht anwesend, schließlich erinnerte man sich kaum jemand an das Spiel. Bis letztes Jahr der russische Publisher 1C auf den Plan trat und aus heiterem Himmel ein Remake veröffentlichte.
Ich würde jetzt gerne erzählen, ob dieses Werk den Punkt traf, dem verschollenen Klassiker alle Ehre erwies und so weiter, nur leider kam ich nicht in den Genuss, es zu spielen. Ich wollte schon, aber Zeit ist halt doch endlich. Zumindest die persönliche. Das Leben steckt aber voller zweiter Chancen und 1C schickt nun die Fortsetzung hinterher. King's Bounty: The Armored Princess knüpft mit ein paar Jahren Verzögerung an den Plot des Vorgängers an. Der Held befriedete dort wohl die Lande, im Fantasy-Königreich war Ruhe und Frieden und alle lebten glücklich bis an das Ende ihrer Tage. Oder zumindest hätten sie das gern. Eine Dämonenarmee überrennt das Königreich, nur das Schloss kann noch gehalten werden und die einzige Hoffnung ruht auf den Schultern der Prinzessin, ausgesandt in eine angrenzende Fantasywelt, um dort eine Prophezeiung zu erfüllen und eine Armee auszuheben. Business as usual.
Das ist auch genau der Satz, den Veteranen von Heroes of Might & Magic ausstoßen werden. Wandert mit eurer Heldin durch die Welt, sammelt Items, die unachtsame Zeitgenossen links und rechts am Waldesrand liegen ließen, schlachtet unzählige Monster in kurzen Rundenkämpfen. Wenn man nicht wüsste, dass der Urvater King's Bounty vor gefühlten Äonen der Vorgänger der Heroes war, würde man hier die übelsten Plagiatsvorwürfe zu lesen bekommen.
Für alle, denen das Konzept nicht ganz so vertraut ist, nun ein paar der Eigenheiten. Ihr spielt zwar auf der recht frei dreh- und zoombaren 3D-Oberwelt die Rolle der Prinzessin und reitet persönlich umher, auf dem Schlachtfeld jedoch seid ihr nur als Bildchen oben links vertreten. Das Blutlassen bleibt den angeheuerten Kriegern und Monstern überlassen. In dieser Welt ist jede Rasse und Klasse ein Söldner und so habt ihr schnell einen leicht obskuren Trupp aus Menschen, Zwergenmaschinen, ein paar Geistern, zwei Ents und einem Drachen zusammen. Die Ents ersetzen dabei die gerade erst frisch niedergemachten Wölfe, die ihrerseits als Ersatz für eine Horde seltsamer Insekten herhalten mussten. Aber das ist ja schon ein paar Kämpfe her und in King's Bounty: Armored Princess kann sich jede Einheit glücklich schätzen, die nach fünf Runden noch dabei ist. Fluktuation und immer neue Konstellationen sind ein fester Spielbestandteil.
An jeder Ecke findet Ihr Häuser, Dörfer und Schlösser, in denen ihr neue Einheiten im großen Stil rekrutieren könnt, nur gebremst durch eure Barschaft und den Wert eurer Truppenführung. Ganz unwichtig ist die eigene Figur der Prinzessin nämlich keineswegs.
Ihre Werte verbessern die Angriffs- und Verteidigungsstärke der Truppen, ihre Level schalten neue Spezialfertigkeiten und magische Attacken frei und ihre Ausrüstung, verteilt im reinsten RPG-Stil, verbessert – irgendwie – das, was das Fußvolk zu leisten vermag. Es ist ein ganz dicker Anteil Werte-Rollenspiel, der sich hier durch alle Aspekte des Kampfes zieht und auch einen großen Teil der beachtlichen Langzeitmotivation ausmacht.
Der Ablauf der Kämpfe dagegen ist erst einmal praktisch immer gleich. Auf dem grob einen Screen großen und leicht drehbaren Wabenschlachtfeld, angereichert mit ein paar umgebungstypischen Hindernissen wie Baumstämmen, Felsen und mitunter auch einigen neutralen, aber wehrhaften Hornissen, steht ihr auf der einen, der Feind auf der andern Seite. Gezogen wird in Runden und abhängig vom Initiative-Wert der Truppen. Viele von ihnen bringen Spezialangriffe mit sich, einige nur einmal pro Kampf, andere nur alle paar Runden ausführbar. Eispfeile, Heilung, Flammenstöße und mehr würzen den Ablauf deutlich. Jede Runde dürft ihr und auch euer Gegner einen Zauber aus einem reichhaltigen Repertoire nutzen. Es beginnt mit Kleinigkeiten wie dem Herabsetzen der Verteidigungskraft und macht bei Feuerregen nicht halt.
Und dann ist da ja noch euer am Anfang schon einmal angesprochener Drache. In einem sowieso schon niedlichen und farbenfrohen Setting ist er der dickste Zuckerkeks. Wie ihr auch ist er nicht direkt involviert. Stattdessen sitzt er am Rand mit einem portablen Apfelbaum und einer Schnecke als Spielgefährte. Warum Apfelbaum und Schnecke? Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, aber mit niedlich ist es sowieso schnell vorbei. Der Kleine ist der Joker im sonst konventionellen Blatt und seine Attacken reißen mitunter mehr als alles andere, was ihr aufbieten könnt. Damit das nicht aus dem Ruder läuft, wird der Drache durch den Rage-Wert in Zaum gehalten, der sich beim Kämpfen langsam aufbaut und auch zwischendurch wieder bis auf Null abfallen kann. Ohne Rage keine Drachenpower, welche das ausgesprochen durchdachte und taktische Vergnügen mit einer geschickten Note abrundet.
Auf der Weltkarte laufen alle Feinde gut sichtbar herum und damit ihr wisst, worauf ihr euch bei einer Begegnung einlasst, gibt es eine Einschätzung, wie stark der gegnerische Trupp wohl ist. Die Abstufungen von „leicht“ bis „unbesiegbar“ sind dabei nicht fest sondern richten sich praktischerweise immer nach eurer aktuellen Truppenkonstellation. Trefft ihr auf eine zu harte Gruppe, geht erstmal anheuern und kommt später wieder. Oder versucht euer Glück auf einer anderen Insel. Als geschickter Zug entpuppt es sich ebenfalls, die Weltkarte größtenteils zu verschleiern und unzugänglich zu machen. Hinter manchen Feinden verbirgt sich eine Reisekarte, die neue Abschnitte eröffnet, aber erst nachdem ihr durch diesen Kampf bewiesen habt, dass ihr bereit für die Weiterreise seid.
So hält sich auch der Grad der Überflutung an Quests in Grenzen, die euch an jeder Straßenecke angeboten werden. Bei diesen dürft ihr nichts allzu tiefgreifendes erwarten, aber zumindest sind die kleinen Geschichten, die auf „gehe dorthin, töte dies, bring mir das“ hinauslaufen, nett geschrieben und lockern den Spielablauf immer wieder ein wenig auf. Gut so, denn darin besteht nämlich auch der größte Schwachpunkt des RPG-Strategie-Zwitters: Im Laufe der stattlichen Spielzeit von 40 – 50 Stunden ändert sich der grundlegende Ablauf wenig.
Die Kämpfe bleiben klein, auch wenn die Monster und Zahlen größer werden. Die Inselbevölkerung hat nie mehr als besagte Miniaufgaben auf Lager und auch die Hauptquest nach ein paar Juwelen ordnet sich diesem Konzept unter. Es wäre schön gewesen, die Kämpfe im Laufe der Zeit mächtiger aufzubauen und die Zügel des Plots an Schlüsselstellen anzuziehen. So verläuft sich vieles in Routine. Spaßige, zeitfressende „Nur ein Stündchen noch, warum ist es schon hell draußen?“-Routine, aber eben immer noch Routine.
Einen Multiplayer-Part, der für ein wenig zusätzliche Abwechslung hätte sorgen können, gibt es leider nicht. Dabei wäre ein kleiner Modus, in dem ihr eure besten Konstellationen gegeneinander antreten lassen könntet, sicher nicht unspaßig gewesen. Es muss ja nicht immer gleich eine ganze Kampagne sein. Dafür zeigt sich die Technik nicht nur bunt, sondern auch flexibel. Wer halbwegs moderne Hardware sein eigen nennt, dreht die DX10-Effekte, Schatten und Shader auf , wer wie ich dagegen einen Arbeitsknecht mit einer halbwegs brauchbaren Onboard-Grafikkarte herumstehen hat, bleibt nicht außen vor. Selbst auf mittleren Details ist Armored Princess ein farbenfroher Fantasy-Lollipop, ganz im Sinne des Urgedankens von New World Computing vor so langer Zeit.
Es gibt wohl kaum ein robusteres Konzept als dieses. Kleine, übersichtliche und doch im Detail tiefgreifende Rundentaktik in dosierten Schüben, eingebettet in eine wundervolle, mit zahllosen RPG-Anleihen gespickte Welt. Sicher, es hätte zum Schluss vom Feeling her einfach ein wenig epischer werden können. Ein wenig Straffung der Handlung an Schlüsselstellen und die dazugehörigen großen Kämpfe hätten mehr gefühlte Tragweite bekommen. Stattdessen zeigt mit der Zeit die Gewöhnung an das Geschehen ihr uninteressantes Gesicht.
Das sollte aber niemand zu sehr stören, vor allem nicht, wenn ihr auf Rundentaktik, Leveln sowie Tausende von Items, Monster und putzigen Zwergdrachen mit vernichtenden Fertigkeiten steht. Dann verfällt man sofort dieser knuddeligen Welt, die ihre Wurzeln von vor so langer Zeit nicht verleugnet, sondern konsequent mit Können und Eleganz in die Moderne trägt. Einen besseren Mix dieser Art und Elemente gab es noch nicht, es ist die perfekte Raffinierung bekannter Muster und damit ein sehr ausdauernder Zeitvertreib. So abgedroschen der Spruch sein mag, er passt wie die knalligen Farben zu The Armored Princess: Dieses Spiel ist genau das Richtige für lange Winterabende.
King's Bounty: The Armored Princess bleibt PC-Spielern vorbehalten und wird am 20. November erscheinen.
Bei XBlaster ist die Welt, wie wir sie kennen, Vergangen- heit. Als Mechpilot kämpfst Du zur Belustigung der Menge und monatlich 10.000 € zum Spiel...
King's Bounty: The Armored Princess im Test.
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