Velvet Assassin

Review
Plattform
PC
Vertrieb
Gamecock Media Group
Entwickler
Replay Stuidios
Genre
Action
PC: Velvet Assassin

Gesamtwertung

5/10

PC: Velvet Assassin

Ein gutes Stealth-Game ist wie eine Partie Schach. Jeder Zug will wohl geplant sein, brutale Frontalangriffe bringen selten was und es führen sehr viele Wege zum Ziel. Denkt ihr an die Aufträge von Fisher oder Snake zurück, gab es zumindest in den allermeisten Situationen die Wahl, wie ihr vorgehen solltet. Umgeht man ein Hindernis, trickst man es auf verschiedene Arten aus oder greift man doch einfach zu den Waffen? So viel Flexibilität kennt Velvet Assassin leider nicht.

Wenn ihr so wollt, ist dies der Railshooter unter den Stealth-Spielen. Es gibt in jeder Situation genau einen Weg. Eine richtige Position zum Lauern und zum Zuschlagen, und wehe ihr befindet euch auch nur ein paar Pixel davon im Abseits. Agentin Violette Summers ist eine Frau, die zwar keine Probleme dabei hat, Naziwächter von hinten zu erdolchen, aber einmal entdeckt, zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Die Anzeige der Lebensenergie scheint komplett unnötig. Sie hält ungefähr drei Treffer und ebenso viele Sekunden. Mit eurem minimalem Arsenal ist nichts mehr zu retten, die engen Level bieten eh nicht viel Manövrierraum, und zurück zum Checkpunkt geht es. Tausendmal, bis ihr genau wisst, wie die Sequenz funktioniert.

Ihr habt praktisch keinen Spielraum, um einen Fehler auszubügeln und durch schnelle Reflexe und noch schnelleres Denken zu entkommen. Velvet Assassin beraubt sich so selbst einem wichtigen Reiz des Genres. Planung und Ausführung sind schön und gut, das Herz rast allerdings am schnellsten, wenn doch mal was schief geht. Genau dann, wenn ihr eben noch mit List und Tücke in letzter Sekunde entwischt. Nach der zwanzigsten Entdeckung in Velvet Assassin reagiert ihr schon gar nicht mehr. Wozu die Mühe? Halt drauf, dummer Nazi, wir sehen uns im nächsten Durchgang wieder.

Das Herausknobeln eines gangbaren Weges wird nicht nur durch die auf den Millimeter getrimmte Linearität erschwert, sondern leider auch dadurch, dass die Stealthmechaniken, die gerade hier auf den Punkt sitzen müssten, von Zeit zu Zeit versagen. Kauert ihr im Schatten, zeigt eine Umrissfigur in der Ecke eine lila Schattierung. Jetzt sollten euch die Wächter ausschließlich dann entdecken, wenn sie schon fast über euch stolpern. Nur oft genug werdet ihr von einer eigentlich weit entfernt stehenden Wache doch noch gesehen. Beim nächsten Durchgang starrt sie euch wieder an, diesmal aber passiert nichts. Bei dem Ansatz der Null-Fehlertoleranz vergrämt es den Spaß noch zusätzlich, dass ihr euch eben nicht auf die Mechaniken verlassen könnt.

So hockt ihr also immer ein wenig unsicher herum und wünscht euch, dass eure tolle Agentin in der Lage wäre, Sachen einzusammeln. Natürlich findet ihr Krams, aber mitgenommen wird lediglich, was das Spiel euch vorschreibt. In einem Bunker voller bewaffneter Nazis solltet ihr doch eigentlich nach dem dritten Kill ein kleines Arsenal zusammen haben. Nur könnt ihr keine der Feindwaffen einsammeln. Das würde euch ja wenigstens die Wahl lassen, alles wie in einen Shooter zu lösen. Aber euch Freiheiten einräumen, so etwas macht Velvet Assassin nicht. Also behalten die Leichen die Waffen und ihr euer Messer.

Trotzdem lässt sich aus einer guten Serie von Stealthkills eine gewisse Befriedigung ziehen. In den raren Momenten, in denen alle guten Seiten des völlig auf WWII-Lowtech ausgelegten Systems greifen und ihr eine Passage leise vor euch hinschlitzend überwindet, zeigt das Spiel, das es eigentlich nicht bis auf den Kern verdorben ist. Einige Räume setzen knirschende Glasscherben auf dem Boden und den Lichteinfall von beweglichen Objekten wie einem Deckenventilator geschickt ein, um elegante Minipuzzles zusammenzusetzen. Nicht oft, eigentlich viel zu selten, aber es kommt vor.

Das sehr begrenzte Repertoire an Items und Möglichkeiten, das sich die Entwickler gönnten, machte es sicher aber nicht unbedingt leichter, solche schicken Rätsel zu gestalten. Vom Messer abgesehen, geht ihr mit leeren Händen in den Krieg. Finden tut ihr auch nicht viel. Eine schallgedämpfte Pistole für ein paar Header gehört mit zum Besten, was euch passiert, selbst wenn das Zielen alles andere als gefühlvoll umgesetzt wurde. Eigentlich steigert es eher eure Chance, die eigene Position zu verraten als die Wache auszuschalten.

Dazu gesellen sich später und auf sehr seltenes, ausdrückliches Geheiß des Spiels ein paar Schussgeräte wie Schrotflinte oder Sturmgewehr, die ihr durch die Bank ob ihrer Ungenauigkeit verfluchen werdet. Wieder einmal haben die Entwickler vergessen, dass im Zweiten Weltkrieg sehr viele Menschen durch Schusswaffen starben. Mit den Waffen aus Velvet Assassin wäre das vermutlich nicht passiert.

Ihr habt ein paar Möglichkeiten, die Feinde subtiler auszutricksen. Pfeifen klappt ganz gut. Das Geräusch lässt die Wache aufschrecken, sie wandert ungefähr zu der Stelle, an der ihr Laut gabt, und mit ein wenig Geschick könnt ihr euch von hinten nähern. Verkleiden dagegen verkommt zum totalen Desaster. Normalerweise schleicht ihr lautlos, in den zackigen Klapperstiefeln einer SS-Uniform funktioniert das aber nicht. Also müsst ihr mitten durch, aber da gibt es eine unsichtbare und scheinbar auch eher lose definierte Grenze, ab der euch die Wachen trotz Staffage erkennen. Meist ist es wesentlich sicherer, sich einfach aufs Schleichen und Meucheln zu verlassen. Womit sich das Spiel wieder einmal effizient ein wenig Flexibilität verbaut.

Das am billigst wirkende Feature dürfte die Morphium-Spritze sein. Was normale Menschen eher stilllegt, wirkt auf Summers äußerst belebend. Ihr geht für etwa 30 Sekunden in Bullet-Time und habt dabei eine Erdolchung frei. Kein Geschick gefragt, keine Subtilität, und sollte hinter dem ersten Opfer noch ein zweiter Nazi warten, habt ihr halt Pech gehabt. Es ist eine billige Shooter-Mini-Smartbomb, die immerhin an keiner Stelle als einzig mögliche Lösung gedacht ist, euch hier und da das Leben aber einfacher macht. Am skurrilsten dürfte es dabei allerdings sein, dass während dieser Phase um euch herum Rosenblüten regnen und Violette im knappest möglichen Negligé durch einen U-Boot Bunker läuft.

Keine Sorge, das macht Sinn. Irgendwie. Violette zieht nämlich gar nicht wirklich durch die Örtlichkeiten und Einsätze, sie liegt im Koma in einem Militärkrankenhaus. Ihr durchlebt nur in ihrem Geist ihre bisherigen Aufträge. Das ergibt einen relativ schwachen Rahmen. Auch wenn das Ende selbst nicht unbefriedigend ist, wird doch im Laufe des Spiels schnell klar, dass eine solche Lösung einen echten Plot, der die etwas willkürlich ausgewählten Missionen zusammenhält und einen Spannungsbogen aufbaut, nicht ersetzen kann.

Die Ziele der einzelnen Missionen sind im Großen und Ganzen das, was man hier erwartet: Sprengt einen Bunker, ermordet einen wichtigen Nazi, infiltriert ein Getto. Nur weniges bricht aus und nichts davon erreicht allzu viel erzählerische Tiefe. Ich gebe zu, hier hätte ich persönlich wirklich mehr erwartet.

Dass die Atmosphäre dann doch zumindest meistens stimmt, liegt an der wirklich gelungenen Farbumsetzung der Umgebungen. Licht wird häufig in eine Art helles Sepia-Braun-Rot getunkt, Tunnel oft geschickt durch sich bewegende oder flackernde Lichtquellen erleuchtet. Selbst wenn die Texturen sicher nicht ganz den letzten Stand der Möglichkeiten darstellen, das Gesamtergebnis kann sich durchaus sehen lassen. Unterstützt wird es durch passende, dezente Sounduntermalung, wobei hier sofort die kompetenten Sprecher der deutschen Soldaten auffallen. Violette verlässt sich dagegen aufs Englische mit britischem Akzent und untertitelt wird alles auf Wunsch. Schade nur, dass keine der beiden Seiten etwas großartig Bedeutendes oder Spannendes zu sagen hat.

Velvet Assassin gehört in die traurige Kategorie vertaner Chancen, aber wenigstens nicht zu der Gruppe der völlig beschädigten Spiele. Die nicht generell schlechte Schleich-Action verbaut sich leider selber sehr zielstrebig alle Möglichkeiten und zwingt euch durch die wenigen Aktionen und Gadgets auf viel zu gradlinige Wege. Wagt Ihr doch ein wenig Experimentierfreude, dann zeigt Velvet Assassin euch schnell, wie frustrierend es sein kann, bei jeder noch so kleinen Abweichung vom erdachten Weg zum nächsten Rücksetzpunkt geschickt zu werden.

Die Atmosphäre der guten Präsentation rettet einiges, nur ist dies ein Bonus, der sich durch die unzusammenhängende und letztlich auch alles andere als spannende Handlung schnell wieder erledigt. Velvet Assassin gelingt es einfach nicht, über eine längere Strecke zu faszinieren. Irgendwo zwischen Frust und wenigen guten Momenten, schönen Bildern und belangloser Handlung liegt das tiefe Tal des bedeutungslosen Mittelmaßes. Ein Ort, den Velvet Assassin leider so gut wie nie verlässt.

Velvet Assassin gibt es zwar in einer mit dem USK-Siegel „Keine Jugendfreigabe“ bedruckten Version, nur scheint sich noch kein deutscher Publisher gefunden zu haben. Es ist also nicht leicht, das Spiel zu kaufen. Solltet Ihr es doch finden: In dieser Version gibt es kein Blut und keine Naziabzeichen.

 

 

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