Gesamtwertung8/10 |
Ich gebe es zu: Meine Beziehung zu Grand Slam Tennis und seinem kleinen weißen Motion-Plus-Anstecker hatte keinen guten Start erwischt. Und das ist mir mittlerweile ein bisschen unangenehm, denn es war offenbar allein meine Schuld. Wegen nicht genau rekonstruierbarer, ganz bestimmt aber ein bisschen peinlicher Netzwerkprobleme hatte meine Wii schon laaaange kein System-Update mehr gesehen, mit dem Resultat, dass die Steuerung von EAs erstem Tennisspiel seit 15 Jahren zwar irgendwie funktionierte, gleichzeitig aber auch irgendwie nicht.
Gefühlvoll und gut platzierte Crossfeld-Bälle wechselten sich vorzugsweise bei wichtigen Ballwechseln mit totalen Katastrophenschlägen ab, Richtungen wurden nicht oder falsch erkannt und das Spiel verkaufte mir Topspins als Slices. Bei jedem zweiten Ballwechsel hatte ich das dringende Bedürfnis, die Wii-Fernbedienung der Anleitung entsprechend zur Kalibrierung mit dem A-Knopf nach unten zwei Sekunden auf dem Fußboden abzulegen - und draufzuspringen.
Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mich auf die angebliche Eins-zu-eins-Steuerung verlassen konnte. Genau deshalb wurde Grand Slam Tennis zu meinem ganz persönlichen John-McEnroe-Simulator. Nicht, weil der siebenfache Grand-Slam-Sieger exklusiv im Spiel vertreten ist, sondern weil ich - exklusiv - vor dem Spiel um mich getreten habe und meinen „Schläger“ an der am wenigsten gepolsterten Seite (fyi: oben!) knallend mit meiner Raufasertapete bekannt machte. Das konnte doch nicht ihr ernst sein.
War es auch nicht, denn nach dem Update funktionierte alles wunderbar. So wunderbar sogar, dass Grand Slam Tennis mittlerweile mein liebstes Tennisspiel ist. Vorweg muss man allerdings sagen, dass Grand Slam Tennis alles andere als das Wii-typische Pick-up-and-play-Spiel ist, das der niedliche Grafikstil vermuten lässt.
Es braucht Übung, Übung, Übung, bis jeder Schlag so sitzt, wie man ihn sich vorgestellt hat und man versteht, worauf es der Software bei der Interpretation der Bälle ankommt. Zum Glück begreift man GST mit jedem Spiel ein bisschen mehr und erschließt nach und nach die alles andere als versteckten Tiefen dieses wunderbar authentischen Tennisspiels.
Die stecken anfangs leider vor allem darin, dass man ein bisschen auf sich selbst gestellt ist, weil Grand Slam Tennis sich nicht besonders gut erklärt. Deshalb tut man gut daran, das Nunchuck erstmal Nunchuck sein zu lassen, das Stellungsspiel der KI zu überlassen und sich gegen die geduldige Ballmaschine (ich nenne sie Agnes) auf die Ausführung seines Schwungs zu konzentrieren. Da man vor allem die Abneigungen der GST-Engine weder vom Spiel noch von der Anleitung erfährt, muss man sich nämlich einige Dinge selbst zusammenreimen.
Zum Beispiel die Eigenheit, dass das Spiel es nicht so gerne mag, wenn man zu ausladende Ausholbewegungen samt Verschiebung der Fußstellung vornimmt. Holt man nur weit genug aus, wird jede Rückhand auf dem Bildschirm schließlich irgendwann wieder zur Vorhand, was zwangsläufig für Missverständnisse sorgt.
Ebenso unerklärt wie wichtig ist es, die Wii-Fernbedienung zwischen den (Auf-)Schlägen möglichst neutral vor sich zu halten und bei dem eigentlichen Schlag weder zu hastig zu wedeln noch zu übertrieben zu gestikulieren. Hat man diese Dinge intus, ist man für den Karrieremodus schon gut aufgestellt. Was dann noch ein bisschen untergeht, ist hauptsächlich der Tennislogik geschuldet: Bälle, die zum Beispiel auf die Vorhand kommen, sollten auch mit einer Vorhand-Bewegung zurückgeschickt werden und umgekehrt bei der Rückhand. Dies aber nur am Rande und nur für diejenigen, die seit Wii Sports Tennis auf kurze, wackelige Reflexbewegungen konditioniert sind.
Befolgt man diese Regeln, was wirklich nicht allzu schwer ist, übernimmt man bald auch die Platzierung des Spielers per Nunchuck selbst und entdeckt fortan sogar noch weitere Tiefen, die aus Grand Slam Tennis ein unglaublich involvierendes Sportspiel machen. Die Vorstellung, zum Beispiel eine Next-Gen-Version von Grand Slam Tennis mit einer normalen, guten Buttonsteuerung zu spielen, fühlt sich für mich wie ein richtig schmerzhafter Rückschritt an. Dieses Spiel „geht“ in dieser Qualität nur so und mit dieser Hardware.
Trotzdem ist die Steuerung noch nicht perfekt: Die Aufschläge sind nichts weiter als ein Timing-Spiel und Steuerkreuz-Gymnastik, für Lobs und Stopps ist anstatt der entsprechenden Bewegung ein zusätzlicher Tastendruck gefragt und selten leidet die Bewegungserkennung unter einem leichten Schluckauf, wenn sie zum Beispiel Ausholbewegungen als Schläge interpretiert. Das kostet wegen der zu langen „Recovery-Time“ grundsätzlich einen Punkt. Diese Versäumnisse und Fehler sind bei einem solchen Premierenspiel zu verschmerzen.
Nach einigen Stunden Übung zaubert man trotzdem finalwürdige Ballwechsel auf die sich ansprechend unterschiedlich anfühlenden und lizensierten Originalcourts von Melbourne, Paris, New York oder Wimbledon, schlägt die Bälle immer härter und platzierter und beginnt die Feinheiten der ebenso breiten wie attraktiven Riege an Tennislegenden von gestern bis heute zu ergründen: Edberg, Stich, Borg, Sampras Becker, Navratilova, Henin und Ivanovic geben sich hier in hübsch stilisierter Comic-Form das Racket die Hand und verfügen sogar über höchst individuelle Animationen.
Die zahlreichen Legenden haben neben einem Stärkewert von bis zu fünf Sternen auch noch spezielle Skills in bronzener, silberner oder goldener Ausführung aufzubieten und spielen sich dadurch tatsächlich recht unterschiedlich. Ob wieselflinker Allrounder oder besonders harter Aufschläger mit Serve-and-Volley-Mentalität - hier ist eigentlich alles vertreten, was der Tennis-Crack begehrt.
Die Zusatzskills kommen vor allem im Karrieremodus zum Tragen, in dem man an seiner persönlichen Legendenbildung arbeitet. Insgesamt ist die im spielerischen Jahreszyklus von vorne beginnende Tour über die vier großen Turniere mit den eingestreuten 13 Minispielen ein bisschen dröge ausgefallen, dennoch motiviert sie eine ganze Weile, weil man seinem ganz persönlichen Bobele hier ebenfalls bis zu fünf Sterne ans Revers heften darf. Besser noch: In bestimmten Entscheidungs-Matches spielt ihr gegen die Legenden um das Edelmetall, das eure Fähigkeiten verbessert. Bis zu drei dieser Medaillen dürft ihr zugleich ausrüsten, um euren Charakter auf euren Spielstil zuzuschneiden.
Ähnliches, wenn auch mit geringerem Effekt, erreicht ihr über spezielle Ausrüstungsgegenstände namhafter Hersteller, die ihr nebenbei freispielt und die ebenfalls etwas für eure Talente tun. Einige Schläger verleihen eurem Schlagarm mehr Wumms oder verschärfen Vor- oder Rückhand-Volley am Netz, während gewisse Sneaker zum Beispiel die Schnelligkeit noch etwas pushen.
Der Reiz: Ist euer Spieler bereit für internationale Großtaten, dürft ihr ihn online mitnehmen, um in Ranglisten-Matches Punkte für eure eigene Platzierung und vor allem für die Länderwertung zu gewinnen. Zwar kommt ihr um ein zusätzliches EA-Konto nicht herum, wenn ihr im Netz antreten wollt, Electronic Arts hat aber hier eine durchaus unkomplizierte und für Wii-Verhältnisse komfortable Lösung aufgeboten. Bislang laufen Spiele gegen Europäer ziemlich gut, während eines meiner Matches gegen einen Australier erst höllisch lagte und dann vorzeitig endete. Derzeit steht Deutschland übrigens auf Platz 3 direkt hinter den USA und Frankreich, was ja wohl nicht sein kann. Also ran an die Schläger!
Stilistisch macht das Spiel einen ausgezeichneten Eindruck, obwohl das Pappaufsteller-Publikum, bewegungslose Balljungen und einige periphäre Kulissen, die stark nach N64 aussehen, nahelegen, dass Grand Slam Tennis auch mit 60 statt der „nur“ soliden 30 Bilder pro Sekunde laufen könnte. Das ist ärgerlich. Der Sound spielt aber eine ganze Liga darüber. Während der britische Kommentar zwar super klingt, sich aber viel zu sehr wiederholt, überzeugen Publikum und die landesspezifischen Ansager auf ganzer Linie und tun ihren Teil für die gute Tennis-Atmosphäre.
Auch wenn die 13 Party-Games, die wegen der steilen Lernkurve nur unter Kennern die Stimmung heben können, oder das oberflächliche Fitnessprogramm samt Kalorienzähler etwas anderes vermuten lassen: Grand Slam Tennis ist eigentlich eher eine Simulation. Und eine wirklich gute oben drauf. Die Lernkurve ist steiler als in jedem anderen Wii-Spiel, das ich bisher testen durfte - mit dem Resultat, dass man sich richtig verbeißt und versucht, die Ausführung seiner Schläge zu perfektionieren. Und wenn man dann Online einen ewigen Tie-Break für sich entscheidet, dann weiß man, dass sich jede Minute Übung gelohnt hat.
Man bekommt beim Spielen mit dem unauffälligen Wii Motion Plus wirklich das Gefühl, dass die Wii-Gegenwart heute ganz anders aussähe, wenn das kleine magische Kästchen, das da neuerdings am unteren Ende der Fernbedienung wohnt, schon von Anfang an Teil der neuen „Nintendo-Bewegung“ gewesen wäre. Das macht zwar im Hinblick auf - für Vollblutspieler - drei mehr oder weniger verschenkte Wii-Jahre zwar auch ein bisschen knarzig, hauptsächlich stimmt es aber positiv für die Zukunft der Spieler-Spiele auf dieser Konsole.
Die Wii ist für Vollblut-Spieler soeben wieder ein ganzes Stück interessanter geworden. Und Grand Slam Tennis ist hoffentlich nur der Anfang. Ich bin gespannt, was da alles noch kommt.
Disclaimer: Das Heraufspringen auf die Wii-Fernbedienung ist nicht Teil der Kalibrierung von Wii Motion Plus!
Du bist Gladiator, der Held der Spiele im Kolosseum. Besiege Deine Gegner und erkämpfe Dir die Cance auf 10.000 €. zum Spiel...
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