Prototype

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Activision Blizzard
Entwickler
Radical Entertainment
Genre
Action
X360: Prototype

Gesamtwertung

7/10

X360: Prototype

Willkommen, meine lieben Splatterfreunde. Bevor wir uns dem Test zu Prototype widmen, bitte ich euch, eure Moral an der Garderobe abzugeben. Wer auch nur einen Funken Empathie für Hunderte von toten Zivilisten empfindet, die Anti-Held Alex Mercer ohne Reue oder Bestrafung zerhackt, überfährt, aufspießt und konsumiert, dem wird sich bei Radicals überdrehter Superhelden-Saga schlicht der Magen umdrehen. Mit solchen Bedenken wird man zum Beispiel beim thematisch ähnlichen InFamous deutlich besser bedient. Der Rest darf sich setzen, anschnallen und auf einen wilden Adrenalin-Ritt vorbereiten, der seinesgleichen sucht.

Beginnen wir mit der Identifikation mit der Hauptfigur. Nur Serienmörder, Amok-Läufer und Tierquäler werden verstehen, was im kranken Hirn dieses Monsters vorgeht. Menschenverachtend walzt der Anti-Held auf seiner Sinnsuche alles nieder, was ihm im Weg steht. Nichtsdestotrotz üben seine monumentalen Kräfte eine Anziehung aus, der man sich als Superhelden-Fan nur schwer entziehen kann.

Auf Knopfdruck werden komplette Straßenzüge planiert, Panzer durch die Luft geschleudert und mit einer überdimensionalen Klinge Mutanten zerteilt. Mit etwas Übung springt der Wahnsinnige von einem Hochhausdach zum anderen, gleitet blitzschnell in eine Militär-Basis hinab und hinterlässt mit einem einzigen Spezialangriff nur rauchende Trümmer. Chaos, so weit das Auge reicht.

Entwickler Radical Entertainment macht also genau dort weiter, wo sie mit ihrem Last Generation-Überraschungs-Hit The Incredible Hulk: Ultimate Destruction aufgehört haben. Unterstützt durch eine belanglose Geschichte, wurde mit viel Aufwand ein Open-World-Spektakel auf die Beine gestellt, an dem sich die Geister scheiden. Als Gegenentwurf zum deutlich stilsicheren InFamous gibt sich Prototype einer Flut von Blut, Größenwahn und Gewalt hin, die Gameplay und Story im ersten Moment einfach davonspült.

Ohne viel Hintergrundwissen wird der Spieler in die Haut von Alex Mercer gesteckt. Als er im Leichenhaus aufwacht, versagt sein Gedächtnis. Nur Bruchstücke seiner Persönlichkeit bleiben nach der Ansteckung erhalten. Der Virus, der sich auch in Manhatten ausbreitet, hat aus ihm keinen sabbernden Mutanten gemacht, sondern ein wandelndes Superkräfte-Biotop. Er kämpft gegen die Regierung, die wenig überraschend versucht, aus dem Virus eine Waffe zu formen, und gegen die Mutanten, die langsam, aber sicher die Stadt übernehmen.

Gleich in den ersten Szenen werft ihr einen Blick in die Zukunft. Euch steht die gesamte Palette an Tötungswerkzeugen zur Verfügung. Für ein paar Minuten könnt ihr euch so richtig austoben, bevor es wieder zu Tag eins der Ansteckung geht. Dem Tag, an dem Alex Mercer starb und etwas Dunkles, Böses auf die Welt kam.

Mühselig gilt es, durch das Konsumieren von Schlüsselpersonen und das Lösen von Aufträgen die Hintergründe dieser Tragödie aufzudecken. Im sogenannten Netz von Intrigen breiten sich die Informationen organisch aus. Jede einzelne Spur wird durch die aufgenommenen Elemente eingewoben und dem Spieler jederzeit zugänglich gemacht. In den schicken, kleinen Videosequenzen werden die Abgründe dieser Verschwörung deutlich. Nahezu jede Figur hat Blut an den Fingern. Es wird weggeschaut, experimentiert, Befehlen befolgt und gemordet. Ein Sodom und Gomorrah ohne Lichtblick oder Erlösung. Ein Meer von Lug und Betrug, das jedes Gefühl für Spannung hinfort schwemmt.

Wenig hilfreich ist da der Umstand, dass die Story-Missionen gerade zu Beginn wenig Abwechslung bieten. Viel zu oft müsst ihr einen Gegner konsumieren, um an seine Erinnerung zu kommen, irgendein wichtiges Schlüsselgebäude zerstören oder für Chaos und Zerstörung sorgen. Von den 31 Aufträgen bleiben nur ein Paar im Gedächtnis, zum Beispiel die nett gemachten Endgegnerkämpfe, der Rest verblasst im alltäglichen Wahnsinn des Abschlachtens.

Und auch die Nebenmissionen präsentieren sich als Standard-Ware. Ohne Verbindung zur Story gilt es mit einer bestimmten Kraft Feinde zu vernichten, in einer bestimmten Zeit einen Parcours auf den Dächern zu bewältigen oder Gegner zu konsumieren. Allein die Erfahrungspunkte-Belohnung treibt euch voran, denn der eigentliche Star des Spiels sind die Superkräfte.

Anfangs seid ihr von Möglichkeiten des Super-Mutanten noch überfordert. Schon zu Beginn kann Alex Hochhäuserwände hinaufrennen, Autos durch die Luft werfen, Menschen absorbieren und geschickt von einem Autodach zum anderen springen. Für jede erfüllte Mission, jeden getöteten Gegner und jedes zerstörte Kriegsmaterial gibt es Erfahrungspunkte. Mit diesen könnt Ihr über 50 Kräfte freischalten, die aus Alex einen echten Übermenschen machen. Da fällt es oft schwer mitzuhalten. Immer wieder müsst ihr neue Tastenkombinationen lernen, euch wie die Figur an die neue Fähigkeiten gewöhnen und sie langsam meistern.

So kommt es gerade auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad immer wieder zu kniffligen Situationen, für die man in diesem Moment noch keine Lösung hat. Nur bei einer Mission wird eine Kraft vorausgesetzt, beim Rest muss man sich auf seinen Instinkt und zarte Hinweise bei der Auswahl verlassen. Durch die Möglichkeit, sich durch den Konsum von Figuren zu tarnen, öffnen sich auf einmal ganz neue Lösungswege. Plötzlich könnt Ihr selbst entscheiden, ob ihr euch dem Mob stellt und in knallharten Kämpfen eure Kontrahenten in die Schranke weist. Oder aber mit etwas mehr Köpfchen vorgeht und zum Beispiel in der Haut eines Soldaten eine Militär-Bais unterwandert.

Aufgeteilt in sieben unterschiedliche Bereiche bietet das Arsenal des mutierten Streiters alles, was das Superhelden-Herz begehrt. Im Abschnitt Kräfte schaltet ihr neue Angriffe frei, verbessert eure Waffenarme und baut Eure Defensiv-Fähigkeiten aus. Investiert ihr an dieser Stelle genug Punkte, könnt ihr eure Feinde mit gigantischen Krallen in Scheiben schneiden, selbst mächtige Panzer mit einer massiven Klinge zerteilen oder mit einer Peitsche Hubschrauber vom Himmel holen. Setzt ihr mehr auf Bewegung, fliegt Alex mehrere Hundert Meter durch die Luft, springt von Hauswand zu Hauswand und weicht sogar Raketen aus.

Dazu kommen noch diverse Überlebensfähigkeiten, spezielle Kampfmanöver, verbesserte Tarnmöglichkeiten und der Einsatz von Waffen und Fahrzeugen. Spielt ihr genug Nebenmissionen, könnt ihr bis zum Ende der ca. 12 stündigen Kampagne nahezu jede Kraft freischalten. Lediglich bei der Aufrüstung des Militärmaterials gilt es, spezielle Charaktere zu absorbieren. Ihr werdet süchtig nach dem Kick einer neuen Waffe, beginnt mit den vielfältigen Möglichkeiten zu spielen und so euer eigenes Metagame zu entwickeln.

Jeder Gegner erfordert eine andere Taktik. Ihr kämpft auf dem Boden gegen Panzer, in der Luft gegen Hubschrauber und auf den Dächern gegen Supersoldaten. Habt Ihr die Steuerung erst einmal gemeistert, passt sich eure Spielweise wie ein Schweizer Taschenmesser ständig den Gegebenheiten an. Was bei Missionen und Story an Abwechslung fehlt, wird hier wieder aufgeholt. Zumindest in diesem Punkt erfüllt Prototype wirklich alle Erwartungen.

Im Gegensatz dazu präsentiert sich die Grafik als zweischneidiges Schwert. New York selbst, die Gebäude, wirken langweilig und bieten viel zu wenig Details. Immerhin geht die Sichtweite in Ordnung, auch wenn sich einige Objekte zu spät aufbauen. Ein ähnliches Bild bei der Physik. ihr könnt zwar Panzer, Bäume und Generatoren zerlegen, doch realistisch sieht das Endergebnis selten aus. Hier merkt man dem Titel seinen alten Unterbau, eine modifizierte Hulk-Engine, gnadenlos an.

Doch im Laufe des Spiels verändert sich die Stadt. Die Infektion breitet sich immer weiter aus. Ganze Gebäude werden in Mutanten-Nester verwandelt, Zombies laufen über die Straßen und ein roter Schleier senkt sich über die Stadt. Die vielen brennenden Häuser, die ungesunden Rauchschwaden und kreisenden Raben drängen die langweilige Skyline in den Hintergrund.

Die detaillierten, aber viel zu gewöhnlich designten Charakter-Modelle, die gelungenen Animationen und die aufwändigen Spezialeffekt schaffen in Verbindung mit den belebten Straßen eine dichte Atmosphäre, die zum Teil über die anderen Mängel hinweg tröstet. Ja, Grand Theft Auto IV sieht Klassen besser aus, doch dort kann man eben nicht ganze Straßenzüge plattwalzen und von einem Dach zum nächsten hüpfen. Übrigens: Bis auf die bekannte Installationsproblematik unterscheidet sich die PS3-Version kaum von der Xbox 360-Variante.

Was macht man nur mit einem Titel, der so viel sinnlose Gewalt, eine durchwachsene Grafik, mittelprächtige Missionen, aber ein geniales Kräfte-System parat hält? Fest steht, ohne das abwechslungsreiche Kampf-System, die Schleicheinlagen und die unglaublichen Bewegungsmöglichkeiten, würde der Titel in der Tonne landen. Die Geschichte wird zwar aufwändig erzählt, bietet aber kaum Höhepunkte. Story- und Nebenmissionen sind über weite Strecken Standardware und können nur durch die brachiale Inszenierung begeistern. Schade, hier wurde massiv Potential verschenkt.

Aber wie kein anderes Spiel vermittelt euch Prototype das Gefühl, ein Übermensch zu sein. Ihr könnt Allmachtsphantasien ausleben, euch an den anspruchsvollen Auseinandersetzungen erfreuen und so richtig die Sau rauslassen. Qualitäten, die Prototype für Fans von Splattertiteln und Superhelden zu einem echten Pflichtkauf macht. Wer sich dagegen seine geistige Gesundheit bewahrt hat, wird sich bei dem ganzen Gemetzel irgendwann langweilen. Deshalb schrammt Prototype trotz meiner moralischen Unzulänglichkeit knapp an einer 8 vorbei. Geschmackssache. Liebe und Hass liegen hier ganz nah beieinander.

Mangels USK-Freigabe wird Prototype nicht in Deutschland veröffentlicht. Im Rest Europas erscheint der Titel für Xbox 360, PS3 und PC.

 

 

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