Gesamtwertung9/10 |
Kennt Ihr die 'It's all about'-Philosophie einiger englischer und amerikanischer Magazine? Die mit dieser simplen, aber fokussierenden Theorie den essenziellen Kern eines jeden Videospiels auf den Punkt bringen? Solltet Ihr! Denn es spielt keine Rolle, ob eine fantastische Story oder motivierendes Gameplay, ob dichte Atmosphäre oder filmreife Inszenierung uns Spieler suchtgleich vor die Glotze fesseln. Fast jedes Spiel hat diese charakteristischen Merkmale, die es auf seine Art und Weise unvergleichlich machen. Die es von der Masse abheben. Die es im Idealfall so einzigartig machen, dass es in der Retrospektive ohne Untertreibung als Klassiker bezeichnet werden muss. Und Ihr werdet mir Recht geben, wenn wir Sega Rally zu diesem elitären Kreis spielbarer Legenden zählen, die sich trotz weniger Fortsetzungen ihren Platz im Videospiele-Olymp verdient haben.
Und warum? Ganz einfach. Jeder der anno 1995 auf dem Saturn mit Sega Rally an den Start ging und seine ersten Runden mit einem Lancia Delta am 'Lake Side' drehte oder mit dem Toyota Celica durch den 'Forest' driftete, kam zu dem fast schon beängstigend eindeutigen Fazit: Beeindruckendes Fahrgefühl!
Oder anders ausgedrückt: 'It's all about control!' Dieses beruhigende Gefühl, mit dem Pad stets die volle Kontrolle über seinen Boliden zu haben. Egal wie lange der spektakuläre Drift auch sein mochte, egal ob feiner Kies oder tiefer Schmodder die Renn-Schüssel hin und her schüttelten, man fühlte sich unbesiegbar hinterm Steuer. Ohne auch nur den geringsten Zweifel, die nächste Kehre perfekt zu erwischen. Arcade-Feeling wie es im Buche steht. Das galt für den Nachfolger Sega Rally 2 leider nur bedingt. Die Dreamcast-Fassung erweiterte das umfangarme Debüt zwar um etliche Strecken und Fahrzeuge, wurde aber wegen der gewöhnungsbedürftigen Steuerung weder Arcade-Fans noch Realismusfetischisten gerecht.
Mit Sega Rally erscheint zwölf Jahre nach dem legendären Startschuss der Serie nun der dritte Teil und macht diesmal fast alles richtig. Man könnte es als eine Art 'Best of'-Episode verstehen, ohne dieser Next Generation-Fassung damit nur ansatzweise gerecht zu werden. Die Legende kehrt zu den spielerischen Wurzeln zurück, greift den Umfang des Vorgängers auf, garniert das Ganze mit kleinen Innovationen und steckt die PS-starke Schlammschlacht in ein optisch überragendes Gewand, das die Geburtsstätte Spielhalle in jeder Kurve widerspiegelt.
Doch immer der Reihe nach. Beobachtet Euch beim Spielen von Sega Rally einmal selbst [Anm.: Nicht, dass das gehen würde]: Ihr werdet ein süffisantes Lächeln auf Euren Lippen verspüren, wenn Ihr Euren Peugeot 206 WRC mit einer kaum zu überbietenden Präzision durch engste Haarnadelkurven zirkelt, Ihr dabei einen konkurrierenden Subaru Impreza überholt, während Ihr schon den perfekten Anbremspunkt für die nächste lang gezogene Linkskurve im Visier habt. Die wunderschöne Lagune zu Eurer Linken, an der eine Herde Elefanten Erfrischung sucht, nehmt Ihr nur schemenhaft wahr.
Mit jedem Rennen nähert man sich Stück für Stück der Perfektion, findet seine persönliche Ideallinie und lernt den optimalen Umgang mit Gas, Bremse und Handbremse, um Runde für Runde die eigenen Bestzeiten zu verbessern. Wie schon in den Vorgängern machen allerdings unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten, an denen vermutlich jeder Geologe seine Freude hätte, dem Fahrer das Leben schwer.
Auf dem Asphalt klebt ein Toyota Celica natürlich besser als auf grobkörnigem Kies, nassem Schlamm oder staubtrockenen Pisten. Dann wird das Rennen schnell zur - zugegebenermaßen Freude spendenden – Driftpartie, während sich vereister Untergrund in der Arktis als Herausforderung für Profis entpuppt. Praktischerweise wählt man vor jedem Rennen die Feinabstimmung des eigenen Fahrzeugs, je nachdem ob die bevorstehenden Prüfungen eher rutschiger Natur sind oder vornehmlich asphaltierte Straßen bieten.
Abgesehen von neuen freischaltbaren Designs Eurer Fahrzeuge sind die Modifizierungsmöglichkeiten damit übrigens auch erschöpft. Man beschränkt sich eben auf das Wesentliche! Ein Schadensmodell hat man sich gespart, sonst müsste man angesichts der verbitterten Positionskämpfe schon nach der zweiten Kurve den ADAC rufen.
Wo wir gerade bei den gelben Engeln und dem öffentlichen Straßenverkehr sind: Kennt Ihr eigentlich diese 'Vorsicht Spurrinnen'-Schilder auf der Autobahn? Die meist nur als kurze Momentaufnahme in Euren Augenwinkeln aufblitzen, während Ihr mit Tempo 220 vorbeifliegt? Das sind diese mitunter tückischen Furchen in der Oberfläche, die Autofahrer oft gepflegt ignorieren und nur Motorrädern schnell zum Verhängnis werden können. Die Schilder gibt es in Sega Rally zwar nicht, wohl aber die Furchen.
Hier hinterlassen die lizensierten Rally-Fahrzeuge dermaßen tiefe Rillen auf der Piste, dass man meinen möchte, hier wäre zuvor ein völlig überladener serbisch-kroatischer MAN 18-Tonner auf seiner persönlichen Rally Paris-Dakar durchgerauscht. Einfach so, nur um den Spieler vor neue Herausforderungen zu stellen. Nun LKW-Fahrer sind nicht für die Furchen verantwortlich, sondern vielmehr Ihr und Eure fünf Kontrahenten sowie Segas durchaus revolutionäres 'Terra Forming'-Feature.
Mit jeder Runde verändert sich die Piste. Tiefe Rillen erschweren das Durchkommen durch den Matsch, lassen die dicke Schneeschicht zur Qual werden und bremsen Euren Boliden ab. Erstaunlich realistisch, denn man hat das Gefühl, jede einzelne Furche förmlich zu spüren. Und sich mitunter alternative Routen abseits der Ideallinie zu suchen. Zumindest wenn man das Fahrerfeld nicht anführt. Aber das passiert Profis natürlich nicht.
Manchmal bin ich von Rennspielen schwer enttäuscht. Besonders in Momenten, in denen das Streckendesign wirkt, als hätte der Architekt im Vollrausch ein paar unkoordinierte Striche in Paint hingekrakelt und der Spielbarkeit keine Bedeutung geschenkt, geschweige denn sich selbst mal hinters Steuer gesetzt. Sega Rally Revo bietet zwar nur fünf thematisch unterschiedliche Szenarien (Tropen, Arktis, Canyon, Apline und Safari), die aber jeweils bis zu fünf unterschiedliche Strecken offerieren und dank ausgefeiltem Kursdesign Spieler in einen Rausch versetzen.
Ein Rausch, der einer Offenbarung gleicht. In der man erkennt, warum die eng geschnittene Doppelhaarnadel-Kombination in einer weitläufigen Rechtskurve mündet. Weil es die logische Konsequenz der Lenkbewegungen ist und den Flow diesen sich sonst so selten einstellenden Spielfluss erzeugt.
Keine Kritik am Streckenumfang also. Gleiches gilt für den über 30 Fahrzeuge großen Fuhrpark, der mit seinen drei Wagenkategorien 'Premier', 'getunte Fahrzeuge' und 'Masters' auch gleich die Struktur des Spiels vorgibt. Hinterm Steuer von Toyotas, Lancias, Skodas, Fords, Audis und VWs gilt es mehrteilige Meisterschaften zu bestehen und sich über die Stufen Amateure, Profis, und Experte bis ins Finale vorzukämpfen. In jedem Rennen gibt es Punkte, die am Ende einer Meisterschaft addiert werden und dadurch neue Klassen und Fahrzeuge freischalten.
Leider hat man sich bei den Rennen wenig Mühe gegeben: Abwechslung durch Driftchallenges, Eliminator-Rennen oder spezielle Spielmodi gibt es nicht – klassische Start-Ziel-Wettbewerbe sind alles, was Sega Rally bietet. Zusätzlicher Kritikpunkt: Man kann einzelne Herausforderungen zur oft zwingend notwendigen Verbesserung der Punktzahl nicht direkt anwählen, sondern muss die komplette Meisterschaft erneut bestreiten. Online bietet Sega Rally übrigens gehobene Standard-Kost inklusive frei zu gestaltender Meisterschaften.
Habe ich etwas vergessen? Oh, ja. Die Arcade-Wurzeln. Und das wunderschöne Umgebungsdesign, das Sega Rally zum beschaulichen Sonntagsausflug machen würde, wenn die Konkurrenz nicht wäre. In der Savanne steht die gleißende Mittagssonne über den Weiten der Prärie. Giraffen stolzieren erhaben zwischen den Affenbrotbäumen, halten inne, um ein Büschel Gras zu fressen. Am Wasserloch tummeln sich die Elefanten, während unweit das belebende Rauschen eines riesigen Wasserfalls zu vernehmen ist. Schmetterlinge flattern vorüber und am wolkenlosen Himmel genießen Heißluft-Ballonfahrer die prächtige Aussicht von oben. In der Arktis starten Wasserflugzeuge über Euch hinweg, während Nordlichter die Strecke in ein mystisches Licht tauchen. Oder die Alpen: Dort schlängeln sich die Kurse serpentinenartig den Berg hinauf, führen dann wieder steil ins Tal, während Segelflieger am mit Cumulus-Wölkchen gespickten Himmel kreisen – 'Autofahren macht Spaß', schießt einem da durch den Kopf! Auch wenn der Ausflug nur mit flüssigen 30 Frames stattfindet.
Sega Rally ist nichts anderes als auf das Wesentliche beschränkter, puristischer Rennspielspaß. Rasen ohne Schnick-Schnack, ohne Kompromisse. Das geniale Streckendesign fasziniert, die wunderschönen Umgebungen verzaubern und die gradlinige Arcade-Steuerung fesselt von der ersten bis zu letzten Sekunde. Es ist wie eine Sucht, die einen nicht mehr los lässt. Eine Sucht, die in tiefer innerer Zufriedenheit endet, wenn man auch den kniffeligsten Drift am Ende perfekt beherrscht. Und wenn Ihr die ersten Stunden mit Sega Rally verbracht habt, werdet Ihr an meine einleitenden Worte denken und sagen: Stimmt – It's all about control!
Ab dem 28. September wird auf Xbox 360, PlayStation 3 und dem PC gedriftet.