Gesamtwertung8/10 |
Die Zeit ist der Menschheit größter Feind und zugleich willigster Helfer. Auf der einen Seite werden wir mit der Zeit alt, schwach und verlieren am Ende gar unser Leben, auf der anderen Seite heilt Zeit alle Wunden und lässt uns selbst den größten Schmerz irgendwann vergessen. Meistens haben wir zu wenig Zeit, sind ausgefüllt durch Beruf und familiäre Verpflichtungen. Wenn wir dagegen arbeits- oder lustlos sind, haben wir zu viel Zeit. Wie genial wäre es also, wenn man die Zeit kontrollieren, sie beliebig vor- und zurückspulen könnte. Wir würden wissen, was die Zukunft bringt, besondere Momente immer wieder erleben und könnten sogar die Vergangenheit korrigieren.
Bei TimeShift ist dies alles durch einen Zeitreiseanzug Realität geworden. Er kann nicht nur Zeitsprünge ausführen, sondern auch den Moment festhalten, verlangsamen oder sogar den Fluss umkehren. Inspiriert von dieser Möglichkeiten wagte ich es auch bei meiner Vorschau
vor fünf Monaten, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Im Fazit beschrieb ich, wann und vor allem wie der Titel auf den Markt kommen wird. Mit meiner ersten Aussage, dass es September wird, lag ich schon einmal daneben, doch wie sah es bei den restlichen Vorhersagen aus?
Interessanterweise hat die Zeit auch bei der Entwicklung von Timeshift eine entscheidende Rolle gespielt. Angetrieben von mehreren Publisher-Wechseln hat das Spiel schon alle möglichen Höhen und Tiefen einer Spiele-Entwicklung durchgemacht. Der letzte Schritt sorgte mit dem Einstieg von Vivendi für eine unvorhergesehene Wende.
Statt den Titel fast fertig auf den Markt zu werfen, wurde dem Team von Saber Interactive ein weiteres Jahr geschenkt. Daraufhin wurde das Spiel komplett umgeworfen. Mit einem anderen Grafik-Stil, viel neuer Technologie und weiteren Tausend Testing-Stunden sollte der Titel aus dem Nirvana der Mittelmäßigkeit gerissen werden.
Die genauen Details könnt Ihr in der Vorschau
nachlesen, an dieser Stelle wollen wir uns mit meiner Vorhersage und der tatsächlichen Qualität des Titels herumschlagen. Gleich zu Beginn erst mal das Wichtigste, nämlich Gameplay und Story. Hier musste Saber Interactive am wenigsten verändern. Die grundlegende Spielmechanik mit der Möglichkeit die Zeit zu verlangsamen, anzuhalten und gar zurückzuspulen gab es schon im Jahre 2005.
Auch die Story mit dem durchgeknallten Wissenschaftler Aidan Krane, der die Vergangenheit verändert, um sich selbst zum Diktator aufzuschwingen, ist gleich geblieben. Doch um den Einsatz des Anzugs zu erleichtern, wurde eine Künstliche Intelligenz eingebaut, die bei den vielen Zeiträtseln hilft, die richtige Auswahl zu treffen.
Mit einem einfacheren Knopfdruck wird die Zeit je nach Situation manipuliert. In den normalen Kämpfen wird dazu meistens angehalten oder verlangsamt, nur bei Granaten ist es sinnvoll, auch mal die Zeit zurückzudrehen, um sie zum Absender zurückzuschicken. Im Spiel funktioniert das System recht gut, trotzdem ist es manchmal besser, wenn Ihr Euch die Fähigkeit selbst aussucht. Die KI erkennt nicht immer, bei welchen Gegnern es sinnvoller ist, die Zeit komplett anzuhalten. Dann müsst Ihr manuell eingreifen, was aber über eine simple Tastenkombination hervorragend funktioniert. An dem Waffen-Klau, der nur bei normalen Soldaten und angehaltener Zeit funktioniert, hat man sich übrigens recht schnell satt gesehen, trotzdem kann er bei niedrigem Munitionsstand recht hilfreich sein.
Auch die vielen Rätsel lassen sich damit recht einfach lösen. Meistens muss man Prozesse umkehren oder Zeitlimits verlängern. Das können mal Fließbänder sein oder automatische Verpackungsanlagen oder aber ein gnadenloser Bomben-Timer, der Euch sonst in Stücke reißen würde. Zum Ende hin erreichen die Aufgaben ein anspruchsvolles Niveau und sind durchaus mit den Physikrätseln von Half-Life 2 vergleichbar. Hier haben die Entwickler fast alles richtig gemacht, bieten viel Abwechslung und jede Menge spannende Feuergefechte.
Leider gibt es nach drei bis vier Stunden einen kleinen Durchhänger. Nachdem man die Schrotflinte eingesackt hat, dauert es qualvolle zwei Stunden, bis man eine neue Schusswaffe bekommt. Eigentlich kein Beinbruch, wenn das allgegenwärtige Sturmgewehr nicht so unbefriedigend ausgefallen wäre. Neben der bescheidenen Durchschlagskraft, die locker 20 Schuss für einen Gegner benötigt, schießt die Waffe auch nicht dort hin, wo sie soll. Die Kugeln landen immer ein Stück rechts neben dem Zentrum des Fadenkreuzes.
Gerade auf weite Entfernung ist dieser Umstand ein leidiges Manko. Doch kaum gibt es das Scharfschützengewehr und danach die Armbrust mit den Explosionspfeilen, bekommen die Kämpfe eine ganz neue Dynamik und werden deutlich spielbarer. Im Anschluss geben die Entwickler erst richtig Gas und liefern noch fünf weitere, zum Teil sehr innovative Waffen ab, die gerade in Verbindung mit der Zeitmanipulation zu überraschenden Ergebnisse führen.
Ohne die Zeit zu verlangsamen, ist es zum Beispiel enorm schwierig, mit dem Plasma-Gewehr im alternativen Feuermodus einen Gegner zu treffen. Da man den Schuss vorher aufladen muss und die Gegner sich geschickt von Deckung zu Deckung bewegen, gehen die mächtigen Schüsse viel zu oft daneben. Doch kaum hat man die Zeit gestoppt, kann man in Ruhe zielen und so selbst flinke Gegner mit einem Schuss beseitigen.
Für noch mehr Abwechslung sorgen spezielle Gegner, die zum Beispiel selbst mit Zeitmanipulationsausrüstung ausgestattet sind. So teleportieren sich die Blitz-Trooper nur kurz herein, entladen ihren Blitzwerfer und verschwinden wieder. Wer hier nicht die Zeit anhält, muss viele, viele Tode sterben. Ein anderer Gegner rast mit irrwitziger Geschwindigkeit von einer Deckung zur nächsten. Nur wenn man die Zeit verlangsamt, bekommt Ihr Gelegenheit, ihn auf freiem Feld zu erwischen. Die Möglichkeiten der Zeitmanipulation sind wirklich unendlich. Ihr werdet Euch nach TimeShift fragen, wie Ihr ohne diese Fähigkeiten in den anderen Spielen zurecht kommen sollt.
Natürlich könnt Ihr Eure Fähigkeiten auch dann einsetzen, wenn Ihr Euch hinter ein Geschütz klemmt, um feindliche Jäger vom Himmel zu holen. Oder mit dem Bord-MG andere Fahrzeuge ausschaltet. Oder mit einem Quad über Abgründe springt. TimeShift holt dabei alles aus der Zeitreisefunktionalität heraus und beschert wirklich einmalige Momente, die man nicht so schnell vergisst. Schade, dass die Story trotz erzählerischer Stärken nicht auch von den Zeitreisen profitiert. Es gibt zwar immer wieder kurze geskriptete Zeitsprünge, doch die eigentliche Handlung spielt immer in der gleichen Periode. Der Big Brother-ähnliche Überwachungsstaat, den der abtrünnige Wissenschaftler Aidan Krane mit einem Zeitreiseanzug ins Leben gerufen hat, ist zwar sehr glaubhaft, doch hätten sich angesichts der Thematik auch ganz andere Perioden angeboten.
Das bringt uns zu einer weiteren Achillesferse des Spiels. Denn bei der Grafik musste Saber Interactive einen schwierigen Weg beschreiten und das alte Design erfolgreich mit den neuen Erweiterungen verknüpfen. Für ein komplettes Redesign reichte das Jahr natürlich nicht aus, deshalb findet man auch 2007 noch jede Menge alte Modelle im Spiel, die eindeutig aus dem Jahre 2005 stammen. Gleichzeitig wurden modernste Spezialeffekte, nagelneue Texturen und eine aufwändige Echtzeitbeleuchtung integriert, die den Titel an anderen Stellen in ein farbenprächtiges Meisterwerk verwandeln.
Das Ergebnis ist nicht überraschend. Die grafische Qualität von TimeShift schwankt beträchtlich. Nach einem gelungenen Einstieg quält man sich mit engen, verwinkelten Gängen und Räumen herum, wird dann von offenen Schlachtfeldern und prächtigen Außenarealen überrascht, nur um anschließend wieder mit quadratischen Zügen und Flugzeugen konfrontiert zu werden. Auch das Design ist manchmal ein Flickwerk aus modernstem High-Tech und alter Steampunk-Technologie. Während der Zeitanzug des Hauptdarstellers und einige Roboter direkt aus modernen Science Fiction-Shootern stammen, gibt es auf der anderen Seite riesige Luftschiffe und Wellblech-Gleiter.
Außerdem wurde bei der Farbwahl und den Texturen nicht auf Übersichtlichkeit geachtet. Dank der recht dunklen Farbgebung und den ebenso düsteren Spielfiguren, fällt es oft schwer, die Ziele auszumachen. Glücklicherweise wird das Fadenkreuz rot, wenn es über einem Gegner steht, dadurch kann man sich gerade am Anfang ohne Zielfernrohr den harten Gegnern erwehren.
Die Unübersichtlichkeit, aber auch die Aggressivität und Intelligenz der Gegner sorgen für einen gesalzenen Schwierigkeitsgrad. Wer nicht geschickt die Zeitveränderungsfähigkeiten einsetzt und ständig Deckung sucht, wird viele, sehr viele Tode sterben. Selbst echte Profis sollten deshalb den ersten Schwierigkeitsgrad wählen, auf dem zweiten ist man locker 15 Stunden unterwegs und sieht den Ladebildschirm deutlich häufiger als gewünscht.
Wenn es Euch dann am Ende gelingt, den Einzelspieler zu bezwingen, müsst Ihr TimeShift nicht zurück ins Regal verbannen. Saber Interactive hat nämlich einen wirklich aufregenden Multiplayer eingebaut, den wir leider nur im Schatten-Netzwerk ausprobieren konnten. Zur Stabilität lässt sich da recht wenig sagen, wirklich beeindruckend sind aber die Einstellungsmöglichkeiten, die sogar Halo 3 hinter sich lassen.
Natürlich gibt es keine 'Forge' und damit keine Möglichkeit, die Levels zu verändern, doch so ziemlich alle anderen Einstellungen, wie Waffenstärke, Schwerkraft, Spawnzeiten und Zeitfähigkeiten lassen sich vorher festlegen. Natürlich gibt es für faule Zeitgenossen auch vorgefertigte, klassische Spielmodi wie 'Capture the Flag' oder 'Team Deathmatch', doch mit etwas Kreativität und Spucke lassen sich damit ganz neue, ungewöhnliche Ideen umsetzen, die dem Titel bei ausreichender Verbreitung ein langes Leben bescheren sollten.
Wie so oft bei Vorhersagen lag ich bei einigen Dingen richtig und bei anderen total daneben. Dies lag zum einen daran, dass ich nur einen Level besichtigen konnte und zum anderen, dass ich nicht Nostradamus bin. Gerade die Grafik ist ein sehr zweischneidiges Schwert geworden. Das durchschnittliche Design alleine wäre kein Beinbruch, doch die Unübersichtlichkeit und die auftauchenden Mager-Modelle sorgen leider immer wieder für Bauchschmerzen. Und das gerade, weil auf der anderen Seite bildhübsche Außenareale und aufwändige Spezialeffekte warten.
Doch so sehr ich bei der Grafik daneben lag, so punktgenau habe ich das Gameplay erfasst. Zum Glück. Sonst wäre ich vermutlich von den Kollegen geteert und gefedert worden.
Mal abgesehen von dem leidigen Sturmgewehr und spielerischem Mittelmaß im ersten Drittel, überzeugen anschließend Kämpfe und Rätsel auf ganzer Linie. Denn: TimeShift bekommt dadurch einen ganz eigenen Charakter, der es aus der Masse an Shootern wohltuend hervorhebt. Das frische Gameplay-Konzept wurde perfekt auf einige, wirklich einmalige Spiel-Elemente abgestimmt. Saber Interactive hat damit seine Aufgabe erfüllt, aus dem einstigen Mittelklasse-Shooter ein echtes Prachtstück mit einigen Schönheitsfehlern gezaubert und die geschenkte Zeit richtig genutzt.
Auf der Xbox 360 und dem PC ist es voraussichtlich am 2. November soweit, PS3-Besitzer müssen sich ein wenig länger gedulden oder mit ihrem Zeitreiseanzug ein paar Wochen in die Zukunft springen.