Gesamtwertung6/10 |
Der Online-Rollenspiele-Markt wird langsam Müde. Das einstige Wunderkind mit den explodierenden Zuwachszahlen ist in den letzten Monaten mit einigen rauen Realitäten konfrontiert worden. Erste Erkenntnis: World of Warcraft wird in absehbarer Zeit nicht zu schlagen sein. Zweite Erkenntnis: Jede Abweichung vom WoW-Modell trägt das Risiko in sich, die zahlreichen daran gewöhnten Spieler in Scharen zu vertreiben. Das Problem: beide Aussagen widersprechen sich komplett.
Als Folge werden zahlreiche Titel verschoben oder gleich ganz gecancelt, während andere sofort nach Release die Abonnenten-Gebühr abschaffen.
Bleibt die Frage, für wen ist auf dem Markt denn überhaupt nachhaltig Platz? Auftritt Pirates of the Burning Sea, bei dem Ihr, nicht völlig überraschend, in die Haut eines Piraten schlüpft. Nach gut fünf Jahren Entwicklungszeit lassen jetzt Flying Lab mit der Unterstützung von Sony Online Entertainment das Spiel vom Stapel und suchen ihre Lücke auf dem etwas ins Schwanken gekommenen Markt.
Es geht so los, wie man es gewohnt ist: Serverwahl, Charakter erstellen, Aussehen bestimmen etc. Natürlich gibt es kleine Unterschiede, passend zum Szenario, und Ihr müsst euch zwischen diversen Berufen und Nationalitäten aus der damaligen Zeit entscheiden. Vom staatstreuen Freibeuter, über Händler bis zum namensgebenden Piraten für alle, die etwas mehr auf Unabhängigkeit gebürstet sind.
Anschließend landet Ihr im Tutorial, das Euch auch gleich mit einer vollen Breitseite Informationen überrumpelt. Von Anfang an mutet einem Pirates of the Burning Sea viel zu und wer nicht mit voller Aufmerksamkeit dabei ist, oder, noch schlimmer, eher nur Gelegenheitsspieler, wird mit Sicherheit leicht verunsichert sein. In Kombination mit dem nicht immer voll auf der Höhe der Zeit befindlichen Interface wird die Zugänglichkeit erheblich erschwert. So sind schon einige zähe, intensive Stunden im Piratenleben notwendig, um an die interessanteren Punkte des Spiels zu gelangen.
Dabei ist die Welt, in der Ihr Euch wiederfindet, erstmal hübsch anzusehen:
Die Hafenstädte sind voller nett gestalteter NPCs, im Hintergrund läuft eine lebhafte Geräuschkulisse und ein passender Soundtrack. Nichts zum verrückt werden, aber durchaus stimmig. Schon bald merkt Ihr jedoch, dass es sich um ein MMO in seinen Kinderschuhen handelt. Und so tauchen auch hier der eine oder andere durchaus vermeidbare Bug auf.
Zum Beispiel gibt es des öfteren Eingangsbereiche zu Missionen und Arealen, die man nur mit Hilfe der Karte finden kann. Hat man sich dem scheinbar unsichtbaren Punkt genähert und steht mitten in einem Wirtshaus, wird im unteren Bildschirm in wirklich kleiner Schrift darauf hingewiesen, dass jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, die Taste X zu drücken, wenn man denn den Raum betreten wollen würde. So was kennt man eher aus frühen Beta-Tests.
Und dort würde man auch den NPC und berühmten Piratenjäger mit dem Furcht erregenden Namen “personas^FrSTAgst_PirateHunter_LastName” vermuten. Von den anderen handelsüblichen Mängeln, wie schlechte Übersetzung und diverse Rechtschreibfehler, fang ich gar nicht erst an. Das nehmen wir als MMO- Veteranen ja schon lange gähnend in Kauf.
Wie dem auch sei, zurück zum eigentlichen Spiel. Die Missionen, die übrigens komplett in Instanzen passieren, sind in zwei Kategorien unterteilt. Die einen werden mit dem Schiff erledigt (meistens muss irgendwer beschützt und irgendwer anders abgeschossen werden), bei den anderen Aufträgen rennt Ihr mit Eurem Avatar durch die Gegend. Sprich: WoW mit Piraten.
Dabei ist der Schiffskampf, sei es nun innerhalb von bestimmten Missionen, unabhängig auf dem offenen Meer oder auch als Spieler gegen Spieler, ganz klar einer der Höhepunkte von Pirates of the Burning Sea.
Eine Vielzahl von Faktoren beeinflussen dabei das Geschehen. Angefangen bei den eigenen Fertigkeiten, die natürlich mit jedem Stufenaufstieg erweiterbar sind, über die Größe und Ausrüstung des Schiffs, welches aufrüstbar ist, bis hin zu echtem taktischen Vorgehen, wie etwa die Wahl der richtigen Munition zur richtigen Zeit: Erst mit Anti-Schiffs-Kugeln die Segel beschädigen, um den Gegner zu verlangsamen, dann mit Anti-Personen-Schrot nachlegen und so die Crew dezimieren, die Euch dann beim obligatorischen Entern mit weniger Widerstand entgegen kämpft.
Was in Eins-gegen-Eins Situationen noch überschaubar ist, wird mit größeren Teilnehmerzahlen schon leicht unübersichtlich und stressig. Dennoch, gerade für Freunde von Spieler-gegen-Spieler Duellen ist im Schiffskampf viel Platz für spannende Gefechte und schwerwiegende Beleidigungen.
So weit, so gut. Kommen wir zum zweiten großen Element, dem Avatar-Combat. Denn auch auf dem Festland (oder wenn man ein gegnerisches Schiff entert) sind Eure Piratenfähigkeiten gefordert. Manchmal sollt ihr Gefangene aus dem Dschungel befreien, mal Kameraden aus einer Festung. Eins müsst Ihr dabei immer, nämlich leiden. Denn was hier geboten wird, ist von der unangenehmsten Sorte.
So richtig weiß man dabei gar nicht, wo man anfangen soll und was am meisten nervt: die völlig lieblos gestalteten Instanzen, die totale Abwesenheit jeglicher künstlicher Gegnerintelligenz im Nahkampf, oder vielleicht die hölzernen Bewegungen, die schon bei Quake 2 besser aussahen. Ich weiß es nicht. Sicher ist nur, dass man am besten nach jeder dieser Missionen erstmal drei beliebige Schiffsmissionen spielen sollte, um nicht vor Frust das Keyboard in den Monitor zu schmeißen.
Spaß beiseite, das Problem zieht weite Kreise. Da der Kampf entweder chaotisch oder langweilig ist, oder auch beides, interessieren auch die neuen Fähigkeiten, die mit jeder Stufe dazu kommen, überhaupt nicht. Das einzig Lobenswerte bei den Missionen ist, dass Pirates of the Burning Sea versucht, von den klassischen “Sammle 20 Muscheln” Quests wegzukommen. Manchmal findet sich sogar ein Ansatz von Dramaturgie in den Instanzen. So wird relativ am Anfang der Karriere der Heimathafen von Piraten angegriffen und alles steht in Flammen, und zufällig ist man gerade der einzige Mensch weit und breit, der die Angreifer zurückschlagen kann. Nicht neu, aber besser als nichts.
Bleibt zu hoffen, dass die Spieler nicht zu früh aufgeben und sich auch noch der Ökonomie zuwendet. Denn hier erlebt das Spiel seinen wirklichen Glanzmoment. Fast alles kann selber hergestellt werden (vor allem natürlich Schiffe), und fast immer sind die Gegenstände, die von Spielern kreiert wurden, schlagkräftiger als das, was der NPC-Händler zu bieten hat.
Aber es wird noch besser. Im PvP können Städte von den einzelnen Nationen erobert werden, die dann die Steuern für alle anderen Nationen erhöhen können und dadurch wiederum Handwerk und Ressourcenabbau beeinflussen. Das heißt, dass die Spieler-gegen-Spieler Kämpfe direkte Auswirkungen auf die Wirtschaft haben und nicht nur Freizeitvergnügen sind.
Pirates of the Burning Sea macht es einem nicht leicht. Unter der zum Teil sehr unangenehmen Oberfläche liegt in den besten Momenten eine Online-Rollenspiel-Version von Sid Meiers Pirates! mit viel Potential. In den schlechtesten ist es allerdings nur ein halbfertiges Standard-MMO mit Piratentexturen. Zu hoffen ist, dass sich Flying Labs und Sony in der Patch-Zukunft ganz auf die wahren Stärken konzentrieren und die zu oft gesehenen und meistens besser implementierten Elemente entweder weiter aufpoliert oder, das wäre mein bescheidener Vorschlag, am besten einfach komplett entfernt werden. Denn dem guten Rest, dem Handels- und PvP-MMO, werden sie kaum fehlen.
Pirates of the Burning Sea ist im Handel erhältlich.
Pirates of the Burning Sea im Test.
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