Gesamtwertung4/10 |
Würdet Ihr auch gerne mal in die Vergangenheit reisen? Einen Abstecher in die Karibik der Kolonialzeit machen und im Piratenschiff über die Weltmeere schippern? Oder das „Wunder von Bern“ im Jahr 1954 live im Stadion verfolgen? Nach derzeitigem Stand der Wissenschaft gelten Zeitreisen in die Vergangenheit als prinzipiell nicht möglich, da die Zeit stets nur in eine Richtung fließt. Der unbestreitbare Gegenbeweis liegt allerdings gerade vor meiner Nase. Shellshock 2: Blood Trails sieht nicht nur so aus, sondern fühlt sich auch an wie ein Spiel von Vorgestern.
Ganz im Ernst: Wäre Shellshock 2 vor einigen Jahren veröffentlicht worden, müsste ich das vermutlich nicht sagen. Heutzutage erweckt das Machwerk aus dem Hause Rebellion – die damals immerhin das grandiose Aliens vs. Predator fabrizierten – leider nur den Eindruck eines Spätzünders. Es ist so, als würde man die Abfahrt eines Zuges versäumen. Wer sich nicht beeilt, verpasst eben den Anschluss. Hier trifft das sowohl technisch als auch inhaltlich zu.
Wie schon der Vorgänger Shellshock: Nam '67 setzt Shellshock 2 erneut auf den Vietnamkonflikt als Hintergrund. Vom eigentlich erwarteten Kriegsgeschehen sieht man aber generell nur sehr wenig. Im Vergleich zu dem von Guerilla Games (Killzone 2) produzierten ersten Teil hat man den halbwegs realistischen Anspruch auch gleich über Bord geworfen.
Der Vietcong ist nämlich letztendlich das geringste Problem in Shellshock 2. Die meiste Zeit bekommt man es mit „Infizierten“ zu tun, die man gut und gerne auch als Zombies durchgehen lassen kann. Sie schnappen sich alle Menschen, die sie kriegen können. Ihre Opfer verwandeln sie entweder in Ihresgleichen oder nutzen sie für ein kleines Häppchen zu Mittag.
Zufälligerweise wurde auch der Bruder des Protagonisten davon heimgesucht, er ist genauer gesagt der unfreiwillige Ausgangspunkt der auf den Namen „Whiteknight“ getauften Infektion. Und da die Familie über alles geht, macht sich der Held auf die Suche nach seinem Brüderchen und der Ursache für seine Krankheit.
Rebellions Idee sah wohl so aus, auf diese Art und Weise ein paar Horror-Elemente in das Spiel mit einfließen zu lassen. Dummerweise zünden diese Schocker nur sehr selten. Manchmal sind sie einfach nicht wirklich erschreckend, dann wiederum sind einige merklich vorhersehbar. Ein Gegner, den man bereits um die Ecke erspähen kann und der einen dann schließlich anspringt, sobald man vor ihm steht, treibt den Adrenalinausstoß kaum in die Höhe.
Ein paar gelungene Momente muss man Shellshock 2 dann aber doch zugestehen. Momente, in denen es stockfinster ist und nur die eigene Taschenlampe einen kleinen Bereich erhellt. Oder enge Tunnel, in denen Schatten in der Ferne vorbeihuschen und die eigenen Atemgeräusche lediglich durch die verzweifelten Schreie irgendwelcher armen Schweine überdeckt werden. Es hätte gerne mehr davon sein dürfen.
Was dem Titel jedoch den Großteil der Spannung raubt, sind insbesondere die schieren Gegnermassen, die mitunter scheinbar aus dem Nichts auftauchen, und die dadurch entstehende Schießbuden-Atmosphäre. Masse ist eben nicht gleich Klasse. Im Jahr 2009 gehören Feinde, die unendlich oft in allen Ecken respawnen, sofern man nicht einen bestimmten Punkt im Level überschreitet, einfach der Vergangenheit an. Das könnte an diesen Stellen rein theoretisch stundenlang so weitergehen und am Ende wären vermutlich mehr Vietcong-Kämpfer tot als es überhaupt Einwohner in Vietnam gab.
Stellenweise ein wenig übertrieben ist zudem die Gewaltdarstellung. Abgetrennte Köpfe, ohne Beine über den Boden kriechende Soldaten... das hat man auch schon in Kriegsfilmen gesehen. Wenn man aber mit dem Maschinengewehr auf die Denkzentrale zielt und das Köpfchen in neun von zehn Fällen gleich mitsamt Blutfontäne in seine Einzelteile zerspringt, wirkt das irgendwie unpassend und unfreiwillig komisch. Dass die USK anhand solcher Szenen und weiterer abtrennbarer Gliedmaßen ihre Probleme mit dem Spiel hatte, ist daher nachvollziehbar.
Wenn doch nun wenigstens die Optik ansehnlich wäre. Selbst dem gut fünf Jahre alten Far Cry kann Shellshock 2 nicht annähernd das Wasser reichen. Mit ihren matschigen Texturen, mittelmäßigen Animationen und läppischen Explosionen gelingt es der Technik daher keineswegs, vom tristen Gameplay abzulenken. Kurz gesagt: Shellshock 2 sieht schlicht veraltet aus. Umso unverständlicher, dass es in seltenen Situationen zu kleineren Slowdowns kommt. Obendrein ist es ein reiner Einzelspieler-Titel, dessen zehn Missionen maximal acht Stunden für Beschäftigung sorgen.
Shellshock 2 ist eine echte Empfehlung. Und das ist mein voller Ernst. Zumindest dann, wenn Ihr Euch selbst zu denjenigen zählt, die zwischendurch die Lust nach ein bisschen Trash verspüren. In diesem Fall – und auch, wenn Ihr den Vorgänger mochtet – kann Euch der Titel durchaus noch ein paar unterhaltsame Stunden bescheren.
Zählt Ihr nicht zu dieser Spielerkategorie, macht Ihr am besten einen großen, großen Bogen um Shellshock 2. Ihr bekommt hier keinerlei Eye Candy, keine Spannung, keine Highlights... einfach gar nichts geboten, was Euch angesichts der hochkarätigen Konkurrenz vom Hocker haut. Mir selbst macht dabei nur eines große Sorgen: Wenn man schon Shellshock 2 derart verbockt, was wird dann erst aus dem neuen Aliens vs. Predator?
Shellshock 2: Blood Trails ist für Xbox 360, PlayStation 3 und PC erhältlich.
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ShellShock 2 : Blood Trails im Test.
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