Grand Theft Auto IV: The Lost and Damned

Review
Plattform
XBOX 360
Vertrieb
Rockstar Games
Entwickler
Rockstar North
Genre
Andere
X360: Grand Theft Auto IV: The Lost and Damned

Gesamtwertung

9/10

X360: Grand Theft Auto IV: The Lost and Damned

Dank Rockstar ist die Finanzkrise endlich auch in der Videospiel-Realität angekommen. In ihrem meisterlichen DLC The Lost and Damned wird die Paranoia, die das Land der unbegrenzten Möglichkeiten erfasst, mit ätzender Ironie auf die Schippe genommen. In nahezu jeder Radiosendung und bei einer Handvoll Missionen dreht sich alles um den Niedergang des amerikanischen Kapitalismus. Banker und Politiker sind hier die wahren Bösewichter, die mit vollen Taschen und einem dekadenten Lebensstil dem Untergang entgegen reiten. Unser Hauptdarsteller Johnny Klebitz, der mit seiner Rockergang The Lost ein paar Kröten mit Drogen verdient, wirkt da wie ein Kleinkrimineller, der am Sonntag in die Kollekte greift.

Mit beißendem Zynismus fragt er eine Hedgefond-Managerin, die sich mit einem 500 Millionen-Bonus in die Bahamas absetzen möchte und die er bei der Polizei heraushauen muss, wie sie nachts einschlafen kann. Ihr knappe Antwort: „Drei Valium und eine halbe Flasch Bourbon.“ Eine Kaltschnäuzigkeit, die man auch bei ehemaligen Lehman Brothers Brockern vermutet. Und doch nur die Spitze des Eisberges. Nahezu alle Jobs für den exhibitionistisch veranlagten Parlaments-Abgeordnete Thomas Stubbs - Hallo Penis! - führen uns in die Untiefen des US-amerikanischen Polit- und Wirtschafts-Systems.

Es wird gemordet, betrogen und manipuliert, bis selbst dem harten Johnny die Galle hoch kommt. Die feine Gesellschaft entpuppt sich dabei mehr denn je als Wolf im Schafspelz, die für die nächste Flasche Champagner nur allzu gern über Leichen geht. Zum Glück geht es danach wieder gegen seine Erzfeinde, die Angels of Death. Die gegnerische Rocker-Gang versteckt sich nämlich nicht hinter maßgeschneiderten Boss-Anzügen, sondern trägt ihre Zugehörigkeit direkt auf der Leder-Kutte.

Doch die Geschichte um den harten Johnny bietet mehr als die hervorragende Einbindung aktuellen Zeitgeschehens. Rockstar bringt uns mit dieser 1,8 Gigabyte großen, 19 Euro teuren und über 15 Stunden umfassenden Erweiterung die Welt der Biker näher. Sie beleuchtet die Besonderheiten der Club-Kultur, befasst sich mit der zum Teil unhaltbaren Romantik um Ehre und Bruderschaft und liefert einen Einblick in das harte Alltagsgeschäft der verklärten Kriminellen.

Getreu einem Unternehmen gibt es auch bei „The Lost“ eine klare Hierarchie. An der Spitze lenken Johnny sowie Präsident Billy, ein durchgeknallter Irrer, der gerade aus dem Drogen-Entzug kommt, die Geschicke der Bruderschaft. Um die Finanzen kümmert sich Schatzmeister Brian, der Afroamerikaner Jim ist für die Planung von Überfällen verantwortlich und eine ganze Horde von „Soldaten“ geben Rückendeckung. Anfangs müsst Ihr Euch noch an das Kommando von Billy gewöhnen. Während er im Knast saß, hatte Johnny die Organisation der Gang in seine Hand genommen, einen Waffenstillstand mit den Angels of Death geschlossen und die Geschäfte angekurbelt.

Die Rückkehr des Präsidenten markiert einen Wendepunkt. Er ruft zum Krieg gegen die Erzfeinde, die Polizei und am Ende sogar gegen die eigene Gang. Die Story bietet dabei die von Rockstar gewohnte Portion Unberechenbarkeit, die Euch Auftrag für Auftrag vor die Konsole fesselt. Anfangs bewegt sich alles in den gewohnten Bahnen von Grand Theft Auto IV. Ihr rennt zu einem Auftraggeber, holt Euch die Mission ab und erledigt sie. Doch statt im Alleingang seid Ihr oft mit anderen Bikern unterwegs. Gemeinsam in Konvoi geht es in Richtung Auftragsziel, das sich schnell in ein gewaltiges Feuergefecht verwandeln kann.

Überhaupt wird deutlich mehr geschossen als bei Nikos Abenteuer. Ihr müsst zwar an manchen Stellen auch der Polizei entkommen, trotzdem ballert Ihr Euch durch Dutzende Feinde, jagt mit einem Granatwerfer Autos in die Luft und räuchert das Hauptquartier der Angels of Death aus. Unterstützt durch Eure KI-Kumpanen, deren Fähigkeiten Ihr anfangs durch Formationsfahrten und später durch optionale Banden-Kriege aufmotzen könnt, kämpft Ihr um Ehre, die Vorherrschaft in der Stadt und letztlich vor allem um Euer Überleben.

Hilfreich bei dieser gewaltigen Aufgabe sind die neuen Waffen, die vom Motorrad aus jede Menge Schaden anrichten. Insbesondere die abgesägte Schrotflinte ist ideal, um andere Biker von ihren wackeligen Feuerstühlen herunterzuholen. Dank Monster-Streuradius und dem stark verbesserten Fahrverhalten der Motorräder ist es eine richtige Freude, die gegnerischen Biker durch die Stadt zu jagen. Doch auch die Automatik-Schrotflinte, die Auto-9mm und der bereits erwähnte Granatwerfer funktionieren hervorragend und ergänzen das vorhandene Arsenal nahezu perfekt.

Die Chopper und Reiskocher fahren sich inzwischen übrigens so gut, dass Ihr nur allzu gern die wackeligen Autos links liegen lasst. In Kombination mit den neuen Grafik-Filtern, die dem Spiel einen düsteren Look verpassen – und - falls gewollt - abschaltbar sind, wird das entspannte Dahingleiten zu einem elementaren Spielelement. Vor allem weil Ihr als echter Rocker natürlich kein Taxi nutzen dürft, müsst Ihr Spaß an der Fahrerei haben. Immerhin hat Rockstar bei den Missionen auf die Fans gehört und Speicherpunkte gesetzt. Wiederholte Anfahrten oder ausufernde Feuergefechte müssen nicht wiederholt werden. Frustmomente fallen trotz erhöhtem Schwierigkeitsgrad fast vollkommen flach. The Lost and Damned spielt sich damit flüssiger als die Haupkampagne.

Auch das ganze Drumherum wurde, zum Glück, etwas abgespeckt. Natürlich könnt Ihr Euch in Eurem Hauptquartier noch immer diversen Mini-Spielen hingeben (Arm-Drücken, Billard, Karten, Air-Hockey), Euch im Internet herumtreiben oder ein witziges Rennen mit Road Rash-Charme wagen – ich sag nur Baseball-Schläger. Hardcore-Sozialstress in Form von nervigen Freunden und Freundinnen wurde auf das Minimum reduziert. Eure Lost-Brüder brauchen keine Strip Lokal-Besuche, um zu wissen, dass sie mit Euch befreundet sind. „Einmal Lost, immer Lost“ lautet die Devise und wird bis zum bitteren Ende befolgt.

Doch Rockstar geht noch einen Schritt weiter. Neben der gelungenen Kampagne wurde dem DL-Addon ein halbes Dutzend frischer Multiplayer-Modi verpasst, die sich als äußerst spaßig erweisen. Neben einem obligatorischen Gang-Modus namens „Own the City“, in dem sich die beiden verfeindeten Gangs um die Vorherrschaft in Liberty City streiten, schaltet Ihr bei „Witness Protection“ wichtige Zeugen aus, stürzt Euch in ein „Road Rash“-Rennen und lasst Euch in „Lone Wolf Biker“ von Euren Kollegen jagen.

Als besonders gelungen entpuppt sich aber „Chopper vs. Chopper“. In dieser ungleichen Verfolgungsjagd müsst Ihr auf Eurem Bike einem Kampfhubschrauber davonfahren, der Euch mit dicken Geschützen den Spaß verderben will. Außerdem müsst Ihr in „Club Business“ mit der Erfüllung von Aufträgen für Biker-Captain Angus versuchen, an die Spitze von „The Lost“ vor zu stoßen.

Einerseits ist es zwar schön, dass sich Rockstar so viel Mühe gibt. Andererseits wirkt der Multiplayer jedoch langsam etwas überfrachtet. Ganz abgesehen davon, dass sich wahrscheinlich jeder einen Kampagnen-CoOp-Modus wünscht, wird die Online-Spieler-Gemeinde durch die Masse an Spiel-Modi immer weiter zerklüftet. Nicht umsonst konzentrieren sich andere Titel vollkommen auf einen Modus. Weniger kann manchmal wirklich mehr sein.

Auch was die Steuerung der Indoor-Gefechte angeht, stößt The Lost and Damned an seine Grenzen. In einigen Gebäuden gibt es zu wenige Deckungsmöglichkeiten. Ihr werdet von den geschickt agierenden Gegnern immer wieder zum Neustart gezwungen. In Verbindung mit den stimmigen, aber wenig innovativen Missionen und dem Mangel an neuen Locations, ist das aber Jammern auf hohem Niveau. The Lost an the Damned hängt bis auf The Shivering Isles von Oblivion jeden anderen DLC ab und bietet jede Menge Spiel fürs Geld.

Mir fallen locker ein Dutzend Publisher ein, die aus The Lost and Damned ein Vollpreisspiel gemacht hätten. 1600 Punkte (ca. 19 Euro) sind zwar eine ganze Stange Geld, doch der Gegenwert lässt andere DLCs alt aussehen. Satte 24 Missionen, ein Dutzend Rennen, 25 Bandenkriege und jede Menge neue Mini-Spiele werden Fans der Serie und GTA IV im Speziellen in Begeisterung versetzen. Unterm Strich hat mit das Addon sogar mehr Spaß gemacht als das Hauptprogramm. Weniger Privat-Stress, Speicherpunkte in den Missionen, eine deutlich stringentere Story und das einmalige Gruppen-Gefühl optimieren den Spielfluss und sorgen für ein stimmiges Gesamtbild.

Für die Höchstnote reicht es aber nicht ganz. Dafür fordere ich so dreist, wie ich nun mal bin, Verbesserungen am Auto-Aiming, ein besseres Fahrverhalten der Autos, innovativere Missionen, ein richtiger Online-CoOp und neue Locations. Aber was mit The Lost and Damned noch nicht ist, kann ja mit den zwei geplanten Nachfolgern noch werden. Nichtsdestotrotz: Rockstar hat mit dieser Erweiterung die Latte für Download Content mal wieder ein ganzes Stück nach oben gelegt. Kauft es Euch, eine Fehlinvestition sind die Punkte auf keinen Fall.

The Lost and Damned erscheint exklusiv für die Xbox 360 als DLC für 1600 Microsoft Points.

 

 

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