Gesamtwertung6/10 |
Mitunter kann einem der Realismus der Realität schon mächtig auf den Keks gehen. Beim morgendlichen Berliner Crash-Action-Drift-Derby zum Beispiel, normalerweise euphemistisch als Berufsverkehr bei Neuschnee betitelt. Derart lebensnahes Fahrverhalten am Limit sollte eigentlich verboten und strikt auf den Bildschirm verbannt werden, wo wir dann in Spielen austesten können, wie es denn so kommt, vor einer 160 Grad Kehre die Kontrolle über den fahrbaren Untersatz zu verlieren. RACE Pro wäre da der perfekte Kandidat.
Seit Jahren schon feilen die Schweden von SimBin an der Perfektion der Traktion in der virtuellen Welt und das auch mit Erfolg, wie die GTR und RACE-Serien belegen. RACE Pro bleibt seinem Familiennamen treu und wenn es ein einziges Alleinstellungsmerkmal dieses Spiels gibt, dann ist es seine Liebe zum Detail in der Verbindung zwischen den vier Reifen und der Piste. Und es kommt dabei ziemlich weit. Schaltet alle Hilfen aus und selbst ein Mini Cooper, das einzige Fahrzeug, für das ich mich fahrtechnisch in der bis zum Koenigsegg steigernden Auswahl verbürgen kann, entpuppt sich als biestig, aber sehr gefühlsecht.
Sofort fühlt Ihr – bevorzugt mit einem Racingwheel – das typische „kartartige“ Fahrverhalten des kleinen Briten, bis zu dem Punkt, an dem Ihr glaubt, die Anspannung der Karosse zu spüren, während Ihr versucht, ihn trotz der gegenwirkenden Physik noch um die Kurve zu zwingen.
RACE Pro verzichtet auf dem höchsten Level auf jede Balance zwischen Spielbarkeit und Wirklichkeit, setzt mit Erfolg komplett auf Real und lässt Euch in einem sehr langen Lernprozess leiden, sofern Ihr nicht sowieso schon Meister des Rennfachs seid. Gehört Ihr nicht in diese Gruppe, gönnt Euch das Spiel die üblichen Hilfsmittel.
Eine Linie auf der Fahrbahn warnt Euch vor zu hohen Geschwindigkeiten. Traktionskontrollen, ABS-Systeme und ein weit gutmütigeres Fahrverhalten lassen Euch auf der Bahn praktisch ungestört Eure Runden ziehen. Nur entgeht Euch hier der eigentliche Witz dieses Spiels. RACE Pro treibt die wilden Blüten ungezügelten Realismus aber nicht nur beim Fahren selbst, sondern ebenso bei den Einstellungen. Persönlich war ich komplett überfordert, als eine geschätzt 80 Punkte lange Liste vor mir aufpoppte, in der ich Anpassungen im Bereich von 0-20 Klicks an Teilen eines Autos, von denen ich noch nie etwas hörte, tätigen konnte. Und diese Liste deckt nur das Fahrwerk ab. Da, wo die herkommt, gibt’s noch mehr davon.
Die Einstellungen, die sich für mich als Nicht-Konstrukteur einschätzen ließen, transportierte das Spiel sauber, differenziert und merklich in das Fahrgefühl. Experten und Tüftler werden hier mit einer erschlagenden Detailfülle dafür entschädigt, dass sie aus den insgesamt etwa 50 Autos nichts ausbauen dürfen. Neue Teile gibt es nicht. Auch keine Autos zum Kaufen. Und damit geht es zu dem Teil, der jenseits des Fahrverhaltes bei RACE Pro nicht so ganz überzeugen kann. Er lässt sich kurz mit „fast alles andere“ zusammenfassen.
In lieblosen Menüs klickt Ihr Euch in einen Arcade-Modus, den Ihr genau wie den Multiplayer oder den Timeattack gleich wieder verlassen könnt. Zuerst heißt es nämlich, in der Karriere wenigstens ein paar Autos freizuschalten. Dieser Modus lockt mit zu erfahrenden Credits. Aber statt diese für interessante Dinge wie Fahrzeuge und Teile auszugeben, kauft Ihr Euch in einer Rennklasse in ein Team ein und nehmt deren Auto, so wie es ist. Mit anderen Worten: Ihr fahrt brav in den freien Klassen, bis Ihr genug Punkte habt, um die nächste auszuwählen. Ein motivierendes, monetäres Spielgerüst sieht anders aus.
Die Schwierigkeitsgrade spielen dabei nur eine sehr untergeordnete Rolle, da Ihr praktisch immer die gleiche Creditmasse erhaltet, unabhängig davon, ob Ihr nun mit halbem Autopilot cruist oder im Schweiße Eures Angesichts kämpft. Und so lieblos wie dieser Aufbau wirkt dummerweise auch die Atmosphäre der Rennen. Eine Bindung zum eigenen Team will einfach nicht aufkommen. Der Sprecher ist immer der gleiche und er hat pro Rennen genau einen Satz für Euch parat. „Pech gehabt“ oder „Super, gewonnen“. Ungefähr mit diesem Enthusiasmus gesprochen.
Auch sonst scheint der Kommentator nicht ganz bei der Sache zu sein. Ihr dürft die Kurven über das Gras schneiden. Solltet Ihr dabei jedoch zu enthusiastisch sein und zu viele Meter einsparen, werdet Ihr disqualifiztiert und landet unabhängig von der Rundenzeit auf dem letzten Platz und habt das Rennen verloren. Genau das passierte mir. Ich wusste es, das Scoreboard wusste es, nur der Sprecher bekam scheinbar nichts davon mit, gab sein nöliges „Super, gewonnen.“ von sich und lies die Atmosphäre ein wenig mehr leiden.
Nicht, dass sie besonders ausgeprägt wäre. Echte Rennstrecken zeigen sich meist von einer funktionalen Seite und lassen epische Aufbauten und spektakuläre Landschaftseindrücke im Stile eines Ridge Racers vermissen. Bei RACE Pro wirkt alles aber noch ein wenig trüber als es sein müsste. Ihr zieht Eure Bahnen entlang toter Kulissen, vorbei an langweiligen, spärlich bebauten Kursen, die die Art von Geschäftigkeit, die auf einer realen Rennpiste zu finden ist, komplett außer Acht lassen.
Aus der gut fahrbaren Cockpit-Sicht fällt dies nicht ganz so deutlich auf. Die Cockpits selbst lassen dafür den Grad der Politur vermissen, der Konkurrenten wie Gran Turismo auszeichnet. Und auch die Fahrzeugmodelle selbst hinken da deutlich hinterher. Der Sound der Wagen stimmt von Motorröhren bis zum Schaltklicken in Perfektion, nur äußerlich herrscht Mittelmaß bei den Minis, Audis, BMWs, Saleens und Dodge Vipers.
Ernsthaft problematisch wird es bei der KI der Computergegner. Sie fahren Ideallinie, brav hintereinander wie Perlen auf einer Schnur. Keine Verteilungskämpfe, keinerlei Anzeichen, dass dort nicht eine Gruppe von Androiden zur Schaufahrt antrat. Das Tempo ist gut, es wird Euch fördern und kein Gummiband rettet Euch, solltet Ihr mal länger im Sand spielen. Es ist dem Computer wirklich egal, was um ihn herum passiert. Und warum nicht, weiß er seine Schützlinge doch praktisch unverwundbar.
Ich schob es erst auf die flache Schnauze des BMW-Renners, als der schnellere Fahrer hinter mir mein Heck anhob und mich so dezent ins Gras beförderte. Als ich versuchte, das Kompliment zurückzugeben, zeigte sich, wie sehr die Computerfahrer mit der Ideallinie verwachsen sind. Selbst ein Heckaufprall aus voller Fahrt mit über 50 Stundenkilometern mehr lässt den Wagen vor Euch kaum zittern. RACE Pro setzt auf realistische Rennen und diese arten selten in mutwillige Crash-Festivals aus. Aber was passiert, passiert und das sollte so ein Programm auch abbilden können.
Der Multiplayermodus kennt solche Probleme natürlich nicht und mit bis zu 12 Spielern in einem Rennen bietet RACE Pro nicht unbedingt das epischste Feld, in dem Ihr je fahren werdet. Für spannende Platzierungskämpfe reicht es allemal. Mit über ein Dutzend Rennstrecken wartet man auf und die WTCC-Auswahl von Macao über den Road America Ring und Imola, bis hin zur portugiesischen Boavista erfreuen mit Abwechslung und vielen fahrtechnischen Feinheiten.
Solltet Ihr nicht Online spielen wollen, wird der Screen nicht geteilt. Stattdessen entschied man sich bei RACE Pro für eine Hot Seat–Modus, in dem Ihr in kurzen Abständen das Pad an den Mitspieler weiterreicht und Euer Wagen von der KI auf der Strecke gehalten wird. Es ist wohl besser als gar kein Offline-Multiplayer, besonders viel Spaß kommt aber nicht auf.
Und das ist erstaunlich, denn der Solo-Spieler-Anteil von RACE Pro wirkt nur sehr halbherzig. Er eignet sich für das Freischalten der Fahrzeuge, damit sie Euch Online zur Verfügung stehen und um die feinfühlige Steuerung zu verinnerlichen. Hätte sich der bemerkenswerte Realismus des Fahrverhaltens auch auf die KI übertragen, würde das sogar für eine ganze Weile ausreichen. Leider verbindet Race Pro das unterirdische Verhalten seiner Computerfahrer mit einer lieblosen Gestaltung von Karriere und Präsentation, sodass es sich wirklich nur für einsame Rundenzeitenjäger anbietet, die ihre Freude aus den zahllosen Einstellmöglichkeiten des Wagens beziehen. Es sind ziemlich viele Kompromisse, die Ihr eingehen müsst, um ein wirklich gelungenes Fahrmodell erleben zu können.
RACE Pro ist ab 19. Februar für Xbox 360 zu haben.
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RACE Pro im Test.
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