PC: Demigod
Halbgötter stellen in der griechischen Mythologie die Schnittstelle zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen dar. Sie sind ein Zeichen für die Liebe der Unsterblichen zu ihren Schöpfungen, symbolisieren aber auch ihre Schwäche für das Fleischliche. Gezeugt aus der unheilvollen Liaison eines mächtigen Gottes und einer einfachen Sterblichen, wandeln sie als Boten auf der Erde, werden zu mächtigen Helden oder begabten Game Designern.
Zumindest könnte man das meinen, wenn der junge Spieleentwickler John Comes mit dem Segen seines Ziehvaters Chris Taylor einen beeindruckenden Erstling auf die Beine stellt. Durch den fast gottgleiche Status seines Mentors und die ersten, beeindruckenden Screenshots, sind die Erwartungen schon lange vor dem Release bis ins Unendliche gewachsen. Nur wenige, spärliche Informationen haben gereicht, um die internationale Spielepresse in Begeisterung zu versetzen.
Der Trick: Demigod verbeugt sich optisch vor Kritiker-Liebling Shadow of the Colossus und recycelt recht dreist das Gameplay der erfolgreichen Warcraft 3 Modifikation Defender of the Ancient.
So ziehen wandelnde Schlösser über symetrisch angeordnete Schlachtfelder und brutale Halbgötter versuchen gemeinsam mit ihren Truppen, die feindliche Basis dem Erdboden gleich zu machen. Dutzende, gar Hunderte Einheiten zerfetzen sich gegenseitig mit Schwertern, bombardieren sich mit Felsbrocken oder lassen Pfeile regnen. Wer einmal eine adrenalin-schwangere Defender of the Ancient-Partie miterlebt hat, weiß in etwa, was angehende Strategen erwartet.
Auch wenn der Titel als reiner Multiplayer-Titel konzipiert wird, gibt es eine kleine Geschichte und Einzelspielerkarten. Wie es sich für Halbgötter gehört, müssen sie bei Demigod um einen Platz im Olymp streiten, nachdem einer ihrer Schöpfer das Zeitliche gesegnet hat. Im Einzelspielermodus könnt Ihr gegen die KI antreten und so fleißig für den Online-Modus üben, der auf dem GPGnet basiert. Genau wie bei Supreme Commander legt Ihr hier Clans an, beweist Euer Können in Tunieren und verbessert Eure Position in der Weltrangliste.
Aber nicht nur begeisterte Einheitenschubser werden ihre helle Freude mit dem Titel haben. Neben den General-Halbgöttern, die sich auf das Führen und Aufmotzen der unterschiedlichen Truppen spezialisiert haben, gibt es auch echte Einzelkämpfer, die in Form der Assassinen auch ohne Unterstützung für vollkommene Zerstörung sorgen. Wie beim Vorbild sammeln Eure Helden durch das Töten gegnerischer Einheiten Erfahrungspunkte und werden so immer mächtiger. Neben besseren Statistiken bekommen die mächtigen Kämpfer mit jedem Levelaufstieg auch Fähigkeitenpunkte verliehen, die Ihr in Spezialattacken investieren könnt.
Besonders kreativ wurde das wandelnde Schloss umgesetzt, das zum Beispiel die Attacken von Verteidigungstürmen mit seinen Prismen auf die Gegner umlenken kann. Dadurch wird dieser Demigod zu einem mächtigen Verteidiger, der auch mal alleine eine der verschiedenen, symetrischen Wege zur Basis blockieren kann. Auch die anderen Fähigkeiten haben mit Gebäuden zu tun.
So regeneriert das massive Bauwerk Lebensenergie, wenn es sich in der Nähe von feindlichem Mauerwerk aufhält, während die gegnerischen Mauern langsam zu bröckeln beginnen. Zusätzlich kann ein Bauslot auf der Schulter mit einer massiven Ballista besetzt werden, die selbst wuchtige Verteidigungsanlagen im Handumdrehen in ihre Einzelteile zerlegen kann. Deutlich offensiver spielt sich der Assassinen-Halbgott Fackelträger: Sein simpler Feuerball verwandelt sich nach und nach in eine mächtige Feuerbombe, die deutlich mehr Schaden verursacht und Euch viel effizienter meucheln lässt.
Als Alternative kann der Fackelträger Gegner einfrieren und so im Duett mit starken Truppen als perfekter Supporter agieren. Wie alle Halbgötter besitzt auch er eine Superattacke, bei der er als eine Art Phönix aus der Asche immer wieder in Flammen aufgeht und so das gesamte Umfeld zum Glühen bringt. Natürlich unterliegen diese Angriffe einem Cooldown und verbrauchen Manaenergie, um ausgeglichene Kämpfe zu gewährleisten.
Während nur Generäle in der Basis Truppengebäude und Einheiten erstehen können, dürfen alle Helden ihr durch die Vernichtung der Gegner sauer verdientes Gold in Gegenstände investieren. Die Komplexität eines Defender of the Ancient soll hier laut Comes durch Zugänglichkeit ersetzt werden, ohne die Spieltiefe zu vernachlässigen. Mit den mächtigen Artefakten könnt Ihr Eure Helden in einen gottgleichen Status erheben, so dass am Ende der bis zu 40 Minuten Spielzeit pro Karte wahre Titanen auf dem Schlachtfeld wandeln.
Bevölkert werden die gigantischen Karten von KI-gesteuerten Einheiten, die von Barracken in Eurem Hautquartier automatisch produziert werden. Eure Helden rüsten die Minotauren, Artillerieeinheiten und Fernkampfeinheiten mittels Gold auf. Stärkere Angriffe, mehr Rüstung oder zusätzliche Lebensenergie können am Ende das Zünglein an der Waage ausmachen.
Die Arenen wirken auf den ersten Blick recht karg. Streng symetrisch angeordnet, besitzen sie stets ein Thema und versetzen Euch so in eine fantastische Sagenwelt. Da gibt es schwebende Plattformen, die sich beim Herauszoomen als Mayakalender entpuppen. Oder gewaltige Wasserkarten mit Wasserfällen und reißenden Fluten. Für die richtige Übersicht sorgt der aus Supreme Commander übernommene Zoommodus, der in der maximalen Stufe das ganze Spielfeld zeigt.
Die Grafikengine stammt auch aus Chris Taylors Hardcore-Strategie-Titel und kommt überraschenderweise hervorragend mit der Fantasy-Thematik zurecht. Prächtige Explosionen, detaillierte Spielfiguren und Dutzende Einheiten gleichzeitig lassen den Bildschirm brennen und sorgen trotz der kargen Umgebung für ein Grafikfeuerwerk.
Natürlich bleiben noch immer einige Fragen offen, die uns auch John Comes nicht beantworten konnte – Interview folgt morgen. Umfang, Vertriebswege und konsistente Spieleraccounts wurden zwar kurz angerissen, endgültige Entscheidungen sind hier aber noch nicht gefallen. Ebenso ist unklar, wie der neue Casual Anspruch von Gas Powered Games sich auf solch eine Hardcore-Thematik übertragen lässt und ob einige Entscheidungen - zum Beispiel der Verzicht auf neutrale Einheiten, an denen man sich relativ gefahrlos hochleveln kann sowie ein sehr vereinfachter Fähigkeitenbaum - in der Praxis begeistern können.
Gas Powered Games verzichtet übrigens darauf, das Defender of the Ancient-Team bei der Entwicklung mit einzubeziehen. Dabei hat schon das Beispiel Counter-Strike gezeigt, wie wichtig dieser Schritt für den maßgeblichen Erfolg sein kann. In diesem Zusammenhang betont Gas Powered Games aber immer wieder, dass Demigod keine simple Kopie ist. Stattdessen wird Defender of the Ancient nur eine der vielen Inspirationsquellen sein, die Demigod zu einem echten Ausnahmespiel machen sollen.
Wenn es John Comes gelingt, alle seine Ideen und Visionen in die Realität umzusetzen, könnte er gleich mit seinem Erstling in den Olymp der Entwickler-Elite vorstoßen. Die Popularität der Vorlage beweist, wie begeistert die Spieler von dieser innovativen Mischung aus Action-Rollenspiel und Echtzeitstrategie sind. Gerade in Kombination mit dem überragenden Grafikstil könnte ein echtes Kleinod entstehen, das mit Hilfe der alternativen Vertriebskanäle zu einem echten Welterfolg wird. Demigod muss aber noch beweisen, dass es mehr ist, als nur eine gut zusammengeklaute Ideensammlung.
Ohne die Schöpfer des Originals wird es eben nicht einfach, die Eigenständigkeit unter Beweis zu stellen. Außerdem scheinen einige Designentscheidungen noch nicht vollkommen durchdacht. Als Fan des Vorbilds und des wirklich gelungenen Grafikstils drücke ich aber schon mal kräftig die Daumen und hoffe, dass Entwicklergott Chris Taylor im Notfall seine Kräfte einsetzt, um dieses einmalige Projekt zum Erfolg zu führen.
Demigod soll noch 2008 für den PC erscheinen, auch eine Konsolenversion ist nicht ausgeschlossen.




