PC: Die Sims 3
„Jabso sentschi Jani du. Leda gilna Wina sietschi?“
„Repssi bana Gatui, schilaki un lätsäi!“
Ihr versteht nur Bahnhof? Gut, beim Eingangsdialog könnte es sich um eine Unterhaltung zwischen zwei mosambikischen Bauarbeitern handeln, die über das Bruttosozialprodukt ihres Landes philosophieren. Stellt man sich jetzt aber noch fröhliche Anti-Depri-Fahrstuhl-Mucke vor, sollte Kennern schnell klar sein: Hier schnacken zwei Sims. Winzige virtuelle Wesen, die seit dem Jahr 2000 in vielen Millionen PCs leben, lieben und leiden und sich in einer witzigen Phantasie-Sprache verständigen.
Schwupps, da ist es schon, das Gefühl, wieder „zu Hause“ zu sein.
Am 4. Juni startet die weltweit meistverkaufte Simulation in die dritte Runde. Es wird ein Tag sein, der die Liebhaber der Serie glücklich macht. Es wird ein Tag sein, der die Liebhaber der Serie enttäuscht. Von beidem ein bisschen, vom einem ganz viel ... oder umgekehrt. Wer jetzt ob dieses wirr anmutenden Gedankengangs mutmaßt, ich hätte gestern möglicherweise die Medikamentenausgabe verpasst, der irrt. So wirr meine Einschätzung klingen mag: Ich fühle nun mal so widersprüchlich, seit mein Alter Ego namens Reiner Zufall im idyllischen Städtchen Sunset Valley Probe leben durfte. Warum? Dazu später mehr.
Die 3 im Titel hat Symbolcharakter. Bei all den kleinen und feinen neuen Spielmerkmalen, die sich in einer gefühlt unendlichen Feature-Liste (simtimes.de)zusammenfassen lassen, machen den aktuellen Teil der Lebenssituation außer wegen der frisierten Optik hauptsächlich drei Dinge zu etwas Besonderem:
- Der PC-Besitzer formt seinen Schützling oder seine Schützlinge im deutlich erweiterten Editor zu einzigartigen Persönlichkeiten.
- Damit diese ein glückliches Leben führen, befriedigt er mausklickend nicht nur sechs Grundbedürfnisse wie Hunger und Spaß, sondern erfüllt Wünsche und letztlich ein großes Lebensziel.
- Die Sims hängen nicht mehr nur in einer Haus-und-Garten-Käseglocke ab, sie können sich frei in ihren kleinen Städtchen bewegen.
Zunächst allerdings verbrennt Ihr wahrscheinlich allein mit dem komplexen, aber unkompliziert bedienbaren Charakter-Editor wahnsinnig viel Zeit. Stufenlos verschiebbare Regler ermöglichen einen Körperbau von schlank und muskulös bis Reiner Callmund, Stimmen variabler Tonlage und selbst unterschiedlich lange Wimpern. Ja, richtig gelesen, W-I-M-P-E-R-N – detailverliebter geht’s ja wohl kaum. Das ohnehin große Frisuren- und Klamottenangebot lässt sich wie die Hautfarbe sogar mithilfe eines Mischwerkzeugs individualisieren. Wer möchte und Geduld aufbringt, gestaltet sein digitales Gegenstück ähnlicher als je zuvor.
Hinsichtlich des Sims-Baukastens weiter ins Detail zu gehen, würde zu weit und vor allem bei mir zu blutigen Fingern führen. Dass aber auch die Persönlichkeit der Spielfiguren sehr variabel zu gestalten ist, darf keinesfalls unerwähnt bleiben: Denn daraus resultieren die bereits erwähnten Wünsche und Ziele, welche die zweite tragende Säule des Spiels darstellen.
„Aussehen ist nicht alles, auch der Charakter spielt eine wichtige Rolle!“, sagen Menschen häufig (wenn sie hässlich sind). Auf Die Sims 3 gemünzt bedeutet das: Ihr wählt für Euren Alltagshelden bis zu fünf Charakterzüge. Etwa „kleptomanisch“, „ehrgeizig“, „mag keine Kinder“ oder „Pechvogel“. Anhand derer errechnet das Programm eine Hand voll Lebensziele. Für eins davon entscheidet Ihr Euch. Allerdings nicht aus Jux und Tollerei, der Wunschtraum wirkt sich nämlich merklich auf den Spielverlauf aus.
Zurück zu Reiner Zufall. Der ist ein humorvoller, ordentlicher, kindischer und sportbegeisterter Perfektionist. Damit kann es sein absoluter Traum sein, Spion, Astronaut oder Spitzensportler zu werden. Lebensziele beschränken sich aber nicht zwangsweise auf den Beruf. Eventuell strebt Reiner einfach nur nach dem viel zitierten „gesunden Geist in einem gesunden Körper“. Oder er erklärt die Kleingärtnerei zu seinem Steckenpferd.
In der Folgezeit äußert Euer Sim immer wieder Wünsche. Die resultieren manchmal aus dem gewählten Lebensziel, oft aber auch aus dem Spielverhalten. Reiner etwa, mittlerweile zum Profisportler erkoren, wollte häufig joggen oder sich im Fitnessstudio austoben. Einem geselligen Sim steht hingegen vielleicht eher der Sinn nach Party oder einer Knutscherei mit der Nachbarin. Was auch immer, sobald Ihr einen Wunsch anklickt, versprecht Ihr gewissermaßen, ihn zu erfüllen. Gelingt das, regnet es Erfahrungspunkte.
Erfahrungspunkte investiert Ihr in so genannte Lebenszeitbelohnungen. Erfüllte Wünsche bescheren Eurem virtuellen Charakter vielleicht mal 250, mal 400 oder auch 750 Zähler. Erreicht er seinen Lebenstraum, winkt natürlich ein Vielfaches – im Fall meines Männeken waren das zum Beispiel 29.000 Punkte, als es die neunte Stufe der Sport-Karriere und damit den Status „Superstar-Athlet“ erreichte.
Um die Relation zu verdeutlichen: Für 5.000 Punkte gibt’s die Lebenszeitbelohnung „Putzdrachen“. Der Sim säubert sein Haus dann doppelt so schnell wie vorher. Die „Stahlblase“ (10.000) wäre im wirklichen Leben perfekt für Oktoberfestbesucher, weil sie damit wesentlich seltener ihr Bier wegtragen müssten. Satte 30.000 Zähler gehen für „Gefeierter Schriftsteller“ drauf. Das beschert als Buchautoren tätige Sims einen Geldsegen. Und so weiter, und so fort.
Grundsätzlich spielt sich die Pixel gewordene Seifenoper Die Sims 3 wie gehabt. Das Standardprogramm sieht ungefähr so aus: Berufskarriereleiter erklimmen, Partner finden, heiraten, Kinder zeugen, komplette Familie managen, Haus aus- oder neu bauen und geschmackvoll einrichten, alt werden, abnibbeln, fertig.
Die ganz harten Fans treiben dies natürlich ewig weiter. Entweder über mehrere Sim-Generationen hinweg oder im Unsterblichkeitsmodus. Dass übrigens so viele Damen Spaß mit den Sims haben – entgegen dem sonstigen Fünf-Prozent-Anteil weiblicher Spieler liegt die Frauenquote bei rund 50 Prozent – ist kein Wunder. Letztlich stellt die Lebenssimulation nichts anderes als ein riesiges virtuelles Puppenhaus inklusive IKEA-Paradies dar.
Wobei, so ganz richtig ist das im Fall der Neuauflage nicht. Genau genommen wäre es sogar fast unfair, nur von einem Puppenhaus zu sprechen. Schließlich dürft Ihr nun auch die Gebäude, Straßen und Grünflächen rund um Euer Domizil erkunden. Womit wir bei der dritten und bemerkenswertesten Neuerung angelangt sind.
Die Sims erleben in ihrer Freizeit jetzt sehr viel mehr. Sie besuchen das Theater, das Museum und das Stadion, essen in Restaurants, schwimmen in Freibädern, flanieren durch wunderschöne Parks und Wälder oder gehen zum Angeln. Sogar ein Friedhof findet sich auf dem (allerdings umständlich und zumindest anfangs unübersichtlichen) neuen Stadtplan. Wer in der Pampa umherstreift, kann zudem diverse Sammelobjekte finden. Rohedelsteine etwa, die zum Schleifen geschickt werden können, oder Pflanzensamen, die ein schmuckes Gemüsebeet möglich machen.
Allenorts herrscht reges Treiben, was das Spiel sehr lebendig scheinen lässt. Glücklicherweise ist auch genug Zeit, sich hin und wieder etwas herumzutreiben. Einerseits, weil die Sims Taxis nutzen sowie Fahrräder und Autos kaufen können, um schneller von A nach B zu gelangen. Andererseits haben die Macher dafür gesorgt, dass das Mikromanagment nicht mehr so stressig ausfällt.
Will heißen: Es dauert länger, ehe die Polygonbuben und -mädchen unzufrieden meckern, und wer beispielsweise Hunger vorbeugen möchte, steckt seinem Sim kurzhand einen Snack in eine der Jacken- und Hosentaschen. Darin befindet sich standardmäßig sogar ein Handy. Eingangs hieß es, Die Sims 3 sei eine Enttäuschung .. und eben auch nicht. Warum das kein Widerspruch ist? Weil es eine entscheidende Rolle spielt, wie Ihr den dritten Teil angeht, wie Ihr Euch auf die Neuerungen einlasst und welcher Spieler-Mentalität Ihr entsprecht. Von der grundsätzlichen Mechanik fühlt sich der Titel, ich wiederhole mich, nämlich nur wenig anders an als der schon unterhaltsame Vorgänger von 2004.
Wer Die Sims 3 wie Teil 2 daddelt, hat eine Menge Spaß. Keine Frage! Euch treibt der Wille an, schnell die Karriereleiter zu erklimmen. Jede ertönende „Dadaaa“-Fanfare, sobald ein neuer Fähigkeitenlevel erreicht wird, ist im wahrsten Sinne des Wortes Musik in den Ohren.
Der Nur-noch-eine-Stufe-dann-geh-ich-schlafen-Effekt schlägt voll ein. Denn mit diesen Erfolgen gehen Aufstiegschancen im Beruf einher, was dem Sim wiederum Geld verschafft und dem Spieler die Möglichkeit, sich ausgiebig im Kauf- und Bau-Modus zu verwirklichen. Um sich eine richtige Traumvilla zusammenzuklöppeln. Das motiviert ungemein.
Mit dieser einfachen Spielweise kommt man auch problemlos voran. Vorbei sind die Zeiten, als man noch eine Herde von Freunden um sich scharen musste, um im Job erfolgreich zu sein. Allerdings macht sich bei der Vorgehensweise nach Schema F auch schnell Ernüchterung breit.
Ich habe mich ertappt, dass ich frühzeitig immer wieder die Zeitraffer-Taste drückte. Stereotyp. Beinahe mechanisch. Gedankenlos. Einfach nur, um möglichst schnell voranzukommen. Mein Schützling beschränkte seine Sozialkontakte auf einige wenige Telefonate – die Gesichter sämtliche Frauen, die ihm begegneten, sahen ohnehin alle aus wie Elefanten von hinten. Stattdessen tat Reiner eigentlich immer nur folgendes: Marmeladenbrot essen, vor dem Fernseher rumhampeln, pinkeln und duschen.
Aufwändige Gerichte gab's nicht im Hause Zufall. Weil der notorische Single dafür zum Einkaufen in den Supermarkt gemusst hätte. Nervig! Außerdem war ihm bei seinem ersten Kochversuch eh der Herd abgefackelt (siehe Sims 3 Bilder-Galerie (eurogamer.de)).
Mit der Turnerei vor dem TV erhöhte Reiner die Fähigkeit „Athletik“ und somit die Berufschancen. Mehr brauchte er eigentlich nicht zum Leben. So kam bei mir allerdings schnell das Gefühl auf, alles schon einmal gesehen zu haben. Das Spiel verlor viel von seinem Flair, der Tatsache nämlich, dass es darin „menschelt“.
Sicher: Die Sims 3 liefert allein bei den bekannten ringförmig angeordneten Aktions-Menüs deutlich mehr Möglichkeiten. Das macht die virtuelle Welt sehr viel nachvollziehbarer und glaubwürdiger. Ferner könnt Ihr während der Arbeitszeit zum Beispiel bestimmen, ob Euer künstliches Menschlein sich reinkniet oder es lockerer angehen lässt. Sich eventuell bei Kollegen oder dem Chef einschleimt. Oder gleich was mit dem Boss anfängt – das Hochschlafen ist ja auch im wirklichen Leben ein beliebtes Mittel. Doch der altbekannte Kern bleibt – was eben die Gefahr der Enttäuschung birgt.
Es kann aber auch anders laufen. Denn der dritte Teil der Reihe entpuppt sich, lässt man sich darauf ein, als großartiger Abenteuerspielplatz für Entdecker und Sammler. Mit seinem Wunsch- und Belohnungssystem erinnert Die Sims 3 stark an die aus dem Konsolenbereich stammenden Achievements. Und die Jagd nach solchen Erfolgen macht manche Menschen bekanntlich fast schon süchtig. Ich möchte an dieser Stelle keine Namen nennen, aber eine gewisse TANJA MENNE hängt definitiv bereits an der Nadel.
Beim ersten und zweiten Teil, so schwärmte die Eurogamer-Chefredakteurin mir vergangene Woche die Ohren voll, habe sie vor allem mit dem Bau-Modus Spaß gehabt. Jetzt schätze sie es besonders, dass die eigene Figur und deren Möglichkeiten stärker in den Mittelpunkt gerückt seien. Dagegen lässt sich wenig einwenden – wenn eine Frau ausnahmsweise mal mit ihrer Figur zufrieden ist, hält Mann besser einfach die Klappe. Ja, Die Sims 3 kann tatsächlich auch glücklich machen. Quot erat demonstrandum.
Die Sims 3 ist ein Spiel, das besonders Frauen anspricht. Muss ich mir jetzt Sorgen machen, weil es mir ebenfalls Spaß macht? Ach was, ich pfeif drauf! Dennoch: Die Neuauflage der beliebten Lebenssimulation ist aus meiner Sicht eher Evolution statt Revolution. Anders als Tanja scheint mir der Sprung vom zweiten zum dritten Teil geringer als von der Urfassung zum direkten Nachfolger.
Unbestreitbar schade ist, dass es keinen Mehrspieler-Modus gibt. Der wäre ja wohl möglich gewesen, jetzt wo die Software eine ganze Stadt via Rechner simulieren kann. Die Absturzneigung der Vorabversion, die zu allem Überfluss zu unbrauchbaren Spielständen führte, bekommt Electronic Arts beim Schlussspurt sicher in den Griff .
Ich sage: Wer nicht enttäuscht werden möchte, sollte seine Erwartungshaltung senken. Sich auf jeden Fall vor Augen führen, dass Die Sims 2, kalkuliert man die 4.281 erschienenen Add-ons ein, momentan noch den größeren Umfang bietet. Aber so ist das wohl bei einem Generationswechsel, und mit diesem Gedanken im Hinterkopf dürfen sich Liebhaber der Reihe aber auf ein sehr gutes Spiel freuen. Und vielleicht auf 4.282 Add-ons.
Die Sims 3 erscheint am 4. Juni exklusiv für den PC.






